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Eine Prinzessin im Nachthemd sitzt schlaflos auf einem schwindelerregend hohen Stapel Matratzen und Federbetten neben einem offenen Fenster.

Die Prinzessin auf der Erbse

Hans Christian Andersen

3 Min. Lesezeitab 4 Jahren

Ein Prinz sucht eine richtige Prinzessin, und die alte Königin legt einem fremden Mädchen eine einzige Erbse ins Bett. Die Prinzessin spürt sie durch zwanzig Matratzen und zwanzig Federbetten hindurch, also heiratet der Prinz sie, und die Erbse kommt in die Kunstkammer.


Es war einmal ein Prinz, der wollte heiraten. Aber es sollte eine richtige Prinzessin sein, keine, die es nur beinahe war.

Also reiste er in die weite Welt hinaus und suchte. Prinzessinnen gab es genug, in jedem Land eine andere, und alle waren freundlich zu ihm.

Nur ob sie echt waren, das bekam er nie heraus. Immer war da etwas, das nicht ganz stimmte, und nie konnte er sagen, was.

So kam er wieder nach Hause und war traurig, denn er hätte doch so gern eine richtige Prinzessin gehabt.

Eines Abends zog ein furchtbares Gewitter auf. Es blitzte und donnerte, der Regen goss in Strömen herunter, und die Scheiben klirrten in den Fenstern.

Mitten in diesem Wetter klopfte es an das Stadttor. Der alte König nahm eine Laterne und ging selbst hinunter, um aufzumachen.

Vor dem Tor stand ein Mädchen, und das Wetter hatte ihr übel mitgespielt. Das Wasser lief ihr aus den Haaren und aus den Kleidern, vorne in die Schuhe hinein und hinten an den Absätzen wieder heraus.

Ein durchnässtes Mädchen steht im Regen vor dem Stadttor, der alte König mit Krone hält ihr eine Laterne hin, daneben die alte Königin; Blitze am Himmel.

„Ich bin eine richtige Prinzessin“, sagte sie.

Der alte König ließ sie herein, so nass, wie sie war.

„Das werden wir ja bald sehen“, dachte die alte Königin. Aber sie sagte kein Wort davon, was sie vorhatte.

Sie ging in die Schlafkammer, nahm alles Bettzeug herunter, bis nur noch das blanke Holz des Bettgestells da war, und legte eine einzige Erbse darauf.

Die alte Königin mit weißer Haube steht neben dem abgezogenen Bett und sieht auf die einzelne grüne Erbse auf den blanken Brettern, dahinter brennt eine Kerze.

Dann ließ sie zwanzig Matratzen bringen und schichtete sie über die Erbse. Und auf die Matratzen kamen noch einmal zwanzig Federbetten aus Eiderdaunen.

Dort hinauf musste die Prinzessin steigen, und dort lag sie die ganze Nacht.

Am Morgen fragte man sie, wie sie geschlafen habe.

„Ach, entsetzlich schlecht“, sagte die Prinzessin. „Ich habe die ganze Nacht kaum ein Auge zugetan. Der Himmel weiß, was da in dem Bett gewesen ist. Ich habe auf etwas Hartem gelegen und bin jetzt am ganzen Körper grün und blau.“

Im Morgenlicht zeigt eine junge Frau am Tisch ihren nackten Unterarm mit einem violetten Fleck; der alte König und die alte Königin beugen sich darüber.

Da wussten alle Bescheid. Durch zwanzig Matratzen und zwanzig Federbetten hindurch hatte sie die Erbse gespürt. So empfindlich war sonst niemand auf der Welt, nur eine richtige Prinzessin.

Der Prinz nahm sie zur Frau, denn nun wusste er ganz sicher, dass er eine richtige Prinzessin gefunden hatte.

Die Erbse aber kam in die Kunstkammer, wo sie noch heute zu sehen ist, wenn sie niemand gestohlen hat.

Siehst du, das ist eine wahre Geschichte.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Prindsessen paa Ærten (wird in einem neuen Fenster geöffnet)Lizenz: Gemeinfrei