# Wassilissa die Schöne

_Retold by Talerie (talerie.com) from Russian Fairy Tales, after Alexander Afanasyev_ · 17 min read · ages 7+

Die Stiefschwestern schicken Wassilissa um Licht zu Baba Jaga, und dort erledigt Wassilissas Püppchen, das Geschenk ihrer toten Mutter, alle Arbeit. Ein Schädel mit glühenden Augen verbrennt die Stiefmutter und ihre Töchter zu Asche, und der König heiratet Wassilissa, die das Püppchen immer in der Tasche trägt.

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Es war einmal in einem fernen Königreich ein Kaufmann. Zwölf Jahre war er verheiratet, doch er hatte nur ein einziges Kind, eine Tochter, Wassilissa die Schöne. Als die Mutter starb, war das Mädchen acht Jahre alt.

Auf dem Sterbebett rief die Kaufmannsfrau ihr Töchterchen zu sich. Sie holte unter der Bettdecke ein Püppchen hervor, gab es ihr und sagte: „Hör mir gut zu, Wassilissa, mein liebes Kind, und vergiss nie, was ich dir jetzt sage. Ich muss sterben. Mit meinem mütterlichen Segen lasse ich dir dieses Püppchen. Behalte es immer bei dir und zeig es niemandem. Und wenn dir einmal ein Unglück zustößt, dann gib ihm zu essen und frag es um Rat. Wenn es gegessen hat, wird es dir sagen, wie du dir helfen kannst.“ Dann küsste die Mutter ihr Kind und starb.

Der Kaufmann trauerte um seine Frau, so lange es sich gehörte, und dann dachte er daran, wieder zu heiraten. Er war ein wohlhabender Mann und brauchte nicht nach einer reichen Braut zu suchen. Am besten von allen gefiel ihm eine Witwe. Sie war nicht mehr jung und hatte selbst zwei Töchter, ungefähr so alt wie Wassilissa. „Die versteht etwas vom Haushalt und weiß, wie man Kinder großzieht“, dachte er.

So heiratete der Kaufmann die Witwe. Aber er hatte sich getäuscht: Eine gute Mutter für seine Wassilissa fand er in ihr nicht. Wassilissa war das schönste Mädchen im ganzen Ort, und die Stiefmutter und die Stiefschwestern waren neidisch auf ihre Schönheit. Sie quälten sie mit jeder Arbeit, die sich nur denken ließ, damit sie vor lauter Plackerei mager würde und von Sonne und Wind ganz braun und rau.

Wassilissa hatte ein schweres Leben! Doch sie ertrug alles ohne ein Wort der Klage und wurde mit jedem Tag runder und hübscher. Die Stiefmutter und ihre Töchter dagegen wurden vor lauter Bosheit immer magerer und unansehnlicher, obwohl sie wie vornehme Damen den ganzen Tag die Hände in den Schoß legten.

Wie ging das zu? Nun, das Püppchen half Wassilissa. Wie hätte das Mädchen ohne seine Hilfe all die Arbeit schaffen sollen?

Darum aß Wassilissa ihren Teil nie ganz auf, sondern legte immer den besten Bissen für das Püppchen beiseite. Nachts, wenn alle anderen schliefen, schloss sie sich in ihrer engen Schlafkammer ein, gab dem Püppchen zu essen und sagte dabei: „Püppchen, iss und hör mich an, hilf mir, wo ich nicht mehr kann! Ich lebe im Haus meines Vaters und habe doch keine Freude. Meine böse Stiefmutter möchte mich am liebsten unter die Erde bringen. Sag mir, wie ich leben soll und was ich tun muss.“

Dann aß das Püppchen, gab ihr einen guten Rat und tröstete sie in ihrem Kummer. Am nächsten Tag tat es die ganze Arbeit für Wassilissa. Sie konnte sich im Schatten ausruhen und Blumen pflücken, und trotzdem war alles rechtzeitig erledigt: Die Beete waren gejätet, die Eimer voll Wasser, der Kohl begossen und der Ofen geheizt. Das Püppchen zeigte Wassilissa sogar Kräuter, die sie vor dem Sonnenbrand schützten. So lebten die beiden glücklich miteinander.

Einige Jahre vergingen. Wassilissa wuchs heran und kam in das Alter, in dem man heiratet. Alle jungen Männer der Stadt, die eine Frau suchten, schickten Brautwerber zu Wassilissa; die Töchter der Stiefmutter sah keiner auch nur an. Da wurde die Stiefmutter noch böser als zuvor und gab jedem Freier dieselbe Antwort:

„Die Jüngste heiratet nicht vor den Älteren.“

Und wenn sie die Freier fortgeschickt hatte, ließ sie ihre Wut an Wassilissa aus und schlug sie.

