Zum Inhalt springen
Talerie
Däumelinchen

Däumelinchen

Hans Christian Andersen

9 Min. Lesezeit5–10 Jahre

Eine alte Hexe schenkt einer kinderlosen Frau ein magisches Gerstenkorn, aus dem ein daumengroßes Mädchen in einer Tulpe erblüht und daraufhin ein wunderbar sorgenloses Leben in der Natur führt. Doch Däumelinchen muss sich gegen die Kröte, den Maikäfer und den Maulwurf behaupten, bis eine dankbare Schwalbe sie in ein warmes, blühendes Land trägt, wo sie einen liebevollen Blumenkönig findet und glücklich wird.

Behutsame FassungOriginalfassung

Es war einmal eine Frau, die sich von ganzem Herzen ein kleines Kind wünschte, aber sie wusste nicht, wie sie eines bekommen sollte. So ging sie zu einer alten Hexe und fragte sie um Rat.

„Das lässt sich machen“, sagte die Hexe und gab ihr ein Gerstenkorn. „Das wächst nicht auf dem Feld eines Bauern. Pflanz es in einen Blumentopf, dann wirst du sehen, was daraus wird.“

Die Frau dankte ihr, bezahlte, was verlangt wurde, und pflanzte das Korn zu Hause ein. Schon am nächsten Tag stand eine wunderschöne Blume da, fest geschlossen wie eine Knospe. Die Frau küsste sie zärtlich auf die roten und gelben Blätter – und im selben Moment öffnete sich die Blume mit einem leisen Knall. Es war eine Tulpe. Und mitten darin, auf dem grünen Blütenboden, saß ein winziges Mädchen, nicht größer als ein Daumen. Deshalb nannte man es Däumelinchen.

Eine glänzende Walnussschale wurde ihre Wiege, Veilchenblätter ihre Matratze, ein Rosenblatt ihre Decke. Tagsüber spielte sie auf einem Teller voller Blumen, fuhr mit einem Tulpenblatt darüber und ruderte mit zwei feinen Pferdehaaren. Und sie konnte singen, so zart und schön, wie man es nie zuvor gehört hatte.

Eines Nachts aber kroch eine alte Kröte durch das kaputte Fenster herein. Sie war groß, nass und nicht sehr schön anzusehen. Als sie das schlafende Däumelinchen sah, dachte sie: „Das wäre eine hübsche Frau für meinen Sohn!“ Sie nahm die Walnussschale und hüpfte mit ihr hinaus in den Garten, hinunter zum sumpfigen Bachufer, wo sie mit ihrem Sohn wohnte. Der war der Mutter sehr ähnlich und konnte nur „Koax, koax!“ sagen.

Damit Däumelinchen nicht entwischen konnte, setzten sie die Walnussschale auf das größte Seerosenblatt mitten im Bach. Als Däumelinchen am Morgen erwachte und sah, dass sie von Wasser umgeben war, weinte sie bitterlich, denn sie konnte nirgendwohin fliehen.

Doch die kleinen Fische im Bach hatten alles gehört und mitangesehen. Das reizende kleine Mädchen sollte nicht zu der Kröte hinunter, das fanden sie gar nicht richtig! Sie nagten den Stängel des Blattes ab, und schon schwamm es mit Däumelinchen den Bach hinunter, weit fort, wohin die Kröte ihr nicht mehr folgen konnte.

Sie trieb an vielen Ufern vorbei, und die Vögel in den Büschen sangen: „Was für ein liebliches kleines Mädchen!“ Ein weißer Schmetterling gesellte sich zu ihr, und Däumelinchen band ihn mit ihrem Gürtel an das Blatt, damit sie schneller vorankamen. Doch da kam ein großer Maikäfer herangeflogen, packte sie und trug sie hinauf in einen Baum. Das Blatt mit dem armen Schmetterling, der sich nicht losreißen konnte, schwamm allein weiter.

