Zum Inhalt springen
Ein kleines Schneiderlein rastet vergnügt mit Nadel und Faden auf einem grasigen Hügel, während am Horizont ein gewaltiger Riese aufragt.

Das tapfere Schneiderlein

Brüder Grimm

11 Min. Lesezeitab 5 Jahren

Ein Schneiderlein zieht mit dem Gürtel Siebene auf einen Streich in die Welt hinaus. Als die Königin hört, dass ihr Mann im Schlaf von seiner Werkstatt spricht, sollen Wachen ihn fesseln und aufs Schiff bringen, doch ein treuer Diener warnt ihn, und sein lauter Ruf verjagt die Wachen, sodass er König bleibt.


An einem Sommermorgen saß ein kleines Schneiderlein an seinem Fenster und nähte fröhlich vor sich hin. Da kam eine Bäuerin die Straße entlang und rief: „Gutes Mus zu verkaufen! Gutes Mus!“ Das klang dem Schneiderlein so verlockend, dass es sich hinausbeugte und rief: „Hier herauf, liebe Frau, hier wird Ihre Ware gern genommen!“ Die Frau stieg mit ihrem schweren Korb die Treppe hinauf, und das Schneiderlein prüfte jeden Topf, roch daran und kaufte ihr schließlich ein wenig Mus ab. „Das soll mir Kraft geben“, sagte es vergnügt, holte ein Stück Brot aus dem Schrank und strich das süße Mus darüber. Doch bevor es hineinbiss, wollte es erst noch die Weste fertignähen, und legte das Brot einstweilen neben sich.

Der süße Duft stieg zur Wand hinauf, wo viele Fliegen saßen, und lockte sie scharenweise auf das Brot. Das Schneiderlein scheuchte sie fort, doch sie kamen immer wieder, bis es ärgerlich nach einem Stofflappen griff und kräftig zuschlug. Als es nachzählte, lagen sieben Fliegen tot vor ihm. „Was für ein Kerl ich doch bin“, rief es stolz und ließ sich vor lauter Begeisterung sogleich einen Gürtel schneidern, auf den es in großen Buchstaben stickte: Siebene auf einen Streich. „Das soll nicht nur die Stadt, das soll die ganze Welt erfahren!“, rief es, und sein Herz hüpfte vor Freude.

Das Schneiderlein schlägt mit einem Stofflappen nach Fliegen, die sich auf einer Brotscheibe am sonnigen Fenster seiner Werkstatt versammelt haben.

Es band sich den Gürtel um und beschloss, in die Welt hinauszuziehen, denn die Werkstatt schien ihm plötzlich viel zu klein für einen solchen Helden. Bevor es aufbrach, steckte es sich noch ein Stück alten Käse ein, und als es vor dem Tor einen Vogel im Gebüsch fand, nahm es auch diesen mit. Leichtfüßig wanderte es einen Berg hinauf, und auf dem Gipfel saß ein gewaltiger Riese und blickte gemächlich in die Weite.

Das Schneiderlein trat beherzt zu ihm und sagte: „Guten Tag, Kamerad! Ich bin auf dem Weg, mein Glück in der Welt zu suchen. Hast du Lust mitzukommen?“

Der Riese sah ihn geringschätzig an. „Du kleiner Wicht“, brummte er.

„Das wollen wir sehen“, antwortete das Schneiderlein und öffnete den Rock, damit der Riese den Gürtel lesen konnte.

