# Das Gespenst von Canterville

_Retold by Talerie (talerie.com) from Lord Arthur Savile's Crime and Other Stories, after Oscar Wilde_ · 15 min read · ages 8+

Die Familie Otis macht dem Gespenst von Canterville, Sir Simon, mit Schmieröl und Streichen das Leben schwer, bis es Virginia klagt, dass es seit dreihundert Jahren nicht geschlafen hat. Virginia betet für Sir Simon, er wird unter der Eibe auf dem Kirchhof begraben, und sie heiratet den Herzog und behält ihr Geheimnis.

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Als Mr. Hiram B. Otis, der amerikanische Gesandte, das alte Landhaus Canterville Chase kaufte, sagten ihm alle, das sei eine große Dummheit, denn dort spuke es. Sogar Lord Canterville, ein Mann, der es mit der Ehre sehr genau nahm, hielt es für seine Pflicht, ihn zu warnen.

„Seit meine Großtante beim Ankleiden zwei Skeletthände auf ihren Schultern gespürt hat, wohnen wir nicht mehr dort“, sagte er. „Das Gespenst ist von vielen gesehen worden, Mr. Otis, auch von unserem Pfarrer, Reverend Augustus Dampier.“

„Lord Canterville“, antwortete der Gesandte, „ich übernehme die Möbel und das Gespenst zum Schätzwert. Gespenster gibt es nicht, und ich glaube kaum, dass die Naturgesetze für den britischen Adel eine Ausnahme machen.“

„Wie Sie meinen“, sagte Lord Canterville. „Denken Sie nur daran, dass ich Sie gewarnt habe.“

Wenige Wochen später zog die Familie ein. Zu Mr. und Mrs. Otis gehörte ihr ältester Sohn Washington, ein ausgezeichneter Tänzer. Miss Virginia E. Otis war fünfzehn, anmutig wie ein junges Reh und eine wunderbare Reiterin. Als sie einmal auf ihrem Pony ein Rennen gewann, machte ihr der junge Herzog von Cheshire vor Begeisterung auf der Stelle einen Heiratsantrag, und seine Vormünder schickten ihn weinend nach Eton zurück. Zuletzt kamen die Zwillinge, zwei übermütige Jungen, die ständig etwas ausheckten.

An einem herrlichen Juliabend fuhren sie durch die Kiefernwälder hinaus aufs Land. Doch kaum waren sie in die Allee eingebogen, da bezog sich der Himmel, und dicke Regentropfen fielen.

Auf der Treppe empfing sie Mrs. Umney, die alte Haushälterin, in schwarzer Seide und mit weißer Haube. Sie führte die Familie in die Bibliothek, einen langen, niedrigen Raum mit schwarzer Eichentäfelung und einem großen bunten Glasfenster. Dort bemerkte Mrs. Otis neben dem Kamin einen matten roten Fleck.

„Ich fürchte, da ist etwas verschüttet worden“, sagte sie.

„Ja, gnädige Frau“, antwortete Mrs. Umney leise. „Es ist das Blut von Lady Eleanore de Canterville. Ihr eigener Mann, Sir Simon de Canterville, hat sie im Jahr 1575 an dieser Stelle ermordet. Neun Jahre später verschwand er spurlos. Seine Leiche hat man nie gefunden, aber sein schuldiger Geist geht noch immer hier um. Der Fleck lässt sich nicht entfernen.“

„Unsinn!“, rief Washington. „Pinkertons Fleckenentferner macht das im Handumdrehen sauber.“ Schon kniete er am Boden und rieb, und nach wenigen Augenblicken war der Fleck verschwunden. Im selben Moment erhellte ein greller Blitz den Raum, ein furchtbarer Donner krachte, und Mrs. Umney fiel in Ohnmacht.

