
Die Bremer Stadtmusikanten
7 Min. Lesezeit4–10 Jahre
Ein alter Esel, den sein Herr nicht mehr durchfüttern will, flieht nach Bremen, um Stadtmusikant zu werden, und trifft unterwegs einen Hund, eine Katze und einen Hahn, die alle ein ähnliches Schicksal teilen. Gemeinsam vertreiben sie mit ihrer Musik Räuber aus einem Haus und finden dort ein neues Zuhause.
Ein Mann hatte einen Esel, der viele lange Jahre unermüdlich die Säcke zur Mühle getragen hatte. Doch nun gingen seine Kräfte zu Ende, und er wurde für die Arbeit immer untauglicher. Da dachte der Herr daran, ihn nicht länger zu füttern. Aber der Esel merkte, dass kein guter Wind mehr wehte, lief davon und machte sich auf den Weg nach Bremen. Dort, so meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden.
Als er ein Weilchen gegangen war, fand er einen Jagdhund am Weg liegen, der schwer atmete wie einer, der sich müde gelaufen hat. „Nun, warum keuchst du so, Packan?“, fragte der Esel. „Ach“, sagte der Hund, „weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde und auf der Jagd nicht mehr mitkomme, wollte mich mein Herr totschlagen. Da habe ich Reißaus genommen. Aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?“ „Weißt du was“, sprach der Esel, „ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant. Komm mit und lass dich auch bei der Musik anstellen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.“ Der Hund war einverstanden, und sie gingen zusammen weiter.
Es dauerte nicht lange, da saß eine Katze am Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. „Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?“, sprach der Esel. „Wer kann schon fröhlich sein, wenn es ihm an den Kragen geht?“, antwortete die Katze. „Weil ich nun in die Jahre komme, meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze und schnurre, als hinter den Mäusen herzujagen, wollte mich meine Frau ersäufen. Ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer. Wo soll ich hin?“ „Komm mit uns nach Bremen“, sagte der Esel, „auf die Nachtmusik verstehst du dich doch, da kannst du ein Stadtmusikant werden.“ Die Katze fand das gut und ging mit.
Darauf kamen die drei Ausreißer an einem Hof vorbei. Da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. „Du schreist einem durch Mark und Bein“, sprach der Esel. „Was hast du vor?“ „Ich habe gutes Wetter vorausgesagt“, sprach der Hahn, „weil heute der Tag ist, an dem unsere liebe Frau dem Christkind die Hemdchen gewaschen hat und sie trocknen will. Aber weil morgen zum Sonntag Gäste kommen, hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wolle mich morgen in der Suppe essen. Und darum soll ich mir heute Abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schreie ich aus vollem Hals, solange ich noch kann.“ „Ei was, du Rotkopf“, sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort. Wir gehen nach Bremen, und etwas Besseres als den Tod findest du überall. Du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, dann muss das schön klingen.“ Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und so gingen sie alle vier zusammen fort.
Die Stadt Bremen aber konnten sie an einem Tag nicht erreichen, und abends kamen sie in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn stiegen in die Äste, der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es für ihn am sichersten war. Bevor er einschlief, schaute er sich noch einmal nach allen vier Winden um. Da war ihm, als sähe er in der Ferne ein Fünkchen brennen, und er rief seinen Gesellen zu, es müsse nicht weit ein Haus sein, denn es scheine dort ein Licht. Der Esel sprach: „Dann müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht.“ Der Hund meinte, ein paar Knochen mit etwas Fleisch daran täten ihm auch gut. Also machten sie sich auf den Weg zu der Gegend, wo das Licht war, und sahen es bald heller schimmern. Es wurde immer größer, bis sie vor einem hell erleuchteten Räuberhaus standen.
Der Esel, als der größte, trat ans Fenster und schaute hinein. „Was siehst du, Grauschimmel?“, fragte der Hahn. „Was ich sehe?“, antwortete der Esel. „Einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen es sich wohl sein.“ „Das wäre etwas für uns“, sprach der Hahn. „Ja, ja, ach, wären wir doch dort!“, sagte der Esel. Da berieten die Tiere, wie sie es anstellen müssten, um die Räuber hinauszujagen, und fanden schließlich ein Mittel. Der Esel sollte sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf den Rücken des Esels springen, die Katze auf den Hund klettern, und zuletzt flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Als das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen alle zusammen an, ihre Musik zu machen: Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte. Dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube, dass die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten, es käme ein Gespenst herein, und flohen in größter Furcht in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übrig geblieben war, und aßen, als müssten sie vier Wochen hungern.
Als die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich einen Schlafplatz, jeder nach seiner Art und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Tür, die Katze auf den Herd bei der warmen Asche, und der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken. Und weil sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, dass kein Licht mehr im Haus brannte und alles ruhig schien, sprach der Hauptmann: „Wir hätten uns doch nicht so ins Bockshorn jagen lassen sollen.“ Und er schickte einen von ihnen los, das Haus zu untersuchen.
Der Abgesandte fand alles still, ging in die Küche, um ein Licht anzuzünden, und weil er die glühenden, feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen hielt, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, damit es Feuer fange. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig und wollte zur Hintertür hinauslaufen. Doch der Hund, der dort lag, sprang auf und biss ihn ins Bein. Und als er über den Hof am Mist vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß. Der Hahn aber, der vom Lärm aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab: „Kikeriki!“ Da lief der Räuber, so schnell er konnte, zu seinem Hauptmann zurück und sprach: „Ach, in dem Haus sitzt eine gräuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mir mit ihren langen Fingern das Gesicht zerkratzt. Und vor der Tür steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen. Und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungeheuer, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen. Und oben auf dem Dach, da sitzt der Richter, der rief: ‚Bringt mir den Schelm her!‘ Da machte ich, dass ich fortkam.“ Von nun an trauten sich die Räuber nicht mehr in das Haus. Den vier Bremer Musikanten aber gefiel es so gut darin, dass sie nicht wieder heraus wollten. Und wer das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.