OriginalDas tapfere Schneiderlein
17 Min. Lesezeit6–12 Jahre
Ein armer Schneider tötet sieben Fliegen mit einem Schlag und prahlt damit so sehr, dass er in die Welt hinausgeht, um sein Glück zu versuchen. Durch Mut und Cleverness überlistet er einen Riesen, beeindruckt einen König und gewinnt am Ende eine Königstochter sowie ein halbes Königreich.
An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief: „Gutes Mus zu verkaufen! Gutes Mus zu verkaufen!“ Das klang dem Schneiderlein lieblich in den Ohren, er steckte sein zartes Köpfchen zum Fenster hinaus und rief: „Herauf, liebe Frau, hier wird sie ihre Ware los.“ Die Frau stieg mit ihrem schweren Korb die drei Treppen zu dem Schneider hinauf und musste alle Töpfe vor ihm auspacken. Er besah sie einen nach dem anderen, hob sie in die Höhe, hielt die Nase daran und sagte schließlich: „Das Mus scheint mir gut. Wieg mir doch vier Lot ab, liebe Frau, und wenn es auch ein Viertelpfund wird, das macht mir nichts aus.“ Die Frau, die auf einen guten Verkauf gehofft hatte, gab ihm, was er verlangte, ging aber ganz ärgerlich und brummig davon. „Nun, das Mus segne mir Gott“, rief das Schneiderlein, „und gebe mir Kraft und Stärke.“ Es holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib und strich das Mus darüber. „Das wird nicht bitter schmecken“, sprach es, „aber erst will ich den Wams fertig machen, ehe ich hineinbeiße.“ Es legte das Brot neben sich, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche. Unterdessen stieg der Duft des süßen Muses hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Zahl saßen, und so wurden sie angelockt und ließen sich scharenweise darauf nieder. „Ei, wer hat euch eingeladen?“ sprach das Schneiderlein und verjagte die ungebetenen Gäste. Die Fliegen aber, die kein Deutsch verstanden, ließen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer größerer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber. Es griff nach einem Tuchlappen und rief: „Wartet, ich will es euch geben!“, und schlug unbarmherzig darauf. Als es den Lappen wieder abzog und zählte, lagen nicht weniger als sieben Fliegen tot vor ihm und streckten die Beine. „Bist du so ein Kerl?“ sprach es und musste selbst seine Tapferkeit bewundern. „Das soll die ganze Stadt erfahren.“ Und in aller Eile schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel zurecht, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf: „Sieben auf einen Streich!“ „Ei, was Stadt!“ sprach es weiter. „Die ganze Welt soll es erfahren!“ Und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.
Der Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte hinaus in die Welt, denn er meinte, die Werkstatt sei zu klein für seine Tapferkeit. Ehe er aufbrach, suchte er im Haus herum, ob nichts da sei, das er mitnehmen könnte, doch er fand nichts als einen alten Käse, den steckte er ein. Vor dem Tor bemerkte er einen Vogel, der sich im Gesträuch gefangen hatte, und auch der musste zu dem Käse in die Tasche. Nun nahm er den Weg tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht und flink war, spürte er keine Müdigkeit. Der Weg führte ihn auf einen Berg, und als er den höchsten Gipfel erreicht hatte, saß dort ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gemächlich um. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach: „Guten Tag, Kamerad. Gelt, du sitzt da und betrachtest dir die weite Welt? Ich bin gerade auf dem Weg dorthin und will mich versuchen. Hast du Lust mitzukommen?“ Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sprach: „Du Lump! Du miserabler Kerl!“ „Das wäre ja noch schöner!“ antwortete das Schneiderlein, knöpfte den Rock auf und zeigte dem Riesen den Gürtel. „Da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin.“ Der Riese las „Sieben auf einen Streich“ und meinte, das seien Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und bekam ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand und drückte ihn zusammen, dass das Wasser heraustropfte. „Das mach mir nach“, sprach der Riese, „wenn du Stärke hast.“ „Ist es weiter nichts?“ sagte das Schneiderlein. „Das ist für unsereinen ein Kinderspiel.“ Es griff in die Tasche, holte den weichen Käse hervor und drückte ihn, dass der Saft herauslief. „Gelt“, sprach es, „das war doch ein wenig besser?“ Der Riese wusste nicht, was er sagen sollte, und konnte es von dem Männlein kaum glauben. Da hob er einen Stein auf und warf ihn so hoch, dass man ihn mit den Augen kaum noch sehen konnte. „Nun, du Zwerglein, das tu mir nach.