# Josef und seine Brüder

_Retold by Talerie (talerie.com) from Lutherbibel 1912_ · 34 min read · ages 7+

Aus Neid verkaufen die Brüder Josef an Händler, und in Ägypten wird er, weil er die Träume des Pharaos deutet, Herr über das ganze Land. Als die Brüder in der Hungersnot Getreide kaufen und Juda sich für Benjamin als Sklave anbietet, gibt Josef sich weinend zu erkennen, und Jakob erfährt in Kanaan, dass sein Sohn lebt.

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Jakob lebte im Land Kanaan, wo schon sein Vater als Fremder gewohnt hatte. Er hatte zwölf Söhne, und von ihnen erzählt diese Geschichte.

Josef, einer der jüngsten Söhne, war siebzehn Jahre alt und hütete mit seinen Brüdern die Schafe und Ziegen. Meistens war er mit den Söhnen von Bilha und Silpa unterwegs, zwei anderen Frauen seines Vaters. Und wenn die Leute Schlechtes über diese Brüder erzählten, dann trug Josef es seinem Vater zu.

Jakob hatte Josef lieber als alle seine anderen Kinder, weil er ihm erst im Alter geboren worden war. Darum machte er ihm einen bunten Mantel, lang und mit weiten Ärmeln, aus vielfarbig gewebtem Stoff.

Die Brüder sahen wohl, dass der Vater Josef mehr liebte als sie alle. Da fingen sie an, ihn zu hassen, und brachten ihm gegenüber kein freundliches Wort mehr heraus.

Einmal hatte Josef einen Traum, und er erzählte ihn seinen Brüdern. Da hassten sie ihn noch mehr.

„Hört doch, was ich geträumt habe“, sagte er. „Wir banden draußen auf dem Feld Garben. Auf einmal richtete sich meine Garbe auf und blieb aufrecht stehen. Eure Garben aber stellten sich ringsherum und verneigten sich vor meiner Garbe.“

„Willst du etwa unser König werden?“, fragten die Brüder. „Willst du über uns herrschen?“

Wegen des Traums und wegen der Art, wie er davon redete, wuchs ihr Groll noch.

Bald darauf hatte Josef noch einen Traum, und auch diesen erzählte er seinen Brüdern. „Ich habe wieder etwas geträumt“, sagte er. „Die Sonne und der Mond und elf Sterne verneigten sich vor mir.“

Als er den Traum auch seinem Vater erzählte, wies Jakob ihn zurecht. „Was ist das für ein Traum, den du da geträumt hast?“, fragte er. „Sollen wir etwa kommen, ich und deine Mutter und deine Brüder, und uns vor dir zur Erde niederwerfen?“

Die Brüder waren neidisch auf Josef. Sein Vater aber vergaß diese Worte nicht.

Eines Tages zogen die Brüder mit den Herden ihres Vaters nach Sichem, um sie dort weiden zu lassen. Da sagte Jakob zu Josef: „Deine Brüder hüten doch die Herden bei Sichem. Komm, ich will dich zu ihnen schicken.“

„Ich bin bereit“, antwortete Josef.

„Geh und sieh nach, ob es deinen Brüdern und den Tieren gut geht, und bring mir Nachricht“, sagte Jakob. So schickte er ihn aus dem Tal von Hebron fort, und Josef machte sich auf den Weg nach Sichem.

Dort irrte er über die Felder, bis ihm ein Mann begegnete. „Wen suchst du?“, fragte der Mann.

„Ich suche meine Brüder“, antwortete Josef. „Kannst du mir sagen, wo sie ihre Herden hüten?“

„Sie sind weitergezogen“, sagte der Mann. „Ich habe gehört, wie sie sagten: ‚Lasst uns nach Dotan gehen.‘“

Da ging Josef seinen Brüdern nach und fand sie bei Dotan.

Die Brüder sahen ihn schon von Weitem. Noch ehe er bei ihnen war, beschlossen sie, ihn zu töten.

„Seht nur, da kommt der Träumer“, sagten sie zueinander. „Los, wir bringen ihn um und werfen ihn in eine Grube. Dann sagen wir, ein wildes Tier hat ihn gefressen. Mal sehen, was dann aus seinen Träumen wird!“

Ruben hörte das und wollte Josef aus ihren Händen retten. „Wir wollen ihn nicht töten“, sagte er. „Vergießt kein Blut! Werft ihn in die Grube dort draußen in der Wüste, aber legt nicht Hand an ihn.“ Insgeheim hatte Ruben vor, den Jungen später herauszuholen und ihn zum Vater zurückzubringen.

Als Josef bei seinen Brüdern ankam, zogen sie ihm den Mantel aus, den bunten Mantel, den er trug. Dann packten sie ihn und warfen ihn in die Grube. Die Grube war leer, es war kein Wasser darin.

Danach setzten sie sich hin, um zu essen. Als sie aufblickten, sahen sie eine Karawane von Ismaelitern herankommen. Die Händler kamen aus Gilead, und ihre Kamele trugen Gewürze, Balsam und Myrrhe, die sie nach Ägypten hinunterbringen wollten.

Da sagte Juda zu seinen Brüdern: „Was haben wir davon, wenn wir unseren Bruder umbringen und seinen Tod verheimlichen? Kommt, wir verkaufen ihn an die Händler, dann vergreifen wir uns nicht an ihm. Er ist doch unser Bruder, unser eigenes Fleisch und Blut.“

Die Brüder hörten auf ihn. Als die Karawane vorbeizog, zogen sie Josef aus der Grube herauf und verkauften ihn für zwanzig Silberstücke an die Händler. Die nahmen ihn mit nach Ägypten.

Als Ruben wieder zur Grube kam, war Josef nicht mehr darin. Da zerriss Ruben seine Kleider, lief zu seinen Brüdern zurück und rief: „Der Junge ist fort! Und ich, wo soll ich jetzt hin?“

Die Brüder aber nahmen Josefs Mantel, schlachteten ein Ziegenböckchen und tauchten den Mantel in sein Blut. Den bunten Mantel schickten sie ihrem Vater und ließen ihm ausrichten: „Das haben wir gefunden. Sieh nach, ob es der Mantel deines Sohnes ist oder nicht.“

Jakob erkannte ihn sofort. „Das ist der Mantel meines Sohnes!“, rief er. „Ein wildes Tier hat ihn gefressen. Josef ist in Stücke gerissen worden!“

Er zerriss seine Kleider, band sich einen groben Sack um die Hüften und trauerte lange Zeit um seinen Sohn. Alle seine Söhne und Töchter kamen, um ihn zu trösten. Aber er wollte sich nicht trösten lassen.

