# Die Schneekönigin

_Hans Christian Andersen_ · 63 min read · ages 8-12

Ein Splitter des Zauberspiegels macht Kays Herz zu Eis, und die Schneekönigin holt ihn in ihrem Schlitten fort. Gerda sucht ihn barfuß bis in den hohen Norden, findet ihn allein im eisigen Schloss und taut mit ihren Tränen den Eisklumpen in seiner Brust auf, bis beide Hand in Hand zur Großmutter heimkehren.

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Erste Geschichte: Der Spiegel und die Scherben

Passt auf, jetzt fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte sind, wissen wir mehr als jetzt.

Es war einmal ein Kobold, und zwar einer der allerschlimmsten: Es war der Teufel selbst. Eines Tages war er bester Laune, denn er hatte einen Spiegel gemacht, und der hatte eine besondere Eigenschaft. Alles Gute und Schöne, was sich darin spiegelte, schrumpfte zu fast nichts zusammen, und alles, was nichts taugte und schlecht aussah, trat hervor und wurde noch schlimmer. Die herrlichsten Landschaften sahen darin aus wie gekochter Spinat, und die besten Menschen wurden widerlich oder standen kopfüber ohne Rumpf. Die Gesichter waren so verdreht, dass niemand sie wiedererkannte, und wer eine Sommersprosse hatte, konnte sicher sein, dass sie sich über Nase und Mund ausbreitete. Das sei überaus lustig, sagte der Teufel. Ging einem Menschen ein guter, frommer Gedanke durch den Kopf, dann zeigte sich im Spiegel ein Grinsen, und der Teufel musste über seine kunstvolle Erfindung lachen.

Alle, die bei ihm in die Koboldschule gingen, und er hielt eine Koboldschule, erzählten überall herum, es sei ein Wunder geschehen: Jetzt erst könne man sehen, wie die Welt und die Menschen wirklich aussähen. Sie liefen mit dem Spiegel umher, und zuletzt gab es kein Land und keinen Menschen mehr, die nicht darin verdreht worden wären. Nun wollten sie auch noch zum Himmel selbst hinauffliegen, um sich über die Engel und über den lieben Gott lustig zu machen. Je höher sie mit dem Spiegel flogen, desto stärker grinste er, und sie konnten ihn kaum noch festhalten. Sie flogen höher und höher, Gott und den Engeln immer näher; da zitterte der Spiegel in seinem Grinsen so fürchterlich, dass er ihnen aus den Händen fiel und zur Erde stürzte, wo er in hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zersprang.

Und nun richtete er weit größeres Unglück an als zuvor. Denn manche Stücke waren kaum so groß wie ein Sandkorn, und die flogen in die weite Welt hinaus. Wem eines davon ins Auge geriet, dem blieb es darin sitzen, und dann sah dieser Mensch alles verkehrt oder hatte nur noch Augen für das Schlechte an einer Sache, denn jede kleine Scherbe hatte dieselbe Kraft behalten, die der ganze Spiegel besessen hatte. Einigen Menschen fuhr sogar eine Scherbe ins Herz, und das war das Allerschlimmste: Das Herz wurde dann wie ein Klumpen Eis. Manche Stücke waren so groß, dass man Fensterscheiben daraus machte, aber durch diese Scheiben lohnte es sich nicht, seine Freunde anzusehen. Andere Stücke kamen in Brillen, und dann ging es schlecht, wenn die Leute diese Brillen aufsetzten, um richtig zu sehen und gerecht zu sein. Der Böse lachte, dass ihm der Bauch wackelte, und das kitzelte ihn so angenehm. Draußen aber flogen noch immer kleine Glasscherben in der Luft umher. Nun werden wir hören, was daraus wurde.

Zweite Geschichte: Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen

In der großen Stadt, wo so viele Menschen und so viele Häuser sind, dass nicht für jeden Platz für einen kleinen Garten bleibt und sich die meisten deshalb mit Blumen in Blumentöpfen begnügen müssen, wohnten zwei arme Kinder, die einen Garten hatten, der ein wenig größer war als ein Blumentopf. Sie waren nicht Bruder und Schwester, aber sie hatten einander so lieb, als wären sie es. Ihre Eltern wohnten einander genau gegenüber, in zwei Dachkammern. Dort, wo das Dach des einen Hauses an das des anderen stieß und die Regenrinne zwischen den Dächern entlanglief, hatte jedes Haus ein kleines Fenster. Man brauchte nur über die Rinne zu steigen, dann kam man von dem einen Fenster zum anderen.

Beide Familien hatten draußen einen großen hölzernen Kasten stehen, und darin wuchsen die Küchenkräuter, die sie brauchten, und ein kleiner Rosenstock; in jedem Kasten stand einer, und die wuchsen prächtig. Nun kamen die Eltern auf den Einfall, die Kästen quer über die Rinne zu stellen, sodass sie fast von einem Fenster zum anderen reichten und wie zwei Blumenwälle aussahen. Erbsenranken hingen über die Kästen herab, und die Rosenstöcke trieben lange Zweige, die sich um die Fenster rankten und einander entgegenbogen. Es sah fast aus wie ein Ehrentor aus Blättern und Blumen. Weil die Kästen sehr hoch waren und die Kinder wussten, dass sie nicht hinaufklettern durften, bekamen sie oft die Erlaubnis, zueinander hinauszusteigen und auf ihren kleinen Schemeln unter den Rosen zu sitzen. Da spielten sie herrlich.

Im Winter hatte dieses Vergnügen ein Ende. Die Fenster waren oft ganz zugefroren. Dann aber wärmten sie Kupferschillinge auf dem Ofen und legten den warmen Schilling gegen die gefrorene Scheibe, und so entstand ein schönes Guckloch, so rund, so rund, und dahinter blitzte ein liebes, sanftes Auge, eines vor jedem Fenster: Das waren der kleine Junge und das kleine Mädchen. Er hieß Kay und sie hieß Gerda. Im Sommer konnten sie mit einem einzigen Sprung zueinander gelangen, im Winter mussten sie erst die vielen Treppen hinunter und die vielen Treppen wieder hinauf, und draußen stob der Schnee.

„Das sind die weißen Bienen, die schwärmen“, sagte die alte Großmutter.

„Haben sie auch eine Bienenkönigin?“, fragte der kleine Junge, denn er wusste, dass es bei den richtigen Bienen eine gibt.

„Die haben sie“, sagte die Großmutter. „Sie fliegt dort, wo sie am dichtesten schwärmen. Sie ist die größte von allen, und nie bleibt sie ruhig auf der Erde; sie fliegt gleich wieder hinauf in die schwarze Wolke. In mancher Mitternacht fliegt sie durch die Straßen der Stadt und schaut zu den Fenstern hinein, und dann frieren die so wunderlich zu und sehen aus wie Blumen.“

„Ja, das haben wir gesehen“, sagten beide Kinder, und nun wussten sie, dass es wahr war.

„Kann die Schneekönigin hier hereinkommen?“, fragte das kleine Mädchen.

„Lass sie nur kommen“, sagte der Junge. „Dann setze ich sie auf den warmen Ofen, und sie schmilzt.“

Aber die Großmutter strich ihm über das Haar und erzählte andere Geschichten.

Am Abend, als der kleine Kay zu Hause und schon halb ausgezogen war, kletterte er auf den Stuhl am Fenster und schaute durch das kleine Loch. Draußen fielen ein paar Schneeflocken, und eine davon, die größte, blieb auf dem Rand des einen Blumenkastens liegen. Die Schneeflocke wuchs und wuchs und wurde zuletzt zu einer ganzen Frauengestalt, gekleidet in den feinsten weißen Schleier, der aus Millionen sternförmiger Flocken zusammengesetzt war. Sie war so schön und so fein, aber sie war aus Eis, aus blendendem, blitzendem Eis. Und doch war sie lebendig: Ihre Augen funkelten wie zwei klare Sterne, aber es lag keine Ruhe und keine Rast in ihnen. Sie nickte zum Fenster hin und winkte mit der Hand. Der kleine Junge erschrak und sprang vom Stuhl herunter, und da war es, als flöge draußen vor dem Fenster ein großer Vogel vorbei.

Am nächsten Tag gab es klaren Frost, und dann kam das Frühjahr. Die Sonne schien, das Grün kam hervor, die Schwalben bauten Nester, die Fenster wurden geöffnet, und die beiden Kinder saßen wieder in ihrem kleinen Garten hoch oben in der Dachrinne über allen Stockwerken.

Wie prächtig blühten die Rosen in diesem Sommer! Das kleine Mädchen hatte einen Psalm gelernt, in dem auch von Rosen die Rede war, und bei den Rosen dachte sie an ihre eigenen. Sie sang ihn dem kleinen Jungen vor, und er sang mit:

Die Rosen blühen und verwehen,  
wir werden das Christkind sehen.

Und die beiden hielten einander bei den Händen, küssten die Rosen, schauten in Gottes hellen Sonnenschein hinein und sprachen zu ihm, als wäre das Christkind da. Was waren das für herrliche Sommertage, wie schön war es draußen bei den frischen Rosenstöcken, die gar nicht mehr aufhören zu blühen schienen.

Kay und Gerda saßen über dem Bilderbuch mit den Tieren und den Vögeln. Die Uhr auf dem großen Kirchturm schlug gerade fünf, als Kay sagte: „Au! Es hat mich ins Herz gestochen, und jetzt ist mir etwas ins Auge geflogen.“

Das kleine Mädchen fiel ihm um den Hals. Er blinzelte mit den Augen; nein, es war nichts zu sehen.

