# Der fliegende Koffer

_Retold by Talerie (talerie.com) from Sämmtliche Märchen, after Hans Christian Andersen_ · 12 min read · ages 6+

Ein armer Kaufmannssohn fliegt im Koffer ins Land der Türken und gewinnt als Türkengott die Tochter des Sultans mit einem Märchen von Schwefelhölzchen. Ein Funke vom Feuerwerk verbrennt den Koffer zu Asche, und während die Braut auf dem Dach wartet, wandert der Kaufmannssohn durch die Welt und erzählt Märchen.

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Es war einmal ein Kaufmann, der war so reich, dass er die ganze Straße und beinahe noch eine kleine Gasse dazu mit Silbergeld hätte pflastern können. Aber das tat er nicht, denn er wusste mit seinem Geld Besseres anzufangen. Gab er einen Schilling aus, so bekam er einen Taler zurück. So ein tüchtiger Kaufmann war er, bis er starb.

Nun erbte der Sohn das ganze Geld, und er lebte lustig drauflos. Jede Nacht ging er auf einen Maskenball, er baute Papierdrachen aus Geldscheinen, und am Meer ließ er Goldstücke über das Wasser hüpfen statt flacher Steine. Auf diese Weise musste das Geld ja einmal zu Ende gehen, und so kam es auch. Zuletzt besaß er nur noch vier Schillinge, und an Kleidern hatte er nichts mehr als ein Paar Pantoffeln und einen alten Schlafrock.

Da kümmerten sich seine Freunde nicht mehr um ihn, denn so, wie er herumlief, konnten sie sich ja nicht mit ihm auf der Straße sehen lassen. Nur einer von ihnen, ein gutmütiger Kerl, schickte ihm einen alten Koffer und schrieb dazu: „Pack ein!“ Das war sehr freundlich gemeint, aber er hatte nichts einzupacken. So setzte er sich eben selbst in den Koffer.

Es war ein sonderbarer Koffer. Sobald man auf das Schloss drückte, konnte er fliegen. Der Kaufmannssohn drückte, und schwupp! flog der Koffer mit ihm durch den Schornstein hinauf, hoch über die Wolken, immer weiter und weiter fort. Jedes Mal aber, wenn der Boden ein wenig knackte, packte ihn die Angst, der Koffer könnte in Stücke gehen. Dann hätte er einen ordentlichen Purzelbaum geschlagen, Gott bewahre! So kam er in das Land der Türken.

Den Koffer versteckte er im Wald unter dürrem Laub, dann ging er in die Stadt hinein. Das konnte er ruhig tun, denn bei den Türken liefen ja alle so herum wie er, in Schlafrock und Pantoffeln. Bald begegnete ihm eine Amme mit einem kleinen Kind.

„Hör mal, du Türkenamme“, sagte er, „was ist das für ein großes Schloss hier dicht bei der Stadt, mit den Fenstern so hoch oben?“

„Da wohnt die Tochter des Sultans“, antwortete die Amme. „Es ist ihr prophezeit worden, dass ein Liebster sie einmal sehr unglücklich machen wird. Darum darf niemand zu ihr, wenn nicht der Sultan und die Sultanin dabei sind.“

„Danke schön!“, sagte der Kaufmannssohn. Er ging hinaus in den Wald, setzte sich in seinen Koffer, flog auf das Dach und kroch durch das Fenster zur Prinzessin hinein.

Sie lag auf dem Sofa und schlief, und sie war so schön, dass der Kaufmannssohn sie küssen musste. Da wachte sie auf und erschrak fürchterlich. Er aber sagte, er sei der Türkengott und durch die Luft zu ihr herabgekommen, und das gefiel ihr.

Sie setzten sich nebeneinander, und er erzählte ihr Geschichten von ihren Augen: Das seien die herrlichsten dunklen Seen, und darin schwämmen die Gedanken wie kleine Meerjungfrauen. Und er erzählte von ihrer Stirn: Die sei ein Schneeberg voller prächtiger Säle und Bilder.

