# Die Nachtigall

_Hans Christian Andersen_ · 19 min read · ages 7-12

Der Kaiser von China lässt eine Nachtigall aus seinem Wald an den Hof holen und verbannt sie später, als ein juwelenbesetzter Kunstvogel ihren Platz einnimmt. Als ihm der Tod die goldene Krone nimmt, kehrt die kleine Nachtigall ans Fenster zurück und singt den Tod fort, bis der Kaiser gestärkt und gesund erwacht.

---

In China, weißt du wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind ebenfalls Chinesen. Es ist viele Jahre her, aber gerade deshalb lohnt es sich, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen wird. Das Schloss des Kaisers war das prächtigste der Welt, ganz und gar aus feinem Porzellan, sehr kostbar, aber so zerbrechlich und so heikel anzufassen, dass man sich gut in Acht nehmen musste. Im Garten wuchsen die wunderbarsten Blumen, und an die prächtigsten waren silberne Glöckchen gebunden, die klingelten, damit niemand vorbeigehen konnte, ohne die Blumen zu bemerken. Ja, in des Kaisers Garten war alles fein ausgedacht. Und der Garten war so groß, dass der Gärtner selbst sein Ende nicht kannte. Ging man immer weiter, so kam man in den herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald reichte bis hinunter ans Meer, das blau und tief war, und große Schiffe konnten bis unter die Zweige der Bäume segeln. In diesen Zweigen wohnte eine Nachtigall, die so herrlich sang, dass sogar der arme Fischer, der doch viel anderes zu tun hatte, innehielt und lauschte, wenn er nachts hinausgefahren war, um sein Netz auszuwerfen. „Mein Gott, wie schön das ist“, sagte er; aber dann musste er auf seine Arbeit achten und vergaß den Vogel darüber. Doch wenn der in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer wieder draußen war, sagte er dasselbe: „Mein Gott, wie schön das ist.“

Aus allen Ländern der Welt kamen Reisende in die Stadt des Kaisers und bewunderten die Stadt, das Schloss und den Garten. Doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: „Das ist doch das Beste von allem!“

Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen, und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloss und den Garten. Auch die Nachtigall vergaßen sie nicht, die stellten sie am höchsten. Und wer dichten konnte, schrieb die herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Wald am tiefen See.

Die Bücher gingen um die Welt, und einige davon kamen eines Tages auch zum Kaiser. Er saß auf seinem goldenen Stuhl und las und las. Jeden Augenblick nickte er mit dem Kopf, denn es freute ihn, die prächtigen Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zu lesen. „Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste“, stand da geschrieben.

„Was ist das?“, sagte der Kaiser. „Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! Gibt es einen solchen Vogel in meinem Kaiserreich, und sogar in meinem eigenen Garten? Davon habe ich nie gehört! So etwas muss man erst aus Büchern erfahren!“

Und darauf rief er seinen Kammerherrn. Der war so vornehm, dass er, wenn jemand Geringeres es wagte, ihn anzusprechen oder ihn etwas zu fragen, nichts weiter erwiderte als „P!“, und das bedeutet gar nichts.

„Hier soll es einen höchst merkwürdigen Vogel geben, der Nachtigall heißt“, sagte der Kaiser. „Man sagt, er sei das Allerbeste in meinem großen Reich. Warum hat man mir nie etwas davon gesagt?“

„Ich habe ihn nie nennen hören“, sagte der Kammerherr. „Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden.“

„Ich will, dass er heute Abend herkommt und vor mir singt“, sagte der Kaiser. „Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich selbst weiß es nicht!“

„Ich habe ihn nie nennen hören“, sagte der Kammerherr. „Aber ich werde ihn suchen, und ich werde ihn finden!“

Nur, wo war er zu finden? Der Kammerherr lief alle Treppen auf und ab, durch Säle und Gänge, aber keiner von allen, denen er begegnete, hatte je von der Nachtigall sprechen hören. Und der Kammerherr lief zurück zum Kaiser und sagte, das müsse gewiss eine Erfindung von denen sein, die Bücher schreiben. „Eure Kaiserliche Majestät dürfen gar nicht glauben, was alles geschrieben wird. Das ist ausgedacht, und manches davon nennt man die schwarze Kunst.“

„Aber das Buch, in dem ich es gelesen habe“, sagte der Kaiser, „hat mir der großmächtige Kaiser von Japan geschickt, und darum kann es keine Unwahrheit sein. Ich will die Nachtigall hören! Sie muss heute Abend hier sein! Sie hat meine höchste Gnade! Und kommt sie nicht, dann soll dem ganzen Hof auf den Bauch getrampelt werden, wenn er zu Abend gegessen hat!“

„Tsing-pe!“, sagte der Kammerherr und lief wieder alle Treppen auf und ab, durch alle Säle und Gänge; und der halbe Hof lief mit, denn niemand wollte gern auf den Bauch getrampelt werden. Da gab es ein Fragen und ein Suchen nach der merkwürdigen Nachtigall, die alle Welt kannte, nur niemand bei Hofe.

