
Das tapfere Schneiderlein
6 Min. Lesezeit6–12 Jahre
Ein mutiges Schneiderlein, das sieben Fliegen mit einem Schlag tötet, zieht hinaus in die Welt und beeindruckt durch Cleverness und Kühnheit einen mächtigen Riesen sowie später einen König, der ihm seine Tochter und das halbe Königreich zum Lohn für gefährliche Aufgaben verspricht. Mit List und Geschick besiegt das kleine Schneiderlein zwei Riesen, fängt ein wildes Einhorn und ein gefährliches Wildschwein, bis der König sein Versprechen erfüllen muss und es zum König wird.
An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein an seinem Fenster und nähte fröhlich vor sich hin. Da kam eine Bauersfrau die Straße herauf und rief: „Gutes Mus zu verkaufen!“ Das gefiel dem Schneiderlein, und er rief sie zu sich hinauf. Er prüfte jeden Topf, roch daran und ließ sich schließlich ein wenig Mus abwiegen. Die Frau ging enttäuscht davon, denn sie hatte auf einen größeren Verkauf gehofft.
Das Schneiderlein schnitt sich ein Stück Brot, strich das süße Mus darüber und legte es beiseite, um erst noch ein Kleidungsstück fertigzunähen. Doch der süße Duft stieg zur Wand hinauf, wo viele Fliegen saßen, und lockte sie herab. Immer wieder verjagte das Schneiderlein sie, doch sie kamen zurück, bis es schließlich mit einem Lappen zuschlug. Als es nachsah, lagen sieben Fliegen da. „Bist du so ein Kerl?“, sagte es stolz zu sich selbst und nähte sich sogleich einen Gürtel, auf den es mit großen Buchstaben stickte: „Sieben auf einen Streich!“
Von nun an war ihm die Werkstatt zu klein. Er wollte hinaus in die Welt und seine Tapferkeit zeigen. Bevor er ging, steckte er einen alten Käse ein, und vor dem Tor fing er noch einen kleinen Vogel, der sich im Gebüsch verfangen hatte – auch ihn nahm er mit.
Sein Weg führte ihn auf einen Berg, wo ein Riese saß. „Guten Tag, Kamerad“, sprach das Schneiderlein munter. „Ich will mich in der Welt versuchen. Kommst du mit?“ Der Riese blickte verächtlich auf ihn herab, doch als er den Gürtel las – „Sieben auf einen Streich“ – bekam er ein wenig Respekt. Er nahm einen Stein und drückte ihn zusammen, dass Wasser heraustropfte. „Mach mir das nach.“ Das Schneiderlein holte still seinen weichen Käse hervor und drückte ihn, dass der Saft floss. Der Riese warf danach einen Stein hoch in die Luft. Das Schneiderlein aber nahm heimlich seinen Vogel und warf ihn hinauf – der flog einfach weiter und kam nie wieder herab. „Nun, Kamerad, wie gefällt dir das?“, fragte es. Der Riese wusste nichts zu sagen.
Als sie gemeinsam eine gefällte Eiche tragen sollten, ließ sich das Schneiderlein listig auf die Zweige setzen, während der Riese den schweren Stamm auf der Schulter trug – ohne zu merken, dass er das Schneiderlein gleich mit trug. Es pfiff vergnügt ein Liedchen, bis der Riese erschöpft die Last fallen ließ. Später, bei einem Kirschbaum, ließ der Riese die Krone herabschnellen, um dem Schneiderlein Früchte zu geben, und der kleine Kerl wurde hoch in die Luft geschleudert. Als er unversehrt wieder herabkam, log er frech, er sei nur über den Baum gesprungen, weil unten Jäger schössen. Der Riese versuchte es ihm nachzutun und blieb in den Ästen hängen.
