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DäumelinchenOriginal

Däumelinchen

Hans Christian Andersen

23 Min. Lesezeit5–10 Jahre

Ein winziges Mädchen von der Größe eines Daumens wächst aus einer wundersamen Tulpe heran und wird von einer Kröte entführt, die sie mit ihrem hässlichen Sohn verheiraten möchte. Däumelinchen entflieht auf einem Seerosenblatt und erlebt während ihrer Reise durch Wald und Feld viele Abenteuer, bis sie schließlich Zuflucht in der warmen Stube einer freundlichen Feldmaus findet.

Behutsame FassungOriginalfassung

Es war einmal eine Frau, die sich von ganzem Herzen ein ganz kleines Kind wünschte; aber sie wusste nicht, woher sie es nehmen sollte. Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr: »Ich möchte so herzlich gern ein kleines Kind haben. Kannst du mir nicht sagen, wo ich eines bekommen kann?«

»Oh, damit werden wir schon fertig!«, sagte die Hexe. »Hier hast du ein Gerstenkorn. Das ist nicht von der Sorte, die auf dem Feld des Bauern wächst oder die die Hühner zu fressen bekommen. Leg es in einen Blumentopf, dann wirst du etwas zu sehen bekommen!«

»Ich danke dir!«, sagte die Frau und gab der Hexe zwölf Schillinge, denn so viel kostete es. Dann ging sie nach Hause und pflanzte das Gerstenkorn. Sogleich wuchs daraus eine herrliche, große Blume, die aussah wie eine Tulpe; aber die Blätter schlossen sich fest zusammen, als wäre sie noch eine Knospe.

»Das ist eine schöne Blume!«, sagte die Frau und küsste sie auf die roten und gelben Blätter. Doch im selben Augenblick, als sie sie küsste, öffnete sich die Blume mit einem Knall. Es war wirklich eine Tulpe, das sah man nun deutlich; aber mitten in der Blume, auf dem grünen Samtstempel, saß ein winziges Mädchen, so fein und niedlich! Es war kaum einen halben Daumen groß, und deshalb wurde es Däumelinchen genannt.

Eine niedliche, glänzend lackierte Walnussschale bekam Däumelinchen als Wiege, blaue Veilchenblätter waren ihre Matratzen und ein Rosenblatt ihre Decke. Darin schlief sie in der Nacht, doch am Tag spielte sie auf dem Tisch, wo die Frau einen Teller hingestellt und ringsum mit einem Kranz aus Blumen belegt hatte, deren Stängel im Wasser standen. Darin schwamm ein großes Tulpenblatt, und darauf konnte Däumelinchen sitzen und von einer Seite des Tellers zur anderen fahren; zum Rudern hatte sie zwei weiße Pferdehaare. Das sah wunderhübsch aus! Und singen konnte sie auch, so zart und fein, wie man es noch nie zuvor gehört hatte.

Eines Nachts, als sie in ihrem schönen Bett lag, kam eine alte Kröte durch das Fenster hereingekrochen, in dem eine Scheibe zerbrochen war. Die Kröte war sehr hässlich, groß und nass. Sie hüpfte auf den Tisch hinab, wo Däumelinchen lag und unter dem roten Rosenblatt schlief.

»Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!«, sagte die Kröte, nahm die Walnussschale, in der Däumelinchen schlief, und hüpfte mit ihr durch das Fenster hinunter in den Garten.

Dort floss ein großer, breiter Bach; doch das Ufer war sumpfig und morastig. Hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohn. Hu, der war hässlich und garstig und glich ganz seiner Mutter. »Koax, koax, brekkekekex!« Das war alles, was er sagen konnte, als er die niedliche Kleine in der Walnussschale erblickte.

»Sprich nicht so laut, sonst wacht sie auf!«, sagte die alte Kröte. »Sie könnte uns noch entlaufen, denn sie ist so leicht wie eine Schwanenfeder! Wir wollen sie auf eines der breiten Seerosenblätter draußen im Bach setzen; für sie, die so leicht und klein ist, ist das eine ganze Insel! Da kann sie nicht davonlaufen, während wir unten im Morast die Prunkstube herrichten, in der ihr wohnen und hausen sollt.«

Draußen im Bach wuchsen viele Seerosen mit breiten grünen Blättern, die aussahen, als schwämmen sie oben auf dem Wasser. Das Blatt, das am weitesten draußen lag, war auch das größte. Dorthin schwamm die alte Kröte hinaus und setzte die Walnussschale mit Däumelinchen darauf.