Endlich trafen sie in der Küche ein kleines, armes Mädchen. Das sagte: „Ach, die Nachtigall kenne ich gut. Ja, wie die singen kann! Jeden Abend darf ich meiner armen, kranken Mutter die Reste vom Tisch nach Hause bringen. Sie wohnt unten am Strand, und wenn ich zurückgehe, müde bin und mich im Wald ausruhe, dann höre ich die Nachtigall singen. Dabei kommen mir die Tränen in die Augen, und es ist, als ob meine Mutter mich küsste.“

„Kleines Küchenmädchen“, sagte der Kammerherr, „ich verschaffe dir eine feste Stelle in der Küche und die Erlaubnis, den Kaiser beim Essen zu sehen, wenn du uns zur Nachtigall führen kannst; denn sie ist für heute Abend angesagt.“

Und so zogen sie alle hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen pflegte. Der halbe Hof war dabei. Als sie schon ein gutes Stück unterwegs waren, fing eine Kuh an zu brüllen.

„Oh!“, sagte einer der Hofherren, „nun haben wir sie! Was für eine merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tier! Die habe ich ganz sicher schon einmal gehört!“

„Nein, das sind Kühe, die brüllen“, sagte das kleine Küchenmädchen. „Wir sind noch weit von der Stelle entfernt.“

Nun quakten die Frösche im Sumpf.

„Herrlich!“, sagte der chinesische Hofprediger. „Jetzt höre ich sie. Es klingt genau wie kleine Kirchenglocken.“

„Nein, das sind Frösche“, sagte das kleine Küchenmädchen. „Aber nun, denke ich, werden wir sie bald hören.“

Da begann die Nachtigall zu schlagen.

„Das ist sie!“, sagte das kleine Mädchen. „Hört nur! Hört! Da sitzt sie!“ Und sie zeigte auf einen kleinen, grauen Vogel oben in den Zweigen.

„Ist das möglich?“, sagte der Kammerherr. „So hätte ich sie mir nie vorgestellt. Wie einfach sie aussieht! Sie hat gewiss die Farbe verloren, weil sie so viele vornehme Leute um sich sieht.“

„Kleine Nachtigall“, rief das kleine Küchenmädchen laut, „unser gnädigster Kaiser wünscht, dass Sie vor ihm singen!“

„Mit dem größten Vergnügen“, sagte die Nachtigall und sang, dass es eine Freude war.

„Es klingt wie Glasglocken“, sagte der Kammerherr. „Und seht nur die kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, dass wir sie nie zuvor gehört haben. Sie wird großen Erfolg bei Hofe haben.“

„Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?“, fragte die Nachtigall, die glaubte, der Kaiser sei auch dabei.

„Meine vortreffliche kleine Nachtigall“, sagte der Kammerherr, „ich habe die große Freude, Sie für heute Abend zu einem Hoffest einzuladen, wo Sie Seine Hohen Kaiserlichen Gnaden mit Ihrem bezaubernden Gesang beglücken werden.“

„Der klingt am besten im Grünen“, sagte die Nachtigall; aber sie kam doch gern mit, als sie hörte, dass der Kaiser es wünschte.

Im Schloss war alles auf das Feinste hergerichtet. Die Wände und der Fußboden, die aus Porzellan waren, glänzten im Schein von vielen tausend goldenen Lampen; die prächtigsten Blumen, die richtig klingeln konnten, standen in den Gängen. Da war ein Laufen und ein Zugwind, und alle Glöckchen klingelten so, dass man sein eigenes Wort nicht verstand.

Mitten in dem großen Saal, wo der Kaiser saß, war eine goldene Stange aufgestellt, und darauf sollte die Nachtigall sitzen. Der ganze Hof war da, und das kleine Küchenmädchen hatte die Erlaubnis bekommen, hinter der Tür zu stehen, denn nun trug es den Titel einer wirklichen Hofköchin. Alle waren in ihrem größten Staat, und alle sahen auf den kleinen grauen Vogel, dem der Kaiser zunickte.

Die Nachtigall sang so herrlich, dass dem Kaiser die Tränen in die Augen traten und über die Wangen liefen. Da sang die Nachtigall noch schöner, und das ging recht zu Herzen. Der Kaiser war so froh, dass er sagte, die Nachtigall solle seinen goldenen Pantoffel um den Hals tragen dürfen. Aber die Nachtigall dankte und sagte, sie habe schon Belohnung genug bekommen.

