Däumelinchen
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In einer Tulpe sitzt ein Mädchen, kaum einen halben Daumen hoch: eine Kröte raubt es, ein Maikäfer verstößt es, und die Feldmaus verspricht es dem Maulwurf. Eine Schwalbe, der Däumelinchen im Winter das Leben rettet, trägt sie in die warmen Länder, wo der König der Blumen ihr die Goldkrone aufsetzt.
Es war einmal eine Frau, die wünschte sich von ganzem Herzen ein ganz kleines Kind, aber sie wusste nicht, woher sie es nehmen sollte. Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr:
„Ich hätte so herzlich gern ein kleines Kind. Kannst du mir nicht sagen, wo ich eines bekommen kann?“
„Ach, damit werden wir schon fertig“, sagte die Hexe. „Hier hast du ein Gerstenkorn. Es ist nicht von der Sorte, die auf dem Feld des Bauern wächst oder die die Hühner zu fressen bekommen. Leg es in einen Blumentopf, dann wirst du etwas zu sehen bekommen.“
„Ich danke dir“, sagte die Frau und gab der Hexe zwölf Schillinge, denn so viel kostete es. Dann ging sie nach Hause und pflanzte das Gerstenkorn, und sogleich wuchs daraus eine herrliche große Blume. Sie sah aus wie eine Tulpe, aber ihre Blätter waren fest geschlossen, als wäre sie noch eine Knospe.
„Das ist eine schöne Blume“, sagte die Frau und küsste sie auf die roten und gelben Blätter. Doch in dem Augenblick, in dem sie sie küsste, sprang die Blume mit einem Knall auf. Es war wirklich eine Tulpe, das konnte man nun sehen, aber mitten in der Blume saß auf dem grünen, samtigen Blütenstempel ein kleines Mädchen, so fein und so niedlich. Es war kaum einen halben Daumen hoch, und darum nannte man es Däumelinchen.
Eine hübsche, lackierte Walnussschale bekam Däumelinchen zur Wiege, blaue Veilchenblätter waren ihre Matratzen und ein Rosenblatt ihre Decke. Darin schlief sie nachts, aber am Tag spielte sie auf dem Tisch, wo die Frau einen Teller hingestellt und rundherum einen Kranz aus Blumen gelegt hatte, deren Stängel im Wasser standen. Darauf schwamm ein großes Tulpenblatt, und auf dem konnte Däumelinchen sitzen und von der einen Seite des Tellers zur anderen fahren. Zum Rudern hatte sie zwei weiße Pferdehaare. Das sah wunderschön aus. Singen konnte sie auch, so zart und so fein, wie man es noch nie gehört hatte.
Eines Nachts, als sie in ihrem schönen Bett lag, kam eine alte Kröte durch das Fenster hereingekrochen, in dem eine Scheibe zerbrochen war. Die Kröte war sehr hässlich, groß und nass. Sie hüpfte auf den Tisch hinunter, wo Däumelinchen lag und unter dem roten Rosenblatt schlief.

„Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn“, sagte die Kröte, nahm die Walnussschale, in der Däumelinchen schlief, und hüpfte mit ihr durch das Fenster hinunter in den Garten.
Dort floss ein großer, breiter Bach, aber das Ufer war sumpfig und morastig. Hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohn. Hu, der war hässlich und garstig und glich ganz seiner Mutter.
„Koax, koax, brekkekekex!“ Das war alles, was er sagen konnte, als er die niedliche Kleine in der Walnussschale erblickte.
„Sprich nicht so laut, sonst wacht sie auf“, sagte die alte Kröte. „Sie könnte uns noch davonlaufen, denn sie ist so leicht wie Schwanenflaum. Wir setzen sie draußen im Bach auf eines der breiten Seerosenblätter. Für sie, die so leicht und klein ist, ist das eine ganze Insel. Von dort kann sie nicht weglaufen, während wir unten im Moor die gute Stube herrichten, in der ihr wohnen und hausen sollt.“
Draußen im Bach wuchsen viele Seerosen mit breiten grünen Blättern, die aussahen, als schwämmen sie oben auf dem Wasser. Das Blatt, das am weitesten draußen lag, war auch das größte. Dorthin schwamm die alte Kröte und setzte die Walnussschale mit Däumelinchen darauf.