„Ich glaube, es ist weg“, sagte er. Aber weg war es nicht. Es war eines von jenen Glaskörnchen, die von dem Spiegel gesprungen waren, von dem Zauberspiegel, an den wir uns ja noch gut erinnern, von dem hässlichen Glas, das alles Große und Gute, was sich darin spiegelte, klein und hässlich machte, während das Böse und Schlechte deutlich hervortrat und jeder Fehler an einer Sache sofort auffiel. Dem armen Kay war auch ein Körnchen mitten ins Herz gefahren. Sein Herz würde nun bald wie ein Klumpen Eis werden. Weh tat das Körnchen nicht mehr, aber da war es.

„Warum weinst du?“, fragte er. „So siehst du hässlich aus. Mir fehlt doch gar nichts.“

„Pfui!“, rief er auf einmal. „Die Rose da hat einen Wurmstich. Und sieh nur, diese hier ist ganz schief. Im Grunde sind es hässliche Rosen. Sie passen genau zu dem Kasten, in dem sie stehen.“ Und dann stieß er mit dem Fuß gegen den Kasten und riss die beiden Rosen ab.

„Kay, was machst du?“, rief das kleine Mädchen. Und als er ihren Schreck sah, riss er noch eine Rose ab und sprang in sein Fenster hinein, fort von der kleinen, lieben Gerda.

Wenn sie später mit dem Bilderbuch kam, sagte er, das sei etwas für Wickelkinder. Und wenn die Großmutter Geschichten erzählte, kam er immer mit einem „aber“. Konnte er es einrichten, dann ging er hinter ihr her, setzte eine Brille auf und redete genau wie sie. Das machte er täuschend ähnlich, und die Leute lachten über ihn. Bald konnte er die Sprache und den Gang aller Menschen in der ganzen Straße nachmachen. Alles, was an ihnen eigenartig und unschön war, das wusste Kay nachzuahmen, und die Leute sagten: „Was für einen ausgezeichneten Kopf der Junge hat!“ Aber es war das Glas, das ihm im Herzen saß. Daher kam es auch, dass er die kleine Gerda neckte, die ihn doch von ganzem Herzen liebhatte.

Seine Spiele wurden nun andere als früher, sie wurden ganz vernünftig. An einem Wintertag, als es schneite, kam er mit einem großen Brennglas, hielt seinen blauen Rockzipfel heraus und ließ die Schneeflocken darauf fallen.

„Sieh nun durch das Glas, Gerda“, sagte er. Und jede Schneeflocke wurde viel größer und sah aus wie eine prächtige Blume oder ein zehneckiger Stern. Es war schön anzusehen. „Siehst du, wie kunstvoll das ist“, sagte Kay. „Das ist viel interessanter als die wirklichen Blumen. Und es ist nicht ein einziger Fehler daran, sie sind ganz regelmäßig. Wenn sie nur nicht schmelzen würden!“

Bald darauf kam Kay mit großen Handschuhen und mit seinem Schlitten auf dem Rücken. Er rief Gerda ins Ohr: „Ich habe die Erlaubnis bekommen, auf dem großen Platz zu fahren, wo die anderen Jungen spielen!“ Und weg war er.

Dort auf dem Platz banden die kecksten Jungen ihre Schlitten oft an die Wagen der Bauern und fuhren dann ein gutes Stück Weg mit. Das war herrlich. Als sie mitten im schönsten Spiel waren, kam ein großer Schlitten. Er war ganz weiß gestrichen, und darin saß jemand, in einen rauen weißen Pelz gehüllt und mit einer rauen weißen Mütze auf dem Kopf. Der Schlitten fuhr zweimal um den Platz herum, und Kay band seinen kleinen Schlitten schnell daran fest, und nun fuhr er mit. Es ging schneller und schneller, geradewegs in die nächste Straße hinein. Der, der fuhr, drehte sich um und nickte Kay freundlich zu; es war, als kennten sie einander. Jedes Mal, wenn Kay seinen kleinen Schlitten losbinden wollte, nickte der Fahrer wieder, und dann blieb Kay sitzen. So fuhren sie zum Stadttor hinaus. Da begann der Schnee so dicht zu fallen, dass der kleine Junge die Hand vor Augen nicht mehr sah, aber er fuhr weiter. Schnell ließ er die Schnur los, um von dem großen Schlitten loszukommen, doch das half nichts: Sein kleines Gefährt hing fest und ging mit Windeseile vorwärts. Da rief er ganz laut, aber niemand hörte ihn, und der Schnee stob, und der Schlitten flog dahin. Manchmal gab es einen Sprung, als führe er über Gräben und Hecken. Der Junge war ganz erschrocken. Er wollte sein Vaterunser beten, aber er konnte sich nur an das große Einmaleins erinnern.

Die Schneeflocken wurden größer und größer, zuletzt sahen sie aus wie große weiße Hühner. Auf einmal sprangen sie zur Seite, der große Schlitten hielt an, und die Person, die ihn fuhr, stand auf. Der Pelz und die Mütze waren ganz und gar aus Schnee. Es war eine Frau, hoch und schlank und strahlend weiß: Es war die Schneekönigin.

„Wir sind gut gefahren“, sagte sie. „Aber wer wird denn frieren? Kriech in meinen Pelz.“ Und sie setzte ihn neben sich in den Schlitten und schlug den Pelz um ihn, und es war, als versänke er in einer Schneewehe.

„Frierst du noch?“, fragte sie und küsste ihn auf die Stirn. Oh, das war kälter als Eis, das ging ihm geradewegs bis ins Herz hinein, das ja schon zur Hälfte ein Klumpen Eis war. Es war, als müsste er sterben, aber nur einen Augenblick lang, dann tat es ihm richtig wohl, und er spürte nichts mehr von der Kälte ringsumher.

„Meinen Schlitten! Vergiss meinen Schlitten nicht!“ Daran dachte er zuerst. Und der Schlitten wurde an einem der weißen Hühner festgebunden, und das flog hinterher mit dem Schlitten auf dem Rücken. Die Schneekönigin küsste Kay noch einmal, und da hatte er die kleine Gerda und die Großmutter und alle zu Hause vergessen.

„Nun bekommst du keinen Kuss mehr“, sagte sie, „denn sonst küsse ich dich zu Tode.“

Kay sah sie an. Sie war so schön, ein klügeres, lieblicheres Gesicht konnte er sich nicht denken. Jetzt kam sie ihm nicht mehr aus Eis vor wie damals, als sie draußen vor dem Fenster saß und ihm winkte. In seinen Augen war sie vollkommen, und er fühlte gar keine Furcht. Er erzählte ihr, dass er im Kopf rechnen könne, sogar mit Brüchen, und dass er die Quadratmeilen des Landes und die Zahl seiner Einwohner wisse. Und sie lächelte immerzu. Da kam es ihm vor, als wäre das doch nicht genug, was er wusste, und er schaute hinauf in den großen Luftraum. Und sie flog mit ihm hoch hinauf auf die schwarze Wolke, und der Sturm sauste und brauste, es war, als sänge er alte Lieder. Sie flogen über Wälder und Seen, über Meer und Land. Unter ihnen strich der kalte Wind, die Wölfe heulten, der Schnee knisterte, über ihnen flogen die schwarzen, schreienden Krähen. Aber hoch oben schien der Mond groß und klar, und den betrachtete Kay die lange, lange Winternacht hindurch. Am Tag schlief er zu Füßen der Schneekönigin.

Dritte Geschichte: Der Blumengarten bei der Frau, die zaubern konnte

Aber wie erging es der kleinen Gerda, als Kay nicht zurückkam? Wo war er geblieben? Niemand wusste es, niemand konnte Auskunft geben. Die Jungen erzählten nur, dass sie ihn seinen Schlitten an einen anderen, großen hatten binden sehen, der in die Straße hinein und zum Stadttor hinausgefahren war. Niemand wusste, wo er geblieben war. Viele Tränen flossen, und besonders die kleine Gerda weinte lange und viel. Dann sagte sie, er sei tot, er sei in dem Fluss ertrunken, der dicht bei der Schule vorbeifloss. Oh, das waren wirklich lange, finstere Wintertage.

Nun kam der Frühling mit wärmerem Sonnenschein.

„Kay ist tot und fort“, sagte die kleine Gerda.

„Das glaube ich nicht“, antwortete der Sonnenschein.

„Er ist tot und fort“, sagte sie zu den Schwalben.

„Das glauben wir nicht“, erwiderten die. Und am Ende glaubte es die kleine Gerda auch nicht mehr.

„Ich will meine neuen roten Schuhe anziehen“, sagte sie eines Morgens, „die, die Kay noch nie gesehen hat, und dann will ich zum Fluss hinuntergehen und ihn nach Kay fragen.“

Es war noch sehr früh. Sie küsste die alte Großmutter, die noch schlief, zog die roten Schuhe an und ging ganz allein zum Stadttor hinaus an den Fluss.

„Ist es wahr, dass du mir meinen kleinen Spielkameraden genommen hast? Ich will dir meine roten Schuhe schenken, wenn du ihn mir wiedergibst.“

Und es kam ihr vor, als nickten die Wellen ganz sonderbar. Da nahm sie ihre roten Schuhe, die sie doch am liebsten hatte, und warf sie beide in den Fluss. Aber sie fielen dicht ans Ufer, und die kleinen Wellen trugen sie ihr wieder an Land. Es war gerade, als wollte der Fluss das Liebste nicht haben, was sie besaß, weil er ihr den kleinen Kay nicht geben konnte. Sie aber glaubte nun, sie habe die Schuhe nicht weit genug hinausgeworfen, und so kroch sie in ein Boot, das im Schilf lag. Sie ging bis ans äußerste Ende und warf die Schuhe von dort ins Wasser. Aber das Boot war nicht festgebunden, und durch die Bewegung, die sie machte, glitt es vom Ufer ab. Sie merkte es und beeilte sich hinauszukommen, doch ehe sie zurück war, hatte das Boot schon eine Elle Abstand vom Land, und nun trieb es schneller davon.

