# Rotkäppchen

_Brüder Grimm_ · 5 min read · ages 4-8

Rotkäppchen bringt der kranken Großmutter Kuchen und Wein, doch ein Wolf lockt es vom Weg ab und verschlingt beide, bis ein Jäger sie befreit. Ein zweiter Wolf versucht es vergeblich, denn die Großmutter lockt ihn mit Wurstwasser in einen steinernen Trog, wo er ertrinkt; dem Mädchen aber tut niemand etwas zuleide.

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Es war einmal ein kleines Mädchen, das alle liebhatten, am meisten aber die Großmutter. Von ihr bekam es ein Käppchen aus rotem Samt, und weil es ihm so gut stand, trug es nichts anderes mehr und hieß bei allen nur noch Rotkäppchen.

Eines Tages sagte die Mutter zu ihm:

„Hier hast du Kuchen und Wein für die Großmutter. Sie ist krank und schwach und wird sich daran stärken. Bleib hübsch artig auf dem Weg, sonst fällst du und das Glas zerbricht.“

„Ich mache alles gut“, sagte Rotkäppchen und gab der Mutter die Hand darauf.

Die Großmutter wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Als Rotkäppchen unter die Bäume kam, begegnete ihm der Wolf. Es wusste nicht, was für ein böses Tier das war, und fürchtete sich nicht.

„Guten Tag, Rotkäppchen“, sagte er. „Wo willst du so früh hin?“

„Zur Großmutter. Ich bringe ihr Kuchen und Wein, sie ist krank.“

„Und wo wohnt sie?“

„Eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichen.“

„Das zarte junge Ding schmeckt noch besser als die Alte“, dachte der Wolf. „Fang es schlau an, dann bekommst du beide.“ Er ging ein Stück neben dem Kind her und sagte: „Sieh doch nur die schönen Blumen ringsum. Hörst du gar nicht, wie lieblich die Vögel singen?“

Rotkäppchen sah, wie die Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen tanzten und überall Blumen standen. Ein Strauß würde die Großmutter freuen, dachte es. So lief es vom Weg ab, und weil hinter jeder Blume eine schönere stand, kam es immer tiefer in den Wald.

Der Wolf aber ging geradewegs zum Haus der Großmutter und klopfte an.

„Wer ist da?“

„Rotkäppchen. Ich bringe Kuchen und Wein, mach auf.“

„Drück nur auf die Klinke“, rief die Großmutter, „ich bin zu schwach zum Aufstehen.“

Der Wolf drückte auf die Klinke, ging ohne ein Wort zum Bett und verschluckte die Großmutter. Dann zog er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf und legte sich hinter die Vorhänge.

Rotkäppchen hatte inzwischen so viele Blumen, dass es keine mehr tragen konnte, und machte sich zur Großmutter auf. Die Tür stand offen, und in der Stube wurde ihm ganz bang. Es rief guten Morgen und bekam keine Antwort. Als es die Vorhänge zurückzog, lag dort die Großmutter, die Haube tief im Gesicht, und sah ganz sonderbar aus.

„Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“

„Damit ich dich besser hören kann.“

„Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“

„Damit ich dich besser sehen kann.“

„Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“

„Damit ich dich besser packen kann.“

„Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“

„Damit ich dich besser fressen kann.“

Kaum hatte der Wolf das gesagt, sprang er aus dem Bett und verschlang das arme Rotkäppchen. Dann schlief er ein und schnarchte, dass es im ganzen Haus dröhnte.

Ein Jäger ging vorbei und dachte: „Wie die alte Frau schnarcht! Ob ihr wohl etwas fehlt?“ Er trat ein, und im Bett lag der Wolf.

„Finde ich dich hier, du alter Sünder“, sagte er. „Dich habe ich lange gesucht.“

Schon wollte er das Gewehr anlegen, da dachte er, der Wolf könnte die Großmutter verschluckt haben. Also schoss er nicht, sondern holte eine Schere und half den beiden heraus.

„Wie dunkel war es da drinnen!“, rief das Mädchen. Und dann kam auch die Großmutter ans Licht und konnte kaum atmen.

Rotkäppchen holte schnell große Steine, und damit füllten sie dem Wolf den Bauch. Als er aufwachte und fortspringen wollte, waren die Steine so schwer, dass er zu Boden sank und sich nicht mehr rührte.

Da waren alle drei froh. Der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und ging damit heim, die Großmutter aß den Kuchen, trank den Wein und erholte sich wieder, und Rotkäppchen dachte: „Nie wieder laufe ich allein vom Weg ab, wenn die Mutter es mir verboten hat.“

Es wird auch erzählt, dass ein zweiter Wolf das Rotkäppchen ein andermal vom Weg locken wollte, als es der Großmutter wieder Gebackenes brachte. Diesmal ging es geradewegs weiter, und die Großmutter schloss die Tür ab, als sie davon hörte.

Bald darauf klopfte der Wolf und rief, er sei das Rotkäppchen. Sie blieben still. Da sprang er aufs Dach und wollte warten, bis das Kind am Abend heimginge.

Die Großmutter aber merkte, was er vorhatte. Vor dem Haus stand ein großer Steintrog. Sie ließ Rotkäppchen das Wurstwasser von gestern hineintragen, und der Geruch stieg dem Wolf in die Nase. Er reckte den Hals so weit hinunter, dass er sich nicht mehr halten konnte, rutschte vom Dach und fiel in den Trog, wo er ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Hause, und niemand tat ihm etwas zuleide.

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- Source: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage (1857) (https://de.wikisource.org/wiki/Rothkäppchen_(1857))
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