„Ich habe Tränen in den Augen des Kaisers gesehen, das ist mir der reichste Schatz. Die Tränen eines Kaisers haben eine besondere Kraft. Weiß Gott, ich bin genug belohnt.“ Und dann sang sie wieder mit ihrer süßen, herrlichen Stimme.

„Das ist die liebenswürdigste Koketterie, die ich kenne“, sagten die Damen ringsum, und dann nahmen sie Wasser in den Mund, um zu glucksen, wenn jemand mit ihnen sprach. Sie glaubten, dann seien auch sie Nachtigallen. Ja, sogar die Lakaien und die Kammermädchen ließen ausrichten, dass auch sie zufrieden seien, und das will viel heißen, denn die sind am schwersten zufriedenzustellen. Kurz, die Nachtigall hatte wahrhaftig Glück.

Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen Käfig haben und die Freiheit, zweimal am Tag und einmal in der Nacht hinauszuspazieren. Sie bekam dabei zwölf Diener mit, und jeder von ihnen hielt ein Seidenband, das ihr um das Bein geschlungen war, und sie hielten es sehr fest. An einem solchen Ausflug war ganz und gar kein Vergnügen.

Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, und wenn zwei einander begegneten, sagte der eine nichts weiter als „Nacht“, und der andere sagte „igall“. Dann seufzten sie und verstanden einander. Ja, elf Kinder von Straßenhändlern wurden nach ihr benannt, aber nicht ein einziges von ihnen hatte einen Ton in der Kehle.

Eines Tages bekam der Kaiser ein großes Paket, auf dem stand geschrieben: „Die Nachtigall“.

„Da haben wir nun ein neues Buch über unseren berühmten Vogel“, sagte der Kaiser. Aber es war kein Buch, sondern ein kleines Kunstwerk, das in einer Schachtel lag: eine künstliche Nachtigall, die der lebendigen gleichen sollte, aber über und über mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war. Sobald man den Kunstvogel aufzog, konnte er eines der Stücke singen, die der wirkliche Vogel sang, und dabei bewegte sich sein Schwanz auf und ab und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals hing ihm ein kleines Band, und darauf stand geschrieben: „Die Nachtigall des Kaisers von Japan ist arm gegen die des Kaisers von China.“

„Das ist herrlich!“, sagten alle, und der, welcher den künstlichen Vogel gebracht hatte, bekam sogleich den Titel Kaiserlicher Ober-Nachtigall-Bringer.

„Nun müssen sie zusammen singen. Was wird das für ein Duett werden!“

Und so mussten sie zusammen singen; aber es wollte nicht recht zusammenpassen, denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, und der Kunstvogel lief auf Walzen. „Den trifft keine Schuld“, sagte der Musikmeister. „Der ist besonders taktfest und ganz nach meiner Schule.“ Nun sollte der Kunstvogel allein singen. Er hatte ebenso viel Erfolg wie der wirkliche, und dabei war er ja viel hübscher anzusehen: er glänzte wie Armbänder und Broschen.

Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und wurde doch nicht müde. Die Leute hätten ihn gern noch einmal von vorn gehört, aber der Kaiser meinte, nun solle auch die lebendige Nachtigall etwas singen. Nur, wo war die? Niemand hatte bemerkt, dass sie aus dem offenen Fenster hinaus zu ihren grünen Wäldern geflogen war.

„Aber was ist denn das?“, sagte der Kaiser. Und alle Hofleute schalten und meinten, die Nachtigall sei ein höchst undankbares Tier. „Den besten Vogel haben wir ja doch“, sagten sie; und so musste der Kunstvogel wieder singen, und das war das vierunddreißigste Mal, dass sie dasselbe Stück zu hören bekamen. Trotzdem konnten sie es nicht auswendig, es war viel zu schwer. Und der Musikmeister lobte den Vogel über die Maßen; ja, er versicherte, er sei besser als eine wirkliche Nachtigall, nicht nur was die Kleider und die vielen herrlichen Diamanten betreffe, sondern auch innerlich.