Das kleine, kleine Däumelinchen erwachte früh am Morgen, und als sie sah, wo sie war, fing sie bitterlich an zu weinen; denn ringsum das große, grüne Blatt war überall Wasser, und sie konnte nicht ans Land gelangen.

Die alte Kröte saß unten im Morast und schmückte ihre Stube mit Schilf und gelben Wasserblumen aus; es sollte recht hübsch werden für die neue Schwiegertochter. Dann schwamm sie mit dem hässlichen Sohn zu dem Blatt hinaus, auf dem Däumelinchen saß. Sie wollten ihr hübsches Bett holen, das sollte im Brautgemach aufgestellt werden, bevor Däumelinchen es selbst betrat. Die alte Kröte verneigte sich tief im Wasser vor ihr und sagte: »Hier siehst du meinen Sohn; er wird dein Mann sein, und ihr werdet ganz prächtig unten im Morast wohnen!«

»Koax, koax, brekkekekex!«, war alles, was der Sohn sagen konnte.

Dann nahmen sie das niedliche kleine Bett und schwammen damit fort. Aber Däumelinchen saß allein auf dem grünen Blatt und weinte, denn sie wollte weder bei der garstigen Kröte wohnen noch ihren hässlichen Sohn zum Mann haben. Die kleinen Fische, die unten im Wasser schwammen, hatten die Kröte wohl gesehen und auch gehört, was sie gesagt hatte. Darum streckten sie die Köpfe aus dem Wasser: Auch sie wollten das kleine Mädchen sehen. Und kaum hatten sie es erblickt, fanden sie es so niedlich, dass es ihnen sehr leidtat, dass es zu der hässlichen Kröte hinunter sollte. Nein, das durfte niemals geschehen! Sie versammelten sich unten im Wasser rund um den grünen Stängel, der das Blatt hielt, und nagten ihn mit den Zähnen ab. Da schwamm das Blatt den Bach hinab und trug Däumelinchen mit sich davon, weit weg, wohin die Kröte sie nicht erreichen konnte.

Däumelinchen segelte an vielen Städten vorbei, und die kleinen Vögel saßen in den Büschen, sahen sie und sangen: »Welch liebliches, kleines Mädchen!« Das Blatt schwamm mit ihr immer weiter und weiter fort; so reiste Däumelinchen ins Ausland.

Ein niedlicher, kleiner, weißer Schmetterling umflatterte sie unentwegt und ließ sich schließlich auf dem Blatt nieder. Däumelinchen gefiel ihm, und sie freute sich sehr darüber; denn nun konnte die Kröte sie nicht mehr erreichen, und es war so schön, wo sie hinfuhr. Die Sonne schien auf das Wasser, und dieses glänzte wie das herrlichste Silber. Sie nahm ihren Gürtel und band das eine Ende um den Schmetterling; das andere Ende befestigte sie am Blatt. Nun glitt es schneller dahin, und sie mit ihm, denn sie stand ja darauf.

Da kam ein großer Maikäfer angeflogen. Er erblickte sie, schlang im Nu seine Klauen um ihren schlanken Leib und flog mit ihr auf den Baum. Das grüne Blatt schwamm den Bach hinab, und der Schmetterling mit, denn er war ja daran festgebunden und konnte nicht loskommen.