„Was für ein grässliches Klima!“, sagte der Gesandte ruhig und zündete sich eine Zigarre an. Als Mrs. Umney wieder zu sich kam, warnte sie vor dem Unheil, das über das Haus kommen werde, doch die Familie lachte nur.

Am nächsten Morgen war der Blutfleck wieder da. Washington rieb ihn weg, doch er kehrte zurück, Morgen für Morgen, obwohl Mr. Otis die Bibliothek nachts abschloss. Dabei wechselte der Fleck die Farbe: Mal war er mattrot, mal zinnoberrot, mal violett, und einmal leuchtete er smaragdgrün. Die Familie schloss sogar Wetten auf die Farbe ab. Nur Virginia lachte nicht mit. Der Fleck bedrückte sie, und an dem grünen Morgen hätte sie beinahe geweint.

Eines Nachts wurde Mr. Otis von lautem Klirren auf dem Flur geweckt. Er nahm ein Fläschchen aus seiner Tasche und öffnete die Tür. Im fahlen Mondlicht stand ein alter Mann vor ihm. Seine Augen glühten wie rote Kohlen, langes graues Haar hing ihm verfilzt über die Schultern, seine altmodischen Kleider waren zerlumpt, und an Händen und Füßen trug er rostige Ketten.

„Mein lieber Herr“, sagte Mr. Otis, „ich muss darauf bestehen, dass Sie diese Ketten ölen. Hier ist ein Fläschchen Rising-Sun-Schmieröl, es wirkt schon nach einer Anwendung.“ Er stellte es auf einen Tisch, schloss die Tür und legte sich wieder schlafen.

Einen Augenblick stand das Gespenst von Canterville starr vor Empörung. Dann schleuderte es die Flasche zu Boden und floh stöhnend und grünlich leuchtend den Flur entlang. Oben an der Treppe flog eine Tür auf, zwei kleine weiße Gestalten erschienen, und ein Kissen sauste an seinem Kopf vorbei. Da verschwand das Gespenst eilig durch die Wand.

In seiner geheimen Kammer dachte es an seine großen Zeiten. Dreihundert Jahre lang hatte es Menschen erschreckt, und manche hatten es nicht überlebt: Ein böser Lord war an einer Spielkarte erstickt, ein Butler hatte sich vor Angst erschossen, und die schöne Lady Stutfield, die fünf eingebrannte Finger am Hals trug, hatte sich im Karpfenteich ertränkt. Und nun boten ihm diese Amerikaner Schmieröl an und warfen mit Kissen! Das Gespenst schwor Rache.

Am Sonntagabend weckte ein fürchterliches Krachen die Familie. In der Halle lag eine alte Ritterrüstung am Boden, und daneben saß das Gespenst und rieb sich die Knie. Es hatte seine eigene Rüstung anlegen wollen, doch das schwere Eisen hatte es umgerissen. Sofort beschossen es die Zwillinge mit Erbsen aus ihren Pusterohren.

Mit einem Wutschrei fuhr das Gespenst wie Nebel durch die Familie hindurch und stieß oben an der Treppe sein berühmtes teuflisches Gelächter aus. Da öffnete sich eine Tür, und Mrs. Otis trat im Morgenmantel heraus. „Ich fürchte, es geht Ihnen gar nicht gut“, sagte sie. „Hier sind Doktor Dobells Tropfen. Gegen Verdauungsbeschwerden helfen sie ausgezeichnet.“ Das Gespenst funkelte sie wütend an und verschwand mit einem tiefen Grabesstöhnen.

Ein paar Tage lag es krank in seinem Zimmer. Dann wagte es einen dritten Versuch. Mit Leichentuch, Schlapphut und rostigem Dolch wollte es um Mitternacht zuerst Washington erschrecken und sich vor seinem Bett dreimal den Dolch in die Kehle stoßen. Die Zwillinge wollte es als bleiches Gerippe mit einem rollenden Auge heimsuchen. Nur Virginia wollte es schonen, denn sie hatte es nie beleidigt.