Ja, das waren schöne Geschichten! Dann hielt er um die Hand der Prinzessin an, und sie sagte sofort Ja.

„Aber Ihr müsst am Samstag wiederkommen“, sagte sie. „Da sind der Sultan und die Sultanin bei mir zum Tee. Sie werden sehr stolz sein, dass ich den Türkengott bekomme. Aber seht zu, dass Ihr ein recht schönes Märchen wisst, denn Märchen lieben meine Eltern über alles. Meine Mutter will es lehrreich und vornehm haben, mein Vater aber lustig, sodass man lachen kann.“

„Gut, dann bringe ich Euch kein anderes Brautgeschenk mit als ein Märchen“, sagte er, und so verabschiedeten sie sich. Die Prinzessin schenkte ihm aber noch einen Säbel, der war mit Goldstücken besetzt, und die konnte er gut gebrauchen.

Nun flog er davon, kaufte sich einen neuen Schlafrock und setzte sich draußen in den Wald, um ein Märchen zu dichten. Bis Samstag sollte es fertig sein, und das ist gar nicht so leicht.

Gerade als er fertig wurde, war Samstag.

Der Sultan, die Sultanin und der ganze Hof saßen bei der Prinzessin zum Tee. Den Kaufmannssohn empfing man sehr gnädig.

„Wollt Ihr uns ein Märchen erzählen?“, fragte die Sultanin. „Eins, das tiefsinnig ist und etwas lehrt?“

„Über das man aber auch lachen kann!“, sagte der Sultan.

„Gewiss“, antwortete der Kaufmannssohn und begann zu erzählen. Und jetzt gut aufgepasst!

Es war einmal ein Bund Schwefelhölzchen, die waren sehr stolz auf ihre vornehme Herkunft. Ihr Stammbaum war nämlich die große Fichte gewesen, ein mächtiger alter Baum im Wald, und jedes von ihnen war ein kleines Stückchen davon. Nun lagen die Schwefelhölzchen in der Küche zwischen einem Feuerzeug und einem alten eisernen Topf und erzählten von ihrer Jugend.

„Ja, als wir noch auf den grünen Zweigen saßen“, sagten sie, „da waren wir wirklich auf einem grünen Zweig! Jeden Morgen und jeden Abend gab es Diamanttee, das war der Tau. Den ganzen Tag hatten wir Sonnenschein, wenn die Sonne schien, und die kleinen Vögel mussten uns Geschichten erzählen. Wir merkten wohl, dass wir reich waren. Die Laubbäume hatten nämlich nur im Sommer etwas anzuziehen, unsere Familie aber konnte sich grüne Kleider leisten, im Sommer wie im Winter. Doch dann kam der Holzfäller, das war die große Revolution, und unsere Familie wurde zersplittert. Das Familienoberhaupt bekam eine Stelle als Hauptmast auf einem prächtigen Schiff, das um die ganze Welt segeln konnte, wenn es wollte. Die übrigen Zweige kamen hierhin und dorthin, und wir haben nun das Amt, dem einfachen Volk das Licht anzuzünden. Darum sind wir vornehmen Leute hier in die Küche geraten.“

„Mit mir hat es das Schicksal anders gemeint“, sagte der eiserne Topf, neben dem die Schwefelhölzchen lagen. „Seit ich auf der Welt bin, hat man mich viele Male gescheuert und viele Male in mir gekocht. Ich sorge für das Handfeste und bin der Erste hier im Haus. Meine einzige Freude ist es, nach dem Essen schön sauber an meinem Platz zu stehen und mit meinen Kameraden ein vernünftiges Gespräch zu führen. Doch außer dem Wassereimer, der ab und zu in den Hof hinunterkommt, leben wir alle immer nur in unseren vier Wänden. Unser einziger Bote mit Neuigkeiten ist der Marktkorb, aber der redet so aufrührerisch über die Regierung und das Volk! Neulich ist ein alter Topf vor lauter Schreck darüber umgefallen und in Stücke zersprungen. Der Marktkorb ist liberal, sage ich euch!“

„Jetzt redest du zu viel!“, fiel ihm das Feuerzeug ins Wort, und der Stahl schlug gegen den Feuerstein, dass die Funken stoben. „Wollen wir uns nicht lieber einen lustigen Abend machen?“

„Ja, lasst uns darüber reden, wer von uns der Vornehmste ist!“, riefen die Schwefelhölzchen.

