# Tischlein deck dich

_Gebrüder Grimm_ · 12 min read · ages 5-10

Ein Schneider jagt seine drei Söhne aus dem Haus, weil eine Ziege sie belogen hat, und jeder bringt aus der Lehre ein Wunder mit: ein Tischlein, das sich von selbst deckt, einen Goldesel und einen Knüppel im Sack. Ein Wirt stiehlt die ersten beiden, doch der Knüppel holt sie zurück, und daheim feiern Vater und Söhne.

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Es war einmal ein Schneider, der hatte drei Söhne und nur eine einzige Ziege. Weil die Ziege sie alle mit ihrer Milch ernährte, brauchte sie gutes Futter, und die Söhne führten sie der Reihe nach auf die Weide.

Der Älteste führte sie auf den Friedhof, wo die schönsten Kräuter wuchsen. Am Abend fragte er: „Ziege, bist du satt?“

Ich bin so satt,  
ich mag kein Blatt: meh! meh!

„Dann komm nach Hause“, sagte der Junge und band sie im Stall fest. Dem Vater erzählte er, die Ziege sei so satt, sie möge kein Blatt. Der Schneider aber wollte sich selbst überzeugen, ging hinunter und fragte: „Ziege, bist du auch wirklich satt?“

Wovon soll ich satt sein?  
Ich sprang nur über Gräblein  
und fand kein einziges Blättlein: meh! meh!

„Du Lügner!“, rief der Schneider. „Du sagst, die Ziege sei satt, und lässt sie hungern?“ Im Zorn nahm er den Ellenstab von der Wand und jagte ihn mit Schlägen aus dem Haus.

Am nächsten Tag führte der zweite Sohn sie an die Gartenhecke, wo die besten Kräuter standen. Am Abend fragte er: „Ziege, bist du satt?“

Ich bin so satt,  
ich mag kein Blatt: meh! meh!

Auch er band sie im Stall fest und sagte dem Vater, sie sei so satt, sie möge kein Blatt. Der Schneider ging hinunter und fragte: „Ziege, bist du auch wirklich satt?“

Wovon soll ich satt sein?  
Ich sprang nur über Gräblein  
und fand kein einziges Blättlein: meh! meh!

„So ein gutmütiges Tier hungern zu lassen!“, schrie der Schneider und jagte auch den zweiten Sohn mit dem Ellenstab aus dem Haus.

Am dritten Tag suchte der jüngste Sohn ihr die Büsche mit dem schönsten Laub aus. Am Abend fragte er: „Ziege, bist du satt?“

Ich bin so satt,  
ich mag kein Blatt: meh! meh!

Er band sie im Stall fest und sagte dem Vater dasselbe wie seine Brüder. Der Schneider ging hinunter und fragte: „Ziege, bist du auch wirklich satt?“

Wovon soll ich satt sein?  
Ich sprang nur über Gräblein  
und fand kein einziges Blättlein: meh! meh!

„Einer so verlogen wie der andere!“, rief der Schneider. „Ihr sollt mich nicht länger zum Narren halten!“ Auch der dritte Sohn bekam den Ellenstab zu spüren und lief zum Haus hinaus.

Jetzt war der Schneider mit seiner Ziege allein. Am Morgen führte er sie selbst zu grünen Hecken und ließ sie weiden bis zum Abend. Dann fragte er: „Ziege, bist du satt?“

Ich bin so satt,  
ich mag kein Blatt: meh! meh!

Er band sie im Stall fest und drehte sich in der Tür noch einmal um. „Nun bist du doch endlich satt!“ Aber die Ziege machte es ihm nicht besser als seinen Söhnen und rief:

Wovon soll ich satt sein?  
Ich sprang nur über Gräblein  
und fand kein einziges Blättlein: meh! meh!

Da erschrak der Schneider und begriff, dass er seine drei Söhne ohne Grund fortgejagt hatte. „Wart nur, du undankbares Geschöpf“, rief er. „Dich will ich so herrichten, dass du dich unter ehrbaren Schneidern nicht mehr sehen lassen kannst.“ Er holte sein Rasiermesser und schor der Ziege den Kopf kahl. Dann nahm er die Peitsche und trieb sie vom Hof, dass sie in großen Sprüngen davonlief.

