# Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

_Retold by Talerie (talerie.com) from Kinder- und Hausmärchen, after Brothers Grimm_ · 20 min read · ages 8+

Ein Junge, der nicht weiß, was Gruseln ist, wacht furchtlos drei Nächte in einem verwunschenen Schloss, erlöst es und bekommt die Königstochter zur Frau. Erst als die junge Königin auf den Rat ihres Kammermädchens nachts einen Eimer kaltes Wasser mit Gründlingen über ihm ausschüttet, weiß ihr Mann, was Gruseln ist.

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Ein Vater hatte zwei Söhne. Der ältere war klug und geschickt und wusste sich in allem zu helfen. Der jüngere aber war dumm, er begriff nichts und lernte nichts, und wenn die Leute ihn sahen, sagten sie: „Mit dem wird der Vater noch seine liebe Not haben!“

Gab es etwas zu erledigen, so musste es immer der Ältere tun. Schickte ihn der Vater aber spät am Abend oder gar in der Nacht noch etwas holen, und führte der Weg über den Friedhof oder an einem anderen unheimlichen Ort vorbei, dann sagte er: „Ach nein, Vater, da gehe ich nicht hin, da gruselt es mir!“ Denn er fürchtete sich.

Wenn abends am Feuer Geschichten erzählt wurden, bei denen einem eine Gänsehaut über den Rücken läuft, sagten die Zuhörer manchmal: „Ach, es gruselt mir!“ Der Jüngere saß in einer Ecke, hörte zu und konnte nicht begreifen, was das heißen sollte.

„Immer sagen sie: ‚Es gruselt mir, es gruselt mir!‘“, dachte er. „Mir gruselt es nicht. Das wird wohl eine Kunst sein, von der ich auch nichts verstehe.“

Eines Tages sagte der Vater zu ihm: „Hör mal, du da in der Ecke! Du wirst groß und stark, du musst auch etwas lernen, womit du dein Brot verdienen kannst. Sieh nur, wie dein Bruder sich Mühe gibt. Aber bei dir ist Hopfen und Malz verloren.“

„Ach, Vater“, antwortete der Junge, „ich will gern etwas lernen. Wenn es ginge, möchte ich am liebsten lernen, wie man sich gruselt. Davon verstehe ich nämlich noch gar nichts.“

Der Ältere lachte, als er das hörte, und dachte: „Du lieber Gott, was ist mein Bruder für ein Dummkopf! Aus dem wird sein Lebtag nichts. Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten.“

Der Vater seufzte und sagte: „Das Gruseln wirst du schon noch lernen. Aber dein Brot wirst du damit nicht verdienen.“

Bald danach kam der Küster zu Besuch. Der Vater klagte ihm sein Leid und erzählte, wie ungeschickt sein jüngerer Sohn in allen Dingen sei: Er wisse nichts und lerne nichts. „Stellt Euch vor, als ich ihn fragte, womit er sein Brot verdienen will, wollte er doch tatsächlich das Gruseln lernen!“

„Wenn es weiter nichts ist“, antwortete der Küster, „das kann er bei mir lernen. Gebt ihn nur zu mir, dem werde ich die Flausen schon austreiben.“

Der Vater war einverstanden, denn er dachte: „Ein bisschen Schliff kann dem Jungen nicht schaden.“ So kam der Junge ins Haus des Küsters und musste dort die Glocke läuten.

Nach ein paar Tagen weckte ihn der Küster um Mitternacht und befahl ihm, auf den Kirchturm zu steigen und zu läuten. „Du sollst schon lernen, was Gruseln ist“, dachte der Küster und ging heimlich voraus. Als der Junge oben ankam und sich umdrehte, um das Glockenseil zu fassen, sah er auf der Treppe, gegenüber dem Schallloch, eine weiße Gestalt stehen.

„Wer da?“, rief er. Doch die Gestalt gab keine Antwort und rührte sich nicht.

„Antworte“, rief der Junge, „oder mach, dass du fortkommst! Du hast hier mitten in der Nacht nichts zu suchen.“

Der Küster aber blieb reglos stehen, damit der Junge ihn für ein Gespenst hielt.