„Trauernd werde ich zu meinem Sohn hinunter ins Grab gehen“, sagte er. Und er weinte um Josef.

Die Händler aber brachten Josef nach Ägypten und verkauften ihn dort an Potifar, einen hohen Beamten des Pharaos, den Hauptmann seiner Leibwache.

Gott war mit Josef, und alles, was er tat, gelang ihm. Er lebte im Haus seines ägyptischen Herrn, und Potifar sah, dass Gott mit ihm war und ihm alles glücken ließ, was er anfing. So gewann Josef die Gunst seines Herrn und durfte ihm selbst dienen. Potifar setzte ihn über sein ganzes Haus und vertraute ihm alles an, was er besaß.

Von da an segnete Gott das Haus des Ägypters um Josefs willen. Auf allem, was Potifar gehörte, lag Segen, im Haus und auf den Feldern. Darum ließ er alles in Josefs Händen und kümmerte sich um nichts mehr, nur noch um das, was er aß und trank.

Josef aber war ein schöner junger Mann, gut gewachsen und hübsch anzusehen.

Nach einiger Zeit warf die Frau seines Herrn ein Auge auf ihn. „Schlaf bei mir!“, sagte sie.

Josef weigerte sich. „Sieh doch“, sagte er, „mein Herr kümmert sich um nichts mehr im Haus, seit ich da bin. Alles, was er hat, hat er mir in die Hände gegeben. Nichts im ganzen Haus hält er vor mir zurück außer dir, denn du bist seine Frau. Wie könnte ich da etwas so Böses tun und gegen Gott sündigen?“

Tag für Tag redete sie so auf ihn ein. Er aber hörte nicht auf sie, legte sich nicht zu ihr und hielt sich von ihr fern.

Eines Tages ging Josef ins Haus, um seine Arbeit zu tun, und keiner von den Dienern war in der Nähe. Da packte ihn Potifars Frau am Umhang und sagte: „Schlaf bei mir!“ Josef aber ließ den Umhang in ihrer Hand und floh aus dem Haus.

Als sie sah, dass er ihr den Umhang in der Hand gelassen hatte und hinausgeflohen war, rief sie die Diener des Hauses zusammen.

„Seht euch das an!“, rief sie. „Da hat uns mein Mann einen Hebräer ins Haus gebracht, der uns Schande machen will. Er kam zu mir herein und wollte bei mir liegen. Ich aber habe laut geschrien. Und als er mich schreien hörte, ließ er seinen Umhang bei mir liegen und lief davon.“

Sie legte den Umhang neben sich und wartete, bis ihr Mann nach Hause kam. Dann erzählte sie ihm dieselbe Geschichte: „Der hebräische Diener, den du uns ins Haus gebracht hast, kam zu mir herein und wollte mir Schande antun. Doch als ich laut schrie, ließ er seinen Umhang bei mir liegen und floh hinaus.“

Potifar hörte, was seine Frau ihm erzählte: „So hat dein Diener mich behandelt.“ Da packte ihn der Zorn. Er ließ Josef ergreifen und ins Gefängnis werfen, in dem die Gefangenen des Königs saßen. Dort saß Josef nun.

Aber Gott war auch im Gefängnis mit Josef. Er wandte ihm seine Güte zu und sorgte dafür, dass der Gefängnisaufseher ihn gern hatte. Bald vertraute der Aufseher Josef alle Gefangenen an, und was im Gefängnis geschah, das geschah durch ihn. Um nichts musste sich der Aufseher mehr kümmern, denn Gott war mit Josef und ließ ihm alles gelingen.

Einige Zeit später vergingen sich zwei Männer am Hof gegen ihren Herrn, den König von Ägypten: der Mundschenk und der Bäcker. Der Pharao wurde zornig über die beiden, den obersten seiner Mundschenke und den obersten seiner Bäcker. Er ließ sie ins Gefängnis im Haus des Hauptmanns bringen, dorthin, wo auch Josef gefangen war.

Der Hauptmann gab sie in Josefs Obhut, und Josef bediente sie. So saßen sie eine Weile im Gefängnis.

In einer Nacht hatten beide einen Traum, der Mundschenk und der Bäcker des Königs, jeder seinen eigenen, und jeder Traum hatte seine eigene Bedeutung.

Als Josef am Morgen zu ihnen kam, sah er, dass sie bedrückt waren.

„Warum seid ihr heute so traurig?“, fragte er.

„Wir haben geträumt“, antworteten sie, „und hier ist niemand, der uns die Träume deuten kann.“

„Das Deuten ist Gottes Sache“, sagte Josef. „Aber erzählt mir doch, was ihr geträumt habt.“

Da erzählte der Mundschenk Josef seinen Traum: „Vor mir stand ein Weinstock mit drei Ranken. Er trieb grüne Blätter und blühte, und seine Trauben wurden reif. Ich hielt den Becher des Pharaos in der Hand, nahm die Beeren, presste sie in den Becher aus und reichte den Becher dem Pharao.“

„Das bedeutet dein Traum“, sagte Josef. „Die drei Ranken sind drei Tage. In drei Tagen wird der Pharao dich holen lassen und dir dein Amt zurückgeben. Dann wirst du ihm den Becher reichen wie früher, als du sein Mundschenk warst.“

Und er bat ihn: „Aber denk an mich, wenn es dir wieder gut geht. Tu mir den Gefallen und erzähl dem Pharao von mir, damit er mich aus diesem Gefängnis herausholt. Man hat mich heimlich aus dem Land der Hebräer verschleppt, und auch hier habe ich nichts getan, wofür man mich einsperren müsste.“

Als der Bäcker hörte, dass die Deutung gut ausgefallen war, sagte er zu Josef: „Ich habe auch geträumt. Ich trug drei weiße Körbe auf dem Kopf. Im obersten Korb lag allerlei Gebäck für den Pharao, und die Vögel fraßen es aus dem Korb auf meinem Kopf.“

„Das bedeutet dein Traum“, antwortete Josef. „Die drei Körbe sind drei Tage. Nach drei Tagen wird der Pharao auch dich holen lassen, aber er wird dich an einem Baum aufhängen, und die Vögel werden das Fleisch von deinem Leib fressen.“

Am dritten Tag feierte der Pharao seinen Geburtstag und gab ein Festmahl für alle seine Diener. Vor ihnen allen ließ er den Mundschenk und den Bäcker aus dem Gefängnis holen. Den Mundschenk setzte er wieder in sein Amt ein, sodass dieser dem Pharao wieder den Becher reichte. Den Bäcker aber ließ er aufhängen, so wie Josef es ihnen gedeutet hatte.