Als die Uhr zwölf schlug, glitt das Gespenst durch den dunklen Flur. Doch als es vor Washingtons Zimmer um die Ecke bog, wich es mit einem Schreckensschrei zurück. Vor ihm stand eine grauenhafte Gestalt mit kahlem, glänzendem Kopf und rundem, weißem Grinsegesicht. Aus ihren Augen strahlte rotes Licht, und in der Hand hielt sie ein Schwert. Noch nie hatte das Gespenst von Canterville ein Gespenst gesehen. Es floh in sein Zimmer und zog sich die Decke über den Kopf.

Bei Tagesanbruch wollte es mit dem fremden Geist Freundschaft schließen. Doch die Gestalt lehnte schief an der Wand, und als das Gespenst sie anfasste, rollte der Kopf herunter. Auf einmal hielt es nur noch einen weißen Bettvorhang im Arm, und zu seinen Füßen lagen ein Besen, ein Hackmesser und eine ausgehöhlte Rübe. Auf dem Schild, das der Gestalt vor der Brust gehangen hatte, stand:

DAS OTISCHE GESPENSTE  
Das eintzig wahre und originale Spukgespenste.  
Hütet Euch vor Nachahmungen! Alle andern sind gefälschet.

Man hatte das Gespenst von Canterville hereingelegt! Zornig hob es die welken Hände und schwor, sobald der Hahn zweimal gekräht habe, werde Blut fließen. Gleich darauf krähte in der Ferne ein Hahn. Stunde um Stunde wartete es, doch der Hahn krähte kein zweites Mal.

Von nun an war es mit seinen Nerven am Ende. Den Blutfleck gab es auf, und wenn es nachts über den Flur musste, ölte es seine Ketten heimlich mit dem Rising-Sun-Schmieröl. Doch die Zwillinge ließen ihm keine Ruhe. Sie spannten Schnüre über die Gänge und legten eine Rutschbahn aus Butter. Als es sie zur Strafe als kopfloser Graf besuchen wollte, fiel ihm beim Öffnen ihrer Tür ein Krug Wasser auf den Kopf, und es bekam eine schwere Erkältung.

Den letzten Schlag erhielt es eines Nachts im September. Zwei Gestalten sprangen aus einer dunklen Ecke und schrien ihm „Buh!“ ins Ohr. Das Gespenst floh zur Treppe, wo Washington schon mit der Gartenspritze wartete, und entkam nur durch den kalten Ofen und den Schornstein. Danach zeigte es sich nicht mehr, und alle glaubten, es sei fort.

Inzwischen war der junge Herzog von Cheshire für die letzte Woche seiner Ferien zu Besuch gekommen und ritt jeden Tag mit Virginia aus. Einmal zerriss sie ihr Reitkleid an einer Hecke und schlich zu Hause über die Hintertreppe hinauf. Die Tür zum Gobelinzimmer stand offen, und drinnen saß am Fenster das Gespenst von Canterville. Es stützte den Kopf in die Hand und sah so verloren aus, dass Virginia Mitleid bekam.

„Sie tun mir so leid“, sagte sie. „Aber morgen fahren meine Brüder nach Eton zurück, und wenn Sie sich benehmen, wird Sie niemand mehr ärgern.“

„Ich muss mit meinen Ketten rasseln und nachts umgehen“, antwortete das Gespenst erstaunt. „Dafür bin ich da.“

„Sie waren sehr böse. Mrs. Umney hat uns erzählt, dass Sie Ihre Frau umgebracht haben.“

„Das gebe ich zu“, sagte das Gespenst gereizt. „Aber es war nicht nett von ihren Brüdern, mich dafür verhungern zu lassen.“

„Verhungern? Ach, Herr Gespenst, ich meine, Sir Simon, haben Sie Hunger? Ich habe ein Butterbrot dabei.“