Eines Tages musste der Kaufmann in Geschäften für lange Zeit verreisen. Kaum war er fort, zog die Stiefmutter in ein anderes Haus. Es lag gleich an einem dichten Wald, und auf einer Lichtung mitten in diesem Wald stand eine Hütte, in der Baba Jaga wohnte. Sie ließ niemanden in ihre Nähe, und Menschen fraß sie, als wären es Hühner.

Als sie in das neue Haus gezogen waren, schickte die Stiefmutter die verhasste Wassilissa immer wieder in den Wald, mal unter diesem, mal unter jenem Vorwand. Doch das Mädchen kam jedes Mal wohlbehalten nach Hause, denn das Püppchen zeigte ihm den Weg und ließ es nie in die Nähe von Baba Jagas Hütte.

Der Herbst kam. Eines Abends teilte die Stiefmutter den drei Mädchen die Arbeit zu: Die erste sollte Spitzen klöppeln, die zweite Strümpfe stricken und die dritte, Wassilissa, weben. Jede bekam ein bestimmtes Stück Arbeit, das sie fertig machen musste. Dann löschte die Stiefmutter im ganzen Haus die Lichter, ließ nur eine einzige Kerze bei den Mädchen brennen und ging schlafen.

Die Mädchen arbeiteten und arbeiteten. Nach einer Weile musste der Docht geputzt werden. Eine der Stiefschwestern nahm die Lichtschere, als wollte sie den Docht kürzen. Doch die Stiefschwester drückte die Flamme aus, wie die Stiefmutter es ihr aufgetragen hatte, und tat, als wäre es aus Versehen geschehen.

„Was machen wir jetzt?“, sagten die Mädchen. „Im ganzen Haus gibt es kein Fünkchen Feuer mehr, und unsere Arbeit ist noch nicht fertig. Wir müssen zu Baba Jaga gehen und Licht holen!“

„Mir leuchten meine Nadeln hell genug“, sagte die, die Spitzen klöppelte. „Ich gehe nicht.“

„Ich auch nicht“, sagte die, die Strümpfe strickte. „Meine Stricknadeln leuchten mir hell genug.“

„Wassilissa, du musst das Licht holen!“, riefen beide wie aus einem Mund. „Lauf zu Baba Jaga!“

Und sie stießen Wassilissa aus der Stube.

Wassilissa ging in ihre kleine Kammer, stellte dem Püppchen das Abendessen hin, das sie schon vorher beiseitegelegt hatte, und sagte: „Püppchen, iss und hör mich an, hilf mir, wo ich nicht mehr kann! Sie schicken mich zu Baba Jaga, um Licht zu holen. Baba Jaga wird mich fressen!“

Das Püppchen aß, und seine Augen fingen an zu leuchten wie zwei Kerzen.

„Fürchte dich nicht, liebe Wassilissa“, sagte es. „Geh, wohin man dich schickt. Gib nur acht, dass du mich immer bei dir hast. Solange ich bei dir bin, kann dir bei Baba Jaga nichts geschehen.“

Da machte Wassilissa sich fertig, steckte das Püppchen in die Tasche, bekreuzigte sich und ging hinaus in den dunklen Wald.

Wassilissa ging und zitterte am ganzen Leib. Auf einmal galoppierte ein Reiter an ihr vorbei. Er war ganz in Weiß gekleidet, sein Pferd war weiß und das Zaumzeug auch, und der Tag begann zu dämmern.

Sie ging ein Stück weiter, da galoppierte ein zweiter Reiter vorbei. Er war ganz in Rot gekleidet und saß auf einem roten Pferd, und die Sonne ging auf.

Die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag lief Wassilissa weiter. Erst gegen Abend kam sie auf die Lichtung, auf der Baba Jagas Hütte stand. Der Zaun ringsherum war aus den Knochen toter Menschen gemacht. Oben auf den Zaunpfählen steckten Menschenschädel, und in den Schädeln waren noch die Augen. Die Torpfosten waren Menschenbeine, die Riegel waren Arme, und statt eines Schlosses saß am Tor ein Maul mit spitzen Zähnen.

Wassilissa erschrak so sehr, dass sie wie angewurzelt stehen blieb.