Da erschrak die kleine Gerda sehr und fing an zu weinen, aber niemand hörte sie außer den Spatzen, und die konnten sie nicht an Land tragen. Sie flogen aber am Ufer entlang und sangen, als wollten sie sie trösten: „Hier sind wir, hier sind wir!“ Das Boot trieb mit der Strömung. Die kleine Gerda saß ganz still da, nur in Strümpfen; ihre kleinen roten Schuhe trieben hinter ihr her, aber sie konnten das Boot nicht einholen, das fuhr schneller.

Hübsch war es an beiden Ufern: schöne Blumen, alte Bäume und Abhänge mit Schafen und Kühen. Aber kein Mensch war zu sehen.

„Vielleicht trägt der Fluss mich zu dem kleinen Kay hin“, dachte Gerda. Da wurde sie heiterer, richtete sich auf und betrachtete viele Stunden lang die grünen, schönen Ufer. Dann kam sie zu einem großen Kirschgarten, in dem ein kleines Haus stand mit sonderbaren roten und blauen Fenstern. Es hatte ein Strohdach, und draußen standen zwei hölzerne Soldaten, die vor der Vorbeifahrenden das Gewehr schulterten.

Gerda rief ihnen zu, denn sie glaubte, sie wären lebendig. Aber sie antworteten natürlich nicht. Sie kam ihnen ganz nahe, denn der Fluss trieb das Boot geradewegs aufs Land zu.

Gerda rief noch lauter, und da kam eine alte, alte Frau aus dem Haus, die sich auf einen Krückstock stützte. Sie hatte einen großen Sonnenhut auf, und der war mit den schönsten Blumen bemalt.

„Du armes kleines Kind“, sagte die alte Frau. „Wie bist du nur auf den großen, reißenden Strom geraten und so weit in die Welt hinausgetrieben?“ Und dann ging die alte Frau ins Wasser hinein, fasste mit ihrem Krückstock nach dem Boot, zog es an Land und hob die kleine Gerda heraus.

Und Gerda war froh, wieder auf dem Trockenen zu sein, obwohl sie sich vor der fremden alten Frau ein wenig fürchtete.

„Komm doch und erzähl mir, wer du bist und wie du hierherkommst“, sagte sie.

Und Gerda erzählte ihr alles, und die Alte schüttelte den Kopf und sagte: „Hm! Hm!“ Und als Gerda ihr alles gesagt und sie gefragt hatte, ob sie nicht den kleinen Kay gesehen habe, sagte die Frau, er sei noch nicht vorbeigekommen, aber er komme wohl noch; sie solle nur nicht traurig sein, sondern ihre Kirschen kosten und ihre Blumen ansehen, die seien schöner als jedes Bilderbuch, und jede könne eine Geschichte erzählen. Dann nahm sie Gerda bei der Hand, führte sie in das kleine Haus und schloss die Tür ab.

Die Fenster lagen sehr hoch, und die Scheiben waren rot, blau und gelb. Das Tageslicht fiel in allen Farben ganz sonderbar herein. Auf dem Tisch standen die schönsten Kirschen, und Gerda aß davon, so viel sie wollte, denn das war ihr erlaubt. Während sie aß, kämmte die alte Frau ihr das Haar mit einem goldenen Kamm, und das Haar ringelte sich und glänzte herrlich gelb rings um das kleine, freundliche Gesicht, das so rund war und aussah wie eine Rose.

„Nach einem so lieben kleinen Mädchen habe ich mich schon lange gesehnt“, sagte die Alte. „Nun wirst du sehen, wie gut wir miteinander leben werden.“ Und während sie der kleinen Gerda das Haar kämmte, vergaß Gerda mehr und mehr ihren Spielbruder Kay. Denn die alte Frau konnte zaubern. Eine böse Zauberin war sie nicht, sie zauberte nur ein wenig zu ihrem eigenen Vergnügen, und sie wollte die kleine Gerda gern behalten. Deshalb ging sie in den Garten, streckte ihren Krückstock gegen alle Rosensträucher aus, und so schön die auch blühten, sie sanken doch alle in die schwarze Erde hinunter, und man konnte nicht mehr sehen, wo sie gestanden hatten. Die Alte fürchtete, wenn Gerda die Rosen erblickte, könnte sie an ihre eigenen denken, sich dann an den kleinen Kay erinnern und davonlaufen.

Nun führte sie Gerda hinaus in den Blumengarten. Was war dort für ein Duft und eine Pracht! Alle nur denkbaren Blumen, und zwar für jede Jahreszeit, standen hier in schönster Blüte. Kein Bilderbuch konnte bunter und schöner sein. Gerda sprang vor Freude hoch und spielte, bis die Sonne hinter den hohen Kirschbäumen unterging. Dann bekam sie ein schönes Bett mit roten Seidenkissen, die waren mit Veilchen gefüllt, und sie schlief und träumte dort so herrlich wie nur eine Königin an ihrem Hochzeitstag.

Am nächsten Tag konnte sie wieder mit den Blumen im warmen Sonnenschein spielen, und so vergingen viele Tage. Gerda kannte jede Blume, aber so viele es auch waren, ihr war doch, als fehlte eine, und welche das war, wusste sie nicht. Da sitzt sie eines Tages und betrachtet den Sonnenhut der alten Frau mit den gemalten Blumen, und gerade die schönste davon war eine Rose. Die Alte hatte vergessen, sie vom Hut wegzuwischen, als sie die anderen in die Erde zauberte. So geht es, wenn man seine Gedanken nicht beisammen hat.

„Was, hier sind gar keine Rosen?“, sagte Gerda und sprang zwischen die Beete und suchte und suchte. Ach, da war keine einzige zu finden. Da setzte sie sich hin und weinte, aber ihre Tränen fielen gerade auf eine Stelle, wo ein Rosenstrauch versunken war, und als die warmen Tränen die Erde tränkten, schoss der Strauch auf einmal empor, so blühend, wie er versunken war. Gerda umarmte ihn, küsste die Rosen und dachte an die herrlichen Rosen daheim und mit ihnen auch an den kleinen Kay.

„Oh, wie bin ich aufgehalten worden!“, sagte das kleine Mädchen. „Ich wollte doch den kleinen Kay suchen. Wisst ihr nicht, wo er ist?“, fragte sie die Rosen. „Glaubt ihr, dass er tot ist?“

„Tot ist er nicht“, antworteten die Rosen. „Wir sind ja in der Erde gewesen. Dort sind alle Toten, aber Kay war nicht da.“

„Ich danke euch“, sagte die kleine Gerda und ging zu den anderen Blumen hin, schaute ihnen in den Kelch hinein und fragte: „Wisst ihr nicht, wo der kleine Kay ist?“

Aber jede Blume stand in der Sonne und träumte ihr eigenes Märchen oder Geschichtchen. Davon hörte Gerda viele, viele, aber keine wusste etwas von Kay.

Und was sagte die Feuerlilie?

„Hörst du die Trommel? Bum! Bum! Es sind nur zwei Töne, immerzu: bum, bum! Hör den Trauergesang der Frauen, hör den Ruf der Priester. In ihrem langen roten Mantel steht die Inderin auf dem Scheiterhaufen, die Flammen schlagen um sie und um ihren toten Mann empor. Aber die Inderin denkt an den Lebenden hier im Kreis, an ihn, dessen Augen heißer brennen als die Flammen, an ihn, dessen Augenfeuer ihr Herz stärker trifft als das Feuer, das gleich ihren Körper zu Asche verbrennt. Kann die Flamme des Herzens in der Flamme des Scheiterhaufens sterben?“

„Das verstehe ich überhaupt nicht“, sagte die kleine Gerda.

„Das ist mein Märchen“, sagte die Feuerlilie.

Was sagt die Winde?

„Über den schmalen Fußweg herüber hängt eine alte Ritterburg. Das dichte Immergrün wächst an den morschen roten Mauern empor, Blatt an Blatt, rings um den Altan. Dort steht ein schönes Mädchen; sie beugt sich über das Geländer hinaus und schaut den Weg entlang. Keine Rose hängt frischer an den Zweigen als sie, keine Apfelblüte, die der Wind vom Baum trägt, schwebt leichter dahin als sie. Wie rauscht das prächtige Seidenkleid! ‚Kommt er denn noch immer nicht?‘“

„Meinst du Kay?“, fragte die kleine Gerda.

„Ich spreche nur von meinem Märchen, von meinem Traum“, erwiderte die Winde.

Was sagt das kleine Schneeglöckchen?

„Zwischen den Bäumen hängt an Seilen das lange Brett, das ist eine Schaukel. Zwei niedliche kleine Mädchen sitzen darauf und schaukeln sich; ihre Kleider sind weiß wie der Schnee, und lange grüne Seidenbänder flattern von den Hüten. Ihr Bruder, der größer ist als sie, steht in der Schaukel; er hat den Arm um das Seil geschlungen, um sich zu halten, denn in der einen Hand hält er eine kleine Schale und in der anderen eine Tonpfeife: Er bläst Seifenblasen. Die Schaukel fliegt, und die Blasen steigen in schönen, wechselnden Farben; die letzte hängt noch am Pfeifenstiel und wiegt sich im Wind. Die Schaukel schwebt. Der kleine schwarze Hund, leicht wie die Blasen, stellt sich auf die Hinterbeine und will mit in die Schaukel; sie fliegt hoch, der Hund fällt, bellt und ist böse. Man neckt ihn, die Blasen platzen. Ein schaukelndes Brett, ein zerspringendes Schaumbild, das ist mein Lied.“

„Es mag ja hübsch sein, was du erzählst, aber du sagst es so traurig, und den kleinen Kay erwähnst du gar nicht.“

Was sagen die Hyazinthen?