Doch der Mundschenk dachte nicht mehr an Josef. Er vergaß ihn.

Zwei volle Jahre später hatte der Pharao einen Traum. Er stand am Ufer des Nils, und aus dem Wasser stiegen sieben schöne, fette Kühe und weideten im Gras. Nach ihnen stiegen sieben andere Kühe aus dem Fluss, hässlich und mager, und stellten sich neben die ersten ans Ufer. Und die hässlichen, mageren Kühe fraßen die sieben schönen, fetten Kühe auf. Da wachte der Pharao auf.

Er schlief wieder ein und träumte ein zweites Mal. An einem einzigen Halm wuchsen sieben Ähren, voll und dick. Danach gingen sieben dünne Ähren auf, vom Ostwind verdorrt. Und die sieben dünnen Ähren verschlangen die sieben dicken, vollen Ähren. Da erwachte der Pharao und merkte, dass es ein Traum gewesen war.

Am Morgen war er voller Unruhe. Er ließ alle Wahrsager und alle Weisen Ägyptens rufen und erzählte ihnen seine Träume. Aber keiner von ihnen konnte sie ihm deuten.

Da trat der Mundschenk vor und sagte zum Pharao: „Heute muss ich an meine Verfehlungen denken. Als du über deine Diener zornig warst, hast du mich und den obersten Bäcker ins Gefängnis im Haus des Hauptmanns gesteckt. Dort hatten wir beide in derselben Nacht einen Traum, jeder seinen eigenen mit seiner eigenen Bedeutung.“

Und er erzählte weiter: „Bei uns war ein junger Hebräer, ein Diener des Hauptmanns. Dem erzählten wir unsere Träume, und er deutete jedem von uns den seinen. Und genau so, wie er es gedeutet hatte, ist es gekommen: Ich bekam mein Amt zurück, und der andere wurde aufgehängt.“

Da schickte der Pharao nach Josef, und man holte ihn eilig aus dem Gefängnis. Josef ließ sich rasieren, zog andere Kleider an und trat vor den Pharao.

„Ich habe einen Traum gehabt, den niemand deuten kann“, sagte der Pharao zu ihm. „Man hat mir aber erzählt, du kannst einen Traum deuten, sobald du ihn hörst.“

„Das liegt nicht bei mir“, antwortete Josef. „Aber Gott wird dir, Pharao, Gutes verkünden.“

Da erzählte der Pharao: „Im Traum stand ich am Ufer des Flusses. Aus dem Wasser stiegen sieben schöne, fette Kühe und weideten im Gras. Nach ihnen kamen sieben andere Kühe heraus, dürr und mager und sehr hässlich. So hässliche Kühe habe ich in ganz Ägypten noch nie gesehen. Und die sieben mageren, hässlichen Kühe fraßen die ersten sieben fetten Kühe auf.“

Dann fuhr der Pharao fort: „Aber als sie sie gefressen hatten, merkte man es ihnen nicht an. Sie waren genauso hässlich wie vorher. Da wachte ich auf. Dann sah ich in einem zweiten Traum sieben Ähren an einem einzigen Halm wachsen, voll und dick. Danach gingen sieben dürre Ähren auf, dünn und verdorrt. Und die sieben dünnen Ähren verschlangen die sieben dicken. Ich habe es den Wahrsagern erzählt, aber keiner kann es mir deuten.“

„Beide Träume bedeuten dasselbe“, sagte Josef zum Pharao. „Gott zeigt dir, was er tun will. Die sieben schönen Kühe sind sieben Jahre, und die sieben guten Ähren sind auch sieben Jahre. Es ist ein und derselbe Traum. Die sieben mageren, hässlichen Kühe, die nach ihnen heraufkamen, sind sieben Jahre, und die sieben dünnen, verdorrten Ähren sind sieben Jahre Hungersnot.“

Und weiter sagte Josef: „Es ist so, wie ich gesagt habe: Gott zeigt dir, was er vorhat. Sieben Jahre werden kommen, in denen ganz Ägypten Überfluss hat. Danach kommen sieben Jahre Hungersnot. Dann wird man allen Überfluss vergessen, und der Hunger wird das Land auszehren. Niemand wird mehr wissen, dass es einmal genug gab, so schwer wird diese Hungersnot sein.“

„Dass du zweimal geträumt hast, bedeutet: Gott hat es fest beschlossen, und er wird es bald geschehen lassen“, erklärte Josef. „Darum sieh dich nun nach einem klugen und weisen Mann um, den du über Ägypten setzt. Lass ihn Beamte im ganzen Land einsetzen und in den sieben reichen Jahren den fünften Teil der Ernte einsammeln.“

„Sie sollen alles Getreide der guten Jahre in deine Kornspeicher bringen und es in den Städten als Vorrat aufbewahren“, sagte er noch. „Dann ist Nahrung da für die sieben Jahre der Hungersnot, die über Ägypten kommen werden, und das Land geht nicht am Hunger zugrunde.“

Der Vorschlag gefiel dem Pharao und allen seinen Dienern. „Wo könnten wir einen Mann finden wie diesen, in dem der Geist Gottes ist?“, fragte der Pharao seine Diener.

Dann sagte er zu Josef: „Weil Gott dir das alles gezeigt hat, ist niemand so klug und weise wie du. Du sollst über mein Haus herrschen, und mein ganzes Volk soll deinem Wort gehorchen. Nur auf dem Thron will ich höher sitzen als du. Hiermit setze ich dich über ganz Ägypten.“

Der Pharao zog seinen Ring vom Finger und steckte ihn Josef an. Dann ließ er ihn in feines Leinen kleiden und hängte ihm eine goldene Kette um den Hals. Er ließ Josef auf seinem zweiten Wagen fahren, und vor ihm her rief man: „Auf die Knie!“ So machte der Pharao ihn zum Zweiten im Reich.

