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Esel, Hund, Katze und Hahn stehen übereinandergetürmt vor dem erleuchteten Fenster einer Hütte im mondhellen Wald.

Die Bremer Stadtmusikanten

Brüder Grimm

7 Min. Lesezeitab 4 Jahren

Ein alter Esel will nach Bremen, um dort Stadtmusikant zu werden, und ein Hund, eine Katze und ein Hahn schließen sich ihm an. Gemeinsam vertreiben sie die Räuber aus einem Haus im Wald, und als einer nachts zurückkommt, jagen Katze, Hund und Esel ihn wieder hinaus, sodass die vier Musikanten dort bleiben.


Ein Mann hatte einen Esel, der viele Jahre lang geduldig die schweren Säcke zur Mühle getragen hatte. Nun aber ließen seine Kräfte nach, und er taugte immer weniger zur Arbeit. Da überlegte der Herr schon, wie er ihn loswerden könnte. Der Esel merkte, dass kein guter Wind für ihn wehte, machte sich davon und wanderte die Straße nach Bremen hinunter. Dort, dachte er, könnte er ja Stadtmusikant werden.

Ein alter Esel mit sichtbaren Rippen und hängendem Kopf tritt im Morgenlicht durch ein offenes Hoftor auf den Weg zu einem fernen Städtchen.

Als er ein Weilchen gegangen war, fand er einen Jagdhund am Weg liegen, der schnaufte wie einer, der sich müde gelaufen hat.

„Warum schnaufst du denn so?“, fragte der Esel.

„Ach“, sagte der Hund, „ich bin alt und werde mit jedem Tag schwächer. Auf der Jagd komme ich längst nicht mehr mit, und da hatte mein Herr keine Verwendung mehr für mich. Es ging mir ans Leben, darum bin ich fortgelaufen. Aber wovon soll ich jetzt leben?“

„Weißt du was“, sprach der Esel, „ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant. Komm mit und lass dich auch bei der Musik anstellen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.“

Das gefiel dem Hund, und die beiden gingen weiter.

Es dauerte nicht lange, da saß eine Katze am Wegrand und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter.

„Was ist dir denn in die Quere gekommen?“, fragte der Esel.

„Wer soll da noch fröhlich sein, wenn es ihm an den Kragen geht“, antwortete die Katze. „Ich komme in die Jahre, meine Zähne werden stumpf, und ich sitze lieber hinter dem warmen Ofen, als hinter den Mäusen herzujagen. Da wollte mich meine Herrin ersäufen. Ich habe mich beizeiten davongemacht, aber nun weiß ich nicht wohin.“

„Geh mit uns nach Bremen“, sagte der Esel. „Auf Nachtmusik verstehst du dich doch, da kannst du gut Stadtmusikantin werden.“

Das leuchtete der Katze ein, und sie ging mit.

Bald darauf kamen die drei an einem Hof vorbei. Auf dem Tor saß der Haushahn und schrie aus Leibeskräften.

„Du schreist einem durch Mark und Bein“, sprach der Esel. „Was hast du vor?“

„Ich habe gutes Wetter prophezeit“, rief der Hahn, „aber das hilft mir nichts. Morgen ist Sonntag, da kommen Gäste, und die Hausfrau hat der Köchin gesagt, sie wolle mich in der Suppe haben. Nun schreie ich aus vollem Hals, solange ich es noch kann.“

„Ach was, Rotkopf“, sagte der Esel. „Zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen. Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, dann kann sich das hören lassen.“

Der Hahn war einverstanden, und nun zogen sie zu viert weiter.

Bremen war an einem einzigen Tag nicht zu erreichen, und am Abend kamen sie in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze kletterte in die Äste, und der Hahn flog bis in die Spitze hinauf, wo es für ihn am sichersten war. Bevor er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Seiten um. Da war ihm, als brenne in der Ferne ein kleines Licht, und er rief seinen Gefährten zu, so weit könne ein Haus nicht sein, denn dort scheine ein Licht.

Nachts im Wald schlafen Esel und Hund zwischen den Wurzeln, die Katze auf einem tiefen Ast, während der Hahn von oben nach einem fernen Licht späht.