Plötzlich ritt wieder ein Reiter vorbei. Er war ganz in Schwarz gekleidet und saß auf einem schwarzen Pferd. Er galoppierte auf Baba Jagas Tor zu und verschwand, als wäre er in die Erde versunken, und es wurde Nacht. Doch die Dunkelheit dauerte nicht lange. Die Augen aller Schädel auf dem Zaun begannen zu leuchten, und auf der ganzen Lichtung wurde es so hell wie am Mittag. Wassilissa bebte vor Angst, aber sie blieb, wo sie war, denn sie wusste nicht, wohin sie laufen sollte.

Bald hörte man im Wald ein schreckliches Getöse. Die Bäume krachten, das dürre Laub raschelte, und aus dem Wald kam Baba Jaga hervor. Sie fuhr in einem Mörser, trieb ihn mit dem Stößel an und fegte mit einem Besen ihre Spur hinter sich weg. Am Tor hielt sie an, schnupperte ringsum in die Luft und rief:

„Pfui, pfui! Hier riecht es nach russischem Fleisch! Wer ist da?“

Wassilissa trat voller Angst zu der Alten, verneigte sich tief vor ihr und sagte:

„Ich bin es, Großmütterchen. Meine Stiefschwestern haben mich zu dir geschickt, um Licht zu holen.“

„Schon gut“, sagte Baba Jaga, „die kenne ich. Bleib erst eine Weile bei mir und arbeite für mich, dann bekommst du dein Licht. Wenn nicht, dann fresse ich dich!“

Dann wandte sie sich zum Tor und rief:

Riegel, Riegel, lasst mich ein!  
Tor, mein Tor, sollst offen sein!

Das Tor öffnete sich, und Baba Jaga fuhr pfeifend hinein. Wassilissa ging hinter ihr her, und gleich darauf schloss sich alles wieder.

Als sie in die Stube kamen, streckte Baba Jaga sich der Länge nach aus und sagte zu Wassilissa:

„Hol heraus, was im Ofen ist. Ich habe Hunger.“

Wassilissa zündete an einem der Schädel auf dem Zaun einen Kienspan an. Dann holte sie das Fleisch aus dem Ofen und stellte es Baba Jaga hin, und es war Fleisch genug für zwölf Leute. Danach brachte sie aus dem Keller Kwas, Met, Bier und Wein. Die Alte aß alles auf und trank alles aus. Für Wassilissa ließ sie nur ein paar Reste übrig: eine Brotkruste und ein Stückchen Spanferkel.

Dann legte Baba Jaga sich schlafen und sagte:

„Wenn ich morgen früh fortfahre, fegst du den Hof, kehrst die Stube, kochst das Mittagessen und kümmerst dich um die Wäsche. Dann gehst du in die Kornkammer, holst vier Scheffel Weizen und liest alle fremden Körner aus. Und dass mir alles fertig ist! Sonst fresse ich dich.“

Gleich darauf fing Baba Jaga an zu schnarchen. Wassilissa aber stellte dem Püppchen die Reste von der Mahlzeit der Alten hin, brach in Tränen aus und sagte: „Püppchen, iss und hör mich an, hilf mir, wo ich nicht mehr kann! Baba Jaga hat mir eine schwere Arbeit aufgetragen, und sie will mich fressen, wenn ich nicht alles schaffe. Hilf mir doch!“

Das Püppchen antwortete:

„Fürchte dich nicht, Wassilissa, du Schöne! Iss zu Abend, sprich dein Gebet und leg dich schlafen. Der Morgen ist klüger als der Abend.“

Wassilissa wachte sehr früh auf, aber Baba Jaga war schon auf den Beinen. Durchs Fenster sah das Mädchen, dass das Licht in den Augen der Schädel gerade erlosch. Da kam der weiße Reiter vorbei, und es wurde hell. Baba Jaga ging hinaus auf den Hof und pfiff, und vor ihr standen ein Mörser, ein Stößel und ein Besen. Der rote Reiter kam vorbei, und die Sonne ging auf. Baba Jaga setzte sich in den Mörser und fuhr aus dem Hof. Mit dem Stößel stieß sie sich voran, und mit dem Besen fegte sie ihre Spur weg.

Nun war Wassilissa allein. Sie sah sich in Baba Jagas Haus um und staunte, wie viel es dort von allem gab. Dann stand sie da und überlegte, mit welcher Arbeit sie anfangen sollte. Doch als sie aufblickte, war schon alles getan. Das Püppchen hatte den Weizen bis auf das letzte Korn verlesen.

