# Die Schneekönigin

_Hans Christian Andersen_ · 15 min read · ages 6-10

Ein Splitter aus einem Zauberspiegel macht Kays Herz kalt, und die Schneekönigin entführt ihn in ihrem Schlitten in den ewigen Winter. Gerda sucht ihn bis ans Ende der Welt, weint ihm das Eis aus dem Herzen und geht mit ihm heim, wo die Rosen zum offenen Fenster hereinblühen.

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Es fängt mit einem Spiegel an. Ein böser Kobold hatte ihn gemacht, und darin schrumpfte alles Gute zu fast nichts zusammen, während alles Schlechte hervortrat und schlimmer wurde. Zuletzt wollte er damit zum Himmel hinauf, doch das Glas zitterte vor Hohn, glitt ihm aus den Händen und zersprang in Millionen Stücke.

Manche Splitter waren kaum so groß wie ein Sandkorn und flogen in die Welt. Wem so ein Körnchen ins Auge kam, der hatte nur noch Augen für das Schlechte, und wem ein Splitter ins Herz geriet, dessen Herz wurde kalt wie Eis. Merkt euch das gut.

In einer großen Stadt, wo nicht für jeden ein Gärtchen bleibt, wohnten zwei arme Kinder, Kay und Gerda. Sie waren nicht Bruder und Schwester, aber sie hatten einander so lieb, als wären sie es. Sie wohnten sich gegenüber, oben unter den Dächern, und über die Regenrinne dazwischen bogen sich die Zweige ihrer Rosenstöcke wie ein Tor, unter dem sie spielten. Im Winter froren die Scheiben zu, und draußen stob der Schnee.

„Das sind die weißen Bienen, die schwärmen“, sagte die alte Großmutter.

„Haben sie auch eine Königin?“, fragte Kay.

„Die haben sie. Manche Mitternacht sieht sie zu den Fenstern herein, und dann frieren die zu und sehen aus wie Blumen.“

„Kann die Schneekönigin hier hereinkommen?“, fragte Gerda.

„Lass sie nur kommen“, sagte Kay. „Dann setze ich sie auf den warmen Ofen, und sie schmilzt.“

Am Abend sah Kay durch die gefrorene Scheibe hinaus. Die größte der Flocken blieb auf dem Blumenkasten liegen, wuchs und wurde zu einer Frau in weißem Schleier, ganz aus Eis und doch lebendig. Ihre Augen blitzten wie zwei Sterne, aber ohne alle Ruhe. Sie nickte und winkte, und Kay sprang erschrocken vom Stuhl.

Dann kam der Frühling, und im Sommer saßen die Kinder wieder oben bei ihren Rosen. Gerda hatte ein Lied gelernt, in dem von Rosen die Rede war; sie sang es Kay vor, und er sang mit:

Die Rosen blühen und verwehen,  
wir werden das Christkind sehen.

Eines Tages, gerade als die Uhr fünf schlug, fuhr Kay zusammen.

„Au! Es hat mich ins Herz gestochen, und mir ist etwas ins Auge geflogen!“

Gerda fand nichts, und er meinte, es sei schon wieder weg. Weg war es aber nicht: zwei Körner aus dem Zauberspiegel, eines im Auge und eines im Herzen.

„Warum weinst du?“, fragte er. „So siehst du hässlich aus. Und sieh nur, die Rose da hat einen Wurmstich, und die andere ist ganz schief. Im Grunde sind es hässliche Rosen.“

Er riss zwei Rosen ab, und als er Gerdas Schrecken sah, riss er noch eine ab und sprang in sein Fenster hinein. Von nun an machte ihn das Glas in seinem Herzen spöttisch, und er neckte sogar die kleine Gerda, die ihn von ganzem Herzen liebhatte.

