
Der Wolf und die sieben jungen Geißlein
6 Min. Lesezeit4–9 Jahre
Eine alte Geiß warnt ihre sieben Kinder vor dem gefährlichen Wolf und geht in den Wald, doch der Wolf täuscht die jungen Geißlein durch verschiedene Tricks, bis er die Tür öffnen kann und alle bis auf das jüngste verschlingt. Die Mutter findet das überlebende Kind, rettet die anderen aus dem Bauch des schlafenden Wolfes, füllt ihn mit Steinen und bereitet ihm damit ein schreckliches Ende im Brunnen.
Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben kleine Geißlein, und sie liebte sie, wie eine Mutter ihre Kinder eben liebt. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter suchen. Da rief sie alle sieben zu sich und sagte: „Liebe Kinder, ich gehe hinaus in den Wald. Nehmt euch in Acht vor dem Wolf. Wenn er hereinkommt, tut er euch großes Leid. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauen Stimme und an seinen schwarzen Pfoten werdet ihr ihn immer erkennen.“ Die Geißlein sagten: „Liebe Mutter, wir passen schon auf, geh nur ohne Sorge.“ Da meckerte die alte Geiß beruhigt und machte sich auf den Weg.
Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Haustür und rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht.“ Aber die Geißlein hörten sofort die raue Stimme und riefen: „Wir machen nicht auf! Unsere Mutter hat eine feine, liebliche Stimme. Deine Stimme ist rau – du bist der Wolf!“ Da ging der Wolf zu einem Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide. Die aß er, und seine Stimme wurde fein und hell. Dann kam er zurück, klopfte an und rief dieselben Worte. Doch dabei hatte er seine schwarze Pfote auf das Fensterbrett gelegt. Die Kinder sahen es und riefen: „Wir machen nicht auf! Unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß. Du bist der Wolf!“
Da lief der Wolf zu einem Bäcker und sagte: „Streich mir Teig über die Pfote.“ Und als der Bäcker das getan hatte, lief er weiter zum Müller und sprach: „Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote.“ Der Müller ahnte, dass der Wolf etwas Böses vorhatte, und wollte sich weigern. Aber der Wolf sagte drohend: „Wenn du es nicht tust, ergeht es dir schlecht.“ Da fürchtete sich der Müller und tat, was der Wolf verlangte.
Nun ging der Wolf zum dritten Mal zur Tür, klopfte und rief mit feiner Stimme: „Macht auf, ihr lieben Kinder, euer Mütterchen ist heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Wald mitgebracht.“ Die Geißlein riefen: „Zeig uns erst deine Pfote, damit wir sicher sind.“ Da legte der Wolf seine weiße Pfote ins Fenster, und weil sie nun aussah wie die Pfote ihrer Mutter, glaubten die Geißlein ihm und öffneten die Tür.
Doch wer da hereinkam, war der Wolf. Voll Schrecken versuchten sich die Geißlein zu verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite unter die Bettdecke, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das siebte, das jüngste, versteckte sich im Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie, eines nach dem anderen, und verschlang sie, ohne lange zu zögern. Nur das jüngste im Uhrkasten übersah er. Als seine Gier gestillt war, trollte sich der Wolf hinaus, legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und schlief bald tief und fest ein.
Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Wald zurück. Ach, was musste sie da sehen! Die Haustür stand weit offen, Tisch und Stühle lagen umgestürzt, die Waschschüssel war zerbrochen, Decke und Kissen vom Bett gerissen. Sie suchte ihre Kinder, aber keines war zu finden. Sie rief einen Namen nach dem anderen – niemand antwortete. Erst als sie das jüngste rief, hörte sie eine feine Stimme: „Liebe Mutter, ich bin hier, im Uhrkasten.“ Sie holte es hervor, und das kleine Geißlein erzählte ihr, wie der Wolf gekommen war und alle anderen gefressen hatte. Ihr könnt euch denken, wie bitterlich die alte Geiß da weinte.
In ihrem Schmerz ging sie schließlich hinaus, und das jüngste Geißlein lief mit ihr. Als sie auf die Wiese kamen, lag da der Wolf am Baum und schnarchte so laut, dass die Zweige zitterten. Die Geiß betrachtete ihn von allen Seiten, und da sah sie, dass sich in seinem prall gefüllten Bauch etwas regte und zappelte. „Ach“, dachte sie, „sollten meine armen Kinder etwa noch leben?“ Da schickte sie das kleine Geißlein nach Hause, um Schere, Nadel und Zwirn zu holen. Vorsichtig öffnete sie dem schlafenden Wolf den Bauch, und kaum hatte sie den ersten Schnitt gemacht, streckte schon ein Geißlein den Kopf heraus. Sie schnitt weiter, und eines nach dem anderen sprangen alle sechs heraus, wohlauf und unversehrt, denn der Wolf hatte sie in seiner Gier ganz verschluckt, ohne ihnen weh zu tun. Welch eine Freude war das! Sie umarmten ihre Mutter und hüpften vor Glück.
Die alte Geiß aber sagte: „Nun geht und sucht schwere Steine. Die wollen wir dem bösen Tier in den Bauch legen, solange es noch schläft.“ Rasch schleppten die sieben Geißlein Steine heran und steckten so viele hinein, wie hineingingen. Dann nähte die Mutter den Bauch geschwind wieder zu, ohne dass der Wolf im Schlaf etwas davon merkte.
Als der Wolf endlich erwachte, stand er auf, und weil ihm die Steine im Bauch großen Durst machten, wollte er zu einem Brunnen gehen, um zu trinken. Doch bei jedem Schritt stießen die Steine aneinander und rappelten in seinem Bauch. Da rief er verwundert:
„Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum? Ich dachte, es wären sechs Geißlein – nun sind es lauter Steine, warum?“
Als er am Brunnen ankam und sich über das Wasser bückte, um zu trinken, zogen ihn die schweren Steine mit hinunter, und er versank im Wasser.
Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie herbeigelaufen und riefen fröhlich: „Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!“ Und mit ihrer Mutter tanzten sie voller Freude rund um den Brunnen.