„Ach, du mein Retter!“, rief Wassilissa. „Du hast mich vor dem Unglück bewahrt!“

„Du musst nur noch das Mittagessen kochen“, antwortete das Püppchen und schlüpfte in Wassilissas Tasche. „Koch in Gottes Namen, und dann ruh dich aus, das tut dir gut.“

Gegen Abend deckte Wassilissa den Tisch und wartete auf Baba Jaga. Es begann zu dämmern. Der schwarze Reiter tauchte für einen Augenblick am Tor auf, und es wurde dunkel. Nur die Augen der Schädel leuchteten. Die Bäume fingen an zu krachen, das Laub raschelte, und Baba Jaga kam angefahren. Wassilissa ging ihr entgegen.

„Ist alles fertig?“, fragte Baba Jaga.

„Sieh selbst nach, Großmütterchen“, sagte Wassilissa.

Baba Jaga sah sich alles genau an. Es ärgerte sie, dass es nichts gab, worüber sie schimpfen konnte, und sie sagte nur: „Nun, nun! Schon gut!“ Danach rief sie: „Meine treuen Diener, meine flinken Freunde, mahlt mir meinen Weizen!“

Da erschienen drei Paar Hände. Sie packten den Weizen und trugen ihn fort, sodass man ihn nicht mehr sah. Baba Jaga aß zu Abend, legte sich schlafen und gab Wassilissa wieder ihre Befehle:

„Morgen machst du alles genauso wie heute. Außerdem nimmst du den Mohn aus der Kornkammer und liest Korn für Korn die Erde heraus. Jemand hat aus Bosheit einen Haufen Erde daruntergemischt.“

Damit drehte die Alte sich zur Wand und fing an zu schnarchen, und Wassilissa gab dem Püppchen zu essen.

Das Püppchen aß und sagte zu ihr dasselbe wie am Tag zuvor:

„Bete zu Gott und leg dich schlafen. Der Morgen ist klüger als der Abend. Alles wird erledigt sein, liebe Wassilissa.“

Am nächsten Morgen fuhr Baba Jaga wieder in ihrem Mörser aus dem Hof, und Wassilissa und das Püppchen erledigten sogleich die ganze Arbeit. Am Abend kam die Alte zurück, sah sich alles an und rief: „Meine treuen Diener, meine flinken Freunde, presst mir Öl aus dem Mohn!“

Drei Paar Hände erschienen, packten den Mohn und trugen ihn fort, sodass man ihn nicht mehr sah. Baba Jaga setzte sich zum Essen. Sie aß, und Wassilissa stand stumm daneben.

„Warum redest du nicht mit mir?“, fragte Baba Jaga. „Du stehst da, als hättest du keine Zunge.“

„Ich habe mich nicht getraut“, antwortete Wassilissa. „Aber wenn du es erlaubst, möchte ich dich gern etwas fragen.“

„Frag nur. Aber nicht jede Frage bringt Gutes. ‚Wer viel wissen will, wird früh alt.‘“

„Ich möchte dich nur nach etwas fragen, das ich gesehen habe, Großmütterchen. Als ich zu dir unterwegs war, ritt einer auf einem weißen Pferd an mir vorbei. Er war selbst weiß und in Weiß gekleidet. Wer war das?“

„Das war mein heller Tag“, antwortete Baba Jaga.

„Danach ritt ein anderer an mir vorbei, auf einem roten Pferd, selbst rot und ganz in Rot gekleidet. Wer war das?“

„Das war meine rote Sonne“, antwortete Baba Jaga.

„Und wer ist der schwarze Reiter, Großmütterchen, der direkt an deinem Tor an mir vorbeigeritten ist?“

„Das war meine dunkle Nacht. Sie alle sind meine treuen Diener.“

Wassilissa dachte an die drei Paar Hände, doch sie schwieg.

„Warum fragst du nicht weiter?“, wollte Baba Jaga wissen.

„Das genügt mir, Großmütterchen. Du hast ja selbst gesagt: ‚Wer viel wissen will, wird früh alt.‘“

„Es ist gut für dich“, sagte Baba Jaga, „dass du nur nach dem gefragt hast, was du draußen gesehen hast, und nicht nach dem, was hier drinnen ist. Was in meinem Haus geschieht, soll im Haus bleiben. Und wer zu neugierig ist, den fresse ich. Jetzt will ich dich etwas fragen. Wie schaffst du nur die Arbeit, die ich dir auftrage?“

„Der Segen meiner Mutter hilft mir“, antwortete Wassilissa.

