# Der fliegende Koffer

_Retold by Talerie (talerie.com) from Sämmtliche Märchen, after Hans Christian Andersen_ · 7 min read · ages 5+

Ein verarmter Kaufmannssohn fliegt im Koffer zur Tochter des Sultans und gewinnt die Prinzessin mit einem Märchen von stolzen Schwefelhölzchen. Ein Funke seines Feuerwerks verbrennt den Koffer im Wald zu Asche, und während die Braut auf dem Dach wartet, wandert der Kaufmannssohn durch die Welt und erzählt Märchen.

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Es war einmal ein Kaufmann, der war so reich, dass er die ganze Straße mit Silber hätte pflastern können. Als er starb, bekam sein Sohn das ganze Geld. Der feierte jede Nacht und ließ sogar Goldstücke statt Steinen über das Wasser hüpfen, bis alles fort war. Zuletzt besaß er nur noch vier Schillinge, ein Paar Pantoffeln und einen alten Schlafrock, und seine Freunde wollten nichts mehr von ihm wissen.

Nur ein einziger, ein gutmütiger Kerl, schickte ihm einen alten Koffer und schrieb dazu: „Pack ein!“ Weil der Kaufmannssohn nichts einzupacken hatte, setzte er sich eben selbst hinein.

Es war ein ganz besonderer Koffer: Sobald man auf das Schloss drückte, flog er. Kaum hatte der Kaufmannssohn gedrückt, ging es wupp! durch den Schornstein hoch über die Wolken. Jedes Mal, wenn es unter ihm ein wenig knackte, wurde ihm angst und bange, der Koffer könnte auseinanderbrechen.

So kam er ins Land der Türken. Den Koffer versteckte er im Wald unter dürrem Laub, dann ging er in die Stadt. Da begegnete ihm eine Amme mit einem kleinen Kind.

„Hör mal, du Türkenamme“, sagte er, „was ist das für ein großes Schloss mit den Fenstern so hoch oben?“

„Dort wohnt die Tochter des Sultans“, antwortete die Amme. „Man hat ihr vorhergesagt, dass ein Liebster sie sehr unglücklich machen wird. Darum darf niemand zu ihr, wenn nicht der Sultan und die Sultanin dabei sind.“

Der Kaufmannssohn holte seinen Koffer, flog auf das Dach und kroch durch das Fenster zur Prinzessin hinein.

Sie lag auf dem Sofa und schlief, und sie war so schön, dass er sie küssen musste. Da wachte sie auf und erschrak sehr. Er aber sagte, er sei der Türkengott und durch die Luft zu ihr herabgekommen, und das gefiel ihr.

Sie setzten sich nebeneinander, und er erzählte ihr Geschichten: Ihre Augen seien dunkle Seen, in denen die Gedanken wie Nixen schwämmen, und ihre Stirn sei ein Schneeberg voller prächtiger Säle. Das waren schöne Geschichten! Dann hielt er um ihre Hand an, und sie sagte sofort Ja.

„Aber Ihr müsst am Samstag wiederkommen“, sagte sie. „Dann trinken mein Vater und meine Mutter bei mir Tee. Bringt ein Märchen mit, denn Märchen lieben sie über alles. Meine Mutter mag es lehrreich und vornehm, und mein Vater will dabei lachen können.“

„Dann bekommt Ihr von mir als Brautgeschenk nur ein Märchen“, sagte er. Zum Abschied schenkte ihm die Prinzessin einen Säbel, der mit Goldstücken besetzt war, und die Goldstücke konnte er gut gebrauchen.

Er kaufte sich einen neuen Schlafrock und dichtete draußen im Wald ein Märchen. Kaum war er fertig, da war auch schon Samstag.

Der Sultan, die Sultanin und der ganze Hof saßen beim Tee und empfingen ihn sehr freundlich.

„Wollt Ihr uns ein Märchen erzählen?“, fragte die Sultanin. „Eines, das tiefsinnig und belehrend ist?“

„Aber über das man auch lachen kann!“, sagte der Sultan.

„Gewiss, Herr Sultan“, antwortete der Kaufmannssohn und fing an.

Es war einmal ein Bund Schwefelhölzchen, die waren sehr stolz, denn sie stammten von einer großen alten Fichte. Nun lagen sie in der Küche zwischen einem Feuerzeug und einem alten eisernen Topf.