Ach, wie war das arme Däumelinchen erschrocken, als der Maikäfer mit ihr auf den Baum flog! Am meisten aber grämte sie sich um den schönen weißen Schmetterling, den sie festgebunden hatte; wenn er sich nun nicht befreien konnte, musste er verhungern. Doch das kümmerte den Maikäfer nicht. Er setzte sich mit ihr auf das größte grüne Blatt des Baumes, gab ihr das Süße der Blumen zu essen und sagte, sie sei sehr niedlich, obwohl sie einem Maikäfer ganz und gar nicht ähnlich sehe. Später kamen alle anderen Maikäfer, die auf dem Baum wohnten, und machten Besuch. Sie betrachteten Däumelinchen und sagten: »Sie hat ja nur zwei Beine, das sieht erbärmlich aus!« »Sie hat keine Fühler!«, sagte ein anderer. »Sie ist so schlank um die Taille; pfui, sie sieht aus wie ein Mensch! Wie hässlich sie ist!«, sagten alle Maikäferdamen, und dabei war Däumelinchen doch so niedlich. Das hatte auch der Maikäfer erkannt, der sie geraubt hatte. Aber als alle anderen sagten, sie sei hässlich, glaubte er es zuletzt selbst und wollte sie nicht mehr haben; sie könne gehen, wohin sie wolle. So flogen sie mit ihr den Baum hinab und setzten sie auf ein Gänseblümchen. Da weinte sie, weil sie so hässlich sei, dass die Maikäfer sie nicht haben wollten, und dabei war sie das Lieblichste, was man sich denken kann, so fein und zart wie das schönste Rosenblatt.

Den ganzen Sommer über lebte das arme Däumelinchen allein in dem großen Wald. Sie flocht sich ein Bett aus Grashalmen und hängte es unter ein Kleeblatt, so war sie vor dem Regen geschützt. Sie pflückte das Süße der Blumen als Speise und trank vom Tau, der jeden Morgen auf den Blättern lag. So vergingen Sommer und Herbst, doch nun kam der Winter, der kalte, lange Winter. Alle Vögel, die so schön für sie gesungen hatten, flogen davon; Bäume und Blumen verloren ihre Blätter; das große Kleeblatt, unter dem sie gewohnt hatte, rollte sich zusammen, und es blieb nichts als ein verwelkter Stängel zurück. Sie fror schrecklich, denn ihre Kleider waren zerrissen, und sie war selbst so fein und klein, das arme Däumelinchen: Sie musste erfrieren. Es fing an zu schneien, und jede Schneeflocke, die auf sie fiel, war für sie, als würfe man auf uns eine ganze Schaufel voll; denn wir sind so groß, sie aber war nur einen Zoll lang. Da hüllte sie sich in ein dürres Blatt; aber das riss in der Mitte entzwei und wollte nicht wärmen, und sie zitterte vor Kälte.

Dicht am Rand des Waldes, wohin sie nun gekommen war, lag ein großes Kornfeld; aber das Korn war längst abgeerntet, nur die nackten, trockenen Stoppeln ragten aus der gefrorenen Erde hervor. Für sie waren sie ein ganzer Wald, den sie durchwandern musste. Oh, wie zitterte sie vor Kälte! Da gelangte sie vor die Tür einer Feldmaus, die ein kleines Loch unter den Kornstoppeln hatte. Dort wohnte die Maus warm und gemütlich, hatte die ganze Stube voll Korn, eine herrliche Küche und eine Speisekammer. Das arme Däumelinchen stellte sich in die Tür wie ein armes Bettelmädchen und bat um ein kleines Stück von einem Gerstenkorn, denn sie hatte seit zwei Tagen nicht das Geringste gegessen.

»Du armes Tierchen!«, sagte die Feldmaus, denn im Grunde war sie eine gute Alte. »Komm herein in meine warme Stube und iss mit mir!«

Und da ihr Däumelinchen gefiel, sagte sie: »Von mir aus kannst du den Winter über bei mir bleiben; aber du musst meine Stube sauber und rein halten und mir Geschichten erzählen, denn die liebe ich sehr.« Und Däumelinchen tat, was die gute alte Feldmaus verlangte, und hatte es dafür außerordentlich gut.

»Bald werden wir Besuch bekommen!«, sagte die Feldmaus. »Mein Nachbar pflegt mich einmal in der Woche zu besuchen. Er steht sich noch besser als ich, hat große Säle und trägt einen schönen schwarzen Samtpelz! Wenn du den nur zum Mann bekommen könntest, wärst du gut versorgt. Aber er kann nicht sehen. Du musst ihm die niedlichsten Geschichten erzählen, die du weißt!«

Doch darum kümmerte sich Däumelinchen nicht; ihr lag nichts an dem Nachbarn, denn er war ein Maulwurf.

