Zum Inhalt springen
Ein barfüßiges Waisenmädchen steht nachts mit ausgebreiteten Armen auf einer dunklen Wiese, während goldene Sterne zu Münzen werden.

Sterntaler

Brüder Grimm

2 Min. Lesezeitab 4 Jahren

Ein armes Mädchen gibt alles fort: das Brot einem hungrigen Mann, Mütze, Jäckchen und Rock frierenden Kindern, zuletzt auch ihr Hemd. Da fallen die Sterne vom Himmel und werden zu harten, blanken Talern; das Mädchen sammelt sie in einem neuen Hemd aus allerfeinstem Leinen auf und ist reich für ihr ganzes Leben.


Es war einmal ein kleines Mädchen. Ihr Vater und ihre Mutter waren gestorben, und sie war so arm, dass sie keine Kammer mehr hatte, in der sie wohnen konnte, und kein Bett, in dem sie schlafen konnte.

Alles, was sie noch besaß, waren die Kleider, die sie am Leib trug, und ein Stück Brot, das ihr jemand aus Mitleid in die Hand gedrückt hatte.

Aber sie war ein gutes, frommes Kind. Und weil sie von aller Welt verlassen war, ging sie im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus aufs offene Feld.

Unterwegs kam ihr ein armer Mann entgegen.

„Ach, gib mir doch etwas zu essen“, bat er. „Ich habe solchen Hunger.“

Sie gab ihm das ganze Stück Brot. „Gott segne es dir“, sagte sie und ging weiter.

Ein Mädchen mit heller Mütze und braunem Jäckchen hält einem hageren, bärtigen Mann mit Wanderstab ein Stück Brot hin; sie steht barfuß auf dem Feldweg.

Ein Stück weiter saß ein Kind am Wegrand und weinte.

„Mich friert so am Kopf“, sagte es. „Schenk mir etwas, womit ich ihn zudecken kann.“

Da nahm sie ihre Mütze ab und setzte sie dem Kind auf.

Barhäuptig kniet das Mädchen im ärmellosen braunen Jäckchen über hellem Hemd und setzt einem weinenden, zerlumpten Kind, das vor ihr steht, die Mütze auf.

Als sie wieder eine Weile gegangen war, stand da noch ein Kind, das kein Jäckchen anhatte und vor Kälte zitterte.

Es bat um nichts. Sie zog ihr eigenes Jäckchen aus und gab es ihm.

Und noch ein Stück weiter bat ein anderes Kind um einen Rock. Auch den gab sie hin.

Zuletzt kam sie in einen Wald, und dort war es schon dunkel geworden. Da trat noch ein Kind zwischen den Bäumen hervor und bat um ein Hemd.

Barfuß steht das Mädchen im dunklen Wald unter der Mondsichel, nur noch im Hemd, und rafft den Saum; ein zerlumptes Kind streckt ihr beide Arme entgegen.

Es ist dunkle Nacht, dachte das Mädchen, hier sieht dich niemand, du kannst dein Hemd ruhig hergeben. Und sie zog es aus und gab auch das noch weg.

Nun stand sie da und hatte gar nichts mehr, nicht den kleinsten Fetzen am Leib.

In diesem Augenblick fielen die Sterne vom Himmel. Und als sie herunterkamen, waren es lauter harte, blanke Taler.

Obwohl sie ihr Hemd weggegeben hatte, trug sie auf einmal ein neues, und das war aus dem allerfeinsten Leinen.

Darin sammelte sie die Taler auf, und sie war reich für ihr ganzes Leben.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Kinder- und Hausmärchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)Lizenz: Gemeinfrei