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Ein barfüßiges Mädchen kauert in einer Winternacht an einer verschneiten Straßenecke und entzündet ein Streichholz, das ihr Gesicht erhellt.

Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

Hans Christian Andersen

4 Min. Lesezeitab 6 Jahren

Am letzten Abend des Jahres wird ein armes Mädchen barfuß im Schnee kein einziges Schwefelholz los und reißt in einem Winkel eines nach dem anderen an. Im Schein des ganzen Bündels nimmt die Großmutter das Mädchen in die Arme, und am Morgen sitzt das Kind erfroren an der Mauer, mit roten Wangen und einem Lächeln.


Es war entsetzlich kalt, es schneite, und es dunkelte schon. Es war der letzte Abend des Jahres. Durch die Straßen ging ein kleines, armes Mädchen, barfuß und ohne Mütze.

Die viel zu großen Pantoffeln ihrer Mutter verlor sie, als sie über die Straße huschte, weil zwei Wagen vorbeirollten. Den einen fand sie nicht wieder, den anderen nahm ein Junge mit.

Ihre nackten Füße waren rot und blau vor Kälte. In der Schürze trug sie Schwefelhölzer, ein Bündel in der Hand, doch den ganzen Tag hatte niemand eines gekauft.

Schnee lag in ihren blonden Locken. Aus den Fenstern schien Licht, und es roch nach Gänsebraten, denn es war Silvesterabend.

In einem Winkel zwischen zwei Häusern kauerte sie sich hin und zog die Füße an sich. Doch es fror sie noch mehr.

Nach Hause zu gehen wagte sie nicht. Sie hatte nichts verkauft, und der Vater wäre böse geworden. Kalt war es dort ohnehin, denn der Wind pfiff durchs Dach.

Ihre Hände waren fast erstarrt. Ein einziges Hölzchen, dachte sie, nur eines anreißen und die Finger wärmen.

Sie zog eines heraus. Ritsch! Wie es sprühte, wie es brannte! Die Flamme stand warm und hell.

Dem Mädchen war, als säße es vor einem großen eisernen Ofen. Schon streckte die Kleine die Füße aus, da erlosch das Flämmchen, und sie hielt nur noch ein abgebranntes Hölzchen in der Hand.

Sie strich ein zweites an. Wo der Schein auf die Mauer fiel, wurde diese durchsichtig wie ein Schleier, und sie sah in die warme Stube hinein.

Auf dem weißen Tuch dampfte die Gans, gefüllt mit Äpfeln und Pflaumen. Die Gans hüpfte von der Schüssel und watschelte auf das Mädchen zu. Da erlosch das Hölzchen, und nur die kalte Mauer blieb.

Barfuß kauert das Mädchen im dunklen Winkel, auf dem gedeckten Tisch im goldenen Licht reckt die gebratene Gans zwischen Äpfeln und Pflaumen den Hals nach ihr.

Sie zündete ein drittes an und saß unter einem Weihnachtsbaum, größer und schöner als der beim reichen Kaufmann. Tausende Lichter brannten in den grünen Zweigen.

Sie streckte die Hände danach aus, da erlosch das Hölzchen. Die Lichter stiegen höher und wurden zu Sternen; einer fiel mit langem Feuerstreifen herab.

Ein Tannenbaum voller brennender Kerzen leuchtet in der blauen Nacht, das Mädchen sitzt barfuß im Schnee und blickt einer Sternschnuppe mit Feuerschweif nach.

„Jetzt stirbt jemand“, dachte die Kleine. Denn ihre Großmutter, die Einzige, die sie lieb gehabt hatte und nun tot war, hatte ihr erzählt: Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott hinauf.

Wieder strich sie ein Hölzchen an. Es wurde hell, und mitten im Schein stand die Großmutter, klar und schimmernd, mild und voller Liebe.

„Großmutter!“, rief das Mädchen. „Oh, nimm mich mit! Ich weiß, du gehst fort wie der Ofen, die Gans und der Weihnachtsbaum, wenn das Hölzchen erlischt.“

Rasch strich sie das ganze Bündel an, denn sie wollte die Großmutter festhalten. Die Hölzer leuchteten heller als der Tag.

Nie war die Großmutter so schön gewesen, so groß. Sie nahm das Mädchen in die Arme, und beide flogen hoch über die Erde. Dort oben gab es keine Kälte, keinen Hunger und keine Angst. Sie waren bei Gott.

Eine alte Frau im Umschlagtuch beugt sich lächelnd herab und nimmt das barfüßige Mädchen in die Arme, hinter beiden strahlt goldenes Licht in die blaue Gasse.

In der kalten Morgenstunde saß das Mädchen im Winkel an der Mauer, mit roten Wangen und einem Lächeln, erfroren am letzten Abend des alten Jahres.

Die Sonne des neuen Jahres ging über dem Kind auf, und ein Bündel Schwefelhölzer war abgebrannt.

„Sie hat sich wärmen wollen“, sagten die Leute. Niemand ahnte, welchen Glanz sie gesehen hatte und wie sie mit der Großmutter in die Freude des neuen Jahres eingegangen war.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Sämmtliche Märchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)Lizenz: Gemeinfrei