Der Riese las: Siebene auf einen Streich, und weil er glaubte, es seien sieben Männer gewesen, bekam er ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Trotzdem wollte er ihn erst prüfen. Er nahm einen Stein in die Hand und drückte ihn zusammen, bis Wasser heraustropfte. „Mach mir das nach, wenn du Kraft hast.“

„Ist das alles?“, fragte das Schneiderlein, griff in die Tasche, holte den weichen Käse hervor und drückte ihn, dass die Molke herausspritzte. „Nun, war das nicht ein wenig besser?“

Der Riese wusste nicht, was er davon halten sollte. Er hob einen Stein auf und warf ihn so hoch, dass er kaum noch zu sehen war. „Das mach mir nach, du Erpelmännchen.“

„Gut geworfen“, sagte das Schneiderlein, „aber dein Stein ist doch wieder zur Erde gefallen. Ich werfe dir einen, der gar nicht mehr zurückkommt.“ Es holte den Vogel aus der Tasche und warf ihn in die Luft. Froh über seine Freiheit stieg der Vogel auf und flog davon, immer weiter, bis er nicht mehr zu sehen war.

„Wie gefällt dir das, Kamerad?“, fragte das Schneiderlein.

„Werfen kannst du wohl“, brummte der Riese, „aber nun wollen wir sehen, ob du auch etwas Ordentliches tragen kannst.“ Er führte es zu einer gefällten Eiche und sagte, es solle mithelfen, den Stamm aus dem Wald zu tragen. „Gern“, sagte das Schneiderlein, „trag du nur den Stamm auf der Schulter, ich nehme die Äste, das ist ohnehin das Schwerste.“ Der Riese lud sich den Stamm auf, das Schneiderlein aber setzte sich hinten auf einen Ast und ließ sich, ohne dass der Riese es merkte, den ganzen Weg mittragen und pfiff dabei vergnügt vor sich hin. Als der Riese endlich erschöpft war und den Baum fallen lassen wollte, sprang das Schneiderlein flink herunter, fasste den Stamm mit beiden Armen, als hätte es ihn die ganze Zeit getragen, und sagte: „Ein so großer Kerl wie du, und kann nicht einmal einen Baum tragen?“

Der Riese trägt einen gefällten Eichenstamm durch den Wald, während das Schneiderlein heimlich auf einem Ast sitzt und vergnügt vor sich hin pfeift.

Sie zogen weiter, und als sie an einem Kirschbaum vorbeikamen, bog der Riese die Krone mit den reifsten Früchten herab und reichte sie dem Schneiderlein zum Essen. Doch das kleine Schneiderlein war viel zu leicht, um den Baum zu halten, und als der Riese losließ, schnellte der Baum in die Höhe und schleuderte es hoch in die Luft. Zum Glück landete es unversehrt. „Was ist das“, fragte der Riese, „hast du nicht die Kraft, so eine schwache Rute zu halten?“ „An der Kraft fehlt es nicht, ich schlage schließlich Siebene auf einen Streich“, erwiderte das Schneiderlein, „ich bin absichtlich über den Baum gesprungen, weil unten Jäger ins Gebüsch schießen. Spring du mir nach, wenn du kannst.“ Der Riese versuchte es, blieb aber in den Ästen hängen, und wieder hatte das Schneiderlein die Oberhand behalten.

Am Abend lud der Riese das tapfere Schneiderlein ein, mit in die Höhle zu kommen und dort zu übernachten. In der Höhle saßen noch weitere Riesen am Feuer, jeder mit einem gebratenen Schaf in der Hand. Man wies dem Schneiderlein ein Bett zu, doch es war ihm viel zu groß, und so kroch es lieber in eine Ecke und schlief dort ein. Mitten in der Nacht, als der Riese glaubte, sein Gast läge tief schlafend im Bett, stand er auf, nahm eine schwere Eisenstange und schlug mit einem einzigen Hieb mitten durch das Bett, überzeugt, dem kleinen Grashüpfer damit den Garaus gemacht zu haben. Am nächsten Morgen aber kam das Schneiderlein munter und vergnügt aus der Ecke geschritten. Die Riesen erschraken so sehr, dass sie in großer Hast in den Wald flohen und nicht mehr zurückkehrten.

In der Höhle stützt sich der Riese auf eine lange Eisenstange über dem zersplitterten Bett, während Riesen am Feuer sitzen und das Schneiderlein zusieht.

