# Der Hase und der Igel

_Brüder Grimm_ · 7 min read · ages 5-10

Der hochmütige Hase spottet über die krummen Beine des Igels, und der Igel fordert ihn zu einem Wettlauf über den Acker heraus. Weil die Igelfrau genauso aussieht wie ihr Mann und unten in der Furche sitzt, läuft sich der Hase zu Tode, und der Igel geht mit Louisdor, Branntwein und seiner Frau vergnügt nach Hause.

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Diese Geschichte klingt erfunden, Kinder, und wahr ist sie doch. Mein Großvater, von dem ich sie habe, sagte jedes Mal, wenn er sie erzählte: „Wahr muss sie sein, mein Junge, sonst könnte man sie ja nicht erzählen.“ Und so hat sie sich zugetragen.

Es war an einem Sonntagmorgen im Herbst, gerade als der Buchweizen blühte. Die Sonne war hell am Himmel aufgegangen, ein warmer Morgenwind strich über die Stoppelfelder, die Lerchen sangen hoch in der Luft, und die Bienen summten im Buchweizen. Die Leute gingen in ihren Sonntagskleidern zur Kirche, und alle Geschöpfe waren vergnügt, der Igel auch.

Der Igel stand vor seiner Tür, hatte die Arme verschränkt, schaute in den Morgenwind hinaus und summte sich ein kleines Lied, so gut und so schlecht, wie eben ein Igel am lieben Sonntagmorgen singt.

Während er so vor sich hin sang, fiel ihm ein, er könnte doch, solange seine Frau die Kinder wusch und anzog, ein wenig über das Feld spazieren und nachsehen, wie seine Steckrüben standen. Die Steckrüben wuchsen gleich neben seinem Haus, und die Familie aß oft davon, darum hielt er sie für seine eigenen.

Gesagt, getan. Der Igel zog die Haustür hinter sich zu und machte sich auf den Weg. Er war noch nicht weit gekommen und wollte gerade um den Schlehenbusch am Feldrand biegen, da begegnete ihm der Hase. Der war in ganz ähnlicher Sache unterwegs, er wollte nach seinem Kohl sehen.

Als der Igel den Hasen erblickte, wünschte er ihm freundlich einen guten Morgen.

Der Hase aber hielt sich für einen feinen Herrn und war dazu schrecklich hochmütig. Er erwiderte den Gruß mit keinem Wort, sondern setzte eine spöttische Miene auf und sagte: „Wie kommt es denn, dass du schon so früh am Morgen hier auf dem Feld herumläufst?“

„Ich gehe spazieren“, sagte der Igel.

„Spazieren?“, lachte der Hase. „Mir scheint, du könntest deine Beine auch für etwas Besseres gebrauchen.“

Diese Antwort ärgerte den Igel gewaltig. Alles konnte er vertragen, nur über seine Beine ließ er nichts kommen, gerade weil sie von Natur aus krumm waren.

„Du bildest dir wohl ein“, sagte der Igel, „dass du mit deinen Beinen mehr ausrichten kannst?“

„Das will ich meinen“, sagte der Hase.

„Das kommt auf einen Versuch an“, meinte der Igel. „Ich wette, wenn wir um die Wette laufen, dann laufe ich an dir vorbei.“

„Da muss ich ja lachen, du mit deinen krummen Beinen!“, sagte der Hase. „Aber meinetwegen, wenn du so große Lust darauf hast. Um was wetten wir?“

„Um einen goldenen Louisdor und eine Flasche Branntwein“, sagte der Igel.

„Abgemacht“, sprach der Hase. „Schlag ein, dann kann es gleich losgehen.“

„Nein, so eilig ist es nicht“, meinte der Igel. „Ich habe noch nichts im Magen. Erst gehe ich nach Hause und frühstücke ein bisschen. In einer halben Stunde bin ich wieder hier.“

Der Hase war einverstanden, und der Igel ging. Unterwegs dachte er bei sich: Der Hase verlässt sich auf seine langen Beine, aber ich werde ihn schon kriegen. Er mag ein feiner Herr sein, doch er ist ein dummer Kerl, und bezahlen soll er mir.

Zu Hause sagte der Igel zu seiner Frau: „Frau, zieh dich schnell an, du musst mit mir aufs Feld hinaus.“

„Was gibt es denn?“, fragte seine Frau.