„So, so! Was höre ich da? Mach, dass du aus meinem Haus kommst, du Gesegnete! Gesegnete kann ich hier nicht brauchen.“

Baba Jaga zerrte Wassilissa aus der Stube und stieß sie zum Tor hinaus. Dann nahm sie vom Zaun einen der Schädel mit den glühenden Augen, steckte ihn auf einen Stock, gab ihn ihr und sagte:

„Da, nimm. Das ist Licht für deine Stiefschwestern. Dafür haben sie dich doch hergeschickt.“

Wassilissa lief nach Hause, so schnell sie konnte. Der Schädel leuchtete ihr den Weg und erlosch jedes Mal erst, wenn der Morgen kam. Am Abend des zweiten Tages kam sie endlich zu Hause an. Als sie vor dem Tor stand, wollte sie den Schädel wegwerfen.

„Zu Hause brauchen sie bestimmt kein Licht mehr“, dachte sie. Doch plötzlich kam aus dem Schädel eine dumpfe Stimme:

„Wirf mich nicht weg. Bring mich zu deiner Stiefmutter!“

Wassilissa schaute zum Haus der Stiefmutter hinüber. In keinem einzigen Fenster sah sie Licht, und so beschloss sie, den Schädel mit hineinzunehmen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben empfingen die Stiefmutter und die Stiefschwestern sie freundlich. Seit Wassilissa fortgegangen war, erzählten sie, hatten sie kein Fünkchen Feuer mehr im Haus gehabt. Sie selbst konnten kein Feuer schlagen, wie sehr sie sich auch mühten. Und wenn sie Licht von den Nachbarn holten, erlosch es, sobald sie damit in die Stube traten.

„Vielleicht hält sich dein Licht“, sagte die Stiefmutter.

So trugen sie den Schädel in die Stube. Aber die Augen des Schädels starrten die Stiefmutter und ihre Töchter unverwandt an, und Flammen schossen aus ihnen hervor! Die drei wollten sich verstecken, doch wohin sie auch liefen, überallhin folgten ihnen die Augen. Bis zum Morgen waren Mutter und Töchter ganz und gar zu Asche verbrannt. Nur Wassilissa geschah nichts.

Am Morgen vergrub Wassilissa den Schädel in der Erde, schloss das Haus ab und ging in die Stadt. Dort zog sie bei einer alten Frau ein.

Nach einiger Zeit wollte Wassilissa sich wieder an die Arbeit machen. Das Püppchen baute ihr einen wunderschönen Webstuhl, und bis zum Ende des Winters hatte Wassilissa einen ganzen Ballen Leinen gewebt, so fein, dass man es wie einen Faden durch ein Nadelöhr ziehen konnte. Im Frühling, als das Leinen gebleicht war, schenkte Wassilissa es der alten Frau, bei der sie wohnte.

Die alte Frau brachte das Leinen dem König, und der König befahl, Hemden daraus zu nähen. Doch es fand sich keine Näherin, die sich daran wagte, bis man das Leinen schließlich Wassilissa brachte.

Als Wassilissa zwölf Hemden genäht hatte, schickte sie sie dem König. Kaum hatte man die Hemden fortgetragen, da wusch sie sich, kämmte sich das Haar, zog sich schön an und setzte sich ans Fenster. Es dauerte nicht lange, und ein Bote des Königs kam: Sie solle sofort zu Hofe kommen. Und als Wassilissa vor den König trat, verliebte er sich von ganzem Herzen in sie.

„Meine Schöne“, sagte er, „ich lasse dich nie wieder fort. Du sollst meine Frau werden.“

So heiratete der König Wassilissa. Bald darauf kehrte auch ihr Vater von seiner Reise zurück und zog zu ihr. Wassilissa nahm die alte Frau zu sich in ihre Dienste und trug das Püppchen bis an ihr Lebensende immer in der Tasche.

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- Characters: Baba Jaga
- Version: longer, more faithful retelling; the gentler retelling: https://talerie.com/de/maerchen/wassilissa-die-schoene.md
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- Source: Russian Fairy Tales: A Choice Collection of Muscovite Folk-lore, translated by W. R. S. Ralston (New York: Hurst & Co., first published London 1873 as Russian Folk-Tales; Project Gutenberg #22373) (https://www.gutenberg.org/ebooks/22373)
- Public-domain basis: Talerie contemporary retelling (CC0 2026), based on: Russian Fairy Tales: A Choice Collection of Muscovite Folk-lore, translated by W. R. S. Ralston (New York: Hurst & Co., first published London 1873 as Russian Folk-Tales; Project Gutenberg #22373) — translation: author died 1871 (+70 passed); translator W. R. S. Ralston died 1889 (+70 passed)
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