„Es waren drei schöne Schwestern, durchsichtig und fein. Der einen Kleid war rot, der anderen blau, der dritten weiß. Hand in Hand tanzten sie am stillen See im hellen Mondschein. Es waren keine Elfen, es waren Menschenkinder. Dort duftete es so süß, und die Mädchen verschwanden im Wald. Der Duft wurde stärker. Drei Särge, darin lagen die schönen Mädchen, glitten aus dem Dickicht des Waldes über den See dahin, und die Johanniswürmchen flogen leuchtend ringsumher wie kleine schwebende Lichter. Schlafen die tanzenden Mädchen, oder sind sie tot? Der Blumenduft sagt, sie sind Leichen. Die Abendglocke läutet den Grabgesang.“

„Du machst mich ganz traurig“, sagte die kleine Gerda. „Du duftest so stark, ich muss an die toten Mädchen denken. Ach, ist der kleine Kay denn wirklich tot? Die Rosen sind unten in der Erde gewesen, und die sagen nein.“

„Kling, klang!“, läuteten die Hyazinthenglocken. „Wir läuten nicht für den kleinen Kay, wir kennen ihn nicht. Wir singen nur unser Lied, das einzige, das wir können.“

Und Gerda ging zur Butterblume, die aus den glänzenden grünen Blättern hervorschaute.

„Du bist eine kleine helle Sonne“, sagte Gerda. „Sag mir, weißt du, wo ich meinen Spielkameraden finden kann?“

Und die Butterblume glänzte so schön und sah Gerda wieder an. Welches Lied konnte die Butterblume wohl singen? Auch ihres handelte nicht von Kay.

„In einem kleinen Hof schien die liebe Sonne am ersten Frühlingstag so warm. Ihre Strahlen glitten an den weißen Wänden des Nachbarhauses herab, und dicht daneben wuchs die erste gelbe Blume und glänzte golden in den warmen Strahlen. Die alte Großmutter saß draußen in ihrem Stuhl, und ihre Enkelin, ein armes, schönes Dienstmädchen, kam von einem kurzen Besuch heim. Sie küsste die Großmutter, und in diesem gesegneten Kuss war Gold, Herzensgold. Gold im Munde, Gold im Grunde, Gold in der Morgenstunde! Sieh, das ist meine kleine Geschichte“, sagte die Butterblume.

„Meine arme alte Großmutter“, seufzte Gerda. „Ja, sie sehnt sich gewiss nach mir und grämt sich um mich, so wie sie es um den kleinen Kay getan hat. Aber ich komme bald wieder nach Hause, und dann bringe ich Kay mit. Es hat keinen Zweck, die Blumen zu fragen, die wissen nur ihr eigenes Lied und geben mir keine Auskunft.“

Und dann band sie ihr Kleid hoch, damit sie schneller laufen könne. Aber die Narzisse schlug ihr ans Bein, als sie darüber hinwegsprang. Da blieb sie stehen, betrachtete die lange gelbe Blume und fragte: „Weißt du vielleicht etwas?“ Und sie bog sich ganz zu ihr hinunter. Und was sagte die?

„Ich kann mich selbst erblicken! Ich kann mich selbst sehen!“, sagte die Narzisse. „Oh, wie ich dufte! Oben in dem kleinen Erkerzimmer steht eine kleine Tänzerin, halb angezogen. Sie steht bald auf einem Bein, bald auf beiden, sie tritt die ganze Welt mit Füßen, und dabei ist sie nichts als Augentäuschung. Sie gießt Wasser aus der Teekanne auf ein Stück Stoff, das sie hält; es ist das Mieder. Reinlichkeit ist eine schöne Sache. Das weiße Kleid hängt am Haken, das ist auch in der Teekanne gewaschen und auf dem Dach getrocknet worden. Sie zieht es an und schlägt das safrangelbe Tuch um den Hals, nun scheint das Kleid noch weißer. Das Bein ausgestreckt! Sieh, wie sie auf einem Stiel prangt! Ich kann mich selbst erblicken! Ich kann mich selbst sehen!“

„Das interessiert mich überhaupt nicht“, sagte Gerda. „Das brauchst du mir nicht zu erzählen.“ Und dann lief sie bis ans Ende des Gartens.

Die Tür war verschlossen, aber sie drückte auf die verrostete Klinke, sodass die abbrach. Die Tür ging auf, und die kleine Gerda sprang mit nackten Füßen in die weite Welt hinaus. Dreimal schaute sie zurück, aber niemand war da, der sie verfolgte. Zuletzt konnte sie nicht mehr laufen und setzte sich auf einen großen Stein, und als sie sich umsah, war es mit dem Sommer vorbei. Es war Spätherbst. In dem schönen Garten hatte man das gar nicht bemerken können, wo immer Sonnenschein war und Blumen aus allen Jahreszeiten standen.

„Gott, wie habe ich mich verspätet!“, sagte die kleine Gerda. „Es ist ja Herbst geworden. Da darf ich nicht ruhen.“ Und sie stand auf, um weiterzugehen.

Oh, wie waren ihre kleinen Füße wund und müde! Ringsum sah es kalt und rau aus. Die langen Weidenblätter waren ganz gelb, und der Tau tropfte als Wasser herab, ein Blatt fiel nach dem anderen. Nur der Schlehdorn trug noch Früchte, aber die waren herb und zogen den Mund zusammen. Oh, wie grau und schwer war es in der weiten Welt!

Vierte Geschichte: Prinz und Prinzessin

Gerda musste wieder ausruhen. Da hüpfte auf dem Schnee, der Stelle gegenüber, wo sie saß, eine große Krähe. Die hatte lange dagesessen, sie betrachtet und mit dem Kopf gewackelt, und nun sagte sie: „Krah! Krah! Gu’n Tag! Gu’n Tag!“ Besser konnte sie es nicht herausbringen, aber sie meinte es gut mit dem kleinen Mädchen und fragte, wohin sie so allein in die weite Welt hinausgehe. Das Wort allein verstand Gerda sehr gut, und sie fühlte, wie viel darin lag. Und sie erzählte der Krähe ihr ganzes Leben und Schicksal und fragte, ob sie Kay nicht gesehen habe.

Und die Krähe nickte ganz bedächtig und sagte: „Das könnte sein! Das könnte sein!“

„Wie? Glaubst du?“, rief das kleine Mädchen und hätte die Krähe fast totgedrückt, so küsste sie sie.

„Vernünftig, vernünftig!“, sagte die Krähe. „Ich glaube, ich weiß es. Ich glaube, es kann der kleine Kay sein. Aber nun hat er dich über der Prinzessin sicher vergessen.“

„Wohnt er bei einer Prinzessin?“, fragte Gerda.

„Ja, hör zu“, sagte die Krähe. „Aber es fällt mir so schwer, deine Sprache zu sprechen. Verstehst du die Krähensprache? Dann kann ich es besser erzählen.“

„Nein, die habe ich nicht gelernt“, sagte Gerda, „aber die Großmutter verstand sie, und sprechen konnte sie sie auch. Hätte ich sie nur gelernt!“

„Macht nichts“, sagte die Krähe. „Ich erzähle, so gut ich kann, aber schlecht wird es gehen.“ Und dann erzählte sie, was sie wusste.

„In dem Königreich, in dem wir hier sitzen, wohnt eine Prinzessin, und die ist unbändig klug. Sie hat alle Zeitungen gelesen, die es auf der Welt gibt, und wieder vergessen, so klug ist sie. Neulich saß sie auf dem Thron, und das ist gar nicht so angenehm, wie die Leute sagen, und da fing sie an, ein Lied zu singen, und das ging so: ‚Warum sollte ich eigentlich nicht heiraten?‘ Hör mal, dachte sie, da ist etwas dran. Und so wollte sie heiraten. Aber sie wollte einen Mann haben, der zu antworten versteht, wenn man mit ihm spricht, einen, der nicht bloß dasteht und vornehm aussieht, denn das ist zu langweilig. Nun ließ sie alle Hofdamen zusammentrommeln, und als die hörten, was sie wollte, waren sie sehr vergnügt. ‚Das lasse ich mir gefallen‘, sagte eine nach der anderen, ‚daran habe ich neulich auch schon gedacht.‘ Du kannst mir glauben, dass jedes Wort wahr ist, das ich sage“, fügte die Krähe hinzu. „Ich habe eine zahme Liebste, die läuft frei im Schloss umher, und die hat mir alles erzählt.“

Die Liebste war natürlich auch eine Krähe. Denn gleich und gleich gesellt sich gern, und eine Krähe bleibt eben eine Krähe.

„Die Zeitungen kamen sogleich mit einem Rand aus Herzen und dem Namenszug der Prinzessin heraus. Man konnte darin lesen, dass es jedem jungen Mann, der gut aussieht, freistehe, aufs Schloss zu kommen und mit der Prinzessin zu sprechen, und wer so spreche, dass man höre, er sei dort zu Hause, und wer am besten spreche, den wolle die Prinzessin zum Mann nehmen. Ja, ja“, sagte die Krähe, „du kannst es mir glauben, das ist so gewiss wahr, wie ich hier sitze. Junge Männer strömten herbei, es gab ein Gedränge und ein Laufen, aber es glückte weder am ersten noch am zweiten Tag. Sie konnten alle gut reden, solange sie auf der Straße waren, aber sobald sie ins Schlosstor traten und die Gardisten in Silber sahen und die Treppe hinauf die Lakaien in Gold und die großen erleuchteten Säle, dann wurden sie ganz verwirrt. Und standen sie gar vor dem Thron, wo die Prinzessin saß, dann wussten sie nichts zu sagen als das letzte Wort, das sie selbst gesprochen hatte, und das noch einmal zu hören, dazu hatte sie keine Lust. Es war, als hätten die Leute da drinnen Schnupftabak in den Magen bekommen und wären eingeschlafen, bis sie wieder auf die Straße kamen; erst dann konnten sie wieder reden. Da stand eine Reihe vom Stadttor bis zum Schloss. Ich war selbst drinnen und habe es gesehen“, sagte die Krähe. „Sie wurden hungrig und durstig, aber im Schloss bekamen sie nicht einmal ein Glas Wasser. Zwar hatten ein paar von den Klügsten Butterbrote mitgenommen, aber die teilten sie nicht mit ihrem Nachbarn. Sie dachten: Lass ihn nur hungrig aussehen, dann nimmt ihn die Prinzessin nicht.“

„Aber Kay, der kleine Kay!“, fragte Gerda. „Wann kam der? War er unter der Menge?“

„Warte, warte, jetzt sind wir bei ihm! Am dritten Tag kam ein kleiner Kerl, ohne Pferd und Wagen, fröhlich geradewegs aufs Schloss zumarschiert. Seine Augen glänzten wie deine, er hatte schönes langes Haar, aber sonst ärmliche Kleider.“

„Das war Kay!“, jubelte Gerda. „Oh, dann habe ich ihn gefunden!“ Und sie klatschte in die Hände.