Das kleine, kleine Däumelinchen wachte früh am Morgen auf, und als sie sah, wo sie war, fing sie bitterlich an zu weinen, denn rings um das große grüne Blatt war Wasser, und sie konnte nicht an Land kommen.

Die alte Kröte saß unten im Moor und schmückte ihre Stube mit Schilf und gelben Seerosen; es sollte dort recht hübsch werden für die neue Schwiegertochter. Dann schwamm sie mit ihrem hässlichen Sohn zu dem Blatt hinaus, auf dem Däumelinchen saß. Sie wollten ihr hübsches Bett holen, das sollte im Brautgemach stehen, bevor Däumelinchen es selbst betrat. Die alte Kröte verneigte sich tief im Wasser vor ihr und sagte:
„Hier siehst du meinen Sohn. Er wird dein Mann sein, und ihr werdet unten im Moor recht prächtig wohnen.“
„Koax, koax, brekkekekex!“ war alles, was der Sohn sagen konnte.
Dann nahmen sie das niedliche kleine Bett und schwammen damit fort. Däumelinchen aber saß allein auf dem grünen Blatt und weinte, denn sie wollte nicht bei der garstigen Kröte wohnen und ihren hässlichen Sohn nicht zum Mann haben. Die kleinen Fische, die unten im Wasser schwammen, hatten die Kröte wohl gesehen und auch gehört, was sie gesagt hatte. Darum streckten sie die Köpfe aus dem Wasser, sie wollten das kleine Mädchen auch sehen. Kaum hatten sie es erblickt, fanden sie es so niedlich, dass es ihnen leidtat, dass es hinunter zu der hässlichen Kröte sollte. Nein, das durfte niemals geschehen. Sie versammelten sich unten im Wasser rings um den grünen Stängel, der das Blatt hielt, auf dem sie stand, und nagten ihn mit den Zähnen ab. Da trieb das Blatt den Bach hinab und Däumelinchen mit ihm, weit fort, wohin die Kröte nicht reichen konnte.
Däumelinchen segelte an vielen Städten vorbei, und die kleinen Vögel saßen in den Büschen, sahen sie und sangen: „Welch liebliches kleines Mädchen!“ Das Blatt schwamm mit ihr immer weiter und weiter, und so reiste Däumelinchen aus dem Land hinaus.
Ein hübscher kleiner weißer Schmetterling flatterte die ganze Zeit um sie herum und ließ sich zuletzt auf dem Blatt nieder. Däumelinchen gefiel ihm, und sie freute sich sehr, denn nun konnte die Kröte sie nicht mehr erreichen, und es war so schön dort, wo sie hinfuhr. Die Sonne schien auf das Wasser, und das glänzte wie das herrlichste Silber. Sie nahm ihren Gürtel, band das eine Ende um den Schmetterling und das andere Ende am Blatt fest. Nun glitt es viel schneller dahin, und sie mit ihm, denn sie stand ja darauf.
Da kam ein großer Maikäfer angeflogen. Er erblickte sie, schlug im selben Augenblick seine Klauen um ihren schlanken Leib und flog mit ihr auf den Baum. Das grüne Blatt trieb den Bach hinab, und der Schmetterling mit ihm, denn er war daran festgebunden und kam nicht mehr los.

Ach, wie erschrak das arme Däumelinchen, als der Maikäfer mit ihr auf den Baum flog! Aber am meisten betrübte sie der schöne weiße Schmetterling, den sie festgebunden hatte. Wenn er sich nun nicht befreien konnte, musste er ja verhungern. Den Maikäfer aber kümmerte das nicht. Er setzte sich mit ihr auf das größte grüne Blatt des Baumes, gab ihr den Nektar der Blumen zu essen und sagte, sie sei sehr niedlich, obwohl sie einem Maikäfer ganz und gar nicht gleiche. Später kamen alle anderen Maikäfer, die auf dem Baum wohnten, und statteten einen Besuch ab. Sie betrachteten Däumelinchen von allen Seiten.