„Dann brechen wir auf und gehen hin“, sagte der Esel, „denn hier ist die Herberge schlecht.“

Der Hund meinte, ein paar Knochen mit etwas Fleisch daran täten ihm auch gut.

Also machten sie sich auf den Weg dorthin, wo das Licht war. Es schimmerte immer heller, und schließlich standen sie vor einem hell erleuchteten Räuberhaus. Der Esel, als der größte, trat ans Fenster und schaute hinein.

„Was siehst du, Grauer?“, fragte der Hahn.

„Was ich sehe?“, antwortete der Esel. „Einen gedeckten Tisch mit gutem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen es sich schmecken.“

„Das wäre etwas für uns“, sprach der Hahn.

„Ja, ach, wären wir doch da drinnen“, seufzte der Esel.

Da berieten die Tiere, wie sie es anstellen könnten, die Räuber hinauszujagen, und endlich fanden sie ein Mittel. Der Esel stellte sich mit den Vorderfüßen auf das Fensterbrett, der Hund sprang ihm auf den Rücken, die Katze kletterte auf den Hund, und zuletzt flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Als das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen alle zusammen an zu musizieren: Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte. Dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, dass die Scheiben klirrten.

Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe. Sie dachten, ein Gespenst komme herein, und liefen voller Angst in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gefährten an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übrig geblieben war, und aßen, als müssten sie vier Wochen lang hungern.

Am Tisch der Räuber bei Lampenlicht frisst der Esel aus einer Schüssel, der Hund stützt die Vorderpfoten auf, der Hahn pickt, die Katze hält ein Stück Käse.

Als die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht und suchten sich jeder einen Schlafplatz nach seinem Geschmack. Der Esel legte sich draußen auf den Misthaufen, der Hund hinter die Tür, die Katze auf den Herd zur warmen Asche, und der Hahn setzte sich oben auf den Balken. Weil sie von dem langen Weg müde waren, schliefen sie bald ein.

Nach Mitternacht sahen die Räuber von weitem, dass im Haus kein Licht mehr brannte und alles ruhig schien.

„Wir hätten uns nicht so schnell einschüchtern lassen sollen“, sagte der Hauptmann und schickte einen von ihnen hin, das Haus zu untersuchen.

Der Räuber fand alles still. Er ging in die Küche, um ein Licht anzuzünden, und weil er die runden, glühenden Augen der Katze für Kohlen ansah, hielt er ein Streichholz daran, damit es Feuer fange. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, fauchte und kratzte. Da erschrak er furchtbar und wollte zur Hintertür hinaus. Der Hund aber, der dort lag, sprang auf und schnappte nach seinem Bein, und als der Räuber über den Hof am Misthaufen vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen kräftigen Tritt mit dem Hinterfuß. Der Hahn, den der Lärm geweckt hatte, rief vom Balken herunter:

„Kikeriki!“

In der dunklen Küche faucht die Katze mit gesträubtem Fell vom Herd her, während ein erschrockener Räuber ihr ein brennendes Streichholz hinhält.

Da lief der Räuber, so schnell er konnte, zu seinem Hauptmann zurück.

„Ach“, rief er, „in dem Haus sitzt eine schreckliche Hexe, die hat mich angehaucht und mir mit ihren langen Fingern das Gesicht zerkratzt. Vor der Tür steht ein Mann mit einem Messer, der hat mir ins Bein gestochen. Auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungeheuer, das hat mit einer Holzkeule nach mir geschlagen. Und oben auf dem Dach, da sitzt der Richter, der rief: Bringt mir den Schelm her! Da habe ich gemacht, dass ich fortkam.“

Von da an trauten sich die Räuber nicht mehr in das Haus. Den vier Bremer Musikanten aber gefiel es dort so gut, dass sie nie wieder hinauswollten. Und wer das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Kinder- und Hausmärchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)Lizenz: Gemeinfrei

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Über dieses Märchen

„Die Bremer Stadtmusikanten“ sind ein Märchen der Brüder Grimm. In der ersten Ausgabe der „Kinder- und Haus-Märchen“ von 1812 fehlt es noch. Erst die zweite Auflage, Berlin 1819, bringt es als Nr. 27. Die Grimms notierten, sie hätten es „nach zwei Erzählungen aus dem Paderbörnischen“ aufgeschrieben.