„Er hatte ein kleines Ränzel auf dem Rücken“, sagte die Krähe.

„Nein, das war sicher sein Schlitten“, sagte Gerda, „denn mit dem Schlitten ist er fortgefahren.“

„Das kann wohl sein“, sagte die Krähe. „Ich habe nicht so genau hingesehen. Aber das weiß ich von meiner zahmen Liebsten: Als er ins Schlosstor kam und die Leibgardisten in Silber sah und die Treppe hinauf die Lakaien in Gold, da wurde er nicht im Geringsten verlegen. Er nickte ihnen zu und sagte: ‚Das muss langweilig sein, hier auf der Treppe zu stehen. Ich gehe lieber hinein.‘ Da glänzten die Säle von Lichtern, Geheimräte und Exzellenzen liefen auf bloßen Füßen umher und trugen goldene Gefäße; man konnte davon ganz andächtig werden. Seine Stiefel knarrten gewaltig laut, aber ihm wurde trotzdem nicht bange.“

„Das ist ganz gewiss Kay!“, sagte Gerda. „Ich weiß, er hatte neue Stiefel an, ich habe sie in der Stube der Großmutter knarren hören.“

„Ja, freilich knarrten sie“, sagte die Krähe. „Und frischen Mutes ging er geradewegs zur Prinzessin hinein, die auf einer großen Perle saß, so groß wie ein Spinnrad. Und alle Hofdamen mit ihren Zofen und den Zofen ihrer Zofen und alle Kavaliere mit ihren Dienern und den Dienern ihrer Diener, die ihrerseits noch einen Burschen halten, standen ringsherum aufgestellt, und je näher sie an der Tür standen, desto stolzer sahen sie aus. Den Burschen des Dieners, der immer in Pantoffeln geht, wagt man kaum anzusehen, so stolz steht er in der Tür.“

„Das muss ja schrecklich sein“, sagte die kleine Gerda. „Und Kay hat die Prinzessin trotzdem bekommen?“

„Wäre ich keine Krähe gewesen, hätte ich sie genommen, und das, obwohl ich verlobt bin. Er soll ebenso gut gesprochen haben, wie ich spreche, wenn ich die Krähensprache spreche; das habe ich von meiner zahmen Liebsten gehört. Er war fröhlich und nett; er war gar nicht gekommen, um zu freien, sondern nur, um die Klugheit der Prinzessin zu hören. Und die fand er gut, und sie fand ihn auch gut.“

„Ja, sicher, das war Kay!“, sagte Gerda. „Er war so klug, er konnte im Kopf mit Brüchen rechnen. Oh, willst du mich nicht ins Schloss bringen?“

„Ja, das ist leicht gesagt“, antwortete die Krähe. „Aber wie machen wir das? Ich werde es mit meiner zahmen Liebsten besprechen, die kann uns wohl einen Rat geben. Denn das muss ich dir sagen: So ein kleines Mädchen wie du bekommt nie die Erlaubnis hineinzukommen.“

„Doch, die bekomme ich“, sagte Gerda. „Wenn Kay hört, dass ich da bin, kommt er sofort heraus und holt mich.“

„Warte dort am Gitter auf mich“, sagte die Krähe, wackelte mit dem Kopf und flog davon.

Erst als es spät am Abend war, kehrte die Krähe zurück. „Rar! Rar!“, sagte sie. „Ich soll dich vielmals von ihr grüßen, und hier ist ein kleines Brot für dich; sie hat es aus der Küche genommen, dort gibt es Brot genug, und du bist sicher hungrig. Es ist nicht möglich, dass du ins Schloss hineinkommst, du bist ja barfuß. Die Gardisten in Silber und die Lakaien in Gold würden es nicht erlauben. Aber weine nicht, du sollst schon hinaufkommen. Meine Liebste kennt eine schmale Hintertreppe, die zum Schlafgemach führt, und sie weiß, wo sie den Schlüssel herbekommt.“

Und sie gingen in den Garten hinein, in die große Allee, wo ein Blatt nach dem anderen abfiel. Und als im Schloss die Lichter ausgingen, eines nach dem anderen, führte die Krähe die kleine Gerda zu einer Hintertür, die nur angelehnt war.

Oh, wie Gerdas Herz vor Angst und Sehnsucht pochte! Es war, als wollte sie etwas Böses tun, und sie wollte doch nur wissen, ob es der kleine Kay sei. Ja, er musste es sein. Sie dachte so lebhaft an seine klugen Augen und an sein langes Haar; sie konnte sehen, wie er lächelte, so wie damals, als sie daheim unter den Rosen saßen. Er würde sich sicher freuen, sie zu sehen, zu hören, welch langen Weg sie seinetwegen zurückgelegt hatte, zu erfahren, wie traurig sie alle zu Hause gewesen waren, als er nicht wiederkam. Oh, das war eine Furcht und eine Freude!

Nun waren sie auf der Treppe. Da brannte eine kleine Lampe auf dem Schrank, und mitten auf dem Boden stand die zahme Krähe, drehte den Kopf nach allen Seiten und betrachtete Gerda, die sich verneigte, wie die Großmutter es sie gelehrt hatte.

„Mein Verlobter hat mir so viel Gutes von Ihnen erzählt, mein kleines Fräulein“, sagte die zahme Krähe. „Ihr Lebenslauf, wie man das nennt, ist auch sehr rührend. Wollen Sie die Lampe nehmen, dann gehe ich voran. Wir gehen hier den geraden Weg, da begegnen wir niemandem.“

„Mir ist, als käme jemand hinter uns her“, sagte Gerda. Und es sauste an ihr vorbei wie Schatten an der Wand: Pferde mit fliegenden Mähnen und dünnen Beinen, Jägerburschen, Herren und Damen zu Pferde.

„Das sind nur die Träume“, sagte die Krähe. „Die kommen und holen die Gedanken der hohen Herrschaften zur Jagd ab. Das ist ganz gut so, dann können Sie sie besser im Bett betrachten. Aber ich hoffe, wenn Sie zu Ehren und Würden kommen, werden Sie ein dankbares Herz zeigen.“

„Das versteht sich von selbst“, sagte die Krähe aus dem Wald.

Nun kamen sie in den ersten Saal. Der war aus rosenrotem Atlas mit kunstvollen Blumen an den Wänden hinauf. Hier sausten schon die Träume an ihnen vorbei, aber sie fuhren so schnell, dass Gerda die hohen Herrschaften nicht zu sehen bekam. Ein Saal war immer prächtiger als der andere; man konnte wirklich ganz verdutzt werden. Nun waren sie im Schlafgemach. Hier glich die Decke einer großen Palme mit Blättern aus kostbarem Glas, und mitten auf dem Boden hingen an einem dicken Stiel aus Gold zwei Betten, von denen jedes wie eine Lilie aussah. Das eine war weiß, darin lag die Prinzessin, das andere war rot, und in diesem sollte Gerda den kleinen Kay suchen. Sie bog eines der roten Blätter zur Seite, da sah sie einen braunen Nacken. Oh, das war Kay! Sie rief laut seinen Namen und hielt die Lampe zu ihm hin. Die Träume sausten zu Pferde wieder in die Stube herein. Er erwachte, drehte den Kopf, und es war nicht der kleine Kay.

Der Prinz glich ihm nur im Nacken, aber jung und hübsch war er. Und aus dem weißen Lilienblatt blinzelte die Prinzessin hervor und fragte, wer da sei. Da weinte die kleine Gerda und erzählte ihre ganze Geschichte und alles, was die Krähen für sie getan hatten.

„Du armes Kind“, sagten der Prinz und die Prinzessin. Und sie lobten die Krähen und sagten, sie seien ihnen nicht böse, aber sie sollten das nicht öfter tun. Im Übrigen sollten sie eine Belohnung bekommen.

„Wollt ihr frei fliegen?“, fragte die Prinzessin. „Oder wollt ihr eine feste Anstellung als Hofkrähen haben, mit allem, was in der Küche abfällt?“

Und beide Krähen verneigten sich und baten um die feste Anstellung, denn sie dachten ans Alter und sagten: „Es ist doch schön, etwas für die alten Tage zu haben.“

Und der Prinz stand aus seinem Bett auf und ließ Gerda darin schlafen; mehr konnte er nicht tun. Sie faltete ihre kleinen Hände und dachte: „Wie gut sind doch die Menschen und die Tiere!“ Dann schloss sie die Augen und schlief sanft ein. Alle Träume kamen wieder hereingeflogen, sie sahen aus wie Engel Gottes und zogen einen kleinen Schlitten, auf dem Kay saß und nickte. Aber das Ganze war nur ein Traum, und deshalb war es auch wieder fort, sobald sie erwachte.

Am nächsten Tag wurde sie vom Kopf bis zu den Füßen in Seide und Samt gekleidet. Man bot ihr an, im Schloss zu bleiben und gute Tage zu genießen, aber sie bat nur um einen kleinen Wagen mit einem Pferd und um ein Paar Stiefelchen; dann wollte sie wieder in die weite Welt hinausfahren und Kay suchen.