„Ich bin der Pharao“, sagte er zu Josef. „Aber ohne deinen Willen soll in ganz Ägypten niemand Hand oder Fuß rühren.“

Der Pharao nannte Josef seinen geheimen Ratgeber und gab ihm Asenat zur Frau, die Tochter Potiferas, des Priesters von On. Josef war dreißig Jahre alt, als er vor dem Pharao stand, dem König von Ägypten. Dann zog er hinaus und reiste durch ganz Ägypten, um das Land kennenzulernen.

In den sieben reichen Jahren trug das Land überreiche Ernten. Josef ließ alle Nahrung dieser Jahre sammeln und in die Städte bringen. In jede Stadt kam das Getreide, das auf den Feldern ringsum gewachsen war. So häufte Josef Getreide an wie Sand am Meer, so viel, dass er nicht mehr mitzählte, denn zählen ließ es sich nicht mehr.

Noch bevor die Hungersnot kam, wurden Josef zwei Söhne geboren. Asenat, die Tochter Potiferas, des Priesters von On, brachte sie zur Welt.

Den ersten nannte er Manasse und sagte: „Gott hat mich all mein Unglück vergessen lassen und das ganze Haus meines Vaters.“ Den zweiten nannte er Efraim und sagte: „Gott hat mich wachsen lassen in dem Land, in dem ich so viel gelitten habe.“

Als die sieben reichen Jahre in Ägypten vorüber waren, begannen die sieben Jahre der Hungersnot, so wie Josef es vorausgesagt hatte. In allen Ländern herrschte Hunger, nur in Ägypten gab es Brot.

Als dann auch ganz Ägypten Hunger litt, schrie das Volk zum Pharao um Brot. Der Pharao aber sagte zu allen Ägyptern: „Geht zu Josef. Was er euch sagt, das tut.“

Die Hungersnot wurde immer schlimmer. Da öffnete Josef überall die Kornspeicher und verkaufte den Ägyptern Getreide. Und aus allen Ländern kamen die Menschen nach Ägypten, um bei Josef Getreide zu kaufen, denn überall auf der Welt war der Hunger groß.

Auch Jakob hörte, dass es in Ägypten Getreide zu kaufen gab. „Warum steht ihr herum und seht einander an?“, sagte er zu seinen Söhnen. „Ich habe gehört, in Ägypten gibt es Getreide. Zieht hinunter und kauft uns welches, damit wir am Leben bleiben und nicht sterben.“

So zogen zehn von Josefs Brüdern nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Josefs jüngsten Bruder Benjamin aber ließ Jakob nicht mit ihnen gehen, denn er fürchtete, dem Jungen könnte unterwegs ein Unglück zustoßen.

Mit vielen anderen kamen nun auch die Söhne Jakobs nach Ägypten, um Getreide zu kaufen, denn auch in Kanaan herrschte Hunger.

Josef aber war der Herr über das Land, und er verkaufte allen Leuten Getreide. Als seine Brüder kamen, warfen sie sich vor ihm nieder, mit dem Gesicht zur Erde. Josef sah sie an und erkannte sie sofort. Doch er stellte sich fremd und redete hart mit ihnen.

„Woher kommt ihr?“, fragte er.

„Aus dem Land Kanaan“, antworteten sie. „Wir wollen Getreide kaufen.“

Josef erkannte seine Brüder, aber sie erkannten ihn nicht. Da dachte er an die Träume, die er einst von ihnen gehabt hatte.

„Ihr seid Kundschafter!“, sagte er. „Ihr seid gekommen, um auszuspähen, wo das Land ungeschützt ist.“

„Nein, Herr“, antworteten sie. „Deine Diener sind gekommen, um Getreide zu kaufen. Wir sind alle Söhne eines einzigen Mannes. Wir sind ehrliche Leute, deine Diener sind keine Kundschafter.“

„Nein“, sagte er, „ihr seid gekommen, um zu sehen, wo das Land ungeschützt ist.“

„Wir, deine Diener, sind zwölf Brüder“, sagten sie, „die Söhne eines Mannes im Land Kanaan. Der jüngste ist noch bei unserem Vater, und einer ist nicht mehr da.“

„Es ist so, wie ich gesagt habe“, sagte Josef. „Kundschafter seid ihr! Und so will ich euch prüfen: So wahr der Pharao lebt, ihr kommt hier nicht weg, bevor euer jüngster Bruder herkommt. Schickt einen von euch, der ihn holt. Ihr anderen bleibt gefangen. So will ich prüfen, ob ihr die Wahrheit sagt. Wenn nicht, dann seid ihr, so wahr der Pharao lebt, Kundschafter.“

Dann ließ er sie alle drei Tage lang zusammen einsperren.

Am dritten Tag sagte Josef zu ihnen: „Tut, was ich euch sage, dann bleibt ihr am Leben, denn ich fürchte Gott. Wenn ihr ehrlich seid, dann soll einer von euch gefesselt hier im Gefängnis bleiben. Ihr anderen zieht heim und bringt das Getreide zu euren hungernden Familien. Euren jüngsten Bruder aber bringt ihr zu mir. Dann will ich euch glauben, und ihr müsst nicht sterben.“

Sie waren einverstanden. Doch untereinander sagten sie: „Das ist die Strafe für das, was wir unserem Bruder angetan haben. Wir sahen seine Angst, als er uns anflehte, und wir wollten nicht hören. Darum kommt nun dieses Unglück über uns.“

„Habe ich es euch nicht gesagt?“, antwortete Ruben. „Ich sagte doch: ‚Versündigt euch nicht an dem Jungen!‘ Aber ihr wolltet nicht hören. Jetzt wird sein Blut von uns gefordert.“

Sie wussten nicht, dass Josef sie verstand, denn er hatte durch einen Dolmetscher mit ihnen gesprochen. Josef wandte sich ab und weinte. Als er sich wieder zu ihnen umdrehte und mit ihnen redete, nahm er Simeon aus ihrer Mitte und ließ ihn vor ihren Augen fesseln.

Dann befahl er, ihre Säcke mit Getreide zu füllen, jedem sein Geld zurück in den Sack zu legen und ihnen Vorräte für den Weg mitzugeben. So geschah es. Die Brüder luden das Getreide auf ihre Esel und zogen davon.

