
Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern
5 Min. Lesezeit8–14 Jahre
An Silvesterabend sitzt ein armes Mädchen frierend in einer Straßenecke und zündet nacheinander ihre Schwefelhölzer an, um sich zu wärmen, wobei jede Flamme ihr wunderbare Visionen schenkt — einen glühenden Ofen, eine köstliche Gans und einen herrlichen Weihnachtsbaum. Als sie schließlich ihre verstorbene Großmutter in dem Licht erblickt, zündet sie alle restlichen Hölzer an und fliegt mit ihr in den Himmel, wo es keine Kälte, keinen Hunger und keine Angst mehr gibt.
Es war bitterkalt. Der Schnee fiel dicht, und es wurde schon dunkel, denn es war der letzte Abend des Jahres. Durch die Kälte ging ein kleines, armes Mädchen, ohne Mütze und mit bloßen Füßen. Zwar hatte sie Pantoffeln getragen, als sie das Haus verließ, doch es waren die viel zu großen Pantoffeln ihrer Mutter gewesen. Als sie über die Straße huschte, weil zwei Wagen so schnell vorbeirollten, verlor sie beide: den einen fand sie nicht wieder, den anderen schnappte sich ein Junge und rannte damit fort. Nun ging das kleine Mädchen barfuß weiter, und ihre Füße waren rot und blau vor Kälte.
In ihrer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer, und ein Bündel davon hielt sie fest in der Hand. Den ganzen langen Tag hatte ihr niemand etwas abgekauft, niemand hatte ihr auch nur eine kleine Münze geschenkt. Hungrig und zitternd schlich sie durch die Straßen, ein Bild des Jammers, die arme Kleine.
Die Schneeflocken fielen auf ihr langes blondes Haar, das in hübschen Locken um ihren Hals lag, aber daran dachte sie gar nicht. Aus allen Fenstern strahlte warmes Licht, und es roch verlockend nach gebratener Gans, denn es war Silvesterabend. Ja, daran dachte sie sehr wohl.
In einem Winkel zwischen zwei Häusern, wo das eine ein wenig weiter vorsprang als das andere, setzte sie sich hin und zog die kleinen Füße eng an sich. Aber es half nichts, sie fror nur noch mehr. Nach Hause gehen wollte sie nicht wagen, denn sie hatte kein einziges Schwefelholz verkauft und brachte kein Geld mit. Ihr Vater würde bestimmt schimpfen, und daheim war es ohnehin kalt, denn der Wind pfiff durch das Dach, obwohl die größten Ritzen mit Stroh und Lumpen gestopft waren.
Ihre kleinen Hände waren vor Kälte fast starr geworden. Ach, ein Schwefelholz könnte gewiss ein wenig Wärme schenken, dachte sie, wenn sie sich nur traute, eines herauszuziehen, es anzuzünden und die Finger daran zu wärmen. Sie zog eines heraus. Ritsch! Wie es zischte und brannte! Es gab eine warme, helle Flamme, wie ein kleines Licht, und die Kleine hielt die Hände darüber. Es war ein wunderbares Licht. Ihr war, als säße sie vor einem großen eisernen Ofen mit glänzenden Messingfüßen. Wie herrlich brannte das Feuer, wie wohltuend wärmte es! Schon streckte sie die Füße aus, um auch sie zu wärmen — da erlosch das Flämmchen. Der Ofen war verschwunden, und sie hielt nur noch das kleine, abgebrannte Hölzchen in der Hand.
Sie strich ein zweites an der Mauer an. Es leuchtete auf, und wo der Schein die Wand traf, wurde diese durchsichtig wie ein Schleier. Sie konnte in eine warme Stube hineinsehen: Auf dem Tisch lag ein weißes Tuch, glänzendes Geschirr stand darauf, und mittendrin dampfte eine gebratene Gans, gefüllt mit Äpfeln und Backpflaumen. Und noch wunderbarer: Die Gans sprang von der Schüssel herab und watschelte über den Boden, geradewegs auf das kleine Mädchen zu. Da erlosch das Hölzchen, und vor ihr stand nur die dicke, kalte Mauer.
Sie zündete ein drittes an. Nun saß sie unter dem schönsten Weihnachtsbaum, den sie je gesehen hatte, noch prächtiger als der, den sie einmal durch die Glastür beim reichen Kaufmann bewundert hatte. Tausend Lichter brannten in den grünen Zweigen, bunte Bilder blickten auf sie herab. Die Kleine streckte die Hände danach aus — da erlosch das Hölzchen. Doch die Weihnachtslichter stiegen höher und höher, bis sie wie Sterne am Himmel standen. Einer der Sterne fiel herab und zog einen langen, leuchtenden Streifen hinter sich her.
»Jetzt stirbt jemand«, dachte das kleine Mädchen, denn ihre Großmutter, die einzige, die sie je liebgehabt hatte und die nun schon tot war, hatte ihr einmal erzählt: Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott hinauf.
Sie strich noch ein Hölzchen an der Mauer an, und im hellen Schein stand plötzlich ihre Großmutter, klar und leuchtend, mild und voller Liebe.
»Großmutter!«, rief die Kleine. »Oh, nimm mich mit dir! Ich weiß, du gehst fort, wenn das Hölzchen erlischt, so wie der warme Ofen und die schöne Gans und der Weihnachtsbaum verschwunden sind!« Schnell strich sie das ganze restliche Bündel an, denn sie wollte die Großmutter unbedingt bei sich halten. Und die Hölzer leuchteten so hell, dass es heller wurde als am Tag. Nie zuvor war die Großmutter so schön und so groß gewesen. Sie nahm das kleine Mädchen auf den Arm, und gemeinsam flogen sie, umgeben von Licht und Freude, hoch über die Erde hinweg, immer höher. Dort oben gab es keine Kälte mehr, keinen Hunger, keine Angst — sie waren bei Gott.
Am nächsten Morgen aber saß in dem Winkel zwischen den beiden Häusern das kleine Mädchen, mit rosigen Wangen und einem Lächeln auf den Lippen. In der kalten Nacht war sie eingeschlafen und nicht mehr erwacht. Die Sonne des neuen Jahres schien auf das stille kleine Mädchen, das dort saß mit den abgebrannten Schwefelhölzern in der Hand. »Sie hat sich wohl wärmen wollen«, sagten die Leute, die sie fanden. Doch niemand wusste, welch wunderbare Dinge sie gesehen hatte, und in welchem Glanz sie mit ihrer Großmutter der Freude des neuen Jahres entgegengegangen war.