“ „Gut geworfen“, sagte der Schneider, „aber der Stein hat doch wieder zur Erde herabfallen müssen. Ich will dir einen werfen, der kommt gar nicht mehr zurück.“ Er griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel, froh über seine Freiheit, stieg auf, flog davon und kam nicht wieder. „Wie gefällt dir das Stückchen, Kamerad?“ fragte der Schneider. „Werfen kannst du wohl“, sagte der Riese, „aber nun wollen wir sehen, ob du auch imstande bist, etwas Ordentliches zu tragen.“ Er führte das Schneiderlein zu einer mächtigen Eiche, die gefällt am Boden lag, und sagte: „Wenn du stark genug bist, dann hilf mir, den Baum aus dem Wald zu tragen.“ „Gerne“, antwortete der kleine Mann. „Nimm du nur den Stamm auf die Schulter, ich will die Äste mit dem ganzen Gezweig aufheben und tragen, das ist doch das Schwerste.“ Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der Schneider aber setzte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umsehen konnte, musste den ganzen Baum und obendrein noch das Schneiderlein forttragen. Das saß da hinten ganz vergnügt und guter Dinge und pfiff das Liedchen „Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus“, als wäre das Baumtragen ein Kinderspiel. Der Riese aber konnte, nachdem er die schwere Last ein Stück Weges geschleppt hatte, nicht weiter und rief: „Hör, ich muss den Baum fallen lassen.“ Der Schneider sprang flink herab, fasste den Baum mit beiden Armen, als hätte er ihn selbst getragen, und sprach zum Riesen: „Du bist so ein großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen.“
Sie gingen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum vorbeikamen, fasste der Riese die Krone, wo die reifsten Früchte hingen, bog sie herab, gab sie dem Schneider in die Hand und sagte ihm, er solle essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den Baum zu halten, und als der Riese losließ, schnellte der Baum in die Höhe, und der Schneider wurde mit in die Luft geschleudert. Als er wieder heil herabgefallen war, sprach der Riese: „Was ist das, hast du nicht die Kraft, diese schwache Gerte zu halten?“ „An der Kraft fehlt es nicht“, antwortete das Schneiderlein. „Meinst du, das wäre etwas für einen, der sieben mit einem Streich getroffen hat? Ich bin über den Baum gesprungen, weil die Jäger da unten ins Gebüsch schießen. Spring nach, wenn du es kannst.“ Der Riese machte den Versuch, konnte aber nicht über den Baum kommen, sondern blieb in den Ästen hängen. So behielt das Schneiderlein auch hier die Oberhand.
Der Riese sprach: „Wenn du ein so tapferer Kerl bist, dann komm mit in unsere Höhle und übernachte bei uns.“ Das Schneiderlein war bereit und folgte ihm. Als sie in der Höhle ankamen, saßen dort noch andere Riesen am Feuer, und jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand und aß davon. Das Schneiderlein sah sich um und dachte: „Hier ist es doch viel geräumiger als in meiner Werkstatt.“ Der Riese wies ihm ein Bett an und sagte, er solle sich hineinlegen und ausschlafen. Dem Schneiderlein aber war das Bett zu groß, es legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke. Als es Mitternacht war und der Riese meinte, das Schneiderlein liege in tiefem Schlaf, stand er auf, nahm eine große Eisenstange und schlug das Bett mit einem einzigen Schlag mitten durch und glaubte, er habe dem Grashüpfer den Garaus gemacht. Am frühen Morgen gingen die Riesen in den Wald und hatten das Schneiderlein ganz vergessen. Da kam es auf einmal ganz vergnügt und verwegen dahergeschritten. Die Riesen erschraken, fürchteten, es schlüge sie alle tot, und liefen in großer Hast davon.
Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Nachdem es lange gewandert war, kam es in den Hof eines königlichen Palastes, und weil es müde war, legte es sich ins Gras und schlief ein. Während es so dalag, kamen die Leute, betrachteten es von allen Seiten und lasen auf dem Gürtel „Sieben auf einen Streich“. „Ach“, sprachen sie, „was will der große Kriegsheld hier mitten im Frieden? Das muss ein mächtiger Herr sein.“ Sie gingen und meldeten es dem König und meinten, wenn Krieg ausbrechen sollte, wäre das ein wichtiger und nützlicher Mann, den man um keinen Preis ziehen lassen dürfe. Dem König gefiel der Rat, und er schickte einen seiner Hofleute zu dem Schneiderlein, der sollte ihm, sobald es aufgewacht wäre, Kriegsdienste anbieten. Der Abgesandte blieb bei dem Schläfer stehen, wartete, bis er die Glieder streckte und die Augen aufschlug, und brachte dann sein Angebot vor. „Eben deshalb bin ich hierhergekommen“, antwortete es. „Ich bin bereit, in des Königs Dienste zu treten.“ Also wurde es ehrenvoll empfangen und ihm eine eigene Wohnung angewiesen.
