# Odysseus und Polyphem

_Retold by Talerie (talerie.com) from L’Odyssée, after Homer_ · 15 min read · ages 7+

Odysseus bleibt mit zwölf Gefährten in Polyphems Höhle, nennt sich Niemand und brennt dem Zyklopen mit vier von ihnen das Auge aus. Unter den Widdern entkommen die Männer zum Schiff und zur Insel mit der Flotte, wo Odysseus den großen Widder dem Zeus opfert, doch Zeus nimmt das Opfer nicht an.

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Als der Krieg um Troja vorbei war, segelte Odysseus, der König von Ithaka, mit zwölf Schiffen heimwärts. Nach langer Irrfahrt kamen sie in die Nähe des Landes, in dem die Zyklopen wohnten. Das waren riesige Hirten, die keine Gesetze kannten und weder säten noch pflügten. Jeder hauste mit seiner Familie in einer tiefen Höhle oben in den Bergen und kümmerte sich nicht um die anderen.

Vor der Küste lag eine kleine bewaldete Insel, auf der nur wilde Ziegen lebten, denn die Zyklopen besaßen keine Schiffe, mit denen sie hätten herüberkommen können. In einer finsteren, nebligen Nacht führte ein Gott die Flotte dorthin. Keiner sah die Insel, bis die Schiffe auf den Sand liefen. Die Männer holten die Segel ein und schliefen am Strand.

Als es hell wurde, jagten sie mit Bogen und Speeren die wilden Ziegen, und bis zum Sonnenuntergang saßen sie beim Mahl, aßen Fleisch und tranken roten Wein. Drüben auf dem Festland sahen sie Rauch aufsteigen und hörten Stimmen und das Blöken von Schafen und Ziegen.

Am anderen Morgen rief Odysseus alle zusammen.

„Bleibt ihr hier, liebe Gefährten“, sagte er. „Ich fahre mit meinem Schiff hinüber und sehe nach, was für Leute dort leben: ob sie wild sind und kein Recht kennen oder ob sie Fremde gastlich aufnehmen und die Götter fürchten.“

Mit seinem Schiff und seiner Mannschaft setzte Odysseus über. Nicht weit vom Meer entdeckten sie eine große Höhle, über deren Eingang Lorbeer wuchs. Davor lag ein Pferch aus Steinen. Hier wohnte ein Riese, der allein und abseits von allen seine Herden weidete und nur Böses im Sinn hatte. Er sah nicht aus wie ein Mensch, sondern wie ein bewaldeter Berggipfel, der einsam über alle anderen hinausragt.

Odysseus befahl der Mannschaft, beim Schiff zu bleiben und es zu bewachen. Er wählte die zwölf tapfersten Gefährten aus und nahm Vorräte mit, dazu einen großen Schlauch aus Ziegenfell voller dunklem, süßem Wein. Den hatte ihm Maron geschenkt, ein Priester des Apollon, weil Odysseus ihn und seine Familie verschont hatte. Der Wein war so stark, dass man einen Becher davon mit zwanzig Bechern Wasser mischte. Diesen Wein nahm Odysseus mit, denn er ahnte schon, dass er einem wilden Riesen von großer Kraft begegnen würde.

Der Riese war nicht daheim, sondern hütete draußen auf der Weide seine Herden. So gingen sie in die Höhle und sahen sich staunend um. Auf Gestellen lagen Käselaibe, in den Gattern drängten sich Lämmer und Zicklein, sauber nach dem Alter getrennt, und in den Gefäßen stand frische Milch.

„Lass uns die Käse nehmen“, baten die Gefährten, „und die Lämmer und Zicklein zum Schiff treiben und schnell davonsegeln!“

Doch Odysseus war dagegen. Er wollte den Bewohner der Höhle sehen und hoffte auf ein Gastgeschenk. Es wäre klüger gewesen, auf die Gefährten zu hören. Bald sollten sie bereuen, dass sie geblieben waren.

Sie zündeten ein Feuer an, aßen von den Käsen und warteten. Am Abend kam der Riese heim und warf ein gewaltiges Bündel Brennholz mit solchem Krachen vor der Höhle hin, dass die Männer erschrocken in den hintersten Winkel flüchteten. Er trieb die Schafe und Ziegen, die er melken wollte, in die Höhle; die Widder und Böcke ließ er draußen im Pferch. Dann stellte er einen riesigen Felsblock vor den Eingang. Nicht einmal zweiundzwanzig starke Wagen mit vier Rädern hätten ihn von der Stelle gebracht.

Der Zyklop molk seine Schafe und Ziegen und legte jeder ihr Junges an. Als er danach das Feuer schürte, erblickte er die Fremden.

