# König Drosselbart

_Gebrüder Grimm_ · 9 min read · ages 5-10

Eine Königstochter spottet über jeden Freier und muss zur Strafe einen armen Musikanten heiraten, der sie in ein winziges Häuschen führt. Beim Fest im Schloss erkennt sie in dem Königssohn den König Drosselbart, der sich verstellt hat, um ihren Hochmut zu beugen, und beide feiern ihre Hochzeit.

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Ein König hatte eine Tochter, die war schöner als alle im Land. Aber sie war auch so stolz, dass ihr kein Freier gut genug war. Einen nach dem anderen wies sie ab, und jedes Mal machte sie sich obendrein über ihn lustig.

Eines Tages richtete der König ein großes Fest aus und lud alle heiratslustigen Männer aus der Nähe und aus der Ferne ein. Sie stellten sich in einer langen Reihe auf, nach Rang geordnet: zuerst die Könige, dann die Herzöge, die Fürsten, die Grafen und Freiherren, zuletzt die Edelleute. Die Königstochter wurde die Reihe entlanggeführt, und an jedem hatte sie etwas auszusetzen.

Der Erste war ihr zu dick. „Das Weinfass!“, sagte sie.

Der Zweite war ihr zu lang. „Lang und dünn, das hat keinen Sinn.“

Der Dritte war ihr zu klein. „Kurz und dick, das hat kein Geschick.“

Der Vierte war ihr zu blass. „Der bleiche Tod!“

Der Fünfte war ihr zu rot. „Der Truthahn!“

Der Sechste stand ihr nicht gerade genug. „Grünes Holz, hinter dem Ofen getrocknet!“

Am meisten aber lachte sie über einen guten König, der ganz vorn in der Reihe stand und dem das Kinn ein wenig krumm gewachsen war. „Seht nur“, rief sie, „der hat ein Kinn wie die Drossel einen Schnabel!“ Seit diesem Tag nannten ihn alle nur noch König Drosselbart.

Der alte König sah, dass seine Tochter nichts tat, als über die Leute zu spotten, und dass sie jeden Freier verschmähte, der gekommen war. Da wurde er zornig und schwor, sie solle den ersten besten Bettler zum Mann nehmen, der vor seine Tür käme.

Ein paar Tage später sang unter dem Fenster ein fahrender Musikant, um sich ein paar Münzen zu verdienen. Der König hörte ihn und ließ ihn heraufkommen. In zerrissenen, schmutzigen Kleidern trat der Musikant in den Saal, sang vor dem König und seiner Tochter und hielt am Ende die Hand auf.

„Dein Lied hat mir so gut gefallen“, sagte der König, „dass ich dir meine Tochter zur Frau geben will.“

Die Königstochter erschrak, doch ihr Vater blieb dabei. „Ich habe geschworen, dich dem ersten besten Bettler zu geben, und diesen Schwur halte ich.“

Alles Bitten half nichts. Der Pfarrer wurde geholt, und sie musste sich noch am selben Tag mit dem Musikanten trauen lassen. Danach sagte der König: „Nun schickt es sich nicht mehr, dass eine Bettelfrau in meinem Schloss wohnt. Zieh mit deinem Mann fort.“

Der Musikant nahm sie an der Hand und führte sie hinaus, und sie musste zu Fuß mit ihm gehen. Als sie in einen großen Wald kamen, fragte sie:

Ach, wem gehört der schöne Wald?

Der gehört dem König Drosselbart;  
hättest du ihn genommen, so wäre er dein.

Ich armes Mädchen zart,  
ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!

Dann kamen sie über eine weite Wiese, und wieder fragte sie:

Wem gehört die schöne grüne Wiese?

Sie gehört dem König Drosselbart;  
hättest du ihn genommen, so wäre sie dein.

Ich armes Mädchen zart,  
ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!

Zuletzt kamen sie durch eine große Stadt, und noch einmal fragte sie:

Wem gehört diese schöne große Stadt?

Sie gehört dem König Drosselbart;  
hättest du ihn genommen, so wäre sie dein.

Ich armes Mädchen zart,  
ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!

„Es gefällt mir gar nicht“, sagte der Musikant, „dass du dir immer einen anderen zum Mann wünschst. Bin ich dir nicht gut genug?“

Endlich standen sie vor einem winzigen Häuschen. Da rief sie:

Ach Gott, wie ist das Haus so klein!  
Wem mag das arme winzige Häuschen sein?

„Das ist mein Haus und dein Haus“, antwortete der Musikant. „Hier wohnen wir zusammen.“

Sie musste sich bücken, um durch die niedrige Tür zu kommen. „Wo sind die Diener?“, fragte sie.

„Diener?“, sagte er. „Was du getan haben willst, musst du selber tun. Mach jetzt gleich Feuer, setz Wasser auf und koch mir etwas. Ich bin müde.“

Aber die Königstochter verstand nichts vom Feuermachen und nichts vom Kochen, und ihr Mann musste selbst mit anfassen, damit überhaupt etwas auf den Tisch kam. Sie aßen das wenige, das sie hatten, und legten sich schlafen. Am nächsten Morgen holte er sie schon früh aus dem Bett, denn sie sollte das Haus in Ordnung halten.