Beeindruckt lud der Riese ihn ein, mit in die Höhle zu kommen, wo weitere Riesen am Feuer saßen. Das Schneiderlein bekam ein Bett zugewiesen, das ihm viel zu groß war, und schlief lieber in einer Ecke. In der Nacht schlug der Riese mit einer Eisenstange mitten durch das leere Bett und glaubte, den kleinen Gast erschlagen zu haben. Am Morgen aber kam das Schneiderlein munter und wohlauf herbeigeschritten – da erschraken die Riesen so sehr, dass sie alle davonliefen.
Das Schneiderlein zog weiter, bis es an einen königlichen Palast kam. Müde legte es sich ins Gras und schlief. Die Leute, die den Gürtel lasen, hielten es für einen mächtigen Kriegshelden und meldeten es dem König. Der ließ ihm Kriegsdienste anbieten, und das Schneiderlein nahm sogleich an.
Die Soldaten aber fürchteten sich vor ihm, denn sie glaubten, er könne mit einem Streich sieben von ihnen zugleich niederschlagen. Sie baten alle um ihren Abschied. Der König, der ungern seine treuen Diener verlor, wollte das Schneiderlein loswerden, wagte aber nicht, es einfach fortzuschicken. So dachte er sich eine Aufgabe aus: Zwei Riesen hausten in einem Wald des Landes und richteten großen Schaden an. Wer sie besiegte, sollte die Königstochter zur Frau bekommen und das halbe Königreich dazu.
„Das wäre etwas für mich“, dachte das Schneiderlein und zog los, hundert Reiter im Gefolge, die es aber am Waldrand zurückließ. Es fand die beiden Riesen schlafend unter einem Baum und kletterte hinauf. Von dort ließ es Steine auf ihre Brust fallen, bis die Riesen glaubten, der andere schlage im Schlaf zu. Sie gerieten in Streit, dann in Wut, rissen Bäume aus und schlugen so lange aufeinander ein, bis beide erschöpft zu Boden sanken. Das Schneiderlein kletterte herab, versicherte sich, dass sie besiegt waren, und ritt zu den Reitern zurück: „Die Arbeit ist getan.“
Der König aber wollte sein Versprechen noch nicht einlösen und stellte eine neue Aufgabe: ein wildes Einhorn sollte gefangen werden. Das Schneiderlein ging allein in den Wald. Als das Einhorn auf ihn zustürmte, wich es geschickt hinter einen Baum, sodass das Tier sein Horn tief in den Stamm rammte und nicht mehr losreißen konnte. So war es gefangen, und das Schneiderlein führte es am Strick zum König.
Noch immer zögerte der König und verlangte, ein gefährliches Wildschwein zu fangen. Auch das gelang dem Schneiderlein mit einer List: Es lockte das Schwein in eine kleine Kapelle, sprang selbst rechtzeitig durchs Fenster hinaus und schlug die Tür zu, sodass das Tier gefangen war.
Nun musste der König sein Wort halten. Die Hochzeit wurde mit großem Prunk gefeiert, wenn auch mit weniger Freude auf Seiten des Königs, und aus dem Schneiderlein wurde ein König.
Einige Zeit später hörte die junge Königin nachts, wie ihr Mann im Schlaf murmelte: „Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen, sonst gibt's was mit der Elle!“ So erkannte sie, woher er wirklich stammte, und bat ihren Vater um Hilfe. Der König plante, seine Diener sollten den Schlafenden in der Nacht fortbringen und auf ein Schiff setzen. Doch ein treuer Waffenträger warnte das Schneiderlein rechtzeitig.
In der Nacht tat das Schneiderlein nur so, als schliefe es fest. Als die Kammertür heimlich offen gelassen wurde, rief es plötzlich laut, als spräche es im Traum: „Ich habe sieben mit einem Streich getroffen, zwei Riesen erschlagen, ein Einhorn gefangen und ein Wildschwein bezwungen – da sollte ich mich vor denen fürchten, die draußen stehen?“ Die Diener, die das hörten, erschraken so sehr, dass sie augenblicklich davonliefen und sich nie wieder an ihn heranwagten.
So blieb das tapfere Schneiderlein sein Leben lang ein König.