Der Maikäfer fand Däumelinchen zunächst sehr niedlich. Doch als die anderen Maikäfer kamen und sagten: „Sie hat ja nur zwei Beine! Keine Fühler! Sie sieht aus wie ein Mensch, wie hässlich!“, glaubte er es am Ende selbst und setzte sie auf ein Gänseblümchen ab. Da weinte Däumelinchen, weil man sie nicht mochte – dabei war sie so zart und schön wie ein Rosenblatt.

Den ganzen Sommer über lebte sie nun allein im Wald. Sie flocht sich ein Bett aus Grashalmen, hängte es unter ein Kleeblatt, aß den Nektar der Blumen und trank vom Morgentau. Doch dann kam der Winter. Die Vögel flogen fort, die Blätter fielen, und das Kleeblatt, unter dem sie gewohnt hatte, verwelkte. Däumelinchen fror furchtbar in ihren dünnen, zerrissenen Kleidern. Für sie, die nur einen Zoll groß war, war jede Schneeflocke wie eine ganze Schaufel voll Schnee.

Am Rand eines abgeernteten Kornfeldes fand sie schließlich das Loch einer Feldmaus, die es sich darin warm und gemütlich eingerichtet hatte. Däumelinchen bat um ein wenig Korn, denn sie hatte seit Tagen nichts gegessen.

„Du armes Tierchen“, sagte die Feldmaus, „komm herein und iss mit mir! Und wenn du willst, kannst du den Winter über bleiben – wenn du mir dafür meine Stube sauber hältst und mir Geschichten erzählst.“

Das tat Däumelinchen gern, und es ging ihr gut. Bald kündigte die Feldmaus einen Besuch an: ihr Nachbar, ein reicher Maulwurf im feinen schwarzen Samtpelz. „Er kann leider nicht sehen“, sagte die Feldmaus, „aber wenn du ihn zum Mann bekämst, wärst du versorgt.“ Däumelinchen aber mochte den Gedanken nicht, denn ihr lag nichts an einem Maulwurf.

Als er kam, sang Däumelinchen für ihn, und ihre schöne Stimme rührte sein Herz, auch wenn er nichts davon sagte. Der Maulwurf hatte einen langen Gang zwischen seinem und dem Haus der Feldmaus gegraben. Darin lag – wie er sie warnte – ein toter Vogel, der wohl erst kürzlich gestorben war. Als sie an die Stelle kamen, stieß der Maulwurf ein Loch in die Erdecke, sodass Licht hereinfiel. Da lag eine Schwalbe, die Flügel eng am Körper, wohl vor Kälte gestorben.

Däumelinchen tat das sehr leid, denn sie hatte die Vögel im Sommer so gern singen hören. Der Maulwurf aber stieß den Vogel unwirsch mit dem Fuß an und sagte, es sei ja kein Wunder, dass ein Vogel im Winter verhungern müsse, der nichts könne als singen. Däumelinchen schwieg. Doch als die anderen sich abwandten, beugte sie sich hinunter und küsste die Schwalbe sanft auf die geschlossenen Augen.

In der Nacht konnte Däumelinchen nicht schlafen. Sie flocht einen Teppich aus Heu, trug ihn zu dem Vogel und deckte ihn warm zu. Als sie ihren Kopf an sein Herz legte, spürte sie: Es schlug noch! Die Schwalbe war nicht tot, nur erstarrt vor Kälte, und die Wärme brachte sie langsam zurück ins Leben.

In der nächsten Nacht konnte die Schwalbe schon die Augen öffnen. „Ich danke dir, du gutes kleines Kind“, flüsterte sie. Den ganzen Winter über pflegte Däumelinchen sie heimlich, denn die Feldmaus und der Maulwurf hätten die Schwalbe nicht gemocht. Als endlich der Frühling kam, war die Schwalbe wieder kräftig genug zum Fliegen.

„Komm mit mir!“, bat sie Däumelinchen. „Du kannst auf meinem Rücken sitzen, hinaus in den grünen Wald!“ Aber Däumelinchen wollte die alte Feldmaus nicht traurig zurücklassen und sagte: „Nein, ich kann nicht.“

„Leb wohl, leb wohl, du gute, liebe Kleine!“, rief die Schwalbe und flog hinauf in den Sonnenschein. Däumelinchen sah ihr mit Tränen in den Augen nach.