„Sie hat ja nicht mehr als zwei Beine. Das sieht erbärmlich aus“, sagte einer.
„Sie hat gar keine Fühler“, sagte ein anderer.
„Und wie schlank sie in der Taille ist, pfui! Sie sieht aus wie ein Mensch. Wie hässlich sie ist!“, sagten alle Maikäferdamen.
Dabei war Däumelinchen doch niedlich. Das erkannte auch der Maikäfer, der sie geraubt hatte. Aber als alle anderen sagten, sie sei hässlich, glaubte er es zuletzt selbst und wollte sie nicht mehr haben. Sie könne gehen, wohin sie wolle. Sie flogen mit ihr den Baum hinunter und setzten sie auf ein Gänseblümchen. Da weinte sie, weil sie so hässlich sei, dass die Maikäfer sie nicht haben wollten, und dabei war sie das Lieblichste, was man sich denken kann, so fein und zart wie das schönste Rosenblatt.
Den ganzen Sommer über lebte das arme Däumelinchen allein in dem großen Wald. Sie flocht sich ein Bett aus Grashalmen und hängte es unter einem Kleeblatt auf, so war sie vor dem Regen geschützt. Sie pflückte den Nektar aus den Blumen und trank vom Tau, der jeden Morgen auf den Blättern stand. So vergingen Sommer und Herbst, aber dann kam der Winter, der kalte, lange Winter. Alle Vögel, die so schön vor ihr gesungen hatten, flogen davon. Bäume und Blumen verloren ihre Blätter, das große Kleeblatt, unter dem sie gewohnt hatte, rollte sich zusammen, und es blieb nichts übrig als ein welker Stängel. Sie fror schrecklich, denn ihre Kleider waren zerrissen, und sie war selbst so fein und so klein, das arme Däumelinchen. Sie musste erfrieren. Es fing an zu schneien, und jede Schneeflocke, die auf sie fiel, war für sie, als würfe jemand eine ganze Schaufel voll Schnee auf uns, denn wir sind so groß, und sie war nur einen Zoll lang. Da wickelte sie sich in ein dürres Blatt, aber das riss in der Mitte entzwei und wollte nicht wärmen, und sie zitterte vor Kälte.

Dicht vor dem Wald, an dessen Rand sie nun gekommen war, lag ein großes Kornfeld. Das Korn war aber längst geerntet, nur die nackten, trockenen Stoppeln standen aus der gefrorenen Erde hervor. Für sie waren sie ein ganzer Wald, den sie durchwandern musste, und ach, wie zitterte sie vor Kälte! Da gelangte sie vor die Tür einer Feldmaus. Die hatte ein kleines Loch unter den Kornstoppeln. Dort wohnte die Maus warm und gemütlich, sie hatte die ganze Stube voll Korn, eine herrliche Küche und eine Speisekammer dazu. Das arme Däumelinchen stellte sich in die Tür wie ein armes Bettelmädchen und bat um ein kleines Stück von einem Gerstenkorn, denn seit zwei Tagen hatte sie nicht das Geringste zu essen gehabt.
„Du armes Ding“, sagte die Feldmaus, denn im Grunde war sie eine gute Alte. „Komm herein in meine warme Stube und iss mit mir.“
Und weil ihr Däumelinchen gefiel, sagte sie: „Du kannst meinetwegen den ganzen Winter über bei mir bleiben, aber du musst meine Stube sauber halten und mir Geschichten erzählen, denn die liebe ich sehr.“
Und Däumelinchen tat, was die gute alte Feldmaus verlangte, und hatte es außerordentlich gut dabei.
„Bald bekommen wir Besuch“, sagte die Feldmaus. „Mein Nachbar besucht mich jede Woche einmal. Er ist noch besser dran als ich, hat große Säle und trägt einen schönen schwarzen Samtpelz. Wenn du den zum Mann bekommen könntest, wärst du gut versorgt. Aber sehen kann er nicht. Du musst ihm die schönsten Geschichten erzählen, die du weißt.“
Däumelinchen aber kümmerte das nicht. Ihr lag nichts an dem Nachbarn, denn er war ja ein Maulwurf.