Die Soldaten aber hatten etwas gegen das Schneiderlein und wünschten, es wäre tausend Meilen weit weg. „Was soll daraus werden?“ sprachen sie untereinander. „Wenn wir Streit mit ihm bekommen und er schlägt zu, dann fallen bei jedem Streich sieben. Da kann unsereiner nicht bestehen.“ Also fassten sie einen Entschluss, begaben sich alle zum König und baten um ihren Abschied. „Wir sind nicht dafür gemacht“, sprachen sie, „neben einem Mann auszuhalten, der sieben auf einen Streich schlägt.“ Der König war traurig, dass er um des Einen willen alle seine treuen Diener verlieren sollte, wünschte, seine Augen hätten den Fremden nie gesehen, und wäre ihn gern wieder losgeworden. Aber er getraute sich nicht, ihm den Abschied zu geben, weil er fürchtete, er könnte ihn samt seinem Volk totschlagen und sich auf den königlichen Thron setzen. Er sann lange hin und her, bis er endlich einen Rat fand. Er schickte zu dem Schneiderlein und ließ ihm sagen, weil er ein so großer Kriegsheld sei, wolle er ihm ein Angebot machen. In einem Wald seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen großen Schaden anrichteten; niemand dürfe sich ihnen nähern, ohne in Lebensgefahr zu geraten. Wenn er diese beiden Riesen überwände und tötete, so wolle er ihm seine einzige Tochter zur Frau geben und das halbe Königreich als Mitgift; auch sollten hundert Reiter mitziehen und ihm beistehen. „Das wäre doch etwas für einen Mann wie dich“, dachte das Schneiderlein, „eine schöne Königstochter und ein halbes Königreich werden einem nicht alle Tage angeboten.“ „O ja“, gab es zur Antwort, „die Riesen will ich schon bändigen, und die hundert Reiter brauche ich dabei nicht: Wer sieben auf einen Streich trifft, muss sich vor zweien nicht fürchten.“
Das Schneiderlein zog aus, und die hundert Reiter folgten ihm. Als es an den Rand des Waldes kam, sprach es zu seinen Begleitern: „Bleibt ihr hier nur halten, ich werde schon allein mit den Riesen fertig.“ Dann sprang es in den Wald hinein und schaute sich nach rechts und links um. Über ein Weilchen erblickte es die beiden Riesen: Sie lagen unter einem Baum und schliefen und schnarchten dabei, dass sich die Äste auf und nieder bogen. Das Schneiderlein, nicht faul, las beide Taschen voll Steine und stieg damit auf den Baum. Als es in der Mitte war, rutschte es auf einem Ast so weit vor, bis es gerade über den Schläfern saß, und ließ dem einen Riesen einen Stein nach dem anderen auf die Brust fallen. Der Riese spürte lange nichts, doch endlich wachte er auf, stieß seinen Gefährten an und sprach: „Was schlägst du mich?“ „Du träumst“, sagte der andere, „ich schlage dich nicht.“ Sie legten sich wieder zum Schlaf, da warf der Schneider dem zweiten einen Stein herab. „Was soll das?“ rief der. „Warum wirfst du mich?“ „Ich werfe dich nicht“, antwortete der erste und brummte. Sie zankten sich eine Weile, doch weil sie müde waren, ließen sie es gut sein, und die Augen fielen ihnen wieder zu. Das Schneiderlein begann sein Spiel von neuem, suchte den dicksten Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit aller Gewalt auf die Brust. „Das ist zu arg!“ schrie der, sprang wie ein Wahnsinniger auf und stieß seinen Gefährten gegen den Baum, dass dieser zitterte. Der andere zahlte mit gleicher Münze zurück, und sie gerieten in solche Wut, dass sie Bäume ausrissen und aufeinander losschlugen, so lange, bis sie endlich beide zugleich tot zu Boden fielen. Nun sprang das Schneiderlein herab. „Ein Glück nur“, sprach es, „dass sie den Baum, auf dem ich saß, nicht ausgerissen haben, sonst hätte ich wie ein Eichhörnchen auf einen anderen springen müssen. Doch unsereiner ist ja flink!“ Es zog sein Schwert und versetzte jedem noch ein paar tüchtige Hiebe in die Brust, dann ging es hinaus zu den Reitern und sprach: „Die Arbeit ist getan, ich habe beiden den Garaus gemacht. Aber es ist hart hergegangen, sie haben in der Not Bäume ausgerissen und sich gewehrt, doch das hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich, der sieben auf einen Streich schlägt.“ „Seid Ihr denn nicht verwundet?“ fragten die Reiter. „Keine Sorge“, antwortete der Schneider, „kein Haar haben sie mir gekrümmt.“ Die Reiter wollten ihm nicht glauben und ritten in den Wald hinein: Da fanden sie die Riesen in ihrem Blute schwimmen, und ringsherum lagen die ausgerissenen Bäume.