„Nein, danke, ich esse nichts mehr. Aber es ist sehr freundlich von Euch, und Ihr seid viel netter als Eure grässliche Familie.“

„Halt!“, rief Virginia und stampfte mit dem Fuß auf. „Sie sind selbst grässlich! Und unehrlich dazu: Sie haben mir die Farben aus dem Malkasten gestohlen, für diesen lächerlichen Blutfleck. Erst alle Rottöne, dann das Smaragdgrün! Wer hat je smaragdgrünes Blut gesehen?“

„Was sollte ich denn tun?“, fragte das Gespenst kleinlaut. „Echtes Blut ist heutzutage schwer zu bekommen.“

„Ich gehe jetzt“, sagte Virginia.

„Bitte geht nicht, Fräulein Virginia!“, rief das Gespenst. „Ich bin so einsam und so unglücklich. Ich habe seit dreihundert Jahren nicht geschlafen, und ich bin so müde.“

Da wurde Virginia ernst. Sie kniete neben ihm nieder und sah in das alte, welke Gesicht. „Armes Gespenst“, flüsterte sie. „Gibt es denn keinen Ort, an dem Sie schlafen können?“

„Weit hinter den Kiefernwäldern“, antwortete es leise, „liegt ein kleiner Garten. Dort wächst das Gras hoch und dicht, und die ganze Nacht singt die Nachtigall. Der kalte Mond schaut herab, und die Eibe breitet ihre Arme über die Schlafenden.“

„Sie meinen den Garten des Todes“, flüsterte Virginia, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Ja. In der weichen Erde liegen, kein Gestern haben und kein Morgen, und Frieden finden. Ihr könnt mir helfen, denn die Liebe ist immer bei Euch, und die Liebe ist stärker als der Tod. Habt Ihr je die alte Weissagung am Bibliotheksfenster gelesen?“

„Oft“, sagte Virginia. „Ich kenne sie auswendig.“ Und sie sagte die sechs Zeilen auf:

Wenn ein goldnes Mädchen erreicht,  
dass die Sünde dem Beten weicht,  
wenn der dürre Mandelbaum sprießt  
und ein Kind seine Tränen vergießt,  
dann wird es im Haus ganz still,  
und Frieden kommt nach Canterville.

„Aber ich weiß nicht, was das bedeutet.“

„Es bedeutet“, sagte das Gespenst traurig, „dass Ihr mit mir um meine Sünden weinen müsst, denn ich habe keine Tränen, und für meine Seele beten, denn ich habe keinen Glauben. Wenn Ihr immer gut und sanft gewesen seid, wird der Engel des Todes Erbarmen mit mir haben. Ihr werdet in der Finsternis schreckliche Gestalten sehen, doch sie können Euch nichts anhaben, denn gegen die Reinheit eines Kindes kommen die Mächte der Hölle nicht an.“

Virginia stand auf, sehr blass. „Ich habe keine Angst“, sagte sie fest, „und ich will den Engel bitten, dass er Erbarmen mit Ihnen hat.“

Mit einem leisen Freudenschrei küsste das Gespenst ihre Hand und führte sie durch das dämmrige Zimmer. Auf dem Wandteppich bliesen die kleinen Jäger in ihre Hörner und winkten ihr.

„Geh zurück, kleine Virginia!“, riefen sie. „Geh zurück!“

Virginia schloss die Augen. Am Kamin flüsterten die geschnitzten Fabeltiere: „Hüte dich, kleine Virginia! Vielleicht sehen wir dich nie wieder.“

Doch sie hörte nicht hin. Am Ende des Raumes murmelte das Gespenst seltsame Worte, die Wand verschwand wie Nebel, und vor ihnen gähnte eine schwarze Höhle. „Schnell, sonst ist es zu spät!“, rief das Gespenst, und im nächsten Augenblick war das Gobelinzimmer leer.