Er kam und stattete in seinem schwarzen Samtpelz seinen Besuch ab. Er sei so reich und so gelehrt, sagte die Feldmaus, und seine Wohnung sei mehr als zwanzigmal so groß wie ihre eigene. Gelehrsamkeit besaß er, aber die Sonne und die schönen Blumen mochte er nicht leiden, und er sprach schlecht von ihnen, denn er hatte sie nie gesehen.
Däumelinchen musste singen, und sie sang „Maikäfer, flieg!“ und „Geht der Pfarrer auf das Feld“. Da verliebte sich der Maulwurf in sie, der schönen Stimme wegen. Aber er sagte nichts, denn er war ein besonnener Mann.
Er hatte sich vor Kurzem einen langen Gang durch die Erde gegraben, von seinem Haus bis zu ihrem, und in dem durften die Feldmaus und Däumelinchen spazieren gehen, so viel sie wollten. Nur bat er sie, sich nicht vor dem toten Vogel zu fürchten, der dort im Gang lag. Es war ein ganzer Vogel mit Federn und Schnabel, der sicher erst vor Kurzem gestorben war und nun genau dort begraben lag, wo der Maulwurf seinen Gang angelegt hatte.
Der Maulwurf nahm ein Stück faules Holz ins Maul, denn das schimmert im Dunkeln wie Feuer, ging voran und leuchtete ihnen in dem langen, finsteren Gang. Als sie dorthin kamen, wo der tote Vogel lag, stemmte der Maulwurf seine breite Nase gegen die Decke und stieß die Erde hinauf, sodass ein großes Loch entstand, durch das das Licht herunterscheinen konnte. Mitten auf dem Boden lag eine tote Schwalbe, die schönen Flügel fest an die Seiten gedrückt, Füße und Kopf unter die Federn gezogen. Der arme Vogel war gewiss vor Kälte gestorben. Das tat Däumelinchen sehr leid, denn sie hatte alle kleinen Vögel so gern, die hatten ja den ganzen Sommer über so schön vor ihr gesungen und gezwitschert. Der Maulwurf aber stieß ihn mit seinen krummen Beinen an und sagte:
„Der pfeift nun nicht mehr. Es muss doch erbärmlich sein, als kleiner Vogel geboren zu werden. Gott sei Dank wird keins von meinen Kindern so einer. So ein Vogel hat ja nichts als sein Quivit und muss im Winter verhungern.“
„Ja, das können Sie als vernünftiger Mann wohl sagen“, sprach die Feldmaus. „Was hat der Vogel von all seinem Quivit, wenn der Winter kommt? Hungern muss er und frieren. Aber das soll ja wohl sehr vornehm sein.“
Däumelinchen sagte nichts. Als die beiden anderen dem Vogel aber den Rücken zuwandten, beugte sie sich zu ihm hinunter, schob die Federn zur Seite, die seinen Kopf bedeckten, und küsste ihn auf die geschlossenen Augen.
„Vielleicht war er es, der im Sommer so schön vor mir gesungen hat“, dachte sie. „Wie viel Freude hat er mir gemacht, der liebe, schöne Vogel.“
Der Maulwurf stopfte nun das Loch zu, durch das der Tag hereingeschienen hatte, und begleitete die Damen nach Hause. In der Nacht aber konnte Däumelinchen gar nicht schlafen. Da stand sie aus ihrem Bett auf und flocht aus Heu einen großen, schönen Teppich. Den trug sie hin und breitete ihn über den toten Vogel, und die feinen Staubfäden von Blumen, die weich wie Baumwolle waren und die sie in der Stube der Feldmaus gefunden hatte, legte sie ihm an die Seiten, damit er warm läge in der kalten Erde.

„Leb wohl, du schöner kleiner Vogel“, sagte sie. „Leb wohl und hab Dank für deinen herrlichen Gesang im Sommer, als alle Bäume grün waren und die Sonne warm auf uns herunterschien.“
Dann legte sie ihren Kopf an das Herz des Vogels. Der Vogel aber war nicht tot. Er hatte nur erstarrt dagelegen, war nun gewärmt worden und bekam wieder Leben.