Nun saß der Schneider allein in seinem Haus. Gern hätte er seine Söhne wiedergehabt, aber niemand wusste, wohin sie geraten waren.

Der Älteste war bei einem Schreiner in die Lehre gegangen. Zur Wanderschaft schenkte ihm der Meister ein Tischlein aus gewöhnlichem Holz, das nach nichts aussah und doch eine gute Eigenschaft hatte. Wenn man es hinstellte und sagte: „Tischlein, deck dich“, lag im selben Augenblick ein sauberes Tuch darauf, dazu Teller und Besteck, Schüsseln voll Gekochtem und Gebratenem und ein Glas roter Wein.

Damit hast du genug für dein ganzes Leben, dachte der Geselle und zog guter Dinge durch die Welt. Er kehrte in kein Wirtshaus ein, sondern stellte sein Tischlein im Wald oder auf einer Wiese vor sich hin, sagte: „Tischlein, deck dich“, und hatte alles, was er wollte.

Eines Tages wollte er heim, denn der Zorn des Vaters war gewiss längst verraucht. Abends kam er in ein Wirtshaus voller Gäste. Sie riefen ihm zu, er solle sich zu ihnen setzen und mitessen, sonst bekomme er nichts mehr.

„Nein“, sagte der Schreiner, „die paar Bissen will ich euch nicht wegnehmen. Lieber sollt ihr meine Gäste sein.“

Sie lachten und dachten, er treibe Spaß mit ihnen. Er aber stellte sein Tischlein in die Stube und sagte: „Tischlein, deck dich.“ Augenblicklich stand es voller Speisen, besser, als der Wirt sie je hätte auftragen können, und war eine Schüssel leer, stand sofort eine volle da. Der Wirt schaute zu und dachte: So einen Koch könnte ich gut gebrauchen.

Als alle schliefen, holte er ein altes Tischlein aus der Rumpelkammer, das genauso aussah, und vertauschte die beiden. Am Morgen packte der Schreiner auf und ging, ohne zu ahnen, dass er das falsche trug.

Zu Mittag kam er beim Vater an, der ihn voller Freude empfing und fragte, was er gelernt habe.

„Ich bin Schreiner geworden, Vater. Und das Beste, was ich mitbringe, ist dieses Tischlein deck dich: Sage ich ihm, es solle sich decken, stehen sofort die schönsten Gerichte darauf. Ladet nur alle Verwandten ein, sie sollen sich einmal satt essen.“

Als alle beisammen waren, stellte er es in die Stube und sagte: „Tischlein, deck dich.“ Aber das Tischlein blieb so leer wie jeder andere Tisch, der kein Wort versteht. Da merkte der Geselle, dass man es ihm vertauscht hatte, und stand wie ein Lügner da. Die Verwandten lachten ihn aus und gingen hungrig heim, der Vater nahm sich seine Stoffe wieder vor, und der Sohn ging bei einem Meister in Arbeit.

Der zweite Sohn hatte bei einem Müller gelernt. Als seine Jahre um waren, sagte der Meister: „Weil du dich so gut gehalten hast, schenke ich dir einen Esel von besonderer Art. Er zieht keinen Wagen und trägt keine Säcke.“

„Wozu ist er denn gut?“, fragte der Geselle.

„Er speit Gold. Stell ihn auf ein Tuch und sag ‚Bricklebrit‘, dann speit dir das gute Tier Goldstücke aus.“

Der Geselle dankte und zog in die Welt. Brauchte er Geld, sagte er nur „Bricklebrit“, dann regnete es Goldstücke, und er brauchte sie nur aufzuheben. Nach einiger Zeit wollte er heim: Mit dem Goldesel, dachte er, vergisst der Vater seinen Zorn. Und es traf sich, dass er in dasselbe Wirtshaus kam wie sein Bruder.