Als einer von ihnen in der Herberge seinen Sack öffnete, um seinem Esel Futter zu geben, sah er sein Geld oben im Sack liegen.

„Mein Geld ist wieder da!“, rief er seinen Brüdern zu. „Seht, hier in meinem Sack!“

Da verließ sie der Mut. Erschrocken sahen sie einander an und sagten: „Was hat Gott uns da angetan?“

Als sie zu ihrem Vater Jakob nach Kanaan kamen, erzählten sie ihm alles, was ihnen geschehen war: „Der Mann, der in Ägypten der Herr ist, redete hart mit uns und hielt uns für Kundschafter. Wir sagten ihm: ‚Wir sind ehrliche Leute und keine Kundschafter. Wir sind zwölf Brüder, Söhne eines Vaters. Einer ist nicht mehr da, und der jüngste ist noch bei unserem Vater in Kanaan.‘“

Und weiter erzählten sie: „Da sagte der Herr des Landes zu uns: ‚Daran will ich erkennen, ob ihr ehrlich seid: Lasst einen eurer Brüder bei mir, nehmt Getreide für eure hungernden Familien und zieht heim. Bringt mir euren jüngsten Bruder, dann weiß ich, dass ihr keine Kundschafter seid, sondern ehrliche Leute. Dann gebe ich euch euren Bruder zurück, und ihr dürft im Land Handel treiben.‘“

Als sie dann ihre Säcke ausleerten, fand jeder seinen Beutel mit Geld in seinem Sack. Und als sie und ihr Vater die Geldbeutel sahen, erschraken sie.

„Ihr nehmt mir meine Kinder!“, sagte Jakob, ihr Vater. „Josef ist nicht mehr da, Simeon ist nicht mehr da, und jetzt wollt ihr mir auch noch Benjamin nehmen. Das alles trifft mich!“

„Du darfst meine beiden Söhne töten, wenn ich ihn dir nicht zurückbringe“, sagte Ruben zu seinem Vater. „Vertrau ihn mir an, ich bringe ihn dir wieder.“

„Mein Sohn zieht nicht mit euch hinunter“, sagte Jakob. „Sein Bruder ist tot, nur er allein ist mir geblieben. Wenn ihm auf dem Weg, den ihr zieht, ein Unglück zustößt, dann bringt ihr mich mit meinen grauen Haaren vor Kummer ins Grab.“

Doch die Hungersnot lastete schwer auf dem Land. Als sie das Getreide aus Ägypten aufgegessen hatten, sagte ihr Vater zu ihnen: „Zieht noch einmal hin und kauft uns ein wenig zu essen.“

„Der Mann hat uns streng gewarnt“, antwortete Juda. „Er sagte: ‚Ihr werdet mein Gesicht nicht sehen, wenn euer Bruder nicht bei euch ist.‘ Wenn du unseren Bruder mit uns schickst, ziehen wir hinunter und kaufen dir zu essen. Wenn du ihn aber nicht schickst, ziehen wir nicht. Denn der Mann hat zu uns gesagt: ‚Ihr werdet mein Gesicht nicht sehen, wenn euer Bruder nicht bei euch ist.‘“

„Warum habt ihr mir das angetan?“, fragte Jakob. „Warum musstet ihr dem Mann sagen, dass ihr noch einen Bruder habt?“

„Der Mann hat uns genau ausgefragt, nach uns und nach unserer Familie“, antworteten sie. „Er wollte wissen: ‚Lebt euer Vater noch? Habt ihr noch einen Bruder?‘ Da haben wir ihm geantwortet, wie er fragte. Wie hätten wir wissen sollen, dass er sagen würde: ‚Bringt euren Bruder her‘?“

Da sagte Juda zu seinem Vater: „Lass den Jungen mit mir gehen, dann machen wir uns auf den Weg. So bleiben wir am Leben und müssen nicht sterben, wir und du und unsere kleinen Kinder. Ich bürge für ihn, von mir sollst du ihn zurückfordern. Wenn ich ihn dir nicht zurückbringe und vor dich hinstelle, dann will ich mein Leben lang die Schuld tragen. Hätten wir nicht so lange gezögert, wären wir schon zweimal hin und zurück.“

„Wenn es denn sein muss“, sagte Jakob, „dann macht es so: Packt von den besten Früchten des Landes in eure Säcke und bringt dem Mann ein Geschenk mit: ein wenig Balsam und Honig, Gewürze und Myrrhe, Datteln und Mandeln.“

„Nehmt auch doppelt so viel Geld mit“, fuhr er fort, „und bringt das Geld zurück, das oben in euren Säcken lag. Vielleicht war es ein Versehen. Nehmt auch euren Bruder mit, macht euch auf und geht wieder zu dem Mann. Gott schenke euch Erbarmen bei ihm, damit er euren anderen Bruder und Benjamin mit euch ziehen lässt. Und wenn ich meine Kinder verlieren soll, dann muss ich es tragen.“

Da nahmen die Männer die Geschenke, das doppelte Geld und Benjamin, machten sich auf den Weg nach Ägypten und traten vor Josef.

Als Josef Benjamin bei ihnen sah, sagte er zu seinem Verwalter: „Führe diese Männer in mein Haus, schlachte ein Tier und bereite das Essen vor. Sie sollen heute Mittag mit mir essen.“

Der Verwalter tat, was Josef ihm aufgetragen hatte, und führte die Männer in Josefs Haus. Sie aber bekamen Angst, weil man sie dorthin brachte.

„Das ist wegen des Geldes, das beim ersten Mal wieder in unseren Säcken lag“, sagten sie. „Jetzt will er uns etwas anhängen und über uns herfallen. Er will uns zu seinen Sklaven machen und unsere Esel dazu nehmen.“

Deshalb traten sie an der Haustür zu Josefs Verwalter und redeten mit ihm.

„Herr“, sagten sie, „wir sind schon einmal hergekommen, um Getreide zu kaufen. Als wir dann in die Herberge kamen und unsere Säcke öffneten, lag oben in jedem Sack das Geld, auf das Gewicht genau. Das haben wir jetzt zurückgebracht. Wir haben auch anderes Geld dabei, um Getreide zu kaufen. Wir wissen nicht, wer uns das Geld in die Säcke gelegt hat.“

„Seid ruhig, habt keine Angst“, antwortete der Verwalter. „Euer Gott hat euch einen Schatz in die Säcke gelegt. Euer Geld habe ich bekommen.“ Dann brachte er Simeon zu ihnen heraus.