Er kam und stattete in seinem schwarzen Samtpelz seinen Besuch ab. Er sei so reich und so gelehrt, sagte die Feldmaus, seine Wohnung sei auch mehr als zwanzigmal größer als die ihre. Gelehrsamkeit besaß er, aber die Sonne und die schönen Blumen mochte er nicht leiden; von ihnen sprach er schlecht, denn er hatte sie nie gesehen.

Däumelinchen musste singen, und sie sang »Maikäfer, flieg!« und »Geht der Pfaffe auf das Feld«. Da verliebte sich der Maulwurf in sie, ihrer schönen Stimme wegen; aber er sagte nichts, denn er war ein besonnener Mann.

Er hatte sich vor Kurzem einen langen Gang durch die Erde gegraben, von seinem Haus bis zu ihrem. Darin durften die Feldmaus und Däumelinchen spazieren gehen, so viel sie wollten. Aber er bat sie, sich nicht vor dem toten Vogel zu fürchten, der in dem Gang läge. Es war ein ganzer Vogel mit Federn und Schnabel, der sicher erst vor Kurzem gestorben war und nun dort begraben lag, wo der Maulwurf seinen Gang gegraben hatte.

Der Maulwurf nahm ein Stück faules Holz ins Maul, denn das schimmert im Dunkeln wie Feuer, ging voran und leuchtete ihnen in dem langen, finsteren Gang. Als sie dorthin kamen, wo der tote Vogel lag, stemmte der Maulwurf seine breite Nase gegen die Decke und stieß die Erde hinauf, sodass ein großes Loch entstand, durch das das Licht herunterscheinen konnte. Mitten auf dem Boden lag eine tote Schwalbe, die schönen Flügel fest an die Seiten gedrückt, Füße und Kopf unter die Federn gezogen; der arme Vogel war gewiss vor Kälte gestorben. Das tat Däumelinchen recht leid; sie hielt sehr viel von allen kleinen Vögeln, hatten die doch den ganzen Sommer so schön vor ihr gesungen und gezwitschert. Der Maulwurf aber stieß den Vogel mit seinen krummen Beinen und sagte: »Nun pfeift er nicht mehr! Es muss doch erbärmlich sein, als kleiner Vogel geboren zu werden! Gott sei Dank, dass keins von meinen Kindern das wird; so ein Vogel hat ja nichts als sein Quivit und muss im Winter verhungern!«

»Ja, das mögt Ihr als vernünftiger Mann wohl sagen«, sprach die Feldmaus. »Was hat der Vogel von all seinem Quivit, wenn der Winter kommt? Er muss hungern und frieren. Aber das soll ja wohl vornehm sein!«

Däumelinchen sagte nichts; doch als die beiden anderen dem Vogel den Rücken kehrten, beugte sie sich herab, schob die Federn zur Seite, die den Kopf bedeckten, und küsste ihn auf die geschlossenen Augen.

»Vielleicht war er es, der im Sommer so hübsch vor mir gesungen hat«, dachte sie. »Wie viel Freude hat er mir gemacht, der liebe, schöne Vogel!«

Der Maulwurf stopfte nun das Loch wieder zu, durch das der Tag hereinschien, und begleitete dann die Damen nach Hause. Aber in der Nacht konnte Däumelinchen gar nicht schlafen. Da stand sie aus ihrem Bett auf und flocht aus Heu einen großen, schönen Teppich, den trug sie hin, breitete ihn über den toten Vogel und legte die feinen Staubfäden von Blumen, die weich wie Baumwolle waren und die sie in der Stube der Feldmaus gefunden hatte, an seine Seiten, damit er in der Erde warm läge.