Der Wirt wollte ihm den Esel abnehmen, aber der Geselle sagte: „Bemüht Euch nicht. Meinen Grauen bringe ich selbst in den Stall, denn ich muss wissen, wo er steht.“

Wer seinen Esel selbst versorgt, dachte der Wirt, hat nicht viel zu verzehren. Als der Gast aber zwei Goldstücke hervorholte und das Beste bestellte, schrieb ihm der Wirt am Abend eine saftige Rechnung. Da war das Gold des Gesellen gerade zu Ende.

„Einen Augenblick, Herr Wirt“, sagte er, „ich hole nur schnell welches.“

Er nahm das Tischtuch mit. Der Wirt schlich ihm nach und schaute durch ein Astloch in der verriegelten Stalltür. Der Fremde breitete das Tuch unter dem Esel aus, rief „Bricklebrit“, und es regnete Gold herab. In der Nacht führte der Wirt den Goldesel weg und band einen anderen Esel an seine Stelle.

Am Morgen zog der Geselle ab und meinte, er habe seinen Goldesel bei sich. Zu Mittag kam er beim Vater an.

„Was ist aus dir geworden, mein Sohn?“

„Ein Müller, lieber Vater. Und mitgebracht habe ich einen Esel.“

„Esel gibt es hier genug“, sagte der Vater. „Eine gute Ziege wäre mir lieber gewesen.“

„Es ist kein gewöhnlicher Esel, sondern ein Goldesel. Wenn ich ‚Bricklebrit‘ sage, speit er euch ein ganzes Tuch voll Goldstücke. Ruft nur alle Verwandten herbei, ich mache sie zu reichen Leuten.“

Das ließ sich der Schneider nicht zweimal sagen und holte die Verwandten zusammen. Der Müller breitete sein Tuch aus, führte den Esel in die Stube und rief: „Bricklebrit.“ Aber es fiel kein einziges Goldstück herab, denn das Tier verstand nichts von dieser Kunst. Da sah der Müller, dass er betrogen war, und bat um Verzeihung. Die Verwandten gingen so arm heim, wie sie gekommen waren, der Alte griff wieder zur Nadel, und der Sohn verdingte sich bei einem Müller.

Der dritte Bruder war bei einem Drechsler in der Lehre und musste am längsten lernen, denn das ist ein kunstvolles Handwerk. Seine Brüder schrieben ihm, wie der Wirt sie um ihre Wundergaben gebracht hatte.

Als er ausgelernt hatte, schenkte ihm sein Meister einen Sack und sagte: „Es liegt ein Knüppel darin.“

„Den Sack kann ich gut gebrauchen. Aber was soll der Knüppel? Der macht ihn nur schwer.“

„Hat dir jemand etwas zuleide getan, dann sprich nur ‚Knüppel, aus dem Sack‘, so springt er heraus und tanzt ihm so auf dem Rücken herum, dass er sich acht Tage lang nicht rühren kann. Und er hört nicht eher auf, als bis du ‚Knüppel, in den Sack‘ sagst.“

Der Geselle dankte und hängte sich den Sack um. Wollte ihm unterwegs jemand ans Leder, sagte er nur: „Knüppel, aus dem Sack“, und schon klopfte der Knüppel einem nach dem anderen den Rock auf dem Rücken ab.

Am Abend erreichte er das Wirtshaus, in dem seine Brüder betrogen worden waren, legte seinen Sack auf den Tisch und erzählte von der Welt. „Ein Tischlein deck dich findet man wohl“, sagte er, „und einen Goldesel dazu. Aber das ist nichts gegen den Schatz, den ich hier in meinem Sack trage.“

Der Wirt spitzte die Ohren. Der Sack ist gewiss voller Edelsteine, dachte er, und aller guten Dinge sind drei.