Zum zweiten Mal rief der Junge: „Was willst du hier? Sprich, wenn du ein ehrlicher Kerl bist, sonst werfe ich dich die Treppe hinunter!“

„So schlimm wird er es nicht meinen“, dachte der Küster, gab keinen Laut von sich und stand da, als wäre er aus Stein.

Da rief ihn der Junge zum dritten Mal an. Und als auch das nichts nützte, nahm er Anlauf und stieß das Gespenst die Treppe hinunter, sodass es zehn Stufen hinabstürzte und in einer Ecke liegen blieb. Dann läutete er die Glocke, ging heim, legte sich ohne ein Wort ins Bett und schlief weiter.

Die Frau des Küsters wartete lange auf ihren Mann, aber er kam nicht zurück. Schließlich bekam sie Angst. Sie weckte den Jungen und fragte: „Weißt du nicht, wo mein Mann geblieben ist? Er ist doch vor dir auf den Turm gestiegen.“

„Nein“, antwortete der Junge. „Aber gegenüber dem Schallloch hat einer auf der Treppe gestanden. Und weil er weder antworten noch weggehen wollte, habe ich ihn für einen Spitzbuben gehalten und hinuntergestoßen. Geht nur hin, dann seht Ihr, ob er es gewesen ist. Das täte mir leid.“

Die Frau lief hin und fand ihren Mann, der jammernd in einer Ecke lag und sich ein Bein gebrochen hatte. Sie trug ihn hinunter und eilte dann mit lautem Geschrei zum Vater des Jungen.

„Euer Junge“, rief sie, „hat ein großes Unglück angerichtet! Meinen Mann hat er die Treppe hinuntergeworfen, sodass er sich ein Bein gebrochen hat. Schafft mir den Taugenichts aus dem Haus!“

Der Vater erschrak, kam herbeigelaufen und schimpfte den Jungen aus. „Was sind das für böse Streiche? Die muss dir der Teufel eingegeben haben!“

„Vater“, antwortete der Junge, „hör mich doch an, ich bin ganz unschuldig. Er stand da mitten in der Nacht wie einer, der Böses im Sinn hat. Ich wusste nicht, wer es war, und habe ihn dreimal gewarnt, er solle reden oder weggehen.“

„Ach“, sagte der Vater, „mit dir erlebe ich nur Unglück. Geh mir aus den Augen, ich will dich nicht mehr sehen.“

„Ja, Vater, sehr gern. Warte nur, bis es Tag ist, dann ziehe ich los und lerne das Gruseln. Dann verstehe ich wenigstens eine Kunst, von der ich leben kann.“

„Lerne, was du willst“, sagte der Vater, „mir ist alles gleich. Hier hast du fünfzig Taler. Damit geh in die weite Welt und sag keinem Menschen, woher du kommst und wer dein Vater ist, denn ich muss mich für dich schämen.“

„Ja, Vater, wie du willst. Wenn du sonst nichts verlangst, das kann ich mir leicht merken.“

Als der Tag anbrach, steckte der Junge seine fünfzig Taler in die Tasche, ging hinaus auf die große Landstraße und sagte immer wieder vor sich hin: „Ach, wenn mir’s nur gruselte! Ach, wenn mir’s nur gruselte!“

Da kam ein Mann vorbei und hörte, wie der Junge mit sich selbst redete. Sie gingen ein Stück zusammen, und als der Galgen vor ihnen auftauchte, sagte der Mann: „Siehst du den Baum dort? Da hängen sieben Gehenkte und lernen im Wind das Fliegen. Setz dich darunter und warte, bis es Nacht wird, dann wirst du das Gruseln schon lernen.“

„Wenn weiter nichts dazugehört“, antwortete der Junge, „das ist leicht getan. Lerne ich das Gruseln so schnell, dann sollt Ihr meine fünfzig Taler haben. Kommt nur morgen früh wieder zu mir.“

Der Junge ging zum Galgen, setzte sich darunter und wartete, bis es Abend wurde. Weil er fror, machte er sich ein Feuer. Doch um Mitternacht blies der Wind so kalt, dass ihm trotz des Feuers nicht warm werden wollte. Und als der Wind die Gehenkten gegeneinanderstieß, dass sie hin und her schwangen, dachte er: „Du frierst schon hier unten am Feuer. Wie müssen die da oben erst frieren und zappeln!“

Und weil er ein mitleidiges Herz hatte, stellte er eine Leiter an, stieg hinauf, knüpfte einen nach dem anderen los und holte alle sieben herunter. Dann schürte er das Feuer, blies hinein und setzte sie ringsherum, damit sie sich wärmen konnten.