An einem Wintertag lief er mit seinem Schlitten auf den großen Platz, wo die Jungen sich an die Bauernwagen hängten. Da kam ein weiß gestrichener Schlitten, und darin saß jemand in weißem Pelz und weißer Mütze. Kay band den seinen rasch daran fest. Es ging schneller und schneller, zum Stadttor hinaus, und jedes Mal, wenn er losbinden wollte, nickte ihm der Fremde zu.

Dann schneite es so dicht, dass er die Hand vor Augen nicht sah. Er ließ die Schnur fahren, doch der Schlitten hing fest und flog mit dem Wind dahin; und beten wollte er, doch ihm fiel nur das Einmaleins ein.

Die Flocken sahen aus wie weiße Hühner. Auf einmal hielt der Schlitten, und wer ihn gefahren hatte, stand auf: eine Frau, hoch und schlank und glänzend weiß. Es war die Schneekönigin.

„Wir sind gut gefahren“, sagte sie. „Aber du frierst ja. Kriech in meinen Pelz.“

Sie schlug den Pelz um ihn und küsste ihn auf die Stirn. Der Kuss war kälter als Eis und ging ihm mitten ins Herz, das ja schon halb zu Eis war. Erst war ihm, als müsste er vergehen, dann tat es ihm wohl. Sie küsste ihn noch einmal, und da hatte er Gerda und die Großmutter und alle daheim vergessen.

„Nun bekommst du keine Küsse mehr“, sagte sie, „sonst küsse ich dich zu Tode.“

Sie flog mit ihm hinauf auf die schwarze Wolke, über Wälder und Meer, die lange Winternacht hindurch.

Wie aber erging es der kleinen Gerda? Niemand wusste, wohin Kay gefahren war; sie weinte lange und sagte zuletzt, er sei im Fluss ertrunken. Dann kam der Frühling.

„Kay ist tot und fort“, sagte Gerda zum Sonnenschein.

„Das glaube ich nicht“, sagte der Sonnenschein.

„Er ist tot und fort“, sagte sie zu den Schwalben.

„Das glauben wir nicht“, sagten die Schwalben. Und am Ende glaubte Gerda es auch nicht mehr.

Eines Morgens zog sie ihre neuen roten Schuhe an, die Kay nie gesehen hatte, und ging allein zum Fluss. „Ich schenke dir meine roten Schuhe“, sagte sie, „wenn du mir meinen Spielkameraden wiedergibst.“

Sie warf die Schuhe hinein, doch die Wellen trugen sie ihr zurück. Da kroch sie in ein Boot im Schilf, um sie weiter hinauszuwerfen. Aber das Boot war nicht festgebunden; es glitt vom Ufer und trieb davon, und nur die Sperlinge riefen ihr nach: „Hier sind wir, hier sind wir!“

Endlich kam sie an einen Kirschgarten mit einem Haus, dessen Fensterscheiben rot und blau waren. Eine alte Frau kam heraus, gestützt auf einen Krückstock und mit einem Sonnenhut, auf den die schönsten Blumen gemalt waren, und zog das Boot ans Land.

Drinnen kämmte die Alte ihr das Haar mit einem goldenen Kamm. Sie konnte nämlich zaubern, doch böse war sie nicht; sie wollte das Kind nur gern behalten, und je länger sie kämmte, desto mehr vergaß Gerda ihren Kay. Damit die Rosen sie nicht an ihn erinnerten, streckte die Alte draußen im Garten den Krückstock nach ihnen aus, bis sie in die schwarze Erde hinabsanken.

So spielte Gerda Tag um Tag in einem Garten, in dem alle Blumen zugleich blühten, und doch fehlte ihr eine. Da sah sie auf dem Sonnenhut eine gemalte Rose, die die Alte vergessen hatte.

„Sind denn hier keine Rosen?“, rief sie und suchte zwischen allen Beeten, doch es war keine zu finden. Da weinte sie, und ihre Tränen fielen auf die Stelle, wo ein Rosenstrauch versunken war. Als sie die Erde trafen, schoss er empor, so blühend wie zuvor.