„Denn sehen Sie, meine Herrschaften, und Eure Majestät vor allen: bei der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was da kommen wird; bei dem Kunstvogel aber ist alles festgelegt. Man kann es erklären, man kann ihn öffnen und den Menschen begreiflich machen, wie die Walzen liegen, wie sie laufen und wie eines aus dem anderen folgt.“

„Das sind auch ganz unsere Gedanken“, sagten alle, und der Musikmeister bekam die Erlaubnis, den Vogel am nächsten Sonntag dem Volk zu zeigen. Es solle ihn auch singen hören, befahl der Kaiser. Und das Volk hörte ihn und wurde so vergnügt, als hätte es sich an Tee berauscht, denn das ist chinesisch. Da sagten alle „Oh!“, hoben den Zeigefinger in die Höhe und nickten dazu. Nur die armen Fischer, die die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: „Es klingt hübsch genug, und die Melodien sind sich auch ähnlich; aber es fehlt etwas, ich weiß nicht was.“

Die wirkliche Nachtigall wurde aus dem Land und aus dem Reich verwiesen.

Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem Seidenkissen dicht neben dem Bett des Kaisers. Alle Geschenke, die er bekommen hatte, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er zu einem Hochkaiserlichen Nachttischsänger aufgestiegen, im Rang bis Nummer eins zur linken Seite. Denn der Kaiser hielt die Seite für die vornehmere, auf der das Herz sitzt, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links. Und der Musikmeister schrieb ein Werk von fünfundzwanzig Bänden über den Kunstvogel. Das war so gelehrt und so lang und so voll von den allerschwersten chinesischen Wörtern, dass alle Leute sagten, sie hätten es gelesen und verstanden; denn sonst wären sie ja dumm gewesen, und man hätte ihnen auf den Bauch getrampelt.

So ging es ein ganzes Jahr. Der Kaiser, der Hof und alle die anderen Chinesen konnten jedes Glucksen im Gesang des Kunstvogels auswendig. Aber gerade deshalb gefiel er ihnen jetzt am allerbesten: sie konnten selbst mitsingen, und das taten sie auch. Die Straßenjungen sangen: „Zizizi! Gluckgluckgluck!“, und der Kaiser sang es ebenso. Ja, das war wirklich prächtig.

Eines Abends aber, als der Kunstvogel am besten sang und der Kaiser im Bett lag und zuhörte, sagte es drinnen im Vogel „schwupp“. Da sprang etwas. „Schnurrr!“ Alle Räder liefen herum, und dann stand die Musik still.

Der Kaiser sprang gleich aus dem Bett und ließ seinen Leibarzt rufen; aber was konnte der helfen! Dann ließen sie den Uhrmacher holen, und nach vielem Reden und Nachsehen brachte er den Vogel einigermaßen in Ordnung. Aber er sagte, man müsse ihn schonen, denn die Zapfen seien abgenutzt, und es sei unmöglich, neue so einzusetzen, dass die Musik sicher liefe. Da war eine große Trauer! Nur einmal im Jahr durfte man den Kunstvogel noch singen lassen, und das war schon fast zu viel. Aber dann hielt der Musikmeister eine kleine Rede voll gewichtiger Wörter und sagte, es sei ebenso gut wie früher; und dann war es ebenso gut wie früher.

Nun waren fünf Jahre vergangen, und das ganze Land bekam eine große Trauer. Die Chinesen hielten im Grunde alle auf ihren Kaiser, und jetzt war er krank und konnte nicht mehr lange leben, sagte man. Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der Straße und fragte den Kammerherrn, wie es dem alten Kaiser gehe.

„P!“, sagte er und schüttelte den Kopf.

Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen, prächtigen Bett. Der ganze Hof hielt ihn für tot, und jeder von ihnen lief hin, den neuen Kaiser zu begrüßen. Die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu schwatzen, und die Kammermädchen hatten eine große Kaffeegesellschaft. Ringsum in allen Sälen und Gängen war Tuch ausgelegt, damit man keinen Schritt hörte, und deshalb war es dort still, ganz still. Aber der Kaiser war noch nicht tot. Steif und bleich lag er in dem prächtigen Bett mit den langen Samtvorhängen und den schweren Goldquasten; hoch oben stand ein Fenster offen, und der Mond schien herein auf den Kaiser und auf den Kunstvogel.

Der arme Kaiser konnte kaum atmen. Es war, als säße ihm etwas auf der Brust. Er schlug die Augen auf, und da sah er, dass es der Tod war, der auf seiner Brust saß. Der hatte sich die goldene Krone des Kaisers aufgesetzt und hielt in der einen Hand dessen goldenen Säbel, in der anderen dessen prächtige Fahne. Und ringsum aus den Falten der großen samtenen Bettvorhänge sahen wunderliche Köpfe hervor, einige hässlich, andere lieblich und mild. Das waren alle guten und bösen Taten des Kaisers, die ihn nun ansahen, da ihm der Tod auf dem Herzen saß.