Zum Tee kam Virginia nicht herunter. Niemand fand sie, nicht im Haus und nicht im Garten. Mr. Otis fiel ein, dass er fahrendem Volk erlaubt hatte, im Park zu lagern, und er ritt mit Washington hin. Doch die Fahrenden waren fort. Er schickte Washington los, die Gegend abzusuchen, und ritt allein weiter. Der junge Herzog hatte mitreiten wollen, aber Mr. Otis hatte es ihm nicht erlaubt. Unterwegs hörte Mr. Otis Hufschlag hinter sich, und schon kam der Herzog ohne Hut auf seinem Pony herangaloppiert.

„Bitte seien Sie mir nicht böse, Mr. Otis“, keuchte er. „Ich kann nichts essen, solange Virginia verschwunden ist. Schicken Sie mich nicht zurück!“

Mr. Otis musste lächeln, und die Treue des Jungen rührte ihn. „Na gut, Cecil“, sagte er, „dann komm eben mit.“

Sie ritten bis tief in die Nacht, doch niemand hatte Virginia gesehen. Auch bei den Fahrenden war sie nicht; die waren nur zu einem Jahrmarkt aufgebrochen und halfen nun beim Suchen. Todmüde kehrten Mr. Otis und der Herzog zurück. Mrs. Otis lag vor Angst ganz außer sich in der Bibliothek, und sogar die Zwillinge waren still.

Gerade als alle zu Bett gehen wollten, schlug die Turmuhr Mitternacht. Ein Donner erschütterte das Haus, eine seltsame Musik schwebte durch die Luft, oben an der Treppe sprang die Täfelung auf, und heraus trat Virginia, sehr bleich, mit einem kleinen Kästchen in der Hand. Mrs. Otis schloss sie in die Arme, der Herzog bedeckte sie mit Küssen, und die Zwillinge tanzten wild um sie herum.

„Um Himmels willen, Kind, wo bist du gewesen?“, fragte Mr. Otis.

„Vater“, sagte Virginia ruhig, „ich war bei dem Gespenst. Es ist tot. Es war sehr böse, aber alles hat ihm wirklich leidgetan, und bevor es starb, hat es mir dieses Kästchen mit Schmuck geschenkt. Kommt mit.“

Sie führte alle durch einen geheimen Gang zu einer schweren Eichentür und dahinter in eine winzige Kammer. Dort lag ein Skelett, mit einer Kette an einen eisernen Ring in der Wand gefesselt, und streckte die dürren Finger nach einem Teller und einem Wasserkrug aus, die knapp außer Reichweite standen. Hier hatten Lady Eleanores Brüder Sir Simon verhungern lassen. Virginia kniete nieder, faltete die Hände und betete still.

„Seht doch!“, rief einer der Zwillinge am Fenster. „Der alte vertrocknete Mandelbaum blüht!“

„Gott hat ihm verziehen“, sagte Virginia ernst, und ein schönes Licht lag auf ihrem Gesicht.

„Was bist du für ein Engel!“, rief der Herzog und küsste sie.

Vier Tage später wurde Sir Simon gegen elf Uhr nachts unter der alten Eibe auf dem Kirchhof begraben, und Reverend Augustus Dampier hielt den Trauergottesdienst. Lord Canterville war eigens gekommen, und auch Mrs. Umney war dabei. Als der Sarg ins Grab sank, legte Virginia ein Kreuz aus weißen und rosa Mandelblüten darauf. Da kam der Mond hervor, und in einem fernen Wäldchen begann eine Nachtigall zu singen.