Und sie bekam Stiefelchen und einen Muff dazu, sie wurde hübsch gekleidet, und als sie fort wollte, hielt vor der Tür eine neue Kutsche aus reinem Gold. Das Wappen des Prinzen und der Prinzessin glänzte daran wie ein Stern. Kutscher, Diener und Vorreiter, denn Vorreiter gab es auch, saßen mit goldenen Kronen auf dem Kopf zu Pferde. Der Prinz und die Prinzessin halfen ihr selbst in den Wagen und wünschten ihr alles Glück. Die Waldkrähe, die inzwischen verheiratet war, begleitete sie die ersten drei Meilen. Sie saß neben ihr, denn sie konnte es nicht vertragen, rückwärts zu fahren. Die andere Krähe stand in der Tür und schlug mit den Flügeln; sie kam nicht mit, denn sie litt an Kopfschmerzen, seit sie eine feste Anstellung und zu viel zu essen hatte. Innen war die Kutsche mit Zuckerbrezeln ausgelegt, und im Sitz lagen Früchte und Pfeffernüsse.

„Lebewohl! Lebewohl!“, riefen der Prinz und die Prinzessin. Und die kleine Gerda weinte, und die Krähe weinte. So ging es die ersten drei Meilen. Da sagte auch die Krähe Lebewohl, und das war der schwerste Abschied. Sie flog auf einen Baum und schlug mit ihren schwarzen Flügeln, solange sie den Wagen noch sehen konnte, der wie heller Sonnenschein glänzte.

Fünfte Geschichte: Das kleine Räubermädchen

Sie fuhren durch den dunklen Wald, aber die Kutsche leuchtete wie eine Fackel. Das stach den Räubern in die Augen, das konnten sie nicht ertragen.

„Das ist Gold! Das ist Gold!“, riefen sie, stürzten hervor, packten die Pferde, schlugen die kleinen Reitknechte, den Kutscher und die Diener tot und zogen dann die kleine Gerda aus dem Wagen.

„Sie ist fett, sie ist niedlich, sie ist mit Nusskernen gemästet“, sagte das alte Räuberweib, das einen langen struppigen Bart hatte und Augenbrauen, die ihr über die Augen herabhingen. „Sie ist so gut wie ein kleines fettes Lamm. Wie die schmecken wird!“ Und dann zog sie ihr blankes Messer heraus, und das glänzte so, dass es zum Fürchten war.

„Au!“, schrie das Weib im selben Augenblick, denn ihre eigene Tochter, die ihr auf dem Rücken hing und so wild und ungezogen war, dass es eine Lust war, hatte sie ins Ohr gebissen. „Du hässlicher Balg!“, sagte die Mutter und kam nicht mehr dazu, Gerda zu schlachten.

„Sie soll mit mir spielen!“, sagte das kleine Räubermädchen. „Sie soll mir ihren Muff geben und ihr hübsches Kleid und bei mir in meinem Bett schlafen!“ Und dann biss sie noch einmal zu, sodass das Räuberweib in die Höhe sprang und sich im Kreis drehte. Und alle Räuber lachten und sagten: „Seht nur, wie sie mit ihrem Kalb tanzt!“

„Ich will in den Wagen hinein“, sagte das kleine Räubermädchen. Sie musste und wollte ihren Willen haben, denn sie war ganz verzogen und sehr eigensinnig. Sie und Gerda setzten sich hinein und fuhren über Stock und Stein tiefer in den Wald hinein. Das kleine Räubermädchen war so groß wie Gerda, aber stärker, breitschultriger und von dunklerer Haut. Ihre Augen waren schwarz und sahen fast traurig aus. Sie fasste die kleine Gerda um den Leib und sagte: „Sie sollen dich nicht schlachten, solange ich dir nicht böse werde. Du bist wohl eine Prinzessin?“

„Nein“, sagte Gerda und erzählte alles, was sie erlebt hatte, und wie sehr sie den kleinen Kay liebhabe.

Das Räubermädchen sah sie ganz ernst an, nickte ein wenig mit dem Kopf und sagte: „Sie sollen dich nicht schlachten, selbst wenn ich dir böse werde. Dann mache ich es schon selbst.“ Und dann trocknete sie Gerda die Augen und steckte ihre beiden Hände in den schönen Muff, der weich und warm war.

Nun hielt die Kutsche. Sie waren mitten auf dem Hof einer Räuberburg, und die war von oben bis unten geborsten. Raben und Krähen flogen aus den offenen Löchern, und die großen Bullenbeißer, von denen jeder aussah, als könnte er einen Menschen verschlingen, sprangen hoch in die Luft. Aber sie bellten nicht, denn das war verboten.

In dem großen, alten, verräucherten Saal brannte mitten auf dem steinernen Boden ein helles Feuer. Der Rauch zog unter der Decke hin und musste sich selbst den Ausweg suchen. Ein großer Kessel mit Suppe kochte, und Hasen und Kaninchen wurden am Spieß gebraten.

„Du sollst heute Nacht bei mir und bei allen meinen kleinen Tieren schlafen“, sagte das Räubermädchen. Sie bekamen zu essen und zu trinken und gingen dann in eine Ecke, wo Stroh und Decken lagen. Oben darüber saßen auf Latten und Stangen mehr als hundert Tauben, die alle zu schlafen schienen, sich aber doch ein wenig drehten, als die beiden kleinen Mädchen kamen.

„Die gehören alle mir“, sagte das kleine Räubermädchen und griff rasch nach einer der nächsten, hielt sie an den Füßen und schüttelte sie, dass sie mit den Flügeln schlug. „Küss sie!“, rief sie und schlug Gerda die Taube ins Gesicht. „Und da sitzen die Waldstrolche“, fuhr sie fort und zeigte hinter eine Reihe von Stäben, die vor einem Loch oben in der Mauer eingeschlagen waren. „Das sind Waldstrolche, die beiden. Die fliegen sofort davon, wenn man sie nicht ordentlich eingesperrt hält. Und hier steht mein alter Liebster, Bä!“ Und sie zog ein Rentier am Geweih hervor, das einen blanken kupfernen Ring um den Hals trug und angebunden war. „Den müssen wir auch kurz halten, sonst springt er uns fort. Jeden Abend kitzele ich ihn mit meinem scharfen Messer am Hals, und davor fürchtet er sich sehr.“ Und das kleine Mädchen zog ein langes Messer aus einer Spalte in der Mauer und ließ es über den Hals des Rentiers gleiten. Das arme Tier schlug mit den Beinen aus, das kleine Räubermädchen lachte und zog dann Gerda mit ins Bett hinein.

„Willst du das Messer behalten, wenn du schläfst?“, fragte Gerda und blickte etwas ängstlich darauf.

„Ich schlafe immer mit dem Messer“, sagte das kleine Räubermädchen. „Man weiß nie, was vorfallen kann. Aber erzähl mir nun noch einmal, was du mir vorhin von dem kleinen Kay erzählt hast und weshalb du in die weite Welt hinausgegangen bist.“

Und Gerda erzählte wieder von vorn, und die Waldtauben gurrten oben im Käfig, aber die anderen Tauben schliefen. Das kleine Räubermädchen legte den Arm um Gerdas Hals, hielt das Messer in der anderen Hand und schlief, dass man es hören konnte. Aber Gerda konnte die Augen überhaupt nicht schließen; sie wusste nicht, ob sie leben oder sterben sollte. Die Räuber saßen rings um das Feuer, sangen und tranken, und das Räuberweib schlug Purzelbäume. Oh, das mit anzusehen war für das kleine Mädchen ganz schrecklich.

Da sagten die Waldtauben: „Kurre! Kurre! Wir haben den kleinen Kay gesehen. Ein weißes Huhn trug seinen Schlitten, und er saß im Wagen der Schneekönigin, der dicht über den Wald hinfuhr, als wir noch im Nest lagen. Sie blies uns junge Tauben an, und außer uns beiden starben alle. Kurre! Kurre!“

„Was sagt ihr da oben?“, rief Gerda. „Wohin reiste die Schneekönigin? Wisst ihr etwas davon?“

„Sie reiste wahrscheinlich nach Lappland, denn dort ist immer Schnee und Eis. Frag das Rentier, das da am Strick angebunden steht.“

„Dort ist Eis und Schnee, dort ist es herrlich und gut“, sagte das Rentier. „Dort springt man frei umher in den großen glänzenden Tälern. Dort hat die Schneekönigin ihr Sommerzelt, aber ihr bestes Schloss liegt weiter oben, zum Nordpol hin, auf der Insel, die Spitzbergen heißt.“

„Oh Kay, kleiner Kay!“, seufzte Gerda.

„Du musst still liegen“, sagte das Räubermädchen, „sonst stoße ich dir das Messer in den Leib.“

Am Morgen erzählte Gerda ihr alles, was die Waldtauben gesagt hatten, und das kleine Räubermädchen sah ganz ernst aus, nickte mit dem Kopf und sagte: „Das ist einerlei, das ist einerlei.“ Und dann fragte sie das Rentier: „Weißt du, wo Lappland ist?“

„Wer könnte es wohl besser wissen als ich?“, sagte das Tier, und die Augen funkelten ihm im Kopf. „Dort bin ich geboren und aufgewachsen, dort bin ich über die Schneefelder gesprungen.“

„Hör zu“, sagte das Räubermädchen zu Gerda. „Du siehst, alle unsere Mannsleute sind fort. Nur die Mutter ist noch da, und die bleibt auch. Aber gegen Mittag trinkt sie aus der großen Flasche und schläft danach ein wenig. Dann werde ich etwas für dich tun.“

Nun sprang sie aus dem Bett, fiel der Mutter um den Hals, zog sie am Bart und sagte: „Mein einziger lieber Ziegenbock, guten Morgen!“ Und die Mutter gab ihr Nasenstüber, dass die Nase rot und blau wurde, und das alles geschah aus lauter Liebe.