Vergleicht man die Fassung von 1819 mit der von 1857, ist die Handlung dieselbe, nur Einzelheiten sind anders: 1857 heißt der Hund Packan, der Esel will die Laute spielen, und die Katze zieht ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Unser Text folgt der Fassung von 1857, der Ausgabe letzter Hand (7. Auflage).

Die Grimms 1819 und 1857 im Vergleich

Ausgabe 1819Ausgabe 1857
Der Eselhat „lange Jahre treu gedient“trug „die Säcke unverdrossen zur Mühle“
Instrumentekeine genanntLaute und Pauken
Der Hundohne Namenheißt Packan
Gesicht der Katze„ein gar trübselig Gesicht“„wie drei Tage Regenwetter“
Gruß an die Katzeohne Spitznamen„alter Bartputzer“
Was Maria wäscht„dem Christkindlein die Tücher“„dem Christkindlein die Hemdchen“
Schlusssatz„dem ist der Mund noch warm“derselbe
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Etwas Besseres als den Tod findest du überall.
Brüder Grimm, 1857: etwas besseres als den Tod findest du überall

Was unser Text erzählt

Wir bleiben bei der Handlung von 1857. Der Herr des alten Esels überlegt, wie er ihn loswerden kann, dem Jagdhund geht es ans Leben, die Katze soll ersäuft werden, und der Hahn soll am Sonntag in der Suppe landen. Bremen erreichen die vier nie: Im Wald sehen sie Licht, stellen sich am Fenster des Räuberhauses übereinander und jagen die Räuber mit ihrer Musik davon. Nachts schickt der Hauptmann einen Räuber als Kundschafter zurück. Der hält die Augen der Katze für glühende Kohlen und berichtet danach von einer Hexe, einem Mann mit Messer, einem schwarzen Ungeheuer und einem Richter auf dem Dach.

Den Namen Packan und den Bartputzer haben wir weggelassen, ebenso den Tag, an dem Maria dem Christkind die Hemdchen wusch: Bei uns hat der Hahn nur gutes Wetter prophezeit. Der alte Schlusssatz mit dem warmen Mund steht dagegen am Ende. Falls dir beim Vorlesen die Drohungen am Anfang zu hart vorkommen: Sie werden nur ausgesprochen, niemand kommt um, und der Räuber wird gekratzt und getreten und läuft erschrocken davon.

Verwandte Geschichten und eine Verwechslung

Die ältesten Aufzeichnungen des Stoffs stammen nach Bolte und Polívka aus dem 12. Jahrhundert. Um 1148 erzählt der Genter Magister Nivardus in seinem lateinischen Epos „Ysengrimus“, wie reisende Tiere in einem leeren Haus den Wolf vertreiben, und im „Roman de Renart“ (Branche 8) feiern Fuchs, Widder und Esel im Haus des Wolfs, singen laut und wehren sich gegen die Wölfe. Hans Sachs dichtete 1551 das Meisterlied „Das Kecklein unter zwölf Wölfen“, in dem der hineingeschickte Wolf von einem Kesselflicker, einem Bauern mit Gabel, einem Böttcher und einem Barbier auf dem Dach berichtet. Die Grimms selbst meinten, in ihrem Märchen seien aus wilden Waldtieren Räuber geworden, und hielten die Waldtiere für „wohl ursprünglicher“. Neben den zwei Paderborner Erzählungen kannten die Grimms eine dritte aus Zwehrn, die sie nur in ihren Anmerkungen wiedergeben. Sie verläuft anders: Dort treten die Tiere friedlich ein, machen Musik und werden dafür von den Räubern bewirtet. Danach ziehen die Räuber auf Raub aus, und als sie um Mitternacht heimkehren, ergeht es dem, der vorausgeht, um das Haus zu erleuchten, wie sonst dem Kundschafter.

„Der Rattenfänger von Hameln“ ist eine ganz andere Geschichte, auch wenn darin ebenfalls Musik und eine norddeutsche Stadt vorkommen.

Quellen

Historische Fassungen

Am 14. Oktober 2026 mit diesen Quellen abgeglichen.

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