Am nächsten Morgen wollte Mr. Otis Lord Canterville den Schmuck zurückgeben, weil er so kostbar war. Doch Lord Canterville schüttelte den Kopf. „Ihre Tochter hat meinem Vorfahren einen großen Dienst erwiesen. Der Schmuck gehört ihr. Und vergessen Sie nicht, Mr. Otis: Sie haben die Möbel und das Gespenst zum Schätzwert übernommen. Was dem Gespenst gehörte, haben Sie mitgekauft.“

So durfte Virginia den Schmuck behalten, und als sie einige Jahre später den Herzog von Cheshire heiratete, bewunderte alle Welt ihre Juwelen. Nach der Hochzeit gingen die beiden zu dem einsamen Kirchhof bei den Kiefernwäldern. Auf Sir Simons Grabstein standen seine Anfangsbuchstaben und darunter die Verse vom Bibliotheksfenster:

Wenn ein goldnes Mädchen erreicht,  
dass die Sünde dem Beten weicht,  
wenn der dürre Mandelbaum sprießt  
und ein Kind seine Tränen vergießt,  
dann wird es im Haus ganz still,  
und Frieden kommt nach Canterville.

Virginia streute Rosen auf das Grab. Dann nahm der Herzog ihre Hand. „Virginia, du hast mir nie erzählt, was geschah, als du bei dem Gespenst warst.“

„Bitte frag mich nicht, Cecil. Ich kann es dir nicht sagen. Armer Sir Simon! Ich verdanke ihm so viel. Er hat mir gezeigt, was das Leben ist und was der Tod bedeutet und warum die Liebe stärker ist als Leben und Tod.“

Der Herzog küsste sie. „Dein Geheimnis darfst du behalten, solange ich dein Herz habe.“

„Das hast du immer gehabt, Cecil.“

„Und eines Tages wirst du es unseren Kindern erzählen, nicht wahr?“

Virginia errötete.

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## About this tale

„Das Gespenst von Canterville“ hat Oscar Wilde geschrieben. Laut dem Impressum des Verlags Methuen erschien die Erzählung zuerst 1887. Im Jahr 1891 kam sie in London bei Osgood, McIlvaine & Co. heraus, als dritte von vier Geschichten in Wildes Band „Lord Arthur Savile’s Crime & Other Stories“.

Nacherzählt haben wir Wildes englischen Text. Grundlage ist die Abschrift bei Project Gutenberg, die einer Methuen-Ausgabe von 1913 folgt und in rund zwanzig Wörtern vom Druck von 1891 abweicht. Diese Stellen haben wir am Scan von 1891 berichtigt. An der Handlung ändern sie nichts.

> Wenn ein goldnes Mädchen erreicht,
> dass die Sünde dem Beten weicht,
> wenn der dürre Mandelbaum sprießt
> und ein Kind seine Tränen vergießt,
> dann wird es im Haus ganz still,
> und Frieden kommt nach Canterville.
>
> Oscar Wilde, 1891: When a golden girl can win / Prayer from out the lips of sin, / When the barren almond bears, / And a little child gives away its tears, / Then shall all the house be still / And peace come to Canterville.

### Wildes Text von 1891 und unsere kürzere Fassung „Sanfter“

|  | Wilde (1891) | Unsere Fassung „Sanfter“ |
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| Umfang | rund 11.300 Wörter (englisch) | rund 2700 Wörter |
| Spuk vor Todesfällen | Lord Canterville erwähnt ihn | fehlt |
| Virginias Alter | fünfzehn | fünfzehn |
| Der schwarze Hund | vom Gespenst geplant | fehlt |
| Schild der Zwillinge | „YE OTIS GHOSTE“ | „DAS OTISCHE GESPENSTE“ |
| Der Schmuck | lange Rede von Mr. Otis | ein Satz der Erzählung, keine Rede |
| Hochzeit | sobald der Herzog volljährig ist | „einige Jahre später“ |
| Virginias Geheimnis | bleibt unerzählt | ebenso |

### Was unsere zwei Fassungen erzählen

Beide Fassungen, zwischen denen du hier wählen kannst, haben wir selbst nacherzählt. Die mit „Original“ bezeichnete gibt Wildes ganze Erzählung wieder und lässt nichts aus. „Sanfter“ ist trotz des Namens nicht milder, sondern viel kürzer: Sie behält jede Szene der Handlung in Wildes Reihenfolge, vom gekauften Gespenst über Fleckenentferner, Schmieröl und Kissen bis zu Virginias Gang durch die Wand und dem letzten Satz „Virginia errötete.“ Weggelassen sind Nebenepisoden wie der schwarze Hund oder die lange Rede, mit der Mr. Otis den Schmuck zurückgeben will.