Der Verwalter führte die Brüder in Josefs Haus, gab ihnen Wasser, damit sie sich die Füße waschen konnten, und gab ihren Eseln Futter. Die Brüder legten ihre Geschenke bereit, bis Josef am Mittag kommen würde, denn sie hatten gehört, dass sie dort essen sollten.

Als Josef nach Hause kam, brachten sie ihm die Geschenke, die sie bei sich hatten, und warfen sich vor ihm zur Erde nieder.

Josef grüßte sie freundlich und fragte: „Geht es eurem alten Vater gut, von dem ihr mir erzählt habt? Lebt er noch?“

„Deinem Diener, unserem Vater, geht es gut, er lebt noch“, antworteten sie und verneigten sich tief vor ihm.

Da blickte Josef auf und sah seinen Bruder Benjamin, den Sohn seiner eigenen Mutter. „Ist das euer jüngster Bruder, von dem ihr mir erzählt habt?“, fragte er. Und er sagte: „Gott sei dir gnädig, mein Sohn!“

Dann ging Josef schnell hinaus, denn beim Anblick seines Bruders ging ihm das Herz über, und er suchte einen Ort, wo er weinen konnte. Er ging in seine Kammer und weinte dort. Danach wusch er sich das Gesicht, kam wieder heraus, nahm sich zusammen und sagte: „Tragt das Essen auf!“

Josef bekam sein Essen an einem eigenen Tisch, die Brüder an einem anderen und die Ägypter, die mit ihm aßen, an einem dritten. Denn die Ägypter durften nicht mit den Hebräern zusammen essen; das war ihnen ein Gräuel.

Die Brüder wurden Josef gegenüber gesetzt, genau der Reihe nach, vom Ältesten bis zum Jüngsten. Darüber wunderten sie sich und sahen einander an. Man brachte ihnen Speisen von Josefs Tisch, doch Benjamin bekam fünfmal so viel wie die anderen. Und sie tranken und waren fröhlich mit ihm.

Dann befahl Josef seinem Verwalter: „Füll den Männern die Säcke mit Getreide, so viel sie tragen können, und leg jedem sein Geld oben in den Sack. Und meinen Becher, den silbernen Becher, legst du oben in den Sack des Jüngsten, zusammen mit seinem Geld für das Getreide.“ Der Verwalter tat, was Josef gesagt hatte.

Am nächsten Morgen, sobald es hell wurde, ließ man die Männer mit ihren Eseln ziehen. Sie waren gerade zur Stadt hinaus und noch nicht weit gekommen, da sagte Josef zu seinem Verwalter: „Auf, jag den Männern nach! Wenn du sie einholst, dann sag zu ihnen: ‚Warum habt ihr Gutes mit Bösem vergolten? Ist das nicht der Becher, aus dem mein Herr trinkt und aus dem er die Zukunft liest? Da habt ihr übel gehandelt.‘“

Als der Verwalter sie eingeholt hatte, sagte er ihnen genau diese Worte.

„Warum sagst du so etwas, Herr?“, antworteten sie. „Niemals würden deine Diener so etwas tun! Sieh doch, das Geld, das wir oben in unseren Säcken gefunden haben, haben wir dir aus Kanaan zurückgebracht. Wie sollten wir da aus dem Haus deines Herrn Silber oder Gold stehlen? Bei wem von uns der Becher gefunden wird, der soll sterben. Und wir anderen wollen Sklaven deines Herrn sein.“

„Gut, es soll sein, wie ihr sagt“, antwortete der Verwalter. „Doch nur der, bei dem der Becher gefunden wird, soll mein Sklave sein. Ihr anderen seid frei.“

Schnell hob jeder seinen Sack vom Esel, stellte ihn auf den Boden und öffnete ihn. Der Verwalter durchsuchte die Säcke: Beim Ältesten fing er an, beim Jüngsten hörte er auf. Und der Becher fand sich in Benjamins Sack.

Da zerrissen die Brüder ihre Kleider. Jeder belud wieder seinen Esel, und sie kehrten in die Stadt zurück.

Juda ging mit seinen Brüdern in Josefs Haus, denn Josef war noch dort. Sie warfen sich vor ihm zur Erde nieder.

„Wie konntet ihr das tun?“, fragte Josef. „Wisst ihr nicht, dass ein Mann wie ich so etwas erraten kann?“

„Was sollen wir dir sagen, Herr?“, antwortete Juda. „Was sollen wir reden, und wie können wir uns rechtfertigen? Gott hat die Schuld deiner Diener ans Licht gebracht. Nun sind wir deine Sklaven, Herr, wir alle und auch der, bei dem der Becher gefunden wurde.“

„Das sei fern von mir!“, sagte Josef. „Nur der Mann, bei dem der Becher gefunden wurde, soll mein Sklave sein. Ihr anderen zieht in Frieden hinauf zu eurem Vater.“

Da trat Juda nahe zu ihm und sagte: „Herr, lass deinen Diener ein Wort zu dir sagen, und werde nicht zornig auf deinen Diener, denn du bist wie der Pharao. Du hast deine Diener gefragt: ‚Habt ihr einen Vater oder einen Bruder?‘ Und wir antworteten: ‚Wir haben einen alten Vater und einen jungen Bruder, der ihm im Alter geboren wurde. Sein Bruder ist tot, er allein ist von seiner Mutter noch übrig, und sein Vater hat ihn lieb.‘“

Juda redete weiter: „Da sagtest du zu deinen Dienern: ‚Bringt ihn zu mir herunter, ich will ihm Gutes tun.‘ Wir antworteten dir: ‚Der Junge kann seinen Vater nicht verlassen. Wenn er ihn verlässt, stirbt der Vater.‘ Da sagtest du: ‚Wenn euer jüngster Bruder nicht mit euch kommt, werdet ihr mein Gesicht nie wieder sehen.‘“

