# Hans mein Igel

_Brüder Grimm_ · 6 min read · ages 6-10

Hans mein Igel, oben Igel und unten Junge, reitet auf einem Hahn und zeigt zwei verirrten Königen den Weg, wenn sie ihm versprechen, was ihnen daheim zuerst begegnet. Die Tochter des ehrlichen Königs heiratet ihn, seine Igelhaut wird verbrannt, Hans bekommt das Reich, und sein Vater geht mit ihm in sein Königreich.

---

Es war einmal ein reicher Bauer, dem fehlte zu seinem Glück nur eines: Er und seine Frau hatten keine Kinder.

Die anderen Bauern spotteten oft darüber. Eines Tages wurde er so zornig, dass er zu Hause rief: „Ich will ein Kind haben, und wenn es ein Igel ist!“

Bald darauf bekam seine Frau einen Sohn, der war oben ein Igel und unten ein Junge. Die Mutter erschrak und sagte: „Siehst du, das hat dein böser Wunsch angerichtet.“

Getauft wurde der Junge trotzdem, auf den Namen Hans mein Igel. Mit seinen Stacheln konnte er in kein richtiges Bett und auch nicht bei der Mutter trinken. So lag er acht Jahre auf ein wenig Stroh hinter dem Ofen. Der Vater hatte ihn satt und dachte, wenn er doch nur stürbe. Aber Hans mein Igel starb nicht.

Einmal ging der Bauer auf den Markt und fragte jeden im Haus nach einem Wunsch, zuletzt auch seinen Sohn: „Hans mein Igel, was möchtest du denn haben?“

„Vater, bring mir doch einen Dudelsack mit.“

Kaum hatte Hans mein Igel den Dudelsack, sagte er: „Vater, lass mir in der Schmiede meinen Hahn beschlagen. Dann reite ich fort und komme nie mehr wieder.“

Froh, den Jungen loszuwerden, ließ der Vater den Hahn beschlagen. Hans mein Igel ritt darauf davon und nahm Schweine und Esel mit, um sie im Wald zu hüten.

Im Wald flog der Hahn mit ihm auf einen hohen Baum. Dort saß Hans mein Igel viele Jahre, hütete seine wachsende Herde und blies den Dudelsack. Die Musik war sehr schön.

Einmal verirrte sich ein König in diesem Wald. Er hörte die Musik und schickte seinen Diener los. Der sah nur einen Hahn hoch im Baum, darauf saß ein Igel und spielte.

Hans mein Igel stieg herunter und sagte, er zeige dem König den Weg nach Hause, wenn dieser ihm schriftlich verspreche, was ihm daheim am Hof als Erstes begegne.

„Das kann ich leicht tun“, dachte der König. „Lesen kann der ja doch nicht.“ Er nahm Feder und Tinte und schrieb heimlich, Hans mein Igel solle es nicht bekommen. Dann ließ er sich den Weg zeigen und kam glücklich heim.

Als Erste lief ihm seine Tochter entgegen. Der König erzählte ihr von dem seltsamen Tier auf dem Hahn und von seiner List.

„Das ist gut“, sagte die Prinzessin. „Ich wäre sowieso niemals mitgegangen.“

Bald darauf verirrte sich ein zweiter König im großen Wald. Auch er hörte die schöne Musik und schickte einen Läufer hin.

Der Läufer fand Hans mein Igel im Baum und fragte ihn, was er dort oben mache.

„Ich hüte meine Esel und Schweine“, sagte Hans mein Igel oben im Baum. „Was wollt ihr?“

Sie hätten sich verirrt, sagte der Läufer. Da stieg Hans mein Igel mit dem Hahn vom Baum herunter und versprach dem alten König, ihm den Weg zu zeigen, wenn der König ihm dafür überlasse, was ihm vor dem Schloss als Erstes begegne. „Ja“, sagte der König und unterschrieb es, und er meinte es ehrlich. So kam auch er glücklich heim.

Seine einzige, wunderschöne Tochter lief ihm entgegen und fiel ihm um den Hals. Traurig erzählte er ihr von seinem Versprechen.

„Und das Erste, was mir begegnet ist, warst du“, sagte der König.