Aber sie saßen da und rührten sich nicht, und das Feuer griff nach ihren Kleidern. „Passt auf“, sagte er, „sonst hänge ich euch wieder hinauf!“

Die Toten aber hörten nicht, schwiegen und ließen ihre Lumpen weiterbrennen. Da wurde er ärgerlich. „Wenn ihr nicht aufpassen wollt, kann ich euch nicht helfen. Ich will nicht mit euch verbrennen.“ Und er hängte sie der Reihe nach wieder hinauf.

Dann setzte er sich an sein Feuer und schlief ein. Am anderen Morgen kam der Mann, wollte die fünfzig Taler haben und fragte: „Na, weißt du jetzt, was Gruseln ist?“

„Nein“, antwortete der Junge. „Woher sollte ich das wissen? Die da oben haben den Mund nicht aufgemacht und waren so dumm, dass sie die paar alten Lumpen, die sie am Leib haben, brennen ließen.“

Da sah der Mann, dass er die fünfzig Taler heute nicht bekommen würde. Er ging fort und sagte: „So einer ist mir noch nicht vorgekommen.“

Auch der Junge ging seines Weges und fing wieder an, vor sich hin zu reden: „Ach, wenn mir’s nur gruselte! Ach, wenn mir’s nur gruselte!“

Das hörte ein Fuhrmann, der hinter ihm herging, und fragte: „Wer bist du?“

„Ich weiß nicht“, antwortete der Junge.

„Woher kommst du?“

„Ich weiß nicht.“

„Wer ist dein Vater?“

„Das darf ich nicht sagen.“

„Was murmelst du denn die ganze Zeit vor dich hin?“

„Ach“, antwortete der Junge, „ich möchte so gern, dass es mir gruselt, aber niemand kann es mir beibringen.“

„Lass das dumme Geschwätz“, sagte der Fuhrmann. „Komm mit mir, ich will sehen, dass ich dich irgendwo unterbringe.“

Der Junge ging mit dem Fuhrmann, und am Abend kamen sie zu einem Wirtshaus, wo sie übernachten wollten. Kaum war der Junge in die Stube getreten, sagte er wieder ganz laut: „Ach, wenn mir’s nur gruselte! Ach, wenn mir’s nur gruselte!“

Der Wirt hörte es, lachte und sagte: „Wenn du darauf so versessen bist, dazu findest du hier wohl Gelegenheit.“

„Ach, sei still“, sagte die Wirtin. „Schon mancher Vorwitzige hat dabei sein Leben verloren. Es wäre ein Jammer um die schönen Augen, wenn sie das Tageslicht nicht wiedersehen sollten.“

Der Junge aber sagte: „Und wenn es noch so schwer ist, ich will es endlich lernen. Deshalb bin ich ja losgezogen.“

Er ließ dem Wirt keine Ruhe, bis der ihm erzählte: Nicht weit von hier stehe ein verwunschenes Schloss. Dort könne einer wohl lernen, was Gruseln sei, wenn er nur drei Nächte darin wache. Wer es wage, dem habe der König seine Tochter zur Frau versprochen, und sie sei das schönste Mädchen, das die Sonne je beschienen habe.

In dem Schloss lägen auch große Schätze, die von bösen Geistern bewacht würden. Wer die drei Nächte überstehe, mache sie frei, und davon könne ein Armer reich genug werden. Schon viele seien hineingegangen, aber noch keiner sei wieder herausgekommen.