„Als wir noch auf grünen Zweigen saßen“, erzählten sie, „da gab es jeden Morgen Diamanttee, das war der Tau, und grüne Kleider hatten wir das ganze Jahr. Dann kam der Holzfäller, und unsere Familie wurde zersplittert. Der Stammvater wurde Hauptmast auf einem Schiff, und wir haben nun das Amt, dem einfachen Volk Licht zu machen.“

„Bei mir war es anders“, sagte der eiserne Topf. „Man hat mich wer weiß wie oft gescheuert und aufs Feuer gestellt. Ich bin der Erste hier im Haus.“

„Jetzt redest du aber zu viel!“, rief das Feuerzeug, und der Stahl schlug gegen den Feuerstein, dass die Funken sprühten. „Wollen wir uns nicht einen lustigen Abend machen?“

„Ja, lasst uns darüber reden, wer der Vornehmste ist!“, riefen die Schwefelhölzchen.

Aber der Topf erzählte lieber von seiner Jugend an der Ostsee, bei einer stillen Familie mit frischen Gardinen, und alle Teller klapperten vor Freude.

„Wie fesselnd Ihr erzählt!“, sagte der Kehrbesen und setzte dem Topf einen Kranz aus Petersilie auf, gerade weil das die anderen ärgerte. „Bekränze ich ihn heute“, dachte der Kehrbesen, „dann bekränzt er mich morgen.“

Nun tanzte die Feuerzange und streckte das eine Bein so hoch, dass der alte Stuhlbezug in der Ecke platzte. Danach wurde auch sie bekränzt.

„Lauter gewöhnliches Volk!“, dachten die Schwefelhölzchen.

Die große Teekanne sollte singen, aber sie sagte, sie sei erkältet. In Wahrheit sang sie nur, wenn sie drinnen bei der Herrschaft auf dem Tisch stand. Die Gänsefeder meinte, dann solle eben die Nachtigall singen, die draußen vor dem Fenster im Käfig hing. Der Teekessel fand das unpassend, und der Marktkorb wollte im ganzen Haus das Kommando übernehmen.

„Ja, lasst uns Spektakel machen!“, riefen alle.

Da ging die Tür auf, und das Dienstmädchen kam herein. Sofort rührte sich keiner mehr. Und doch wusste jeder Topf genau, was er alles konnte und wie vornehm er war. „Wenn ich nur gewollt hätte“, dachte jeder, „dann wäre es ein lustiger Abend geworden!“

Das Dienstmädchen nahm die Schwefelhölzchen und machte damit Feuer an. Du meine Güte, wie sie sprühten und in Flammen aufgingen!

„Jetzt kann doch jeder sehen, dass wir die Ersten sind!“, dachten sie. „Was für ein Glanz! Was für ein Licht!“

Und damit waren sie verbrannt.

„Das war ein herrliches Märchen!“, sagte die Sultanin. „Ich fühle mich ganz in die Küche versetzt. Ja, nun sollst du unsere Tochter haben.“

„Jawohl“, sagte der Sultan, „am Montag sollst du sie haben!“ Jetzt sagten sie nämlich du zu ihm, denn er sollte ja zur Familie gehören.

Am Abend vor der Hochzeit war die ganze Stadt festlich beleuchtet. Zwieback und Brezeln wurden unter das Volk geworfen, und die Straßenjungen riefen Hurra.

„Da muss ich wohl auch etwas zum Besten geben“, dachte der Kaufmannssohn. Er kaufte Raketen und Knallfrösche, packte alles in seinen Koffer und flog damit über die Stadt.

Zisch, wie das ging, und wie das knallte!

Alle Türken sprangen so hoch, dass ihnen die Pantoffeln um die Ohren flogen. Nun glaubten sie fest, dass der Türkengott selbst die Prinzessin bekommen sollte.

Als der Kaufmannssohn wieder im Wald gelandet war, dachte er: „Ich gehe doch noch in die Stadt und höre, wie es ausgesehen hat!“

Nein, was die Leute alles erzählten! Jeder hatte es anders gesehen, aber schön fanden es alle.

„Ich habe den Türkengott selbst gesehen“, sagte einer. „Er hatte Augen wie leuchtende Sterne und einen Bart wie schäumendes Wasser!“

„Er flog in einem Mantel aus Feuer“, sagte ein anderer, „und aus den Falten schauten Engelskinder hervor!“

Lauter herrliche Dinge hörte der Kaufmannssohn da. Am nächsten Tag sollte Hochzeit sein, und so ging er in den Wald zurück, um sich in seinen Koffer zu setzen.

Aber der Koffer war verbrannt. Ein Funke vom Feuerwerk war darin zurückgeblieben, und nun war nur noch Asche übrig. Der Kaufmannssohn konnte nicht mehr fliegen und nie mehr zu seiner Braut kommen.

Sie stand den ganzen Tag auf dem Dach und wartete, und wahrscheinlich wartet sie noch heute. Er aber wandert durch die Welt und erzählt Märchen, nur sind sie nicht mehr so lustig wie das von den Schwefelhölzchen.

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- Version: gentler retelling; the longer, more faithful retelling: https://talerie.com/de/maerchen/der-fliegende-koffer-original.md
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