Die Prinzessin aber versprach, sie werde gern mit Hans mein Igel gehen, wenn er komme, ihrem alten Vater zuliebe.

Unterdessen bekamen die Schweine Ferkel, bis der ganze Wald voll war. Da wollte Hans mein Igel nicht länger dort leben. Er ließ seinem Vater ausrichten, im Dorf sollten alle Ställe frei gemacht werden, denn er bringe eine riesige Herde zum Schlachten. Der Vater war bestürzt, denn er hatte geglaubt, sein Sohn sei längst gestorben.

Hans mein Igel trieb die Schweine ins Dorf, und es wurde so viel geschlachtet, dass man den Lärm zwei Stunden weit hörte. Dann sagte er: „Vater, lass mir in der Schmiede meinen Hahn noch einmal beschlagen. Dann reite ich fort und komme mein Leben lang nicht wieder.“ Der Vater tat es und war froh.

Zuerst ritt Hans mein Igel in das Königreich des falschen Königs. Der hatte befohlen, auf jeden mit Hahn und Dudelsack zu schießen. Doch Hans mein Igel gab dem Hahn die Sporen und flog über das Tor bis vor das Fenster des Königs. Er rief hinein, der König solle sein Versprechen halten, sonst koste es ihn und seine Tochter das Leben.

Da redete der König seiner Tochter gut zu, sie möge hinausgehen und sich und ihn retten. Sie zog ein weißes Kleid an und fuhr mit Hans mein Igel in einer Kutsche mit sechs Pferden davon.

Ein Stück hinter der Stadt aber nahm Hans mein Igel der Prinzessin die schönen Kleider ab und stach sie mit seinen Stacheln, bis ihr alles wehtat. „Das ist der Lohn für eure Falschheit“, sagte er. „Geh nur, ich will dich nicht.“ So jagte er sie heim, und sie trug ihr Leben lang die Schande.

Dann ritt Hans mein Igel in das zweite Königreich. Dort präsentierten die Soldaten das Gewehr, riefen „Hoch soll er leben!“ und führten ihn ins Schloss.

Die Königstochter erschrak, denn er sah gar zu seltsam aus. Doch sie hatte es ihrem Vater versprochen. Sie hieß Hans mein Igel willkommen und wurde mit ihm vermählt.

Am Abend fürchtete sich die junge Frau sehr vor seinen Stacheln. Hans mein Igel aber sagte, es werde ihr nichts geschehen.

Den alten König bat er, vier Männer mit einem großen Feuer vor die Kammertür zu stellen. Er werde in der Kammer aus seiner Igelhaut schlüpfen und sie vor dem Bett liegen lassen. Dann sollten die Männer die Haut schnell ins Feuer werfen und dabeibleiben, bis sie ganz verbrannt sei.

Als die Uhr elf schlug, streifte Hans mein Igel die Igelhaut ab. Die Männer warfen sie ins Feuer, und als sie verbrannt war, war er erlöst. Nun lag ein Mensch im Bett, nur kohlschwarz, wie verbrannt.

Der Arzt des Königs rieb den jungen Mann mit Salben ein, bis er weiß und schön war. Die Königstochter war überglücklich. Am nächsten Morgen wurde die Hochzeit erst richtig gefeiert, und Hans mein Igel bekam von dem alten König das Reich.

Nach einigen Jahren fuhr Hans mein Igel mit seiner Frau zu seinem Vater und sagte, er sei sein Sohn. Doch der Vater sagte, er habe nur einen Sohn gehabt, der sei wie ein Igel mit Stacheln geboren worden und in die Welt hinausgezogen. Da gab sich Hans mein Igel zu erkennen. Der alte Vater freute sich und ging mit ihm in sein Königreich.

Mein Märchen ist aus  
und geht vor Gustchens Haus.

---

- Read online: https://talerie.com/de/maerchen/hans-mein-igel
- Wikidata: https://www.wikidata.org/wiki/Q472668
- Tale type: ATU 441 (per Wikidata)
- Source: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage (1857) (https://de.wikisource.org/wiki/Hans_mein_Igel_(1857))
- Public-domain basis: Talerie contemporary retelling (CC0 2026), based on: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage (1857) — original: author died 1859/1863 (+70 passed)
- License: CC0-1.0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/)