„Fremde, wer seid ihr?“, fragte er. „Woher kommt ihr übers Meer? Treibt ihr Handel, oder zieht ihr umher wie Seeräuber, die anderen Unglück bringen?“

Bei dieser dröhnenden Stimme stockte den Männern der Atem. Odysseus aber nahm sich zusammen und antwortete: „Wir sind Griechen und kommen von Troja. Die Winde haben uns über das weite Meer verschlagen, und nun suchen wir den Weg nach Hause. Wir bitten dich: Nimm uns gastlich auf und beschenke uns, wie es bei Gästen Brauch ist. Achte die Götter, Zyklop! Wir stehen als Bittende vor dir, und Zeus beschützt die Fremden und rächt jedes Unrecht, das man ihnen antut.“

Der Zyklop antwortete grimmig: „Du bist ein Narr, Fremder, oder du kommst von sehr weit her, dass du mir rätst, die Götter zu fürchten. Wir Zyklopen kümmern uns nicht um Zeus und die anderen Götter, denn wir sind stärker als sie. Ob ich dich und deine Gefährten verschone, darüber entscheidet nicht die Angst vor Zeus. Aber sag mir: Wo hast du dein Schiff gelassen? Weit weg oder hier in der Nähe?“

Odysseus merkte, dass der Riese ihn aushorchen wollte, und antwortete listig: „Mein Schiff hat Poseidon, der Erderschütterer, an den Felsen eurer Küste zerschmettert. Nur ich und diese Männer sind dem Tod entronnen.“

Der Zyklop gab keine Antwort. Er sprang auf, packte zwei der Gefährten, tötete sie und aß sie auf. Die anderen hoben weinend die Hände zu Zeus und wussten sich vor Verzweiflung keinen Rat.

Als der Riese satt war, streckte er sich zwischen seinen Tieren aus und schlief ein. Odysseus wollte schon sein Schwert ziehen und es ihm in die Brust stoßen. Doch er hielt inne: Wer hätte danach den Felsblock vom Eingang wälzen sollen? Sie wären alle in der Höhle umgekommen. So warteten sie voller Jammer auf den Morgen.

Früh am Morgen molk der Zyklop seine Herde. Dann packte er wieder zwei Gefährten und aß sie. Mühelos schob er den Felsblock beiseite, trieb die Tiere hinaus und setzte den Stein wieder vor den Eingang, so leicht, wie man einen Deckel auf einen Köcher setzt. Mit großem Lärm trieb er seine Herde in die Berge.

Odysseus blieb in der Höhle zurück und überlegte, wie er sich rächen könnte, bis ihm ein Plan einfiel. Am Boden lag der große Stock des Zyklopen, ein grüner Olivenstamm, so lang und so dick wie der Mast eines breiten Handelsschiffs. Der Riese ließ ihn trocknen, um sich später darauf zu stützen. Von diesem Stamm schnitt Odysseus ein Stück ab, etwa so lang, wie ein Mann mit ausgebreiteten Armen reicht. Er schnitzte das eine Ende spitz und härtete es im Feuer. Dann versteckte er den Pfahl unter dem Mist, der überall in der Höhle in dicken Haufen lag.

Nun ließ Odysseus die Gefährten losen: Vier von ihnen sollten ihm helfen, dem schlafenden Zyklopen den Pfahl ins Auge zu stoßen. Das Los traf genau die vier, die er sich auch selbst ausgesucht hätte, und als Fünfter kam er selbst dazu.

Am Abend kam der Zyklop zurück. Diesmal trieb er die ganze Herde in die Höhle, auch die Widder und Böcke, vielleicht aus Misstrauen, vielleicht weil ein Gott es so wollte. Er stellte den Felsblock vor den Eingang und molk seine Tiere. Dann packte er wieder zwei Gefährten und aß sie.

Da trat Odysseus mit einer Schale voll dunklem Wein vor ihn hin.

„Hier, Zyklop, trink diesen Wein nach deinem Mahl“, sagte er. „Ich würde dir mehr davon bringen, wenn du Mitleid mit mir hättest und mich heimfahren ließest. Aber dein Wüten kennt kein Maß. Wie soll je wieder ein Mensch zu dir kommen, wenn du so gegen alles Recht handelst?“

Der Zyklop nahm die Schale, trank und freute sich gewaltig. Gleich verlangte er mehr.

