# Wassilissa die Schöne

_Retold by Talerie (talerie.com) from Russian Fairy Tales, after Alexander Afanasyev_ · 10 min read · ages 7+

Mit Hilfe des Püppchens ihrer verstorbenen Mutter übersteht Wassilissa die Arbeit bei Baba Jaga und bringt von ihr einen leuchtenden Schädel als Licht nach Hause. Die Augen des Schädels verbrennen die Stiefmutter und ihre Töchter zu Asche, und Wassilissa webt in der Stadt so feines Leinen, dass der König sie heiratet.

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In einem Königreich lebte einmal ein Kaufmann, der nur ein einziges Kind hatte, Wassilissa die Schöne. Sie war acht Jahre alt, als ihre Mutter starb.

Auf dem Sterbebett rief die Mutter ihre Tochter zu sich. „Wassilissa, mein liebes Kind“, sagte sie, „mit meinem Segen gebe ich dir dieses Püppchen. Trag es immer bei dir und zeig es niemandem. Wenn du einmal in Not bist, gib ihm zu essen und frag es um Rat. Wenn es gegessen hat, wird es dir helfen.“ Dann küsste sie ihr Kind und starb.

Nachdem der Kaufmann eine Weile getrauert hatte, heiratete er eine Witwe, die selbst zwei Töchter hatte, ungefähr so alt wie Wassilissa. Doch er hatte sich getäuscht: Eine gute Mutter wurde sie seinem Kind nicht. Wassilissa war das schönste Mädchen im ganzen Ort. Darum beneideten die Stiefmutter und die Stiefschwestern sie und überhäuften sie mit Arbeit. Sie sollte davon mager werden, und Sonne und Wind sollten ihr Gesicht verbrennen.

Wassilissa ertrug alles ohne Klage und wurde mit jedem Tag hübscher. Die drei anderen dagegen wurden vor lauter Bosheit dünn und unansehnlich, dabei rührten sie keinen Finger.

Wie ging das zu? Das Püppchen half ihr. Von jeder Mahlzeit hob Wassilissa den besten Bissen auf, und nachts, wenn alle schliefen, schloss sie sich in ihre Kammer ein, gab dem Püppchen zu essen und sagte: „Püppchen, iss und hör mich an, hilf mir, wo ich nicht mehr kann!“

Dann aß das Püppchen, tröstete sie und gab ihr Rat, und am nächsten Tag erledigte es ihre ganze Arbeit.

Als Wassilissa alt genug zum Heiraten war, hielten alle jungen Männer der Stadt um ihre Hand an, nach den Stiefschwestern aber sah sich keiner um. Da wurde die Stiefmutter noch böser und gab jedem Freier zur Antwort:

„Die Jüngste heiratet nicht vor den Älteren.“

Waren die Freier fort, schlug sie Wassilissa, um ihre Wut an ihr auszulassen.

Eines Tages musste der Kaufmann auf eine lange Reise gehen. Kaum war er fort, zog die Stiefmutter in ein anderes Haus, gleich am Rand eines tiefen Waldes. Auf einer Lichtung in diesem Wald stand eine Hütte, und darin wohnte Baba Jaga. Sie fraß Menschen, als wären es Hühner.

Immer wieder schickte die Stiefmutter Wassilissa in den Wald. Doch die Stieftochter kam jedes Mal wohlbehalten zurück, denn das Püppchen zeigte ihr den Weg und führte sie nie in die Nähe der Hütte.

Es wurde Herbst. Eines Abends gab die Stiefmutter den drei Mädchen Arbeit: Die eine sollte Spitzen klöppeln, die andere Strümpfe stricken und Wassilissa weben. Dann löschte die Stiefmutter alle Lichter bis auf eine einzige Kerze und ging schlafen. Nach einer Weile machte eine der Stiefschwestern die Kerze aus, wie die Stiefmutter es ihr befohlen hatte, und tat, als sei es aus Versehen geschehen.

„Jetzt gibt es im ganzen Haus kein Fünkchen Feuer mehr“, riefen die Stiefschwestern. „Jemand muss zu Baba Jaga gehen und Licht holen!“

„Mir leuchten meine Nadeln hell genug“, sagte die mit den Spitzen.

„Mir meine Stricknadeln auch“, sagte die andere.

„Wassilissa, du musst gehen!“, riefen beide. „Lauf zu Baba Jaga und hol Licht!“

Und sie stießen Wassilissa aus der Stube.

Sie ging in ihre Kammer, stellte dem Püppchen das aufgesparte Abendessen hin und flüsterte: „Püppchen, iss und hör mich an, hilf mir, wo ich nicht mehr kann! Sie schicken mich zu Baba Jaga, und Baba Jaga wird mich fressen!“

Das Püppchen aß, und seine Augen begannen zu leuchten wie zwei Kerzen.