Am anderen Morgen ging der Junge vor den König und sagte: „Wenn Ihr es erlaubt, Herr König, möchte ich drei Nächte in dem verwunschenen Schloss wachen.“

Der König sah ihn an, und weil der Junge ihm gefiel, sagte er: „Du darfst dir noch drei Dinge wünschen und mit ins Schloss nehmen. Aber es müssen leblose Dinge sein.“

Da antwortete der Junge: „Dann bitte ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit dem Messer.“

Der König ließ ihm das alles noch bei Tag ins Schloss tragen. Als es Nacht wurde, ging der Junge hinauf, machte sich in einer Kammer ein helles Feuer, stellte die Schnitzbank mit dem Messer daneben und setzte sich auf die Drehbank.

„Ach, wenn mir’s nur gruselte!“, sagte er. „Aber hier werde ich es auch nicht lernen.“

Gegen Mitternacht wollte er sein Feuer ein wenig schüren. Wie er so hineinblies, schrie es plötzlich aus einer Ecke: „Au, miau! Wie uns friert!“

„Ihr Narren“, rief er, „was schreit ihr denn? Wenn euch friert, dann kommt, setzt euch ans Feuer und wärmt euch.“

Kaum hatte er das gesagt, kamen mit einem gewaltigen Satz zwei große schwarze Katzen herbei, setzten sich rechts und links neben ihn und starrten ihn mit ihren feurigen Augen ganz wild an. Nach einer Weile, als sie sich gewärmt hatten, sagten sie: „Kamerad, wollen wir eine Runde Karten spielen?“

„Warum nicht?“, antwortete er. „Aber zeigt mal eure Pfoten her.“

Da streckten sie die Krallen aus.

„Oh“, sagte er, „was habt ihr für lange Nägel! Wartet, die muss ich euch erst schneiden.“ Damit packte er sie beim Genick, hob sie auf die Schnitzbank und schraubte ihnen die Pfoten fest. „Euch habe ich auf die Finger geschaut“, sagte er, „da vergeht mir die Lust zum Kartenspielen.“ Dann schlug er sie tot und warf sie hinaus ins Wasser.

Kaum aber hatte er die beiden zur Ruhe gebracht und wollte sich wieder an sein Feuer setzen, da kamen aus allen Ecken und Winkeln schwarze Katzen und schwarze Hunde an glühenden Ketten, immer mehr und mehr, bis er sich nicht mehr zu retten wusste. Sie schrien grässlich, traten in sein Feuer, zerrten es auseinander und wollten es ausmachen.

Eine Weile sah er sich das ruhig an. Als es ihm aber zu bunt wurde, packte er sein Schnitzmesser und rief: „Fort mit euch, ihr Gesindel!“ Und er hieb auf sie ein. Ein Teil sprang davon, die anderen schlug er tot und warf sie hinaus in den Teich.

Als er zurückkam, blies er aus der Glut ein frisches Feuer an und wärmte sich. Und wie er so dasaß, wollten ihm die Augen nicht länger offen bleiben, und er bekam Lust zu schlafen. Er sah sich um und entdeckte in der Ecke ein großes Bett. „Das kommt mir gerade recht“, sagte er und legte sich hinein.

Als er aber die Augen zumachen wollte, fing das Bett von selbst an zu fahren und rollte durch das ganze Schloss.

„Recht so“, sagte er, „nur immer schneller!“

Da jagte das Bett dahin, als wären sechs Pferde davorgespannt, über Schwellen und Treppen, hinauf und hinab. Auf einmal, hopp, hopp, kippte es um, das Unterste zuoberst, und lag wie ein Berg auf ihm. Er aber schleuderte Decken und Kissen in die Höhe, stieg heraus und sagte: „Jetzt kann fahren, wer Lust hat.“ Dann legte er sich an sein Feuer und schlief, bis es Tag war.

Am Morgen kam der König. Als er den Jungen da auf dem Boden liegen sah, meinte er, die Gespenster hätten ihn umgebracht und er sei tot. „Es ist doch schade um den schönen jungen Mann“, sagte er.

Das hörte der Junge, richtete sich auf und sagte: „So weit ist es noch nicht!“

Da staunte der König, freute sich aber und fragte, wie es ihm ergangen sei.