„Erinnerst du dich daran?“, flüsterte einer nach dem anderen. „Erinnerst du dich auch daran?“ Und dann erzählten sie ihm so viel, dass ihm der Schweiß von der Stirn lief.

„Das habe ich nicht gewusst!“, sagte der Kaiser. „Musik! Musik! Die große chinesische Trommel!“, rief er, „damit ich nicht alles hören muss, was sie sagen!“

Und sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was gesagt wurde.

„Musik, Musik!“, schrie der Kaiser. „Du kleiner herrlicher Goldvogel, sing doch, sing! Ich habe dir Gold und Kostbarkeiten gegeben, ich habe dir sogar meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt: sing doch, sing!“

Aber der Vogel stand still. Es war niemand da, ihn aufzuziehen, und sonst sang er nicht. Der Tod aber starrte den Kaiser weiter mit seinen großen, hohlen Augen an, und still war es, schrecklich still.

Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang. Es war die kleine, lebendige Nachtigall, die draußen auf einem Zweig saß. Sie hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war gekommen, ihm Trost und Hoffnung zu singen. Und während sie sang, wurden die Gespenster immer blasser und blasser, das Blut kam immer rascher und rascher in den schwachen Gliedern des Kaisers in Bewegung, und selbst der Tod horchte und sagte: „Sing weiter, kleine Nachtigall, sing weiter!“

„Ja, willst du mir den prächtigen goldenen Säbel geben?“, fragte die Nachtigall. „Willst du mir die reiche Fahne geben? Willst du mir die Krone des Kaisers geben?“

Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang her, und die Nachtigall sang immer weiter. Sie sang von dem stillen Friedhof, wo die weißen Rosen wachsen, wo der Flieder duftet und wo das frische Gras von den Tränen der Hinterbliebenen feucht wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel aus dem Fenster.

„Dank, Dank!“, sagte der Kaiser. „Du himmlischer kleiner Vogel, ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Land und Reich gejagt, und doch hast du die bösen Gesichter von meinem Bett weggesungen und den Tod von meinem Herzen fortgeschafft. Wie kann ich es dir lohnen?“

„Du hast mich schon belohnt“, sagte die Nachtigall. „Ich habe deinen Augen Tränen entlockt, als ich das erste Mal sang; das vergesse ich nie. Das sind die Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen. Aber schlafe jetzt und werde wieder frisch und stark. Ich singe dir etwas vor.“

Und sie sang, und der Kaiser fiel in einen süßen Schlummer. Ach, wie mild und wohltuend war dieser Schlaf!

Die Sonne schien durch die Fenster zu ihm herein, als er gestärkt und gesund erwachte. Keiner von seinen Dienern war zurückgekommen, denn sie glaubten ihn tot; nur die Nachtigall saß noch bei ihm und sang.

„Für immer musst du bei mir bleiben“, sagte der Kaiser. „Du sollst nur singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend Stücke.“

„Tu das nicht“, sagte die Nachtigall. „Der hat ja Gutes getan, solange er konnte. Behalte ihn wie bisher. Ich kann im Schloss kein Nest bauen und darin wohnen; aber lass mich kommen, wenn ich selbst Lust habe. Dann will ich abends auf dem Zweig dort am Fenster sitzen und dir etwas vorsingen, damit du froh werden kannst und nachdenklich zugleich. Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die leiden. Ich werde vom Bösen und vom Guten singen, das rings um dich her verborgen bleibt. Der kleine Singvogel fliegt weit umher, zu dem armen Fischer, zu dem Dach des Bauern, zu jedem, der weit weg ist von dir und deinem Hof. Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat die Krone einen Duft von etwas Heiligem um sich. Ich komme, ich singe dir etwas vor. Aber eines musst du mir versprechen.“

„Alles!“, sagte der Kaiser und stand da in seinem kaiserlichen Gewand, das er sich selbst angelegt hatte, und drückte den Säbel, der schwer von Gold war, an sein Herz.

„Um eines bitte ich dich: Erzähle niemandem, dass du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt. Dann wird es noch besser gehen.“

Da flog die Nachtigall fort.

Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen. Ja, da standen sie, und der Kaiser sagte: „Guten Morgen!“

---

- Read online: https://talerie.com/de/maerchen/die-nachtigall-original
- Source: Sämmtliche Märchen — einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe (Hartknoch, Leipzig) (https://www.projekt-gutenberg.org/andersen/saemmaer/saemmaer.html)
- Public-domain basis: Talerie contemporary retelling (CC0 2026), based on: Sämmtliche Märchen — einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe (Hartknoch, Leipzig) — EU anonymous-work rule, translation published ≤1885 (+70 passed)
- License: CC0-1.0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/)