„Als wir dann zu deinem Diener, unserem Vater, heimkamen, erzählten wir ihm, was du gesagt hattest“, fuhr Juda fort. „Später sagte unser Vater: ‚Zieht noch einmal hin und kauft uns ein wenig zu essen.‘ Wir aber sagten: ‚Wir können nicht hinunterziehen. Nur wenn unser jüngster Bruder mit uns kommt, gehen wir. Ohne ihn dürfen wir dem Mann nicht unter die Augen treten.‘“

„Da sagte dein Diener, mein Vater, zu uns: ‚Ihr wisst, dass meine Frau mir zwei Söhne geboren hat. Der eine ging von mir fort, und es hieß, ein wildes Tier habe ihn zerrissen. Bis heute habe ich ihn nicht wiedergesehen. Wenn ihr mir nun auch diesen nehmt und ihm stößt ein Unglück zu, dann bringt ihr mich mit meinen grauen Haaren vor Jammer ins Grab.‘“

Und Juda bat: „Wenn ich nun zu deinem Diener, meinem Vater, heimkomme und der Junge nicht bei uns ist, dann stirbt mein Vater, sobald er sieht, dass der Junge fehlt, denn sein Leben hängt am Leben des Jungen. So würden wir, deine Diener, unseren alten Vater mit seinen grauen Haaren vor Kummer ins Grab bringen.“

„Denn ich, dein Diener, habe mich bei meinem Vater für den Jungen verbürgt und gesagt: ‚Wenn ich ihn dir nicht zurückbringe, will ich mein Leben lang die Schuld tragen.‘ Darum lass mich, deinen Diener, anstelle des Jungen als Sklaven meines Herrn hierbleiben, und lass den Jungen mit seinen Brüdern heimziehen. Wie könnte ich zu meinem Vater zurückkehren, wenn der Junge nicht bei mir ist? Ich könnte den Jammer nicht mit ansehen, der meinen Vater treffen würde.“

Da konnte Josef sich vor all den Leuten, die um ihn standen, nicht länger beherrschen. „Lasst alle hinausgehen!“, rief er. So war niemand bei ihm, als Josef sich seinen Brüdern zu erkennen gab.

Er weinte so laut, dass die Ägypter es hörten und auch die Leute im Haus des Pharaos.

„Ich bin Josef“, sagte er zu seinen Brüdern. „Lebt mein Vater noch?“

Seine Brüder konnten ihm nicht antworten, so sehr erschraken sie vor ihm.

„Kommt doch näher zu mir!“, sagte Josef. Und als sie nähergekommen waren, sagte er: „Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Aber nun seid nicht bekümmert und denkt nicht, dass ich euch zürne, weil ihr mich hierher verkauft habt. Um euch am Leben zu erhalten, hat Gott mich vor euch hergeschickt.“

Und weiter sagte er: „Schon zwei Jahre herrscht Hunger im Land, und noch fünf Jahre lang wird man weder pflügen noch ernten. Gott hat mich vor euch hergeschickt, damit ihr auf der Erde am Leben bleibt und damit er euch auf wunderbare Weise rettet. Nicht ihr habt mich hierhergeschickt, sondern Gott. Er hat mich zum engsten Ratgeber des Pharaos gemacht, zum Herrn über sein ganzes Haus und zum Fürsten über ganz Ägypten.“

„Beeilt euch, zieht hinauf zu meinem Vater und sagt ihm: ‚So lässt dir dein Sohn Josef sagen: Gott hat mich zum Herrn über ganz Ägypten gemacht. Komm herunter zu mir, zögere nicht! Du sollst im Land Goschen wohnen, ganz nah bei mir, du und deine Kinder und deine Enkel, deine Schafe und Ziegen, deine Rinder und alles, was du hast. Dort will ich für dich sorgen, denn noch fünf Jahre lang wird der Hunger dauern. Du sollst nicht verarmen, weder du noch dein Haus noch alles, was dir gehört.‘“

„Ihr seht es doch mit eigenen Augen, und auch mein Bruder Benjamin sieht es: Ich bin es selbst, der mit euch redet. Erzählt meinem Vater von all meiner Herrlichkeit in Ägypten und von allem, was ihr gesehen habt. Beeilt euch und bringt meinen Vater hierher.“

Dann fiel Josef seinem Bruder Benjamin um den Hals und weinte, und auch Benjamin weinte an seinem Hals. Und Josef küsste alle seine Brüder und weinte, während er sie umarmte. Danach redeten seine Brüder mit ihm.

Bald drang die Nachricht bis in den Palast des Pharaos: „Josefs Brüder sind gekommen!“ Darüber freuten sich der Pharao und alle seine Diener.

Der Pharao sagte zu Josef: „Sag deinen Brüdern: Beladet eure Tiere und zieht ins Land Kanaan. Holt euren Vater und eure Familien und kommt zu mir. Ich will euch das Beste geben, was Ägypten hat, und ihr sollt von allem Guten essen, das dieses Land hervorbringt.“

„Und sag ihnen auch“, fügte er hinzu, „sie sollen aus Ägypten Wagen für ihre Kinder und Frauen mitnehmen und ihren Vater herbringen. Um ihren Hausrat sollen sie sich keine Sorgen machen, denn das Beste von ganz Ägypten soll ihnen gehören.“

Die Söhne Jakobs taten, was man ihnen gesagt hatte. Josef gab ihnen Wagen, wie der Pharao es befohlen hatte, und Vorräte für den Weg. Jedem von ihnen schenkte er ein Festgewand, Benjamin aber gab er dreihundert Silberstücke und fünf Festgewänder.

Seinem Vater schickte er zehn Esel, beladen mit den besten Gütern Ägyptens, und zehn Eselinnen mit Getreide, Brot und Proviant für die Reise.

So ließ Josef seine Brüder ziehen. Zum Abschied sagte er zu ihnen: „Streitet euch nicht unterwegs!“

Sie zogen aus Ägypten hinauf und kamen ins Land Kanaan zu ihrem Vater Jakob.

„Josef lebt!“, riefen sie. „Er ist Herr über ganz Ägypten.“

Doch Jakob konnte es nicht fassen, denn er glaubte ihnen nicht.

Da erzählten sie ihm alles, was Josef zu ihnen gesagt hatte. Und als er die Wagen sah, die Josef geschickt hatte, um ihn zu holen, kam wieder Leben in ihren Vater Jakob.