„Nein, ich spreche nicht gern von mir selbst“, wandte der Topf ein. „Lasst uns lieber einander zum Zeitvertreib etwas erzählen. Ich fange an und erzähle eine Geschichte aus dem Leben, etwas, das jeder schon einmal erlebt hat. Da kann man sich gut hineinversetzen, und es macht Freude. An der Ostsee, bei den dänischen Buchen …“

„Das ist ein hübscher Anfang!“, sagten alle Teller. „Das wird eine Geschichte, die uns gefällt!“

„Ja, dort verbrachte ich meine Jugend bei einer stillen Familie“, fuhr der Topf fort. „Die Möbel wurden gebohnert, der Fußboden gescheuert, und alle vierzehn Tage hängte man frische Gardinen auf.“

„Wie interessant Ihr erzählt!“, sagte der Kehrbesen. „Man hört gleich, dass hier ein Mann spricht, der viel mit Frauen zu tun gehabt hat. Es liegt so etwas Reines über allem!“

„Ja, das spürt man!“, sagte der Wassereimer und machte vor Freude einen kleinen Hüpfer, dass es auf dem Fußboden platschte.

Der Topf erzählte weiter, und das Ende war genauso gut wie der Anfang.

Alle Teller klapperten vor Freude, und der Kehrbesen zog grüne Petersilie aus dem Scheuersand und bekränzte den Topf damit, denn er wusste, dass es die anderen ärgern würde. „Bekränze ich ihn heute“, dachte er, „dann bekränzt er mich morgen.“

„Jetzt will ich tanzen!“, sagte die Feuerzange und tanzte. Du meine Güte, wie hoch sie das eine Bein strecken konnte! Der alte Stuhlbezug drüben in der Ecke platzte, als er das sah. „Werde ich jetzt auch bekränzt?“, fragte die Feuerzange, und sie wurde es.

„Das ist doch nur Pöbel!“, dachten die Schwefelhölzchen.

Nun sollte die Teemaschine singen. Doch sie sagte, sie sei erkältet und könne nur singen, wenn es in ihr koche. Das war bloß Vornehmtuerei: Sie wollte nicht singen, solange sie nicht drinnen bei der Herrschaft auf dem Tisch stand.

Im Fenster steckte eine alte Gänsefeder, mit der das Dienstmädchen zu schreiben pflegte. Bemerkenswert war nichts an ihr, außer dass man sie gar zu tief in die Tinte getaucht hatte, aber darauf war sie stolz. „Wenn die Teemaschine nicht singen will“, sagte die Feder, „dann soll sie es bleiben lassen! Draußen hängt eine Nachtigall im Käfig, die kann singen. Gelernt hat sie zwar nichts, aber darüber wollen wir heute Abend hinwegsehen.“

„Ich finde es höchst unpassend“, sagte der Teekessel, der Küchensänger war und ein Halbbruder der Teemaschine, „dass man einen so fremden Vogel singen lassen will! Ist das etwa vaterländisch? Der Marktkorb soll darüber entscheiden!“

„Ich ärgere mich nur!“, sagte der Marktkorb. „Ich ärgere mich innerlich so sehr, wie es sich niemand vorstellen kann! Ist das eine Art, den Abend zu verbringen? Wäre es nicht vernünftiger, im Haus einmal Ordnung zu schaffen? Jeder müsste an seinen Platz, und ich würde das Ganze leiten. Dann sähe die Sache gleich anders aus!“

„Ja, lasst uns Krach machen!“, riefen alle.