»Leb wohl, du schöner, kleiner Vogel!«, sagte sie. »Leb wohl und hab Dank für deinen herrlichen Gesang im Sommer, als alle Bäume grün waren und die Sonne so warm auf uns herabschien!« Dann legte sie ihren Kopf an des Vogels Herz. Der Vogel aber war gar nicht tot: Er lag nur erstarrt da, und nun, da er erwärmt wurde, kehrte das Leben in ihn zurück.

Im Herbst ziehen alle Schwalben fort in die warmen Länder; wenn aber eine sich verspätet, dann friert sie so, dass sie wie tot niederstürzt und liegen bleibt, wo sie hinfällt, und der kalte Schnee bedeckt sie.

Däumelinchen zitterte, so war sie erschrocken; denn der Vogel war groß, sehr groß gegen sie, die nur einen Zoll lang war. Aber sie fasste doch Mut, legte die Baumwolle dichter um die arme Schwalbe, holte ein Krauseminzblatt, das sie selbst als Decke gehabt hatte, und legte es über den Kopf des Vogels.

In der nächsten Nacht schlich sie sich wieder zu ihm; da war er lebendig, aber sehr matt. Er konnte nur einen kurzen Augenblick lang die Augen öffnen und Däumelinchen ansehen, die mit einem Stück faulem Holz in der Hand vor ihm stand, denn eine andere Laterne hatte sie nicht.

»Ich danke dir, du niedliches, kleines Kind!«, sagte die kranke Schwalbe zu ihr. »Ich bin so herrlich erwärmt! Bald werde ich meine Kräfte wiedererlangen und kann dann draußen im warmen Sonnenschein umherfliegen!«

»Oh«, sagte sie, »es ist kalt draußen; es schneit und friert! Bleib in deinem warmen Bett; ich werde dich schon pflegen!«

Dann brachte sie der Schwalbe Wasser in einem Blütenblatt. Die trank und erzählte ihr, wie sie sich den einen Flügel an einem Dornbusch wund gerissen habe und deshalb nicht so schnell habe fliegen können wie die anderen Schwalben, die fortgeflogen seien, weit fort in die warmen Länder. So sei sie schließlich zu Boden gefallen; doch mehr wusste sie nicht mehr, und wie sie hierhergekommen war, wusste sie überhaupt nicht.

Den ganzen Winter blieb die Schwalbe nun dort unten, und Däumelinchen hegte und pflegte sie von ganzem Herzen. Weder der Maulwurf noch die Feldmaus erfuhren etwas davon, denn die mochten die arme Schwalbe ja nicht leiden.

Sobald das Frühjahr kam und die Sonne die Erde erwärmte, sagte die Schwalbe Däumelinchen Lebewohl. Diese öffnete das Loch, das der Maulwurf oben gemacht hatte. Die Sonne schien so herrlich zu ihnen herein, und die Schwalbe fragte, ob sie mitkommen wolle; sie könne auf ihrem Rücken sitzen, und sie wollten weit hinein in den grünen Wald fliegen. Aber Däumelinchen wusste, dass es die alte Feldmaus betrüben würde, wenn sie sie so verließe.

»Nein, ich kann nicht!«, sagte Däumelinchen.

»Leb wohl, leb wohl, du gutes, niedliches Mädchen!«, sagte die Schwalbe und flog hinaus in den Sonnenschein. Däumelinchen sah ihr nach, und die Tränen traten ihr in die Augen, denn sie war der armen Schwalbe herzlich gut.

»Quivit, quivit!«, sang der Vogel und flog in den grünen Wald. Däumelinchen aber war sehr betrübt. Sie durfte nicht hinaus in den warmen Sonnenschein. Das Korn, das auf dem Feld über dem Haus der Feldmaus gesät worden war, wuchs hoch in die Luft empor; für das arme, kleine Mädchen, das ja nur einen Zoll lang war, war das ein dichter Wald. »Nun bist du Braut, Däumelinchen!«, sagte die Feldmaus. »Der Nachbar hat um dich angehalten. Welch großes Glück für ein armes Kind! Nun musst du deine Aussteuer nähen, Wolle wie Leinen; denn es darf an nichts fehlen, wenn du die Frau des Maulwurfs wirst!«