Im Herbst ziehen alle Schwalben fort in die heißen Länder, doch wenn eine sich verspätet, dann friert sie so, dass sie wie tot niederstürzt und liegen bleibt, wo sie hinfällt, und der kalte Schnee deckt sie zu.
Däumelinchen zitterte, so war sie erschrocken, denn der Vogel war groß, sehr groß gegen sie, die nur einen Zoll lang war. Aber sie fasste doch Mut, legte die feinen Staubfäden dichter um die arme Schwalbe, holte ein Blatt Krauseminze, das sie selbst als Decke gehabt hatte, und legte es dem Vogel über den Kopf.
In der nächsten Nacht schlich sie sich wieder zu ihm. Da war er lebendig, aber sehr matt. Nur einen kurzen Augenblick konnte er die Augen öffnen und Däumelinchen ansehen, die mit einem Stück faulem Holz in der Hand vor ihm stand, denn eine andere Laterne hatte sie nicht.
„Ich danke dir, du niedliches kleines Kind“, sagte die kranke Schwalbe. „Ich bin so herrlich gewärmt. Bald bekomme ich meine Kräfte wieder und kann draußen im warmen Sonnenschein umherfliegen.“
„Ach“, sagte Däumelinchen, „draußen ist es kalt, es schneit und friert. Bleib in deinem warmen Bett, ich pflege dich schon.“
Dann brachte sie der Schwalbe Wasser in einem Blütenblatt. Die trank und erzählte ihr, wie sie sich den einen Flügel an einem Dornbusch wund gerissen hatte und deshalb nicht so schnell hatte fliegen können wie die anderen Schwalben, die fortgeflogen waren, weit fort in die warmen Länder. So sei sie zuletzt zu Boden gefallen. Mehr aber konnte sie sich nicht erinnern, und sie wusste gar nicht, wie sie hierhergekommen war.
Den ganzen Winter blieb sie nun dort unten, und Däumelinchen hegte und pflegte sie von ganzem Herzen. Weder der Maulwurf noch die Feldmaus erfuhren etwas davon, denn die mochten die arme Schwalbe ja nicht leiden.
Sobald das Frühjahr kam und die Sonne die Erde wärmte, sagte die Schwalbe Däumelinchen Lebewohl, und Däumelinchen öffnete das Loch, das der Maulwurf oben gemacht hatte. Die Sonne schien so herrlich zu ihnen herein, und die Schwalbe fragte, ob sie mitkommen wolle. Sie könne auf ihrem Rücken sitzen, und sie wollten weit in den grünen Wald hineinfliegen. Aber Däumelinchen wusste, dass es die alte Feldmaus betrüben würde, wenn sie sie so verließe.
„Nein, ich kann nicht“, sagte Däumelinchen.
„Leb wohl, leb wohl, du gutes, niedliches Mädchen“, sagte die Schwalbe und flog hinaus in den Sonnenschein. Däumelinchen sah ihr nach, und die Tränen traten ihr in die Augen, denn sie hatte die arme Schwalbe von Herzen lieb.
„Quivit, quivit!“, sang der Vogel und flog in den grünen Wald.
Däumelinchen war sehr traurig. Sie bekam keine Erlaubnis, in den warmen Sonnenschein hinauszugehen. Das Korn, das auf dem Feld über dem Haus der Feldmaus gesät war, wuchs hoch in die Luft empor, und für das arme kleine Mädchen, das ja nur einen Zoll lang war, war das ein dichter Wald.