„Wisst ihr, wo Kay ist?“, fragte Gerda. „Glaubt ihr, dass er tot ist?“

„Tot ist er nicht“, antworteten die Rosen. „Wir sind unten in der Erde gewesen, dort sind alle Toten, und Kay war nicht dabei.“

Die anderen Blumen träumten nur ihr eigenes Märchen und wussten nichts von ihm. Da lief Gerda ans Ende des Gartens, drückte auf die verrostete Klinke, bis sie abbrach, und sprang mit bloßen Füßen hinaus in die weite Welt. Der Sommer war vorbei, es war Spätherbst geworden.

Als sie sich müde auf einen Stein setzte, hüpfte eine große Krähe heran. „Krah! Krah! Gu’n Tag!“, sagte sie und fragte, wohin das kleine Mädchen so allein gehe. Gerda erzählte ihr alles und fragte nach Kay.

„Das könnte sein“, sagte die Krähe bedächtig. „Aber dann hat er dich sicher über der Prinzessin vergessen.“ Und sie erzählte von der klugen Prinzessin, die nur einen heiraten wollte, der antworten kann, wenn man mit ihm spricht. Viele kamen, doch vor dem Thron brachte keiner ein Wort heraus, nur am dritten Tag kam ein kleiner Kerl in ärmlichen Kleidern fröhlich hereinmarschiert, und seine Stiefel knarrten gewaltig.

„Das war Kay!“, jubelte Gerda. „Ich habe seine neuen Stiefel in der Stube der Großmutter knarren hören. Ach, bring mich ins Schloss!“

Die Krähe hatte eine zahme Liebste, die frei im Schloss umherlief und eine schmale Hintertreppe zum Schlafgemach kannte; am Abend führten die beiden Vögel Gerda hinauf. In der Schlafkammer hingen zwei Betten wie Lilien an goldenem Stängel, ein weißes und ein rotes. Gerda bog das rote Blatt zur Seite und rief laut Kays Namen. Der Schläfer drehte den Kopf, und es war nicht der kleine Kay.

Sie weinte und erzählte ihre Geschichte, und der Prinz und die Prinzessin belohnten die beiden Krähen und boten ihr an zu bleiben. Sie aber bat nur um Stiefel und einen Wagen, um Kay weiter zu suchen, und bekam einen Muff dazu und eine goldene Kutsche.

Sie fuhr durch einen dunklen Wald, und die Kutsche leuchtete wie eine Fackel. „Das ist Gold!“, riefen die Räuber, hielten die Pferde an, jagten Kutscher und Diener davon und zogen Gerda aus dem Wagen. Das alte Räuberweib zog ihr blankes Messer heraus, dass es Gerda kalt den Rücken hinunterlief. Da schrie die Alte auf, denn ihre eigene Tochter hatte ihr ins Ohr gebissen.

„Sie soll mit mir spielen!“, rief das kleine Räubermädchen. „Sie soll mir ihren Muff geben und bei mir im Bett schlafen!“ Und dabei blieb es.

Das Räubermädchen fasste Gerda um den Leib und sagte: „Sie sollen dir nichts tun, solange ich dir nicht böse bin.“ Und als Gerda ihr erzählt hatte, wie lieb sie den kleinen Kay habe, nickte sie ernst und sagte: „Sie sollen dir nichts tun, auch wenn ich dir böse werde.“

In der Räuberburg saßen über hundert Tauben auf Stangen, an einem Strick stand ein Rentier. Gerda konnte in dieser Nacht die Augen nicht schließen. Da sagten die Waldtauben oben im Käfig: „Kurre! Kurre! Wir haben den kleinen Kay gesehen. Ein weißes Huhn trug seinen Schlitten, und er saß im Wagen der Schneekönigin, der dicht über den Wald hinfuhr. Kurre! Kurre!“

„Wohin reiste sie?“, rief Gerda.