Als die Mutter dann aus ihrer Flasche getrunken hatte und darüber einschlief, ging das Räubermädchen zum Rentier und sagte: „Ich hätte noch große Freude daran, dich manches Mal mit dem scharfen Messer zu kitzeln, denn dann bist du so possierlich. Aber es ist einerlei. Ich löse deine Schnur und helfe dir hinaus, damit du nach Lappland laufen kannst. Aber du musst tüchtig laufen und dieses kleine Mädchen zum Schloss der Schneekönigin bringen, wo ihr Spielkamerad ist. Du hast wohl gehört, was sie erzählt hat, denn sie sprach laut genug, und du hast gelauscht.“

Das Rentier sprang vor Freude hoch. Das Räubermädchen hob die kleine Gerda hinauf und war so vorsichtig, sie festzubinden, ja, ihr sogar ihr kleines Kissen als Sitz mitzugeben. „Da hast du auch deine Pelzstiefel“, sagte sie, „denn es wird kalt. Aber den Muff behalte ich, der ist gar zu niedlich. Frieren sollst du deshalb trotzdem nicht. Hier hast du die großen Fausthandschuhe meiner Mutter, die reichen dir bis zu den Ellbogen hinauf. Fahr hinein! Nun siehst du an den Händen genauso aus wie meine hässliche Mutter.“

Und Gerda weinte vor Freude.

„Ich kann es nicht leiden, wenn du flennst“, sagte das kleine Räubermädchen. „Jetzt musst du gerade recht froh aussehen. Und hier hast du zwei Brote und einen Schinken, nun wirst du nicht hungern.“ Beides wurde hinten auf das Rentier gebunden. Das kleine Räubermädchen öffnete die Tür, lockte alle großen Hunde herein, durchschnitt dann den Strick mit dem scharfen Messer und sagte zum Rentier: „Lauf nun! Aber gib mir gut auf das kleine Mädchen acht.“

Und Gerda streckte die Hände mit den großen Fausthandschuhen dem Räubermädchen entgegen und sagte Lebewohl. Dann jagte das Rentier über Stock und Stein davon, durch den großen Wald, über Sümpfe und Steppen, so schnell es nur konnte. Die Wölfe heulten, und die Raben schrien. „Futt! Futt!“, ging es am Himmel. Es war, als sprühte der Himmel Feuer.

„Das sind meine alten Nordlichter“, sagte das Rentier. „Sieh nur, wie sie leuchten!“ Und dann lief es noch schneller weiter, Tag und Nacht. Die Brote wurden aufgegessen, der Schinken auch, und dann waren sie in Lappland.

Sechste Geschichte: Die Lappländerin und die Finnin

Bei einem kleinen Haus hielten sie an. Es war sehr ärmlich: Das Dach hing fast bis auf die Erde herab, und die Tür war so niedrig, dass die Familie kriechen musste, wenn sie hinaus oder hinein wollte. Außer einer alten Lappländerin, die bei einer Tranlampe Fische kochte, war niemand im Haus. Und das Rentier erzählte Gerdas ganze Geschichte, aber zuerst seine eigene, denn die schien ihm weit wichtiger. Und Gerda war von der Kälte so mitgenommen, dass sie nicht sprechen konnte.

„Ach, ihr Armen“, sagte die Lappländerin. „Da habt ihr noch weit zu laufen. Ihr müsst über hundert Meilen weit nach Finnmark hinein, denn dort wohnt die Schneekönigin auf dem Land und brennt jeden Abend bengalisches Feuer ab. Ich werde ein paar Worte auf einen trockenen Stockfisch schreiben, Papier habe ich nicht, und den gebe ich euch für die Finnin dort oben mit. Sie kann euch besser Auskunft geben als ich.“

Und als Gerda aufgewärmt war und zu essen und zu trinken bekommen hatte, schrieb die Lappländerin ein paar Worte auf einen trockenen Stockfisch, bat Gerda, gut darauf aufzupassen, band sie wieder auf dem Rentier fest, und das sprang davon. „Futt! Futt!“, ging es oben in der Luft, und die ganze Nacht brannten die schönsten blauen Nordlichter. Und dann kamen sie nach Finnmark und klopften an den Schornstein der Finnin, denn sie hatte nicht einmal eine Tür.

Drinnen war eine Hitze, dass die Finnin fast nackt ging. Sie war klein und schmutzig. Gleich löste sie die Kleider der kleinen Gerda und zog ihr die Fausthandschuhe und die Stiefel aus, denn sonst wäre es ihr zu heiß geworden, legte dem Rentier ein Stück Eis auf den Kopf und las dann, was auf dem Stockfisch geschrieben stand. Sie las es dreimal, da wusste sie es auswendig, und dann steckte sie den Fisch in den Suppenkessel, denn essen konnte man ihn ja, und sie verschwendete nie etwas.

Nun erzählte das Rentier zuerst seine Geschichte und dann die der kleinen Gerda, und die Finnin blinzelte mit ihren klugen Augen, sagte aber nichts.

„Du bist sehr klug“, sagte das Rentier. „Ich weiß, du kannst alle Winde der Welt mit einem Zwirnsfaden zusammenbinden. Wenn der Schiffer den einen Knoten löst, bekommt er guten Wind; löst er den zweiten, dann weht es scharf; und löst er den dritten und den vierten, dann stürmt es, dass die Wälder umfallen. Willst du dem kleinen Mädchen nicht einen Trank geben, damit sie die Kraft von zwölf Männern bekommt und die Schneekönigin überwindet?“

„Die Kraft von zwölf Männern?“, sagte die Finnin. „Ja, das würde viel helfen.“ Dann ging sie zu einem Bett, holte ein großes zusammengerolltes Fell hervor und rollte es auf. Darauf standen wunderbare Buchstaben geschrieben, und die Finnin las, dass ihr das Wasser von der Stirn herunterlief.

Aber das Rentier bat wieder so sehr für die kleine Gerda, und Gerda sah die Finnin mit so bittenden Augen voller Tränen an, dass sie wieder mit den ihren zu blinzeln anfing und das Rentier in eine Ecke zog, wo sie ihm zuflüsterte, während es frisches Eis auf den Kopf bekam:

„Der kleine Kay ist wirklich bei der Schneekönigin, und er findet dort alles nach seinem Geschmack und Gefallen und glaubt, es sei der beste Ort auf der Welt. Aber das kommt daher, dass ihm ein Glassplitter ins Herz und ein kleines Glaskörnchen ins Auge geraten ist. Die müssen erst heraus, sonst wird er nie wieder ein Mensch, und die Schneekönigin wird die Macht über ihn behalten.“

„Aber kannst du der kleinen Gerda nicht etwas eingeben, damit sie Macht über das Ganze bekommt?“

„Ich kann ihr keine größere Macht geben, als sie schon hat. Siehst du nicht, wie groß die ist? Siehst du nicht, wie Menschen und Tiere ihr dienen müssen, wie sie mit nackten Füßen so weit in der Welt gekommen ist? Sie kann ihre Macht nicht von uns bekommen, die hat sie in ihrem Herzen, und sie besteht darin, dass sie ein liebes, unschuldiges Kind ist. Kann sie nicht selbst zur Schneekönigin hineingelangen und das Glas aus dem kleinen Kay herausholen, dann können wir nicht helfen. Zwei Meilen von hier beginnt der Garten der Schneekönigin. Dorthin kannst du das kleine Mädchen tragen. Setz sie bei dem großen Busch ab, der mit roten Beeren im Schnee steht, und halte keinen Schwatz, sondern beeil dich, hierher zurückzukommen.“

Und dann hob die Finnin die kleine Gerda auf das Rentier, und das lief, was es konnte.

„Oh, ich habe meine Stiefel nicht! Ich habe meine Fausthandschuhe nicht!“, rief die kleine Gerda. Das merkte sie in der schneidenden Kälte. Aber das Rentier wagte nicht anzuhalten; es lief, bis es zu dem Busch mit den roten Beeren kam. Dort setzte es Gerda ab und küsste sie auf den Mund, und große, blanke Tränen liefen dem Tier über die Wangen. Und dann lief es, was es nur konnte, wieder zurück. Da stand die arme Gerda, ohne Schuhe, ohne Handschuhe, mitten in dem fürchterlichen, eiskalten Finnmark.

Sie lief vorwärts, so schnell sie nur konnte. Da kam ein ganzes Regiment Schneeflocken. Aber die fielen nicht vom Himmel herab, der war hell und glänzte von Nordlichtern. Die Schneeflocken liefen geradewegs auf der Erde entlang, und je näher sie kamen, desto größer wurden sie. Gerda erinnerte sich noch, wie groß und kunstvoll die Schneeflocken ausgesehen hatten, als sie sie damals durch das Brennglas betrachtete. Aber hier waren sie freilich noch viel größer und fürchterlicher; sie lebten, sie waren die Vorposten der Schneekönigin, und sie hatten die sonderbarsten Gestalten. Einige sahen aus wie hässliche große Stachelschweine, andere wie Knoten aus lauter Schlangen, die die Köpfe hervorstreckten, wieder andere wie kleine dicke Bären, denen sich das Fell sträubte. Alle waren glänzend weiß, alle waren lebendige Schneeflocken.

Da betete die kleine Gerda ihr Vaterunser. Die Kälte war so groß, dass sie ihren eigenen Atem sehen konnte; er ging ihr wie Rauch aus dem Mund. Der Atem wurde dichter und dichter und formte sich zu kleinen Engeln, die immer größer wurden, wenn sie die Erde berührten. Alle hatten Helme auf dem Kopf und Spieße und Schilde in den Händen. Ihre Zahl wurde größer und größer, und als Gerda ihr Vaterunser beendet hatte, war eine ganze Legion um sie her. Sie stachen mit ihren Spießen nach den grässlichen Schneeflocken, sodass die in hundert Stücke zersprangen, und die kleine Gerda ging sicher und frohen Mutes weiter. Die Engel streichelten ihre Hände und ihre Füße, da spürte sie weniger, wie kalt es war, und eilte zum Schloss der Schneekönigin.