So lebten sie ein paar Tage schlecht und recht, bis der Vorrat aufgebraucht war. Da sagte der Mann: „So geht es nicht weiter. Wir essen, und niemand verdient etwas dazu. Du sollst Körbe flechten.“

Er ging hinaus, schnitt Weidenruten und brachte sie heim. Sie fing an zu flechten, doch die harten Ruten machten ihre feinen Hände wund.

„Ich sehe schon, das ist nichts für dich“, sagte der Mann. „Versuch es lieber mit Spinnen.“

Sie setzte sich hin und versuchte zu spinnen, aber der raue Faden schnitt ihr so in die weichen Finger, dass sie es nicht aushielt.

„Du siehst es selbst“, sagte der Mann, „zu solcher Arbeit taugst du nicht. Ich will es mit Tontöpfen und Krügen versuchen. Du setzt dich auf den Markt und verkaufst die Ware.“

„Wenn nun Leute aus dem Reich meines Vaters vorbeikommen und mich dort zwischen den Töpfen sitzen sehen“, dachte sie, „wie werden sie mich auslachen!“

Doch es half nichts. Sie musste sich fügen, sonst hätten die beiden nichts zu essen gehabt.

Das erste Mal ging es gut. Die Leute kauften der schönen Frau ihre Ware gern ab und zahlten, was sie verlangte. Manche gaben ihr sogar das Geld und ließen ihr die Töpfe noch dazu. Davon lebten die beiden, solange es reichte, und dann kaufte der Mann neue Ware ein.

Sie setzte sich damit an eine Ecke des Marktes und stellte alles um sich herum auf. Auf einmal kam ein Reiter in wildem Galopp herangeprescht und ritt mitten hinein, dass die Töpfe in tausend Scherben zersprangen. Sie fing an zu weinen und wusste vor Schreck nicht, was sie tun sollte.

„Was wird mein Mann dazu sagen!“, rief sie, lief nach Hause und erzählte ihm ihr Unglück.

„Wer setzt sich denn mit Tontöpfen an die Ecke des Marktes!“, sagte der Mann. „Lass das Weinen. Ich sehe schon, für eine ordentliche Arbeit bist du nicht zu gebrauchen. Ich war im Schloss unseres Königs und habe gefragt, ob sie eine Küchenmagd brauchen können. Sie wollen dich nehmen, und dafür bekommst du dein Essen umsonst.“

Nun wurde die Königstochter Küchenmagd. Sie ging dem Koch zur Hand und tat die schwerste Arbeit im ganzen Haus. In beide Schürzentaschen steckte sie sich je ein Töpfchen. Darin trug sie heim, was von den Mahlzeiten übrig blieb, und das war das Essen für sie beide.

Da geschah es, dass die Hochzeit des ältesten Königssohnes gefeiert werden sollte. Die arme Frau ging hinauf, stellte sich an die Saaltür und wollte wenigstens zusehen. Die Lichter wurden angezündet, und einer nach dem anderen trat herein, einer schöner gekleidet als der andere, und alles glänzte. Da dachte sie mit traurigem Herzen an ihr Leben und verwünschte ihren Stolz und ihren Hochmut, die sie so tief hatten sinken lassen. Von den herrlichen Speisen, die hinein- und hinausgetragen wurden, warfen ihr die Diener manchmal ein paar Reste zu. Die tat sie in ihre Töpfchen, um sie heimzutragen.

Auf einmal trat der Königssohn herein, in Samt und Seide, mit goldenen Ketten um den Hals. Als er die schöne Frau in der Tür stehen sah, nahm er sie bei der Hand und wollte mit ihr tanzen. Sie sträubte sich und erschrak, denn sie erkannte den König Drosselbart, der um sie geworben hatte und den sie mit Spott davongeschickt hatte. Es half ihr nichts, er zog sie in den Saal. Dabei fielen die Töpfchen aus den Taschen, und die Reste kullerten über den Boden. Alle, die es sahen, lachten und spotteten, und sie schämte sich so sehr, dass sie am liebsten tief unter der Erde verschwunden wäre.

Sie lief zur Tür hinaus und wollte fliehen, doch auf der Treppe holte ein Mann sie ein und brachte sie zurück. Als sie ihn ansah, war es wieder König Drosselbart.

„Fürchte dich nicht“, sagte er freundlich. „Ich bin der Musikant, der mit dir in dem armseligen Häuschen gewohnt hat. Dir zuliebe habe ich mich verstellt, und der Reiter, der dir die Töpfe zerbrochen hat, war ich auch. Das alles ist geschehen, um deinen Stolz zu beugen und dich für den Hochmut zu strafen, mit dem du mich verspottet hast.“

Da weinte sie bitterlich. „Ich habe großes Unrecht getan und bin es nicht wert, deine Frau zu sein.“

„Tröste dich“, sagte er. „Die bösen Tage sind vorbei. Jetzt wollen wir unsere Hochzeit feiern.“

Da kamen die Dienerinnen und kleideten sie in die prächtigsten Gewänder. Ihr Vater kam und der ganze Hof, und alle wünschten ihr Glück zu ihrer Hochzeit mit König Drosselbart. Und die richtige Freude fing erst jetzt an.

Ich wünschte, du und ich, wir wären auch dabei gewesen.

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- Source: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage (1857) (https://de.wikisource.org/wiki/König_Drosselbart_(1857))
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