Das Korn wuchs hoch, und die Feldmaus verkündete: „Nun bist du Braut, Däumelinchen! Der Maulwurf hat um dich angehalten.“ Däumelinchen musste an ihrer Aussteuer weben, obwohl sie den langweiligen Maulwurf gar nicht mochte. Jeden Morgen und Abend stahl sie sich hinaus, um den blauen Himmel zwischen den Kornhalmen zu sehen und an die liebe Schwalbe zu denken.

Als der Herbst kam und die Hochzeit nahte, weinte Däumelinchen und wollte den Maulwurf nicht heiraten. Doch die Feldmaus schimpfte: „Sei nicht widerspenstig! Er hat Küche und Keller voll – danke Gott dafür!“

Am Tag, an dem der Maulwurf kam, um sie zu holen, trat Däumelinchen noch einmal vor die Tür, um der Sonne Lebewohl zu sagen. Sie umarmte eine kleine rote Blume und flüsterte: „Grüße die kleine Schwalbe von mir, wenn du sie siehst!“

Da rief es über ihr: „Quivit, quivit!“ Es war die Schwalbe, die zufällig vorbeikam! Als sie hörte, wie unglücklich Däumelinchen war, sagte sie: „Nun kommt der Winter, und ich fliege fort in warme Länder. Komm mit mir, weit weg von dem hässlichen Maulwurf, dorthin, wo die Sonne schöner scheint und immer Sommer ist!“

„Ja, ich komme mit dir!“, sagte Däumelinchen. Sie setzte sich auf den Rücken der Schwalbe, band sich mit ihrem Gürtel fest, und fort flogen sie, hoch über Wälder, Seen und Berge, bis Däumelinchen unter den warmen Federn der Schwalbe Schutz vor der Kälte suchte.

Endlich erreichten sie die warmen Länder, wo die Sonne heller schien, wo Zitronen und Orangen dufteten und die schönsten Blumen blühten. Dort, unter alten Bäumen an einem blauen See, stand ein weißes Marmorschloss, an dem die Schwalbe ihr Nest hatte.

„Such dir eine der schönsten Blumen aus“, sagte die Schwalbe, „dort sollst du wohnen, so gut, wie du es dir nur wünschen kannst.“ Däumelinchen wählte eine große weiße Blume, die zwischen den Trümmern einer umgestürzten Säule wuchs. Und wie erstaunte sie: Mitten in der Blume saß ein winziger Mann, durchsichtig wie Glas, mit einer goldenen Krone und feinen Flügeln – der König aller Blumen.

Er erschrak zunächst vor der großen Schwalbe, doch als er Däumelinchen sah, war er überglücklich, denn sie war das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Er setzte ihr seine goldene Krone auf und fragte, ob sie seine Frau werden und Königin über alle Blumen sein wolle. Das war ein ganz anderer Bräutigam als der Sohn der Kröte oder der Maulwurf im schwarzen Samtpelz! Und Däumelinchen sagte von Herzen Ja.

Aus jeder Blume kamen kleine Damen und Herren mit Geschenken, und das schönste war ein Paar zarter Flügel, das man ihr am Rücken befestigte, damit auch sie von Blume zu Blume fliegen konnte. Der Blumenkönig sagte: „Du sollst nicht mehr Däumelinchen heißen, das passt nicht zu dir. Wir nennen dich Maja.“

Die kleine Schwalbe sang oben in ihrem Nest das Hochzeitslied, so schön sie konnte, obwohl ihr das Herz schwer war, denn sie musste sich von der Freundin trennen, die ihr das Leben gerettet hatte.

„Leb wohl, leb wohl!“, rief sie schließlich und flog fort, weit zurück in den Norden, wo sie ihr Nest über dem Fenster eines Mannes baute, der Märchen erzählen konnte. Ihm sang sie ihr „Quivit, quivit“ – und so kennen wir die ganze Geschichte von Däumelinchen.