„Nach Lappland, denn dort ist immer Schnee und Eis.“

„Dort bin ich geboren“, sagte das Rentier. „Dort hat die Schneekönigin ihr Sommerzelt, aber ihr bestes Schloss steht oben am Nordpol.“

Als die alte Räuberin am Mittag schlief, löste das Räubermädchen dem Rentier den Strick, hob Gerda hinauf und band sie fest. „Lauf nach Lappland und bring dieses kleine Mädchen zum Schloss der Schneekönigin, wo ihr Spielkamerad ist“, sagte sie. „Hier hast du deine Pelzstiefel wieder, Gerda. Den Muff behalte ich, der ist zu niedlich, aber frieren sollst du nicht: Hier sind die großen Fausthandschuhe meiner Mutter. Lauf nun, mein Rentier! Und gib gut auf das kleine Mädchen acht!“

Das Rentier jagte durch Wald und Sumpf, Tag und Nacht. Die Wölfe heulten, und oben am Himmel ging es fut, fut. „Das sind meine alten Nordlichter“, sagte es und lief noch schneller, bis sie in Lappland waren.

Dort schrieb ihnen eine alte Lappländerin ein paar Worte auf einen trockenen Stockfisch, denn Papier hatte sie nicht. „Ihr habt noch weit zu laufen“, sagte sie, „hundert Meilen nach Finnmark hinein. Gebt den Fisch der Finnin dort oben.“

Bei der Finnin war es so heiß, dass sie Gerda gleich Stiefel und Handschuhe auszog. Sie las den Stockfisch dreimal und tat ihn dann in den Suppenkessel.

„Du bist so klug“, sagte das Rentier. „Gib dem kleinen Mädchen einen Trank mit der Kraft von zwölf Männern, damit sie die Schneekönigin überwindet.“

„Der kleine Kay ist wirklich bei ihr“, sagte die Finnin leise, „und es gefällt ihm dort, weil er einen Splitter im Herzen hat und ein Glaskörnchen im Auge. Die müssen erst heraus, sonst wird er nie wieder ein Mensch. Mehr Macht, als Gerda schon hat, kann ich ihr nicht geben. Siehst du nicht, wie weit sie auf bloßen Füßen gekommen ist? Ihre Macht sitzt in ihrem Herzen, und sie besteht darin, dass sie ein liebes, unschuldiges Kind ist. Holt sie das Glas nicht selbst heraus, können wir nicht helfen. Setz sie bei dem Busch mit den roten Beeren ab.“

„Ach, meine Stiefel! Meine Fausthandschuhe!“, rief Gerda, als die Kälte sie packte, aber das Rentier wagte nicht zu halten. Bei dem Busch setzte es sie ab und küsste sie auf den Mund, und große Tränen liefen ihm über die Backen. Dann lief es zurück, und Gerda stand ohne Schuhe und Handschuhe im eiskalten Finnmark.

Sie lief weiter, so schnell sie konnte. Da kam ihr ein Regiment Schneeflocken entgegen, die nicht vom Himmel fielen, sondern dicht über die Erde liefen und immer größer wurden: die Vorposten der Schneekönigin.

Da betete die kleine Gerda ihr Vaterunser. Ihr Atem stieg wie Rauch aus dem Mund und formte sich zu kleinen Engeln mit Helm, Schild und Speer. Als sie fertig gebetet hatte, stand eine ganze Schar um sie her und stieß nach den Flocken, dass sie zersprangen. So ging Gerda frohen Mutes weiter.

Die Wände des Schlosses waren aus Schneewehen, die Fenster und Türen aus schneidenden Winden, und über hundert Säle lagen darin, leer und eisig. Mitten im größten lag ein zugefrorener See, in tausend gleiche Stücke gesprungen; dort saß die Schneekönigin und sagte, sie sitze im Spiegel des Verstandes.

Der kleine Kay war blau vor Kälte, aber er merkte es nicht, denn sein Herz war ein Klumpen Eis. Er schob scharfe Eisstücke zu Figuren zusammen, und das war in seinen Augen die wichtigste Arbeit der Welt. Aber das eine Wort, das er legen wollte, brachte er nie zustande: Ewigkeit.