„Ganz gut“, antwortete der Junge. „Eine Nacht wäre vorbei, die anderen zwei werden auch noch vorbeigehen.“

Als er zum Wirt kam, machte der große Augen. „Ich hätte nicht gedacht“, sagte er, „dass ich dich lebendig wiedersehe. Hast du jetzt gelernt, was Gruseln ist?“

„Nein“, sagte der Junge, „es ist alles umsonst. Wenn es mir doch nur einer sagen könnte!“

In der zweiten Nacht ging er wieder hinauf ins alte Schloss, setzte sich ans Feuer und fing sein altes Lied von vorn an: „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“

Als Mitternacht herankam, hörte man ein Lärmen und Poltern, erst leise, dann immer lauter. Dann war es eine Weile still, und endlich fiel mit lautem Geschrei ein halber Mensch den Schornstein herunter, direkt vor seine Füße.

„Heda!“, rief der Junge. „Da gehört noch eine Hälfte dazu, das ist zu wenig.“

Da ging der Lärm von Neuem los, es tobte und heulte, und die andere Hälfte fiel auch herunter. „Warte“, sagte er, „ich will dir erst das Feuer ein bisschen anblasen.“

Als er das getan hatte und sich wieder umsah, waren die beiden Stücke zusammengewachsen, und auf seinem Platz saß ein grässlicher Mann. „So haben wir nicht gewettet“, sagte der Junge, „die Bank gehört mir.“

Der Mann wollte ihn wegdrängen, aber der Junge ließ sich das nicht gefallen, schob ihn mit aller Kraft weg und setzte sich wieder auf seinen Platz.

Da fielen noch mehr Männer herunter, einer nach dem anderen. Sie holten neun Totenbeine und zwei Totenköpfe, stellten die Beine auf und spielten Kegel. Der Junge bekam auch Lust und fragte: „Hört mal, darf ich mitspielen?“

„Ja, wenn du Geld hast.“

„Geld genug“, antwortete er, „aber eure Kugeln sind nicht richtig rund.“ Er nahm die Totenköpfe, spannte sie in die Drehbank und drehte sie rund. „So, jetzt rollen sie besser“, sagte er. „Heida, jetzt wird es lustig!“

Er spielte mit und verlor etwas von seinem Geld. Als es aber zwölf schlug, war alles vor seinen Augen verschwunden. Er legte sich hin und schlief ruhig ein.

Am anderen Morgen kam der König und wollte nach ihm sehen. „Wie ist es dir diesmal ergangen?“, fragte er.

„Ich habe gekegelt“, antwortete der Junge, „und ein paar Heller verloren.“

„Hat es dir denn nicht gegruselt?“

„Ach was“, sagte er, „ich habe mich prächtig vergnügt. Wenn ich nur wüsste, was Gruseln ist!“

In der dritten Nacht setzte er sich wieder auf seine Bank und sagte ganz verdrossen: „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“

Als es spät wurde, kamen sechs große Männer und trugen einen Sarg herein. Da sagte er: „Haha, das ist bestimmt mein Vetterchen, das erst vor ein paar Tagen gestorben ist.“ Er winkte mit dem Finger und rief: „Komm, Vetterchen, komm!“

Die Männer stellten den Sarg auf den Boden. Der Junge ging hin und nahm den Deckel ab: Da lag ein toter Mann darin. Er befühlte sein Gesicht, aber es war kalt wie Eis. „Warte“, sagte er, „ich will dich ein bisschen wärmen.“ Er ging ans Feuer, wärmte sich die Hand und legte sie dem Toten aufs Gesicht, doch der Tote blieb kalt.

Nun hob er ihn heraus, setzte sich ans Feuer, nahm ihn auf den Schoß und rieb ihm die Arme, damit das Blut wieder in Gang käme. Als auch das nichts half, fiel ihm ein: „Wenn zwei zusammen im Bett liegen, wärmen sie sich gegenseitig.“ So trug er ihn ins Bett, deckte ihn zu und legte sich neben ihn.