Aber nun müssen wir doch erst sehen, wie es Kay geht. Er dachte freilich nicht an die kleine Gerda, und am allerwenigsten daran, dass sie draußen vor dem Schloss stand.

Siebte Geschichte: Vom Schloss der Schneekönigin und davon, was sich später darin zutrug

Die Wände des Schlosses waren aus treibendem Schnee gebildet und die Fenster und Türen aus den schneidenden Winden. Über hundert Säle waren darin, alle so, wie der Schnee sie zusammengeweht hatte, und der größte erstreckte sich mehrere Meilen weit. Das starke Nordlicht beleuchtete sie alle, und wie groß und leer, wie eisig kalt und glänzend waren sie! Nie gab es hier ein Vergnügen, nicht einmal einen kleinen Bärenball, zu dem der Sturm hätte aufspielen und bei dem die Eisbären auf den Hinterbeinen hätten gehen und ihre feinen Manieren zeigen können; nie eine kleine Spielgesellschaft mit Maulklapp und Tatzenschlag; nie einen kleinen Kaffeeklatsch der weißen Fuchsfräulein. Leer, groß und kalt war es in den Sälen der Schneekönigin. Die Nordlichter flammten so genau, dass man zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren, unendlichen Schneesaal lag ein zugefrorener See, der war in tausend Stücke zersprungen, aber jedes Stück glich dem anderen so genau, dass es ein vollkommenes Kunstwerk war. Und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war. Dann sagte sie, sie sitze im Spiegel des Verstandes, und der sei der einzige und der beste auf der Welt.

Der kleine Kay war blau vor Kälte, ja, fast schwarz, aber er merkte es nicht, denn sie hatte ihm den Frostschauer weggeküsst, und sein Herz war ein Klumpen Eis. Er schleppte ein paar scharfe, flache Eisstücke hin und her, die er auf alle möglichen Arten aneinanderlegte, denn er wollte etwas damit herausbringen. Es war wie bei uns, wenn wir kleine Holztäfelchen haben und daraus Figuren legen; man nennt das das chinesische Spiel. Auch Kay legte Figuren, und zwar die kunstvollsten. Das war das Eisspiel des Verstandes. In seinen Augen waren diese Figuren ausgezeichnet und von der höchsten Wichtigkeit, und das machte das Glaskörnchen, das ihm im Auge saß. Er legte ganze Figuren, die ein geschriebenes Wort ergaben, aber nie brachte er es fertig, das eine Wort zu legen, das er haben wollte: das Wort Ewigkeit. Die Schneekönigin hatte gesagt: „Wenn du diese Figur herausfindest, dann sollst du dein eigener Herr sein, und ich schenke dir die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe.“ Aber er konnte es nicht.

„Nun sause ich fort in die warmen Länder“, sagte die Schneekönigin. „Ich will hinfahren und in die schwarzen Töpfe hineinsehen.“ Das waren die feuerspeienden Berge, der Ätna und der Vesuv. „Ich werde sie ein wenig weiß machen. Das gehört dazu, das tut den Zitronen und den Weintrauben gut.“ Und die Schneekönigin flog davon, und Kay saß allein in dem viele Meilen großen, leeren Eissaal, betrachtete die Eisstücke und dachte und dachte, dass es in ihm knackte. Steif und still saß er da; man hätte glauben können, er sei erfroren.

Da geschah es, dass die kleine Gerda durch das große Tor in das Schloss trat. Hier herrschten schneidende Winde, aber die legten sich, als wollten sie schlafen. Und sie trat in die großen, leeren, kalten Säle hinein, und da erblickte sie Kay. Sie erkannte ihn, flog ihm um den Hals, hielt ihn ganz fest und rief: „Kay! Lieber kleiner Kay! Da habe ich dich endlich gefunden!“

Aber er saß still, steif und kalt da. Da weinte die kleine Gerda heiße Tränen, die fielen auf seine Brust, sie drangen ihm ins Herz, sie tauten den Eisklumpen auf und zehrten das kleine Spiegelstück darin auf. Er sah sie an, und sie sang:

Die Rosen blühen und verwehen,  
wir werden das Christkind sehen.

Da brach Kay in Tränen aus. Er weinte so sehr, dass ihm das Spiegelkörnchen aus dem Auge schwamm. Nun erkannte er sie und jubelte: „Gerda! Liebe kleine Gerda! Wo bist du nur so lange gewesen? Und wo bin ich gewesen?“ Und er sah sich rings um. „Wie kalt ist es hier! Wie weit und leer ist es hier!“ Und er klammerte sich an Gerda, und sie lachte und weinte vor Freude. Das war so herrlich, dass sogar die Eisstücke ringsumher vor Freude tanzten, und als sie müde waren und sich hinlegten, lagen sie genau in den Buchstaben, von denen die Schneekönigin gesagt hatte, er solle sie herausfinden, dann sei er sein eigener Herr, und sie wolle ihm die ganze Welt schenken und ein Paar neue Schlittschuhe.

Und Gerda küsste seine Wangen, und die wurden blühend; sie küsste seine Augen, und die leuchteten wie ihre eigenen; sie küsste seine Hände und seine Füße, und er war gesund und munter. Die Schneekönigin mochte nun ruhig nach Hause kommen: Sein Freibrief stand da, geschrieben mit glänzenden Eisstücken.

Und sie fassten einander bei den Händen und wanderten aus dem großen Schloss hinaus. Sie sprachen von der Großmutter und von den Rosen oben auf dem Dach, und wo sie gingen, legten sich die Winde, und die Sonne brach hervor. Und als sie den Busch mit den roten Beeren erreichten, stand das Rentier da und wartete. Es hatte noch ein anderes, junges Rentier mitgebracht, dessen Euter voll war, und das gab den Kindern seine warme Milch und küsste sie auf den Mund. Dann trugen sie Kay und Gerda zuerst zur Finnin, wo sie sich in der heißen Stube aufwärmten und Auskunft über die Heimreise bekamen, und dann zur Lappländerin, die ihnen neue Kleider genäht und ihren Schlitten instand gesetzt hatte.

Das Rentier und das junge Tier sprangen nebenher und begleiteten sie bis zur Grenze des Landes. Dort sprosste das erste Grün hervor, und da nahmen sie Abschied von den Rentieren und von der Lappländerin. „Lebt wohl!“, sagten alle. Und die ersten kleinen Vögel begannen zu zwitschern, der Wald hatte grüne Knospen, und aus ihm kam auf einem prächtigen Pferd, das Gerda kannte, denn es war vor die goldene Kutsche gespannt gewesen, ein junges Mädchen geritten, mit einer glänzend roten Mütze auf dem Kopf und mit Pistolen im Halfter. Das war das kleine Räubermädchen, das es satthatte, zu Hause zu sein, und das nun erst nach Norden wollte und später, wenn ihr das nicht zusagte, in eine andere Gegend der Welt. Sie erkannte Gerda sofort, und Gerda erkannte sie auch, und das war eine Freude.

„Du bist mir ein schöner Kerl, so herumzustreifen!“, sagte sie zu dem kleinen Kay. „Ich möchte wissen, ob du es verdienst, dass jemand deinetwegen bis ans Ende der Welt läuft.“

Aber Gerda klopfte ihm auf die Wangen und fragte nach dem Prinzen und der Prinzessin.

„Die sind in fremde Länder gereist“, sagte das Räubermädchen.

„Aber die Krähe?“, fragte Gerda.

„Ja, die Krähe ist tot“, erwiderte sie. „Die zahme Liebste ist Witwe geworden und trägt ein Endchen schwarzes Wollgarn um das Bein. Sie klagt ganz jämmerlich, aber das ist alles nur Geschwätz. Doch nun erzähl mir, wie es dir ergangen ist und wie du ihn erwischt hast.“

Und Gerda und Kay erzählten.

„Schnipp, schnapp, schnurre, purre, basselurre!“, sagte das Räubermädchen, nahm die beiden bei den Händen und versprach, wenn sie je durch ihre Stadt kommen sollte, dann wolle sie hinaufkommen und sie besuchen. Und damit ritt sie in die weite Welt hinein.

Aber Gerda und Kay gingen Hand in Hand, und wo sie gingen, war herrlicher Frühling mit Blumen und Grün. Die Kirchenglocken läuteten, und sie erkannten die hohen Türme und die große Stadt: Es war die, in der sie wohnten. Und sie gingen hinein und hin zur Tür der Großmutter, die Treppe hinauf und in die Stube, wo alles noch an derselben Stelle stand wie früher, und die Uhr ging: tick, tack, und die Zeiger drehten sich. Aber als sie durch die Tür traten, merkten sie, dass sie erwachsene Menschen geworden waren. Die Rosen aus der Dachrinne blühten zum offenen Fenster herein, und da standen die kleinen Kinderstühle, und Kay und Gerda setzten sich darauf und hielten einander bei den Händen. Die kalte, leere Herrlichkeit bei der Schneekönigin hatten sie vergessen wie einen schweren Traum. Die Großmutter saß in Gottes hellem Sonnenschein und las laut aus der Bibel: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr das Reich Gottes nicht sehen.“

Und Kay und Gerda sahen einander in die Augen und verstanden auf einmal das alte Lied:

Die Rosen blühen und verwehen,  
wir werden das Christkind sehen.

Da saßen sie beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen. Und es war Sommer, warmer, wohltuender Sommer.

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- Source: Sämmtliche Märchen — einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe (Hartknoch, Leipzig) (https://www.projekt-gutenberg.org/andersen/saemmaer/saemmaer.html)
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