„Fürchte dich nicht, liebe Wassilissa“, sagte es. „Geh, wohin man dich schickt, aber behalte mich immer bei dir. Dann geschieht dir nichts.“

Wassilissa steckte das Püppchen in die Tasche, bekreuzigte sich und ging in den dunklen Wald. Auf einmal galoppierte ein Reiter an ihr vorbei, ganz in Weiß auf einem weißen Pferd, und der Tag begann zu dämmern. Ein Stück weiter jagte ein zweiter vorbei, ganz in Rot auf einem roten Pferd, und die Sonne ging auf.

Erst gegen Abend erreichte Wassilissa die Lichtung. Der Zaun um die Hütte war aus Totenknochen gebaut, und oben darauf steckten Menschenschädel, in denen noch Augen saßen. Menschenbeine dienten als Torpfosten, Arme als Riegel, und statt eines Schlosses saß im Tor ein Maul mit spitzen Zähnen. Wassilissa blieb wie angewurzelt stehen.

Da ritt ein dritter Reiter vorbei, ganz in Schwarz auf einem schwarzen Pferd. An Baba Jagas Tor verschwand er, als hätte ihn die Erde verschluckt, und es wurde Nacht. Doch gleich begannen die Augen der Schädel zu leuchten, und die Lichtung wurde so hell wie am Mittag.

Bald darauf kam Baba Jaga angeflogen. Sie saß in einem Mörser, trieb ihn mit dem Stößel an und fegte ihre Spur mit einem Besen weg. Am Tor schnupperte sie und rief:

„Pfui, pfui! Hier riecht es nach Menschenfleisch! Wer ist da?“

Wassilissa verneigte sich tief. „Ich bin es, Großmütterchen. Meine Stiefschwestern schicken mich, ich soll bei dir Licht holen.“

„Ich kenne sie“, sagte Baba Jaga. „Bleib eine Weile bei mir und arbeite für mich, dann bekommst du dein Licht. Wenn nicht, fresse ich dich!“

Zum Tor rief sie:

Riegel, Riegel, lasst mich ein!  
Tor, mein Tor, sollst offen sein!

Das Tor ging auf und schloss sich hinter den beiden wieder. Drinnen musste Wassilissa ihr alles auftragen, was im Ofen stand. Baba Jaga aß und trank für zwölf, und für Wassilissa blieben nur ein paar Reste. Dann legte sich Baba Jaga schlafen und sagte:

„Morgen fegst du den Hof, kehrst die Stube und kochst das Essen. Dann holst du vier Scheffel Weizen aus dem Kornkasten und liest alle fremden Körner heraus. Schaffst du es nicht, fresse ich dich.“

Bald schnarchte Baba Jaga. Wassilissa aber stellte dem Püppchen die Reste hin und sagte unter Tränen: „Püppchen, iss und hör mich an, hilf mir, wo ich nicht mehr kann!“

„Fürchte dich nicht, Wassilissa, du Schöne!“, sagte das Püppchen, als es gegessen hatte. „Iss, sprich dein Gebet und leg dich schlafen. Der Morgen ist klüger als der Abend.“

Am Morgen erloschen die Augen der Schädel. Der weiße Reiter sprengte vorbei, dann der rote, und die Sonne ging auf. Baba Jaga flog in ihrem Mörser davon.

Ehe Wassilissa wusste, womit sie anfangen sollte, war die Arbeit schon getan, und das Püppchen hatte auch das letzte fremde Korn aus dem Weizen gelesen.

Am Abend kam Baba Jaga zurück, prüfte alles und ärgerte sich, weil sie nichts fand, worüber sie schimpfen konnte. Dann rief sie: „Meine treuen Diener, meine flinken Freunde, mahlt mir meinen Weizen!“

Da erschienen drei Paar Hände, rafften den Weizen zusammen und trugen ihn davon. Bevor Baba Jaga einschlief, befahl sie:

„Morgen machst du dasselbe wie heute. Außerdem liest du aus dem Mohn im Kasten die Erde heraus, Korn für Korn. Irgendwer hat sie aus Bosheit daruntergemischt.“

Als Baba Jaga schnarchte, gab Wassilissa dem Püppchen zu essen, und es sagte wie am Abend zuvor:

„Bete zu Gott und leg dich schlafen. Der Morgen ist klüger als der Abend. Alles wird getan sein, liebe Wassilissa.“

Am nächsten Tag erledigte das Püppchen wieder die ganze Arbeit. Am Abend sah sich Baba Jaga alles an und rief: „Meine treuen Diener, meine flinken Freunde, presst mir Öl aus dem Mohn!“

Drei Paar Hände erschienen und trugen den Mohn fort. Baba Jaga setzte sich zum Essen, und Wassilissa stand stumm daneben.

„Warum sagst du nichts?“, fragte Baba Jaga.