Nach einer Weile wurde auch der Tote warm und fing an, sich zu regen. Da sagte der Junge: „Siehst du, Vetterchen, gut, dass ich dich gewärmt habe!“

Der Tote aber rief: „Jetzt will ich dich erwürgen!“

„Was?“, sagte der Junge. „Ist das mein Dank? Gleich kommst du zurück in deinen Sarg!“ Er hob ihn hoch, warf ihn hinein und machte den Deckel zu. Da kamen die sechs Männer wieder und trugen ihn fort.

„Es will mir nicht gruseln“, sagte er. „Hier lerne ich es mein Lebtag nicht.“

Da trat ein Mann herein, der war größer als alle anderen und sah fürchterlich aus. Er war aber alt und hatte einen langen weißen Bart. „Du kleiner Wicht“, rief er, „jetzt sollst du bald lernen, was Gruseln ist, denn du sollst sterben!“

„Nicht so schnell“, antwortete der Junge. „Wenn ich sterben soll, muss ich auch dabei sein.“

„Dich packe ich schon“, sagte der Alte.

„Langsam, langsam, mach dich nicht so breit. So stark wie du bin ich auch, und wahrscheinlich noch stärker.“

„Das werden wir sehen“, sagte der Alte. „Bist du stärker als ich, dann lasse ich dich gehen. Komm, wir wollen es versuchen.“

Er führte ihn durch dunkle Gänge zu einer Schmiede mit glühendem Feuer, nahm eine Axt und schlug den einen Amboss mit einem einzigen Hieb in die Erde.

„Das kann ich noch besser“, sagte der Junge und ging zu dem anderen Amboss. Der Alte stellte sich daneben, um zuzusehen, und sein weißer Bart hing herab. Da packte der Junge die Axt, spaltete den Amboss mit einem Hieb und klemmte den Bart des Alten mit in den Spalt.

„Jetzt habe ich dich“, sagte der Junge, „jetzt bist du mit dem Sterben dran.“ Dann griff er nach einer Eisenstange und schlug auf den Alten ein, bis der wimmerte und bat, er möge aufhören, er wolle ihm auch große Reichtümer geben. Da zog der Junge die Axt heraus und ließ ihn los.

Der Alte führte ihn zurück ins Schloss und zeigte ihm in einem Keller drei Truhen voll Gold. „Davon gehört eine den Armen“, sagte er, „die zweite dem König und die dritte dir.“

In diesem Augenblick schlug es zwölf, und der Alte verschwand, sodass der Junge im Dunkeln stand. „Ich werde schon wieder herausfinden“, sagte er, tastete sich voran, fand den Weg in seine Kammer und schlief dort an seinem Feuer ein.

Am anderen Morgen kam der König und sagte: „Jetzt wirst du wohl gelernt haben, was Gruseln ist?“

„Nein“, antwortete der Junge, „was ist das nur? Mein toter Vetter war da, und ein bärtiger Mann ist gekommen, der hat mir da unten viel Geld gezeigt. Aber was Gruseln ist, hat mir keiner gesagt.“

Da sagte der König: „Du hast das Schloss erlöst und sollst meine Tochter heiraten.“

„Das ist alles schön und gut“, antwortete der Junge, „aber ich weiß immer noch nicht, was Gruseln ist.“

Nun wurde das Gold heraufgebracht und die Hochzeit gefeiert. Doch so lieb der junge König seine Frau auch hatte und so glücklich er war, er sagte trotzdem immer wieder: „Ach, wenn mir’s nur gruselte! Ach, wenn mir’s nur gruselte!“

Mit der Zeit ärgerte das die junge Königin. Da sagte ihr Kammermädchen: „Ich weiß Rat, Frau Königin. Das Gruseln soll er schon noch lernen.“ Das Kammermädchen ging hinaus zum Bach, der durch den Garten floss, und ließ sich einen ganzen Eimer voll Gründlinge holen.

In der Nacht, als der junge König schlief, zog ihm seine Frau die Decke weg und schüttete den Eimer mit dem kalten Wasser und den Gründlingen über ihm aus, sodass die kleinen Fische überall um ihn herum zappelten.

Da wachte er auf und rief: „Ach, was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiß ich, was Gruseln ist.“

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- Source: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage (1857) (https://de.wikisource.org/wiki/Mährchen_von_einem,_der_auszog_das_Fürchten_zu_lernen_(1857))
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