„Kannst du diese Figur legen“, hatte die Schneekönigin gesagt, „dann bist du dein eigener Herr, und ich schenke dir die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe.“ Aber er konnte es nicht.

„Nun sause ich fort in die warmen Länder“, sagte sie eines Tages und flog davon. Kay saß allein im meilenweiten Eissaal, steif und still, als wäre er erfroren.

Da trat die kleine Gerda durch das große Tor, ging durch die leeren Säle, bis sie ihn erblickte, flog ihm um den Hals und rief: „Kay! Lieber kleiner Kay! Da habe ich dich endlich gefunden!“

Aber er saß still und steif und kalt. Da weinte Gerda heiße Tränen; sie fielen auf seine Brust, drangen ihm ins Herz, tauten den Eisklumpen auf und verzehrten den Splitter darin. Er sah sie an, und sie sang:

Die Rosen blühen und verwehen,  
wir werden das Christkind sehen.

Da brach Kay in Tränen aus. Er weinte so, dass ihm das Glaskörnchen aus dem Auge schwamm; nun erkannte er sie und jubelte: „Gerda! Liebe kleine Gerda! Wo bist du so lange gewesen? Und wo bin ich gewesen?“

Sie lachte und weinte vor Freude, und sogar die Eisstücke fingen an zu tanzen. Als sie müde wurden, legten sie sich in die Buchstaben des Wortes, das Kay hatte legen sollen: Nun war er sein eigener Herr. Gerda küsste ihm die Wangen, und sie wurden rot; sie küsste ihm die Augen, und sie leuchteten wie ihre eigenen.

Sie fassten einander bei den Händen und wanderten aus dem Schloss, und wo sie gingen, legten sich die Winde und brach die Sonne hervor. Bei dem Busch mit den roten Beeren wartete das Rentier und brachte sie zur Finnin und zur Lappländerin, die ihnen neue Kleider genäht hatte.

An der Grenze, wo das erste Grün hervorspross, nahmen sie Abschied. Aus dem Wald kam auf dem Pferd der goldenen Kutsche das kleine Räubermädchen geritten, mit leuchtend roter Mütze; zu Hause war es ihr zu langweilig geworden.

„Du bist mir ein schöner Herumtreiber“, sagte sie zu Kay. „Ich möchte wissen, ob du es verdienst, dass jemand deinetwegen bis ans Ende der Welt läuft.“

„Und der Prinz und die Prinzessin?“, fragte Gerda.

„Die sind in fremde Länder gereist“, sagte das Räubermädchen. „Und die Waldkrähe lebt nicht mehr; die zahme ist Witwe geworden und trägt ein Endchen schwarze Wolle um das Bein. Aber nun erzählt mir, wie es euch ergangen ist.“

Gerda und Kay erzählten alles. „Schnipp, schnapp, schnurre, purre, basselurre!“, sagte das Räubermädchen, drückte den beiden die Hände und ritt hinaus in die weite Welt.

Kay und Gerda gingen Hand in Hand, und wo sie gingen, war herrlicher Frühling. Die Kirchenglocken läuteten, sie erkannten die Türme ihrer Stadt, stiegen die Treppe hinauf und traten in die Stube der Großmutter, wo die Uhr tick, tack machte. Aber in der Tür merkten sie, dass sie erwachsen geworden waren.

Die Rosen aus der Regenrinne blühten zum offenen Fenster herein. Die beiden setzten sich auf ihre kleinen Kinderstühle und hielten einander bei den Händen; die kalte Pracht der Schneekönigin hatten sie vergessen wie einen schweren Traum. Die Großmutter saß im hellen Sonnenschein und las laut aus der Bibel: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr das Reich Gottes nicht sehen.“

Da sahen sie einander in die Augen und verstanden auf einmal das alte Lied:

Die Rosen blühen und verwehen,  
wir werden das Christkind sehen.

So saßen sie beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen. Und es war Sommer, warmer, wohltuender Sommer.

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