„Nun bist du Braut, Däumelinchen“, sagte die Feldmaus. „Der Nachbar hat um dich angehalten. Welch großes Glück für ein armes Kind! Jetzt musst du deine Aussteuer nähen, Wollzeug und Leinenzeug, denn es darf an nichts fehlen, wenn du die Frau des Maulwurfs wirst.“
Däumelinchen musste die Spindel drehen, und die Feldmaus mietete vier Spinnen, die Tag und Nacht für sie webten. Jeden Abend besuchte der Maulwurf sie, und immer sprach er davon, dass die Sonne, wenn der Sommer zu Ende gehe, längst nicht mehr so warm scheinen werde; jetzt brenne sie die Erde ja hart wie einen Stein. Ja, wenn der Sommer vorbei sei, dann wolle er Hochzeit mit Däumelinchen halten. Die aber war gar nicht froh, denn sie mochte den langweiligen Maulwurf nicht leiden. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie unterging, stahl sie sich zur Tür hinaus, und wenn der Wind dann die Kornähren teilte, sodass sie den blauen Himmel sehen konnte, dachte sie daran, wie hell und schön es hier draußen war, und wünschte sich sehnlichst, die liebe Schwalbe wiederzusehen. Aber die kam nie wieder, die war gewiss weit fort in den schönen grünen Wald geflogen.
Als es nun Herbst wurde, hatte Däumelinchen die ganze Aussteuer fertig.
„In vier Wochen ist deine Hochzeit“, sagte die Feldmaus zu ihr. Aber Däumelinchen weinte und sagte, sie wolle den langweiligen Maulwurf nicht haben.
„Schnickschnack“, sagte die Feldmaus. „Sei nicht widerspenstig, sonst beiße ich dich mit meinen weißen Zähnen. Es ist ja ein schöner Mann, den du bekommst. Die Königin selbst hat keinen solchen schwarzen Samtpelz. Er hat Küche und Keller voll. Dafür kannst du Gott danken.“
Nun sollte die Hochzeit sein. Der Maulwurf war schon gekommen, um Däumelinchen zu holen. Bei ihm sollte sie wohnen, tief unter der Erde, und nie hinaus an die warme Sonne kommen, denn die mochte er nicht leiden. Die arme Kleine war sehr traurig, denn nun sollte sie der schönen Sonne Lebewohl sagen, die sie bei der Feldmaus wenigstens von der Tür aus hatte ansehen dürfen.
„Leb wohl, du helle Sonne“, sagte sie, streckte die Arme hoch empor und ging noch ein kleines Stück vor das Haus der Feldmaus hinaus, denn das Korn war jetzt geerntet, und hier standen nur die trockenen Stoppeln. „Leb wohl, leb wohl“, sagte sie und schlang ihre Arme um eine kleine rote Blume, die dort noch blühte. „Grüß die kleine Schwalbe von mir, wenn du sie zu sehen bekommst.“
„Quivit, quivit!“, tönte es plötzlich über ihrem Kopf. Sie sah hinauf, und da war die kleine Schwalbe, die gerade vorbeikam. Sobald sie Däumelinchen erblickte, wurde sie sehr froh, und Däumelinchen erzählte ihr, wie ungern sie den hässlichen Maulwurf zum Mann nehme und dass sie dann tief unter der Erde wohnen solle, wohin nie die Sonne scheine. Dabei konnte sie sich nicht enthalten zu weinen.
„Nun kommt der kalte Winter“, sagte die kleine Schwalbe. „Ich fliege weit fort in die warmen Länder. Willst du mit mir kommen? Du kannst auf meinem Rücken sitzen. Dann fliegen wir fort von dem hässlichen Maulwurf und seiner dunklen Stube, weit weg über die Berge, in die warmen Länder, wo die Sonne schöner scheint als hier, wo immer Sommer ist und wo es herrliche Blumen gibt. Flieg nur mit mir, du liebes kleines Däumelinchen, das mir das Leben gerettet hat, als ich erfroren im dunklen Erdkeller lag.“
„Ja, ich ziehe mit dir“, sagte Däumelinchen, setzte sich auf den Rücken des Vogels, mit den Füßen auf seine ausgebreitete Schwinge, und band ihren Gürtel an einer der stärksten Federn fest. Da flog die Schwalbe hoch in die Luft, über Wald und See, hoch hinauf über die großen Berge, auf denen immer Schnee liegt. Und Däumelinchen fror in der kalten Luft, aber dann verkroch sie sich unter die warmen Federn des Vogels und streckte nur den kleinen Kopf hervor, um all die Schönheit unter sich zu bewundern.