Wildes Erzählung ist eine lustige Gespenstergeschichte, doch im Kern geht es um ein altes Verbrechen: Sir Simon hat seine Frau ermordet, deren Brüder haben ihn dafür verhungern lassen, und die Familie Otis findet sein angekettetes Skelett. Dazu erinnert sich das Gespenst an Menschen, die es erschreckt hat; ein Butler hat sich erschossen, eine Lady hat sich ertränkt. Ausgemalt wird nichts davon. Am Ende blüht der Mandelbaum, und Virginia sagt, Gott habe Sir Simon verziehen. Was sie bei dem Gespenst erlebt hat, verrät sie niemandem, auch dem Herzog nicht.

### Wildes Band von 1891 und das Schild bei Gutenberg

In Wildes Band von 1891 stehen neben dieser Geschichte drei weitere Erzählungen: „Lord Arthur Savile’s Crime“, „The Sphinx without a Secret“ und „The Model Millionaire“. Bei uns gibt es keine davon, wohl aber zwei Märchen von Wilde: „Der glückliche Prinz“ und „Der selbstsüchtige Riese“.

Wer Wildes Text bei Project Gutenberg liest, findet auf dem Schild der Zwillinge „YE OLDE GHOSTE“. Im Druck von 1891 und ebenso in der Methuen-Ausgabe von 1912 steht dort „YE OTIS GHOSTE“, und danach richten sich unsere beiden Fassungen.

Sources (claims checked against them on 2026-11-02):
- 1891: The Canterville Ghost, Lord Arthur Savile’s Crime & Other Stories, London: Osgood, McIlvaine & Co. 1891, S. 89–153 (https://archive.org/details/lordarthursavil01wildgoog)
- 1912: The Canterville Ghost, Lord Arthur Savile’s Crime, The Portrait of Mr. W. H. …, 6. Aufl., London: Methuen 1912, S. 65–117 (https://archive.org/details/lordarthursavile00wilduoft)
- The Canterville Ghost, Lord Arthur Savile’s Crime …, nach der Ausgabe London: Methuen 1913, Project Gutenberg Nr. 773 [our source] (https://www.gutenberg.org/ebooks/773)
- Wikidata Q288020 (https://www.wikidata.org/wiki/Q288020)

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- Read online: https://talerie.com/de/maerchen/das-gespenst-von-canterville
- Characters: Virginia, Sir Simon, Otis
- Version: gentler retelling; the longer, more faithful retelling: https://talerie.com/de/maerchen/das-gespenst-von-canterville-original.md
- Also in: [Spanish](https://talerie.com/es/cuentos/el-fantasma-de-canterville.md), [Portuguese](https://talerie.com/pt/contos/o-fantasma-de-canterville.md)
- Author's country: Ireland (https://talerie.com/de/maerchen/land/irland)
- Wikidata: https://www.wikidata.org/wiki/Q288020
- Source: Lord Arthur Savile's Crime and Other Stories, by Oscar Wilde (Osgood, McIlvaine, London 1891), «The Canterville Ghost»; text Project Gutenberg #773 collated with the 1891 scan (https://www.gutenberg.org/ebooks/773)
- Public-domain basis: Talerie contemporary retelling (CC0 2026), based on: Lord Arthur Savile's Crime and Other Stories, by Oscar Wilde (Osgood, McIlvaine, London 1891), «The Canterville Ghost»; text Project Gutenberg #773 collated with the 1891 scan — author died 1900 (+70 passed)
- License: CC0-1.0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/)