Da ging die Tür auf, und das Dienstmädchen kam herein. Sofort standen alle still, keiner gab einen Mucks von sich. Aber da war nicht ein einziger Topf, der nicht gewusst hätte, was er alles konnte und wie vornehm er war. „Ja, wenn ich gewollt hätte“, dachte jeder, „dann wäre das ein richtig lustiger Abend geworden!“

Nun nahm das Dienstmädchen die Schwefelhölzchen und machte damit Feuer. Hei, wie sie sprühten und in Flammen aufgingen!

„Jetzt kann doch jeder sehen“, dachten sie, „dass wir die Ersten sind! Wie wir glänzen! Was für ein Licht!“

Und damit waren sie abgebrannt.

„Das war ein herrliches Märchen!“, sagte die Sultanin. „Ich fühle mich ganz in die Küche versetzt, zu den Schwefelhölzchen. Ja, nun sollst du unsere Tochter haben.“

„Jawohl“, sagte der Sultan, „am Montag sollst du unsere Tochter haben!“ Denn nun sagten sie „du“ zu ihm, weil er zur Familie gehören sollte.

Der Tag der Hochzeit stand fest, und am Abend davor war die ganze Stadt festlich erleuchtet. Zwieback und Brezeln wurden unters Volk geworfen, die Gassenjungen stellten sich auf die Zehenspitzen, riefen Hurra und pfiffen auf den Fingern. Es war über alle Maßen prächtig.

„Da muss ich wohl auch etwas zum Besten geben“, dachte der Kaufmannssohn. Er kaufte Raketen, Knallerbsen und alle Arten Feuerwerk, die man sich nur denken kann, legte alles in seinen Koffer und stieg damit hoch über die Stadt auf.

Hui, wie das zischte und wie das knallte!

Alle Türken sprangen dabei so hoch, dass ihnen die Pantoffeln um die Ohren flogen. Eine solche Himmelserscheinung hatten sie noch nie gesehen. Nun begriffen sie, dass es wirklich der Türkengott war, der die Prinzessin bekommen sollte.

Sobald der Kaufmannssohn mit seinem Koffer wieder unten im Wald war, dachte er: „Ich gehe doch noch in die Stadt, um zu hören, wie es ausgesehen hat!“ Und es ist ja ganz natürlich, dass er dazu Lust hatte.

Ach, was die Leute alles erzählten! Jeder, den er fragte, hatte es auf seine Weise gesehen, aber schön hatten es alle gefunden.

„Ich habe den Türkengott selbst gesehen“, sagte einer. „Er hatte Augen wie funkelnde Sterne und einen Bart wie schäumendes Wasser!“

„Er flog in einem Mantel aus Feuer“, sagte ein anderer. „Und aus den Falten schauten die lieblichsten Engelskinder hervor!“

Ja, das waren herrliche Sachen, die der Kaufmannssohn da hörte, und am nächsten Tag sollte er Hochzeit halten.

Nun ging er in den Wald zurück, um sich in seinen Koffer zu setzen. Aber wo war der geblieben? Der Koffer war verbrannt. Ein Funke vom Feuerwerk war darin liegen geblieben und hatte ihn in Brand gesetzt, und nun war nur noch Asche übrig. Der Kaufmannssohn konnte nicht mehr fliegen und nie mehr zu seiner Braut kommen.

Sie stand den ganzen Tag auf dem Dach und wartete, und wahrscheinlich wartet sie noch immer. Er aber wandert durch die Welt und erzählt Märchen. Doch die sind nie mehr so lustig wie das Märchen von den Schwefelhölzchen.

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- Source: Sämmtliche Märchen — einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe (Hartknoch, Leipzig) (https://www.projekt-gutenberg.org/andersen/saemmaer/saemmaer.html)
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