Zur Schlafenszeit legte sich der Gast auf die Bank, den Sack unter dem Kopf. Der Wirt wartete, bis er ihn fest schlafen glaubte, und zog daran, um einen anderen unterzuschieben. Der Drechsler aber hatte darauf gewartet und rief: „Knüppel, aus dem Sack.“

Sogleich fuhr der Knüppel heraus und ging dem Wirt zu Leibe, und je lauter er schrie, desto kräftiger schlug ihm der Knüppel den Takt dazu, bis er zu Boden sank.

„Wenn du das Tischlein deck dich und den Goldesel nicht wieder herausgibst“, sagte der Drechsler, „fängt der Tanz von vorn an.“

„Ach nein“, rief der Wirt kleinlaut, „ich gebe alles gern wieder her. Lasst nur den verwünschten Kobold zurück in den Sack kriechen.“

„Ich lasse Gnade vor Recht ergehen“, sagte der Geselle, „aber hüte dich!“ Dann rief er: „Knüppel, in den Sack“, und ließ ihn ruhen.

Am nächsten Morgen zog der Drechsler mit dem Tischlein deck dich und dem Goldesel heim. Der Vater fragte auch ihn, was er mitgebracht habe.

„Ein kostbares Stück, lieber Vater: einen Knüppel im Sack. Sage ich ‚Knüppel, aus dem Sack‘, so springt er heraus und macht mit dem, der es nicht gut mit mir meint, einen schlimmen Tanz. Mit ihm habe ich das Tischlein deck dich und den Goldesel zurückgeholt, die der diebische Wirt meinen Brüdern abgenommen hat. Ruft die beiden und ladet alle Verwandten ein.“

Der Schneider wollte der Sache nicht recht trauen, holte die Verwandten aber doch zusammen. Der Drechsler breitete ein Tuch aus, führte den Goldesel herein und sagte: „Nun sprich du mit ihm, lieber Bruder.“

Der Müller sagte: „Bricklebrit“, und die Goldstücke prasselten auf das Tuch herab, bis alle so viel hatten, dass sie es nicht mehr tragen konnten.

Dann holte der Drechsler das Tischlein. „Nun sprich du mit ihm, lieber Bruder.“

Kaum hatte der Schreiner „Tischlein, deck dich“ gesagt, war es mit den schönsten Schüsseln besetzt. Da wurde ein Essen gehalten, wie es der gute Schneider noch nie erlebt hatte, und die ganze Verwandtschaft blieb fröhlich beisammen bis in die Nacht. Der Schneider aber schloss Nadel und Zwirn, Ellenstab und Bügeleisen in einen Schrank und lebte mit seinen drei Söhnen in Freude und Herrlichkeit.

Und wo ist die Ziege geblieben, die an allem schuld war? Sie schämte sich ihres kahlen Kopfes und verkroch sich in einer Fuchshöhle. Als der Fuchs heimkam, funkelten ihm aus dem Dunkeln zwei große Augen entgegen, und er lief erschrocken davon.

Unterwegs begegnete ihm der Bär. „Was ist dir, Bruder Fuchs?“

„In meiner Höhle sitzt ein grimmiges Tier und hat mich mit feurigen Augen angestarrt.“

„Das treiben wir hinaus“, sagte der Bär. Als er aber hineinschaute und die feurigen Augen sah, packte auch ihn die Angst, und er nahm Reißaus.

Da begegnete ihm die Biene. „Bär, wo ist deine Fröhlichkeit geblieben?“

„Im Haus des Fuchses sitzt ein grimmiges Tier mit Glotzaugen, und wir bekommen es nicht heraus.“

„Ich bin nur ein kleines, schwaches Geschöpf“, sagte die Biene, „aber ich glaube, dass ich euch helfen kann.“

Sie flog in die Höhle, setzte sich der Ziege auf den kahlen Kopf und stach sie so kräftig, dass die Ziege aufsprang, „meh! meh!“ schrie und wie toll in die Welt hinauslief. Und bis heute weiß niemand, wohin sie gelaufen ist.

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- Source: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage (1857) (https://de.wikisource.org/wiki/Tischchen_deck_dich,_Goldesel,_und_Knüppel_aus_dem_Sack_(1857))
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