„Schenk mir noch einmal ein, Fremder, und sag mir schnell deinen Namen, damit ich dir ein Gastgeschenk mache, über das du dich freuen wirst. Auch bei uns wächst Wein, aber dieser hier schmeckt wie Nektar und Ambrosia!“

Dreimal reichte Odysseus ihm die Schale, und dreimal trank der Zyklop sie in seiner Torheit leer. Als ihm der Wein zu Kopf gestiegen war, sagte Odysseus freundlich: „Zyklop, du fragst nach meinem Namen. Ich will ihn dir sagen, und du gibst mir das Gastgeschenk, das du versprochen hast. Ich heiße Niemand. Mein Vater und meine Mutter und alle meine Gefährten nennen mich Niemand.“

Da antwortete der Zyklop ohne Erbarmen: „Niemand fresse ich als Letzten, nach all seinen Gefährten. Das ist mein Gastgeschenk für dich.“

Kaum hatte er das gesagt, fiel er rücklings um, und der Schlaf überwältigte ihn. Im Rausch erbrach er den Wein und Reste seiner grausigen Mahlzeit.

Sofort schob Odysseus den Pfahl in die Glut und sprach seinen Gefährten Mut zu, damit keiner aus Angst zurückwich. Als das grüne Olivenholz beinahe Feuer fing und hell glühte, zog er es heraus. Die vier Gefährten packten den Pfahl und stießen die glühende Spitze in das eine Auge des Zyklopen. Odysseus stemmte sich von oben dagegen und drehte das Holz, so wie ein Schiffbauer mit dem Bohrer ein Loch in einen Balken treibt. So brannten sie dem Riesen das Auge aus, und von da an war er blind.

Der Zyklop schrie so furchtbar, dass die Felsen widerhallten, und die Männer flohen erschrocken in die Ecken. Er riss sich den Pfahl aus dem Auge und rief laut nach den anderen Zyklopen, die ringsum in den Höhlen der Berge wohnten. Sie kamen von allen Seiten herbei, stellten sich vor seine Höhle und fragten:

„Was hast du, Polyphem, dass du so schreist und uns mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißt? Will dir jemand deine Schafe stehlen? Will dich jemand mit List oder Gewalt umbringen?“

Polyphem antwortete aus der Tiefe seiner Höhle: „Freunde, Niemand bringt mich um, mit List und nicht mit Gewalt!“

„Wenn dir niemand Gewalt antut und du allein bist“, riefen die anderen zurück, „dann schickt dir der große Zeus eine Krankheit, und der kann keiner entgehen. Bete zu deinem Vater, dem König Poseidon.“

Damit gingen sie davon. Odysseus aber lachte im Stillen, weil sein falscher Name sie getäuscht hatte.

Stöhnend vor Schmerz tastete sich der Zyklop zum Eingang, wälzte den Felsblock beiseite und setzte sich mitten in die Öffnung. Er breitete die Arme aus, um jeden zu fangen, der sich mit den Schafen hinausschleichen wollte. Für so dumm hielt er Odysseus. Der aber überlegte hin und her, wie er sich und seine Gefährten retten könnte, denn es ging um ihr Leben.

Die Widder der Herde waren kräftig und groß und hatten dichte, tiefdunkle Wolle. Mit den Weidenruten, auf denen der Zyklop schlief, band Odysseus immer drei Widder zusammen. Unter dem mittleren hing jeweils ein Mann, und die zwei äußeren schützten ihn links und rechts. Er selbst wählte den größten Widder der ganzen Herde, schob sich unter dessen Bauch und krallte die Hände fest in die dicke Wolle. So warteten sie bange auf den Morgen.

Als es hell wurde, trieb der Zyklop die Widder hinaus auf die Weide. Gequält von Schmerzen betastete er jedem Tier, das an ihm vorbeiging, den Rücken. Dass unter den wolligen Bäuchen die Männer festgebunden waren, merkte er nicht. Als Letzter kam der große Widder. Er ging langsam, denn unter seinem Bauch hing Odysseus, und dem schlug das Herz bis zum Hals. Polyphem strich dem Widder über den Rücken und sagte:

„Mein guter Widder, warum gehst du heute als Letzter aus der Höhle? Immer warst du der Erste auf der Weide, der Erste am Fluss und abends der Erste im Pferch. Und jetzt bist du der Letzte. Trauerst du um das Auge deines Herrn? Ein böser Mann hat es mir ausgebrannt, nachdem er mich mit Wein betäubt hatte. Aber dieser Niemand ist dem Tod noch nicht entkommen! Wenn du doch sprechen und mir sagen könntest, wo er sich vor mir versteckt! Ich würde ihn hier in der Höhle zerschmettern, und mein Herz fände Trost für das Leid, das mir der elende Niemand angetan hat.“

Damit ließ er den Widder ziehen. Ein Stück vor der Höhle löste sich Odysseus als Erster aus der Wolle und band dann die Gefährten los. Eilig trieben sie die fetten Tiere vor sich her bis zum Schiff. Die Mannschaft freute sich, die Geretteten wiederzusehen, und weinte laut um die anderen. Doch Odysseus verbot ihnen mit einem strengen Blick das Klagen. Schnell brachten sie die Tiere an Bord und ruderten los.