Das Schneiderlein verlangte vom König die versprochene Belohnung, doch der bereute nun sein Versprechen und sann von neuem, wie er sich den Helden vom Hals schaffen könnte. „Ehe du meine Tochter und das halbe Reich bekommst“, sprach er zu ihm, „musst du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Wald läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet, das musst du erst einfangen.“ „Vor einem Einhorn fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen. Sieben auf einen Streich, das ist meine Sache.“ Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, ging hinaus in den Wald und bat auch diesmal seine Begleiter, draußen zu warten. Er brauchte nicht lange zu suchen, das Einhorn kam bald daher und sprang geradewegs auf den Schneider los, als wolle es ihn ohne Umstände aufspießen. „Sachte, sachte“, sprach er, „so geschwind geht das nicht“, blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann sprang er behände hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum und spießte sein Horn so fest in den Stamm, dass es nicht Kraft genug hatte, es wieder herauszuziehen, und so war es gefangen. „Jetzt habe ich das Vöglein“, sagte der Schneider, kam hinter dem Baum hervor, legte dem Einhorn zuerst den Strick um den Hals, dann hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baum, und als alles in Ordnung war, führte er das Tier ab und brachte es dem König.
Der König wollte ihm den versprochenen Lohn immer noch nicht gewähren und stellte eine dritte Forderung. Der Schneider sollte ihm vor der Hochzeit erst ein Wildschwein fangen, das im Wald großen Schaden anrichtete; die Jäger sollten ihm dabei helfen. „Gerne“, sprach der Schneider, „das ist ein Kinderspiel.“ Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald, und die waren durchaus zufrieden damit, denn das Wildschwein hatte sie schon mehrmals so empfangen, dass sie keine Lust hatten, ihm nachzustellen. Als das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem Maul und wetzenden Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zu Boden werfen. Der flinke Held aber sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war, und gleich oben zum Fenster in einem Satz wieder hinaus. Das Schwein war hinter ihm hergelaufen, er aber hüpfte außen herum und schlug die Tür hinter ihm zu. Da war das wütende Tier gefangen, das viel zu schwer und plump war, um zum Fenster hinauszuspringen. Das Schneiderlein rief die Jäger herbei, die mussten den Gefangenen mit eigenen Augen sehen. Der Held aber begab sich zum König, der nun, ob er wollte oder nicht, sein Versprechen halten und ihm seine Tochter und das halbe Königreich übergeben musste. Hätte er gewusst, dass kein Kriegsheld, sondern ein Schneiderlein vor ihm stand, es wäre ihm noch mehr zu Herzen gegangen. Die Hochzeit wurde also mit großem Prunk und kleiner Freude gefeiert, und aus einem Schneider ein König gemacht.
Nach einiger Zeit hörte die junge Königin in der Nacht, wie ihr Gemahl im Traum sprach: „Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen, oder ich schlage dir die Elle über die Ohren.“ Da merkte sie, in welcher Gasse der junge Herr geboren war, klagte am anderen Morgen ihrem Vater ihr Leid und bat, er möge ihr von dem Mann helfen, der nichts anderes als ein Schneider sei. Der König sprach ihr Trost zu und sagte: „Lass in der nächsten Nacht deine Schlafkammer offen, meine Diener sollen draußen stehen, und wenn er eingeschlafen ist, sollen sie hineingehen, ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn in die weite Welt führt.“ Die Frau war damit zufrieden. Des Königs Waffenträger aber, der alles mit angehört hatte, war dem jungen Herrn zugetan und hinterbrachte ihm den ganzen Plan. „Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben“, sagte das Schneiderlein. Am Abend legte es sich zur gewohnten Zeit mit seiner Frau zu Bett. Als sie glaubte, er sei eingeschlafen, stand sie auf, öffnete die Tür und legte sich wieder hin. Das Schneiderlein aber, das nur so tat, als schliefe es, fing an, mit heller Stimme zu rufen: „Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen, oder ich schlage dir die Elle über die Ohren! Ich habe sieben mit einem Streich getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein Wildschwein gefangen, und da sollte ich mich vor denen fürchten, die draußen vor der Kammer stehen!“ Als diese den Schneider so sprechen hörten, überkam sie eine große Furcht, sie liefen davon, als wäre das wilde Heer hinter ihnen her, und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. Also war und blieb das Schneiderlein sein Leben lang ein König.