Däumelinchen musste die Spindel drehen, und die Feldmaus mietete vier Spinnen, die Tag und Nacht für sie webten. Jeden Abend besuchte der Maulwurf sie und sprach dann immer davon, dass die Sonne, wenn der Sommer zu Ende gehe, längst nicht mehr so warm scheine; sie brenne die Erde ja jetzt so fest wie einen Stein. Ja, wenn der Sommer vorbei sei, dann wolle er mit Däumelinchen Hochzeit halten. Aber die war gar nicht froh, denn sie mochte den langweiligen Maulwurf nicht leiden. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie unterging, stahl sie sich zur Tür hinaus, und wenn dann der Wind die Kornähren teilte, sodass sie den blauen Himmel erblicken konnte, dachte sie daran, wie hell und schön es hier draußen sei, und wünschte sich sehnlichst, die liebe Schwalbe wiederzusehen. Aber die kam nie wieder; die war gewiss weit fort in den schönen, grünen Wald geflogen.

Als es nun Herbst wurde, hatte Däumelinchen die ganze Aussteuer fertig.

»In vier Wochen sollst du Hochzeit halten!«, sagte die Feldmaus zu ihr. Aber Däumelinchen weinte und sagte, sie wolle den langweiligen Maulwurf nicht haben.

»Schnickschnack!«, sagte die Feldmaus. »Sei nicht widerspenstig, sonst beiße ich dich mit meinen weißen Zähnen! Es ist ja ein schöner Mann, den du bekommst! Nicht einmal die Königin selbst hat solch einen schwarzen Samtpelz! Er hat Küche und Keller voll. Danke Gott dafür!«

Nun sollte die Hochzeit sein. Der Maulwurf war schon gekommen, um Däumelinchen zu holen; sie sollte bei ihm wohnen, tief unter der Erde, und nie mehr an die warme Sonne hinaus, denn die mochte er nicht leiden. Die arme Kleine war sehr betrübt; nun sollte sie der schönen Sonne Lebewohl sagen, die sie doch bei der Feldmaus wenigstens von der Tür aus hatte sehen dürfen.

»Leb wohl, du helle Sonne!«, sagte sie, streckte die Arme hoch empor und ging noch ein kleines Stück vor dem Haus der Feldmaus weiter; denn nun war das Korn geerntet, und hier standen nur die trockenen Stoppeln. »Leb wohl, leb wohl!«, sagte sie und schlang ihre Arme um eine kleine, rote Blume, die dort noch blühte. »Grüße die kleine Schwalbe von mir, wenn du sie zu sehen bekommst!«

»Quivit, quivit!«, tönte es plötzlich über ihrem Kopf. Sie sah empor; es war die kleine Schwalbe, die gerade vorbeikam. Sobald sie Däumelinchen erblickte, wurde sie sehr froh. Und Däumelinchen erzählte ihr, wie ungern sie den hässlichen Maulwurf zum Mann nehme und dass sie dann tief unter der Erde wohnen solle, wohin nie die Sonne scheine. Dabei konnte sie sich nicht enthalten zu weinen.

»Nun kommt der kalte Winter«, sagte die kleine Schwalbe. »Ich fliege weit fort in die warmen Länder; willst du mit mir kommen? Du kannst auf meinem Rücken sitzen; dann fliegen wir fort von dem hässlichen Maulwurf und seiner dunklen Stube, weit weg, über die Berge, in die warmen Länder, wo die Sonne schöner scheint als hier, wo immer Sommer ist und es herrliche Blumen gibt. Flieg nur mit mir, du liebes, kleines Däumelinchen, das mir das Leben gerettet hat, als ich erfroren im dunklen Erdkeller lag!«

»Ja, ich ziehe mit dir«, sagte Däumelinchen, setzte sich auf den Rücken des Vogels, mit den Füßen auf seine entfaltete Schwinge, und band ihren Gürtel an einer der stärksten Federn fest. Da flog die Schwalbe hoch in die Luft, über Wald und See, hoch hinauf über die großen Berge, wo immer Schnee liegt. Und Däumelinchen fror in der kalten Luft; aber dann verkroch sie sich unter die warmen Federn des Vogels und streckte nur den kleinen Kopf hervor, um all die Schönheit unter sich zu bewundern.