Als sie so weit draußen waren, wie eine Stimme trägt, rief Odysseus dem Zyklopen voller Hohn zu: „Zyklop, es waren nicht die Gefährten eines Feiglings, die du in deiner Höhle gefressen hast! Ohne jede Scheu hast du deine Gäste im eigenen Haus verschlungen. Dafür haben dich Zeus und die anderen Götter gestraft.“

Da wurde der Zyklop noch zorniger. Er riss die Spitze eines großen Berges ab und schleuderte sie nach ihnen. Der Fels stürzte dicht vor dem Bug ins Meer, und eine Welle warf das Schiff zurück, beinahe bis ans Ufer. Odysseus stieß es mit einer langen Stange vom Land ab, und die Männer ruderten aus Leibeskräften.

Als sie doppelt so weit draußen waren, wollte Odysseus dem Zyklopen noch einmal etwas zurufen. Die Gefährten flehten ihn an:

„Warum willst du den wilden Kerl noch mehr reizen? Eben erst hat er unser Schiff fast an Land zurückgeworfen, und wir dachten schon, wir müssten sterben. Hört er auch nur einen Laut von dir, dann zerschmettert er mit dem nächsten Stein unsere Köpfe und das Schiff dazu!“

Doch Odysseus ließ sich nicht umstimmen und rief voller Stolz: „Zyklop, wenn dich je ein Mensch fragt, wer dir dein Auge genommen hat, dann sag ihm: Odysseus war es, der Städtezerstörer, der Sohn des Laertes, der auf Ithaka zu Hause ist!“

Da stöhnte der Zyklop: „Weh mir, nun hat sich die alte Weissagung erfüllt! Der Seher Telemos, der unter uns Zyklopen alt geworden ist, hat mir vorausgesagt, dass Odysseus mir das Augenlicht nehmen werde. Ich habe immer einen großen, starken Helden erwartet. Und nun hat mich ein kleiner, schwacher Wicht geblendet, nachdem er mich mit Wein bezwungen hat! Komm her, Odysseus, damit ich dir Gastgeschenke gebe und den Erderschütterer bitte, dich heimzubringen. Ich bin sein Sohn, und er wird mich heilen, wenn er will, und sonst kein Gott und kein Mensch.“

„Ich wollte, ich könnte dich ebenso sicher ins Totenreich schicken“, antwortete Odysseus, „wie ich weiß, dass dir nicht einmal der Erderschütterer dein Auge wieder heilen wird!“

Nun hob der Zyklop die Hände zum Sternenhimmel und betete: „Höre mich, Poseidon, du Gott mit den dunklen Locken! Wenn ich wirklich dein Sohn bin, dann lass Odysseus, den Städtezerstörer, den Sohn des Laertes, der auf Ithaka zu Hause ist, niemals heimkehren. Ist es ihm aber bestimmt, sein Haus und sein Land wiederzusehen, dann soll er spät heimkommen, ohne einen einzigen Gefährten, auf einem fremden Schiff, und auch zu Hause soll ihn noch Leid erwarten!“

Poseidon erhörte ihn. Der Zyklop aber hob einen noch größeren Felsen und warf ihn mit ungeheurer Kraft. Diesmal schlug der Stein knapp hinter dem Heck ins Meer, und die Welle trieb das Schiff hinaus bis zu der Insel, wo die übrige Flotte lag. Dort saß die Mannschaft der anderen Schiffe traurig am Strand und wartete noch immer auf sie.

Odysseus und seine Leute zogen das Schiff auf den Sand, holten die Herde des Zyklopen von Bord und teilten sie gerecht, sodass keiner leer ausging. Den großen Widder bekam Odysseus von den Gefährten als besondere Gabe. Er opferte ihn am Strand dem Zeus, dem Herrn der dunklen Wolken, der über alle herrscht. Doch Zeus nahm das Opfer nicht an. Schon plante er, alle Schiffe des Odysseus und alle seine lieben Gefährten zugrunde zu richten.

Den ganzen Tag bis zum Sonnenuntergang saßen sie beim Mahl, und in der Nacht schliefen sie am Strand. Am nächsten Morgen gingen sie an Bord und fuhren weiter, froh, dass sie dem Tod entronnen waren, und doch voller Trauer um die Gefährten, die sie verloren hatten.

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- Source: L’Odyssée, rhapsodie IX, traduction Leconte de Lisle (Alphonse Lemerre, Paris, 1893) (https://fr.wikisource.org/wiki/L%E2%80%99Odyss%C3%A9e/Traduction_Leconte_de_Lisle/9)
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