Das Schneiderlein wanderte weiter, immer seiner Nase nach, bis es müde in den Hof eines königlichen Schlosses kam und sich im Gras schlafen legte. Die Leute, die vorbeikamen, betrachteten es neugierig und lasen auf seinem Gürtel: Siebene auf einen Streich. „So ein mächtiger Kriegsheld, mitten im Frieden!“, staunten sie und meldeten es dem König. Der schickte einen Boten, der dem Schneiderlein, kaum dass es erwacht war, Kriegsdienste anbot. „Genau deswegen bin ich hierher gekommen“, antwortete es freudig, und wurde ehrenvoll in Dienst genommen.

Die Soldaten des Königs aber fürchteten sich vor dem neuen Kameraden. „Wenn es zum Streit kommt und er haut zu, fallen Siebene auf einen Streich“, murmelten sie untereinander und baten den König, sie von einem Mann zu befreien, der Siebene auf einen Streich schlägt. Der König war betrübt, so viele treue Diener wegen eines Einzigen zu verlieren, wagte aber nicht, das Schneiderlein einfach fortzuschicken, aus Angst, es könnte zornig werden. Also ersann er einen Plan. Er ließ dem Schneiderlein ausrichten, in einem Wald seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben und Plündern große Not über das Land brächten. Wer sie besiege, sollte seine Tochter zur Frau bekommen und das halbe Königreich dazu, und hundert Reiter würden ihm zur Seite stehen. „Das wäre etwas für einen Mann wie mich“, dachte das Schneiderlein, „eine Königstochter und ein halbes Königreich bekommt man nicht alle Tage angeboten.“ Und laut sagte es: „Die Riesen will ich schon bändigen, Reiter brauche ich dazu nicht. Wer Siebene auf einen Streich schlägt, fürchtet sich nicht vor zweien.“

Es zog also los, die hundert Reiter folgten ihm, doch am Waldrand bat es sie zu warten und ging allein hinein. Bald fand es die beiden Riesen, die unter einem Baum schliefen und so laut schnarchten, dass die Äste wackelten. Das Schneiderlein füllte sich beide Taschen mit Steinen, stieg auf den Baum und setzte sich genau über die Schlafenden. Dann ließ es einen Stein nach dem anderen auf die Brust des einen Riesen fallen. Der wachte irgendwann auf und stieß seinen Gefährten an: „Warum schlägst du mich?“ „Ich schlage dich nicht, du träumst“, brummte der andere, und sie schliefen weiter. Da warf das Schneiderlein einen Stein auf den zweiten. „Warum wirfst du mit Steinen nach mir?“, rief dieser. „Ich werfe nicht“, knurrte der erste zurück. Sie stritten eine Weile, waren aber zu müde, um es weiter zu klären, und schliefen bald wieder ein. Da nahm das Schneiderlein den dicksten Stein, den es finden konnte, und warf ihn dem ersten Riesen mit voller Wucht auf die Brust. „Das ist zu viel!“, brüllte der, sprang auf und stieß seinen Gefährten wütend gegen den Baum. Der zahlte es ihm heim, und beide gerieten in solche Wut, dass sie Bäume ausrissen und aufeinander einschlugen, bis sie zugleich tot zu Boden fielen. Das Schneiderlein kletterte hinunter, ging hinaus zu den Reitern und sagte: „Die Arbeit ist getan, beide sind besiegt. Es war hart, denn sie haben sich mit ganzen Bäumen gewehrt, aber gegen einen, der Siebene auf einen Streich schlägt, hilft das alles nichts.“ Die Reiter konnten es kaum glauben, ritten in den Wald und fanden die Riesen tatsächlich am Boden liegen, ringsum die entwurzelten Bäume.

Das Schneiderlein sitzt hoch in einem Baum und lässt einen Stein auf die Brust eines der beiden schlafenden Riesen am Boden fallen.