„Wenn du erlaubst, möchte ich dich etwas fragen.“

„Frag nur. Aber nicht jede Frage bringt Gutes. ‚Wer viel wissen will, wird früh alt.‘“

„Auf dem Weg hierher, Großmütterchen, ritt ein weißer Reiter an mir vorbei. Wer war das?“

„Das war mein heller Tag.“

„Danach kam ein roter Reiter. Wer war das?“

„Das war meine rote Sonne.“

„Und der schwarze Reiter, der an deinem Tor verschwand?“

„Das war meine dunkle Nacht. Alle drei sind meine treuen Diener.“

Wassilissa dachte an die drei Paar Hände, schwieg aber.

„Warum fragst du nicht weiter?“, wollte Baba Jaga wissen.

„Das genügt mir. Du hast ja selbst gesagt: ‚Wer viel wissen will, wird früh alt.‘“

„Gut für dich, dass du nicht nach dem fragst, was in meinem Haus geschieht“, sagte Baba Jaga. „Wer zu neugierig ist, den fresse ich. Jetzt frage ich dich etwas: Wie schaffst du die Arbeit, die ich dir gebe?“

„Mir hilft der Segen meiner Mutter.“

„Was sagst du da? Hinaus aus meinem Haus, du Gesegnete! Gesegnete kann ich hier nicht brauchen.“

Baba Jaga stieß sie zum Tor hinaus. Dann nahm sie einen der Schädel mit glühenden Augen vom Zaun, steckte ihn auf einen Stock und gab ihn ihr. „Da hast du Licht für deine Stiefschwestern.“

Wassilissa lief los, und der Totenschädel leuchtete ihr den Weg. Am Abend des zweiten Tages kam sie nach Hause. Am Tor wollte sie den Schädel wegwerfen, denn sie dachte, daheim brauche man bestimmt kein Licht mehr. Da sagte eine dumpfe Stimme aus dem Schädel:

„Wirf mich nicht weg. Bring mich zu deiner Stiefmutter!“

Weil in keinem Fenster ein Licht brannte, nahm Wassilissa den Schädel mit ins Haus. Zum ersten Mal in ihrem Leben empfingen die Stiefmutter und die Stiefschwestern sie freundlich. Seit sie fortgegangen war, war im Haus jedes Feuer gleich wieder ausgegangen.

„Vielleicht hält sich dein Licht“, sagte die Stiefmutter.

Doch in der Stube starrten die Augen des Schädels die Stiefmutter und ihre Töchter an und sprühten Flammen. Wohin die drei auch liefen, die Augen folgten ihnen, und am Morgen waren Mutter und Töchter zu Asche verbrannt. Nur Wassilissa war nichts geschehen.

Sie vergrub den Schädel, schloss das Haus ab und zog in die Stadt, zu einer alten Frau. Dort baute das Püppchen für Wassilissa einen Webstuhl, und bis zum Frühling webte sie so feines Leinen, dass man es wie einen Faden durch ein Nadelöhr ziehen konnte. Sie schenkte es der alten Frau, die es zum König brachte.

Der König wollte Hemden aus dem Leinen haben, doch keine Näherin traute es sich zu. Schließlich gab man das Leinen Wassilissa. Als zwölf Hemden fertig waren und zum Schloss gebracht wurden, wusch sie sich, kämmte ihr Haar, zog ihr schönstes Kleid an und setzte sich ans Fenster. Bald kam ein Bote und holte sie an den Hof. Kaum hatte der König sie gesehen, verliebte er sich in sie.

„Meine Schöne“, sagte er, „von dir trenne ich mich nie mehr. Du sollst meine Frau werden.“

So heiratete der König Wassilissa. Bald kehrte auch ihr Vater heim und blieb bei ihr. Wassilissa nahm die alte Frau in ihre Dienste und trug das Püppchen bis an ihr Lebensende in der Tasche.

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- Read online: https://talerie.com/de/maerchen/wassilissa-die-schoene
- Also known as: Wassilissa die Wunderschöne
- Characters: Baba Jaga
- Version: gentler retelling; the longer, more faithful retelling: https://talerie.com/de/maerchen/wassilissa-die-schoene-original.md
- Also in: [English](https://talerie.com/en/tales/vasilisa-the-beautiful.md), [French](https://talerie.com/fr/contes/vassilissa-la-belle.md)
- Author's country: Russia (https://talerie.com/de/maerchen/land/russland)
- Wikidata: https://www.wikidata.org/wiki/Q2618351
- Source: Russian Fairy Tales: A Choice Collection of Muscovite Folk-lore, translated by W. R. S. Ralston (New York: Hurst & Co., first published London 1873 as Russian Folk-Tales; Project Gutenberg #22373) (https://www.gutenberg.org/ebooks/22373)
- Public-domain basis: Talerie contemporary retelling (CC0 2026), based on: Russian Fairy Tales: A Choice Collection of Muscovite Folk-lore, translated by W. R. S. Ralston (New York: Hurst & Co., first published London 1873 as Russian Folk-Tales; Project Gutenberg #22373) — translation: author died 1871 (+70 passed); translator W. R. S. Ralston died 1889 (+70 passed)
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