Endlich kamen sie in die warmen Länder. Dort schien die Sonne viel heller als hier, der Himmel war doppelt so hoch, und an Gräben und Hecken wuchsen die schönsten grünen und blauen Weintrauben. In den Wäldern hingen Zitronen und Apfelsinen, es duftete nach Myrte und Krauseminze, und auf den Landstraßen liefen die niedlichsten Kinder und spielten mit großen bunten Schmetterlingen. Aber die Schwalbe flog noch weiter, und es wurde immer schöner. Unter den herrlichsten grünen Bäumen am blauen See stand ein blendend weißes Marmorschloss aus alten Zeiten. Weinreben rankten sich an den hohen Säulen empor, und ganz oben waren viele Schwalbennester. In einem davon wohnte die Schwalbe, die Däumelinchen trug.
„Hier ist mein Haus“, sagte die Schwalbe. „Aber es schickt sich nicht, dass du darin wohnst, ich bin nicht so eingerichtet, dass du zufrieden sein könntest. Such dir selbst eine der prächtigsten Blumen aus, die dort unten wachsen, dann setze ich dich hinein, und du sollst es so gut haben, wie du es dir nur wünschst.“
„Das ist herrlich!“, sagte sie und klatschte in die kleinen Hände.
Dort lag eine große weiße Marmorsäule, die umgefallen und in drei Stücke zersprungen war, und zwischen den Stücken wuchsen die schönsten großen weißen Blumen. Die Schwalbe flog mit Däumelinchen hinunter und setzte sie auf eines der breiten Blätter. Aber wie staunte sie da! Mitten in der Blume saß ein kleiner Mann, so weiß und durchsichtig, als wäre er aus Glas. Die niedlichste Goldkrone trug er auf dem Kopf und die herrlichsten Flügel an den Schultern, und er war selbst nicht größer als Däumelinchen. Es war der Engel der Blume. In jeder Blume wohnte so ein kleiner Mann oder eine kleine Frau, aber dieser war der König über alle.
„Wie schön er ist!“, flüsterte Däumelinchen der Schwalbe zu.
Der kleine Prinz erschrak sehr vor der Schwalbe, denn gegen ihn, der so klein und so fein war, war sie ein Riesenvogel. Als er aber Däumelinchen erblickte, wurde er von Herzen froh. Sie war das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Darum nahm er seine Goldkrone vom Kopf und setzte sie ihr auf, fragte, wie sie heiße und ob sie seine Frau werden wolle. Dann solle sie Königin über alle Blumen sein. Ja, das war freilich ein anderer Mann als der Sohn der Kröte und der Maulwurf mit dem schwarzen Samtpelz. Darum sagte sie Ja zu dem herrlichen Prinzen. Und aus jeder Blume kam eine Dame und ein Herr, so niedlich, dass es eine Freude war, und jeder brachte Däumelinchen ein Geschenk. Das beste von allen aber war ein Paar schöner Flügel von einer großen weißen Fliege. Die wurden Däumelinchen am Rücken befestigt, und nun konnte auch sie von Blume zu Blume fliegen. Da gab es viel Freude, und die kleine Schwalbe saß oben in ihrem Nest und sollte das Hochzeitslied singen. Das tat sie denn auch, so gut sie konnte, aber im Herzen war sie traurig, denn sie hatte Däumelinchen so lieb und hätte sich nie von ihr trennen mögen.

„Du sollst nicht Däumelinchen heißen“, sagte der Blumenengel zu ihr. „Das ist ein hässlicher Name, und du bist zu schön dafür. Wir wollen dich Maja nennen.“
„Leb wohl, leb wohl“, sagte die kleine Schwalbe mit schwerem Herzen und flog wieder fort aus den warmen Ländern, weit weg zurück nach Dänemark. Dort hatte sie ein kleines Nest über dem Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen erzählen kann. Vor ihm sang sie „Quivit, quivit!“. Daher wissen wir die ganze Geschichte.
Nacherzählt von Talerie, Quelle: Sämmtliche Märchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)
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