Der König aber bereute sein Versprechen und stellte dem Schneiderlein eine neue Aufgabe: Zuerst sollte es ein wildes Einhorn einfangen, das im Wald großen Schaden anrichtete. „Vor einem Einhorn fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen. Siebene auf einen Streich, das ist meine Sache“, sagte das Schneiderlein, nahm sich einen Strick und eine Axt und ging in den Wald. Nicht lange, und das Einhorn kam schon herangesprungen, bereit, ihn aufzuspießen. Doch das Schneiderlein wartete ruhig, bis das Tier ganz nah war, und sprang dann flink hinter einen Baum. Das Einhorn rannte mit voller Wucht gegen den Stamm und bohrte sein Horn so tief hinein, dass es sich nicht mehr befreien konnte. So war es gefangen. Das Schneiderlein legte ihm den Strick um den Hals, schlug das Horn mit der Axt aus dem Baum und führte das Tier zum König.

Das Horn des Einhorns steckt tief im Stamm eines Baumes, während das Schneiderlein mit einem Seil in der Hand hinter dem Baum hervortritt.

Doch der König verlangte noch mehr: Ein wildes Wildschwein, das im Wald sein Unwesen trieb, sollte gefangen werden, und die Jäger sollten helfen. „Gern, das ist ein Kinderspiel“, sagte das Schneiderlein, ging aber lieber allein. Als das Wildschwein ihn erblickte, rannte es mit schäumendem Maul auf ihn zu. Das Schneiderlein flüchtete in eine kleine Kapelle, die in der Nähe stand, sprang gleich wieder durchs Fenster hinaus und schlug schnell die Tür hinter dem Tier zu. So war das Wildschwein gefangen, denn es war viel zu schwer, um durchs Fenster zu springen. Nun musste der König sein Versprechen halten, ob er wollte oder nicht, und gab dem Schneiderlein seine Tochter zur Frau und das halbe Königreich dazu. Die Hochzeit wurde mit großer Pracht gefeiert, wenn auch mit wenig Freude im Herzen des Königs, und aus dem kleinen Schneider wurde ein König.

Das Schneiderlein stemmt sich gegen die Tür einer kleinen Kapelle, während Schnauze und Auge des Wildschweins im schmalen Spalt dahinter sichtbar sind.

Einige Zeit später hörte die junge Königin ihren Mann im Schlaf reden: „Junge, mach mir die Weste und flick mir die Hosen, oder ich schlage dir die Elle um die Ohren!“ Da wusste sie, aus welcher Werkstatt ihr Gemahl wirklich stammte, und klagte am Morgen ihrem Vater ihr Leid. Der König tröstete sie und versprach, in der kommenden Nacht Wachen vor ihre Kammer zu stellen, die den Schneider, sobald er eingeschlafen sei, fesseln und auf ein Schiff bringen sollten, weit fort in die Welt.

Ein treuer Diener des Königs aber, der dem Schneiderlein wohlgesinnt war, hörte den Plan mit an und verriet ihm alles. „Dem werde ich einen Riegel vorschieben“, sagte das Schneiderlein. Am Abend legte es sich wie gewohnt neben seine Frau, und als diese glaubte, es schliefe schon, stand sie leise auf und öffnete die Tür. Das Schneiderlein aber hatte nur so getan, als schlafe es, und rief plötzlich mit lauter Stimme: „Junge, mach mir die Weste und flick mir die Hosen, oder ich schlage dir die Elle um die Ohren! Habe ich nicht Siebene auf einen Streich getroffen, zwei Riesen erschlagen, ein Einhorn gefangen und ein Wildschwein bezwungen, dass ich mich vor denen fürchten sollte, die draußen vor der Tür stehen?“ Als die Wachen das hörten, packte sie ein solcher Schrecken, dass sie Hals über Kopf davonliefen, und keiner wagte es mehr, sich an ihn heranzuwagen. So blieb das tapfere Schneiderlein sein Leben lang ein König.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Kinder- und Hausmärchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

Lizenz: Gemeinfrei