Endlich kamen sie in die warmen Länder. Dort schien die Sonne weit heller als hier; der Himmel war doppelt so hoch, und an Gräben und Hecken wuchsen die schönsten grünen und blauen Weintrauben; in den Wäldern hingen Zitronen und Apfelsinen; es duftete nach Myrten und Krauseminze, und auf den Landstraßen liefen die niedlichsten Kinder und spielten mit großen, bunten Schmetterlingen. Aber die Schwalbe flog noch weiter, und es wurde immer schöner und schöner. Unter den herrlichsten grünen Bäumen am blauen See stand ein blendend weißes Marmorschloss aus alten Zeiten. Weinreben rankten sich an den hohen Säulen empor; ganz oben waren viele Schwalbennester, und in einem davon wohnte die Schwalbe, die Däumelinchen trug.

»Hier ist mein Haus!«, sagte die Schwalbe. »Aber es schickt sich nicht, dass du darin wohnst; ich bin nicht so eingerichtet, dass du damit zufrieden sein könntest. Such dir eine der prächtigsten Blumen aus, die da unten wachsen; dann will ich dich hineinsetzen, und du sollst es so gut haben, wie du es dir nur wünschst!«

»Das ist herrlich!«, sagte sie und klatschte in die kleinen Hände.

Da lag eine große, weiße Marmorsäule, die zu Boden gefallen und in drei Stücke zersprungen war; zwischen den Stücken aber wuchsen die schönsten großen, weißen Blumen. Die Schwalbe flog mit Däumelinchen hinunter und setzte sie auf eines der breiten Blätter. Doch wie erstaunte sie! Mitten in der Blume saß ein kleiner Mann, so weiß und durchsichtig, als wäre er aus Glas; die niedlichste Goldkrone trug er auf dem Kopf und die herrlichsten Flügel an den Schultern, und er war selbst nicht größer als Däumelinchen. Es war der Engel der Blume. In jeder Blume wohnte solch ein kleiner Mann oder eine kleine Frau; dieser aber war der König über sie alle.

»Gott, wie schön er ist!«, flüsterte Däumelinchen der Schwalbe zu. Der kleine Prinz erschrak sehr vor der Schwalbe, denn sie war für ihn, der so klein und fein war, ein Riesenvogel. Aber als er Däumelinchen erblickte, wurde er hoch erfreut; sie war das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Deshalb nahm er seine Goldkrone vom Haupt und setzte sie ihr auf, fragte, wie sie heiße und ob sie seine Frau werden wolle; dann solle sie Königin über alle Blumen sein! Ja, das war freilich ein ganz anderer Mann als der Sohn der Kröte oder der Maulwurf mit dem schwarzen Samtpelz. Darum sagte sie »Ja« zu dem herrlichen Prinzen. Und aus jeder Blume kam eine Dame und ein Herr, so niedlich, dass es eine wahre Freude war; jeder brachte Däumelinchen ein Geschenk, aber das schönste von allen war ein Paar wunderbarer Flügel von einer großen, weißen Fliege. Die wurden Däumelinchen am Rücken befestigt, und nun konnte auch sie von Blume zu Blume fliegen. Da herrschte große Freude, und die kleine Schwalbe saß oben in ihrem Nest und sollte das Hochzeitslied singen. Das tat sie denn auch, so gut sie konnte; im Herzen aber war sie betrübt, denn sie war Däumelinchen so gut und hätte sich nie von ihr trennen mögen.

»Du sollst nicht Däumelinchen heißen!«, sagte der Blumenengel zu ihr. »Das ist ein hässlicher Name, und du bist zu schön dafür. Wir wollen dich Maja nennen.« »Leb wohl, leb wohl!«, sagte die kleine Schwalbe mit schwerem Herzen und flog wieder fort aus den warmen Ländern, weit weg, nach Dänemark zurück. Dort hatte sie ein kleines Nest über dem Fenster des Mannes, der Märchen erzählen kann. Vor ihm sang sie »Quivit, quivit!« Daher kennen wir die ganze Geschichte.