„Das ist mir genug“, sagte er. „Mein Sohn Josef lebt noch! Ich will hinziehen und ihn sehen, bevor ich sterbe.“

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## About this tale

Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern ist kein Märchen. Sie steht in der Bibel, in den letzten Kapiteln (37 bis 50) des ersten Buches, das bei Luther „Das 1. Buch Mose (Genesis)“ heißt. Einen Verfasser nennt keine der Ausgaben, die wir dafür aufgeschlagen haben. Unserer Nacherzählung liegt die Lutherbibel 1912 zugrunde.

Wir erzählen die Kapitel 37 und 39 bis 45 in heutigem Deutsch nach. Kapitel 38 über Juda und Thamar fehlt, und wir hören mit Jakobs Worten auf, dass er Josef sehen will, bevor er stirbt. „Sanfter“ und „Original“ sind zwei Fassungen, die beide von uns stammen; die zweite erzählt dieselben Kapitel ausführlicher.

> Ich bin Josef
> Lebt mein Vater noch?
>
> 1. Mose 45,3, Lutherbibel 1912: Ich bin Joseph. / Lebt mein Vater noch?

### Die Lutherbibel 1912 und unsere Nacherzählung

|  | Lutherbibel 1912 | Unsere Nacherzählung |
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| Schreibung | Joseph, Potiphar, Asnath | Josef, Potifar, Asenat |
| Josefs Kleid | „einen bunten Rock“ | langer bunter Mantel, in „Original“ mit Ärmeln |
| Die Käufer | Midianiter und Ismaeliten | nur Ismaeliter, „die Händler“ |
| Der Preis | „zwanzig Silberlinge“ | „zwanzig Silberstücke“ |
| Potifar | „des Pharao Kämmerer und Hauptmann“ | „einen hohen Beamten des Pharaos“ |
| Pharao nennt Josef | „den heimlichen Rat“ | in „Original“ „seinen geheimen Ratgeber“ |
| Kapitel 38 | Juda und Thamar | fehlt |
| Der Schluss | Kapitel 50, Josef stirbt mit 110 Jahren | Kapitel 45, Jakob will Josef sehen |

### Was in unserem Text passiert

Jakob liebt den siebzehnjährigen Josef mehr als seine anderen Söhne und lässt ihm einen bunten Mantel machen. Als Josef von den Garben und von Sonne, Mond und elf Sternen träumt, die sich vor ihm verneigen, hassen ihn die Brüder noch mehr. Bei Dotan wollen sie ihn töten; Ruben bringt sie dazu, ihn nur in eine Grube zu werfen, und Juda schlägt vor, ihn an vorbeiziehende Händler zu verkaufen. In Ägypten kommt Josef zu Potifar, dann ins Gefängnis, und deutet dort die Träume des Mundschenks und des Bäckers. Zwei Jahre später lässt ihn der Pharao holen, und Josef deutet ihm die Träume von den Kühen und Ähren. Mit dreißig wird er Herr über Ägypten. In der Hungersnot stehen die Brüder vor ihm, ohne ihn zu erkennen. Er behält Simeon da und verlangt, dass sie Benjamin mitbringen. Beim zweiten Besuch lässt er seinen silbernen Becher in Benjamins Sack stecken. Als Juda sich an Benjamins Stelle als Sklave anbietet, gibt Josef sich zu erkennen.

Auch „Sanfter“ lässt die schweren Stellen nicht aus: den Plan der Brüder, Josef umzubringen, den Mantel im Blut eines Ziegenböckchens und Jakobs Trauer, die Lüge von Potifars Frau und den Bäcker, den der Pharao hängen lässt. Die Szene mit Potifars Frau ist knapp und ohne Einzelheiten erzählt, trotzdem ist es gut, sie vor dem Vorlesen selbst einmal gelesen zu haben.

### Wie es weitergeht und woher die Ärmel kommen

In der Bibel geht die Geschichte nach unserem Schluss weiter: Josef trifft seinen Vater in Goschen, Jakob lebt noch siebzehn Jahre in Ägypten und stirbt, zuletzt stirbt auch Josef mit hundertzehn Jahren. Mit dem nächsten Buch der Bibel beginnt unsere Geschichte „Mose“, die Josef gleich im ersten Absatz erwähnt. Zwischen den beiden Seiten liegen die Kapitel 46 bis 50, die wir nicht nacherzählt haben.

Josefs Mantel ist in beiden Fassungen lang, in „Original“ hat er außerdem weite Ärmel. Beides steht nicht bei Luther, der nur „einen bunten Rock“ nennt. Die Ärmel kommen in keiner der Bibelübersetzungen vor, nach denen wir die Geschichte in unseren sieben Sprachen erzählt haben; sie stammen von uns.

Sources (claims checked against them on 2026-10-31):
- Das 1. Buch Mose (Genesis), Lutherbibel 1912, Kap. 37 und 39–45; eBible.org, Text deu1912, gemeinfrei [our source] (https://ebible.org/Scriptures/deu1912_readaloud.zip)
- Wikidata Q145746 (https://www.wikidata.org/wiki/Q145746)

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- Read online: https://talerie.com/de/maerchen/josef-und-seine-brueder-original
- Characters: Jakob, Benjamin
- Version: longer, more faithful retelling; the gentler retelling: https://talerie.com/de/maerchen/josef-und-seine-brueder.md
- Also in: [English](https://talerie.com/en/tales/joseph-and-the-coat-of-many-colors-original.md), [French](https://talerie.com/fr/contes/joseph-et-ses-freres-original.md), [Spanish](https://talerie.com/es/cuentos/jose-el-sonador-original.md), [Portuguese](https://talerie.com/pt/contos/jose-do-egito-original.md), [Czech](https://talerie.com/cs/pohadky/josef-a-jeho-bratri-original.md), [Polish](https://talerie.com/pl/bajki/jozef-egipski-original.md)
- Subject (Wikidata): https://www.wikidata.org/wiki/Q145746
- Source: Lutherbibel 1912 (eBible.org deu1912): 1. Mose 37, 39–45 (https://ebible.org/Scriptures/deu1912_readaloud.zip)
- Public-domain basis: Talerie contemporary retelling (CC0 2026), based on: Lutherbibel 1912 (eBible.org deu1912): 1. Mose 37, 39–45 — EU anonymous-work rule (+70 passed); translator Martin Luther died 1546 (+70 passed); revision published anonymously 1912 (+70 passed)
- License: CC0-1.0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/)