„Ich habe mit dem Hasen um einen goldenen Louisdor und eine Flasche Branntwein gewettet. Ich will mit ihm um die Wette laufen, und du sollst dabei sein.“

„Ach du lieber Gott, Mann!“, rief die Igelfrau. „Bist du noch bei Trost? Hast du denn ganz den Verstand verloren? Wie willst du mit dem Hasen um die Wette laufen?“

„Sei still, Frau“, sagte der Igel. „Das ist meine Sache. Los, zieh dich an und komm mit.“ Was sollte die Igelfrau machen? Sie musste wohl mit, ob sie wollte oder nicht.

Als sie zusammen unterwegs waren, sagte der Igel: „Jetzt hör gut zu. Siehst du den langen Acker dort? Da machen wir unser Wettrennen. Der Hase läuft in der einen Furche und ich in der anderen, und oben fangen wir an. Du brauchst nichts weiter zu tun, als dich hier unten in meine Furche zu setzen. Und wenn der Hase drüben ankommt, rufst du ihm entgegen: ‚Ich bin schon da!‘“

Damit waren sie am Acker angekommen. Der Igel zeigte seiner Frau ihren Platz und ging dann den Acker hinauf. Als er oben ankam, war der Hase schon da.

„Kann es losgehen?“, fragte der Hase.

„Jawohl“, sagte der Igel.

„Also dann!“ Und jeder stellte sich in seine Furche. Der Hase zählte: „Eins, zwei, drei!“, und los ging er wie ein Sturmwind den Acker hinunter.

Der Igel aber lief nur ungefähr drei Schritte weit. Dann duckte er sich in seine Furche und blieb ganz ruhig sitzen.

Als der Hase in vollem Lauf unten am Acker ankam, rief ihm die Igelfrau entgegen: „Ich bin schon da!“

Der Hase stutzte und wunderte sich nicht wenig. Er glaubte nichts anderes, als dass es der Igel selbst war, der ihm das zurief. Denn bekanntlich sieht die Igelfrau genauso aus wie ihr Mann.

Der Hase dachte: Da geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Er rief: „Noch einmal, zurück!“ Und fort ging es wieder wie ein Sturmwind, dass ihm die Ohren um den Kopf flogen. Die Igelfrau aber blieb ruhig auf ihrem Platz.

Als der Hase oben ankam, rief ihm der Igel entgegen: „Ich bin schon da!“

Da geriet der Hase ganz außer sich vor Ärger und schrie: „Noch einmal, zurück!“

„Mir soll es recht sein“, antwortete der Igel. „Meinetwegen, so oft du Lust hast.“

So lief der Hase noch dreiundsiebzigmal, und der Igel hielt immer mit. Jedes Mal, wenn der Hase unten oder oben ankam, rief der Igel oder seine Frau: „Ich bin schon da!“

Beim vierundsiebzigsten Mal aber kam der Hase nicht mehr ans Ziel. Mitten auf dem Acker brach er zusammen, und er stand nicht wieder auf. Er hatte sich zu Tode gelaufen.

Der Igel nahm seinen gewonnenen Louisdor und die Flasche Branntwein, rief seine Frau aus der Furche, und beide gingen vergnügt zusammen nach Hause. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

So kam es, dass auf der Buxtehuder Heide der Igel den Hasen zu Tode gelaufen hat. Und seit jener Zeit ist es keinem Hasen mehr eingefallen, mit einem Buxtehuder Igel um die Wette zu laufen.

Die Lehre aus dieser Geschichte ist erstens: Niemand, und hält er sich für noch so vornehm, soll sich über einen Geringeren lustig machen, und wäre es auch nur ein Igel.

Und zweitens: Wer heiratet, tut gut daran, sich eine Frau von seiner eigenen Art zu nehmen, die genauso aussieht wie er selbst. Wer also ein Igel ist, der muss zusehen, dass auch seine Frau ein Igel ist, und so weiter.

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- Read online: https://talerie.com/de/maerchen/der-hase-und-der-igel
- Wikidata: https://www.wikidata.org/wiki/Q142278
- Source: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage (1857) (https://de.wikisource.org/wiki/Der_Hase_und_der_Igel_(1857))
- Public-domain basis: Talerie contemporary retelling (CC0 2026), based on: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage (1857) — original: author died 1859/1863 (+70 passed)
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