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Des Kaisers neue Kleider

Des Kaisers neue Kleider

Hans Christian Andersen

9 Min. Lesezeit5–12 Jahre

Ein eitler, verschwendungsfreudiger Kaiser wird von zwei geschickten Betrügern hereingelegt, die ihm vorgaukeln, wundersame, unsichtbare Kleider zu weben, die nur würdige Menschen sehen können. Der Kaiser und all seine Hofbeamten lügen sich gegenseitig vor, den prächtigen Stoff zu erblicken, bis ein ehrliches Kind während der feierlichen Prozession die Wahrheit ausspricht: Der Kaiser trägt gar nichts!


Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, dem neue Kleider so ungeheuer wichtig waren, dass er all sein Geld dafür ausgab, um recht schön herausgeputzt zu sein. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht um das Theater und liebte es nur, spazieren zu fahren, um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte für jede Stunde des Tages einen eigenen Rock, und so, wie man von einem König sagt: »Er ist im Rat«, sagte man hier immer: »Der Kaiser ist in der Garderobe!«

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter zu; Tag für Tag trafen dort viele Fremde ein. Eines Tages kamen auch zwei Betrüger an. Sie gaben sich für Weber aus und sagten, sie verstünden es, den schönsten Stoff zu weben, den man sich nur denken könne. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die man aus diesem Stoff nähe, besäßen die wunderbare Eigenschaft, dass sie für jeden Menschen unsichtbar wären, der für sein Amt nicht tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

»Das wären ja prächtige Kleider«, dachte der Kaiser. »Wenn ich die anhätte, könnte ich dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu ihrem Amt nicht taugen; ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, dieser Stoff muss sogleich für mich gewebt werden!« Und er gab den beiden Betrügern viel Geld im Voraus, damit sie ihre Arbeit beginnen könnten.

Sie stellten auch zwei Webstühle auf und taten, als ob sie arbeiteten; aber sie hatten nicht das Geringste auf dem Webstuhl. Frischweg verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold, doch das steckten sie in ihre eigenen Taschen und arbeiteten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein.

»Ich möchte doch wohl wissen, wie weit sie mit dem Stoff sind«, dachte der Kaiser. Aber es wurde ihm ganz beklommen zumute, wenn er daran dachte, dass derjenige, der dumm sei oder nicht zu seinem Amt tauge, den Stoff nicht sehen könne. Nun glaubte er zwar, dass er für sich selbst nichts zu fürchten habe, aber er wollte doch erst einen anderen schicken, um zu sehen, wie es damit stehe. Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft der Stoff habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

»Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern schicken«, dachte der Kaiser. »Er kann am besten beurteilen, wie sich der Stoff ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner versteht sein Amt besser als er!«

Nun ging der alte, gute Minister in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten. »Gott behüte uns!«, dachte der alte Minister und riss die Augen auf. »Ich kann ja gar nichts erblicken!« Aber das sagte er nicht.

Beide Betrüger baten ihn, doch näher zu treten, und fragten, ob dies nicht ein hübsches Muster und schöne Farben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, und der arme, alte Minister riss weiter die Augen auf; aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. »Herr Gott«, dachte er, »sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht zu meinem Amt taugen? Nein, es geht nicht an, dass ich erzähle, ich könne den Stoff nicht sehen!«

»Nun, Sie sagen ja gar nichts dazu?«, fragte der eine, der da webte.

»Oh, es ist niedlich, ganz allerliebst!«, antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. »Dieses Muster und diese Farben! Ja, ich werde dem Kaiser sagen, dass es mir sehr gefällt.«

»Nun, das freut uns!«, sagten beide Weber, und darauf nannten sie die Farben beim Namen und erklärten das seltsame Muster. Der alte Minister passte gut auf, damit er dasselbe sagen könne, wenn er zum Kaiser zurückkäme, und das tat er auch.

Jetzt verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold, das sie zum Weben gebrauchen wollten. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl aber kam kein Faden, und doch arbeiteten sie weiter wie bisher an dem leeren Webstuhl.

Bald schickte der Kaiser wieder einen anderen ehrlichen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe und ob der Stoff bald fertig sei. Ihm erging es gerade wie dem Ersten: Er sah und sah, aber weil außer dem leeren Webstuhl nichts da war, konnte er nichts sehen.

»Ist das nicht ein hübsches Stück Stoff?«, fragten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige Muster, das gar nicht da war.

»Dumm bin ich nicht!«, dachte der Mann. »Es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge. Das ist komisch genug, aber das darf man sich nicht anmerken lassen!« Und so lobte er den Stoff, den er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster. »Ja, es ist ganz allerliebst!«, sagte er zum Kaiser.

Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Stoff.

Nun wollte der Kaiser ihn selbst sehen, während er noch auf dem Webstuhl war. Mit einer ganzen Schar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, die schon früher dort gewesen waren, ging er zu den beiden listigen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Faser und Faden.

»Ist das nicht prächtig?«, sagten die beiden alten Staatsmänner, die schon einmal da gewesen waren. »Seht, Eure Majestät, welches Muster, welche Farben!« Und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, die anderen könnten den Stoff wohl sehen.

»Was!«, dachte der Kaiser, »ich sehe gar nichts! Das ist ja schrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte.« – »Oh, es ist sehr hübsch!«, sagte er. »Es hat meinen allerhöchsten Beifall!« Und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl, denn er wollte nicht sagen, dass er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, das er bei sich hatte, sah und sah und bekam nicht mehr heraus als alle anderen; aber sie sagten wie der Kaiser: »Oh, das ist hübsch!« Und sie rieten ihm, diese neuen, prächtigen Kleider zum ersten Mal bei der großen Prozession zu tragen, die bevorstand. »Es ist herrlich, niedlich, ausgezeichnet!«, ging es von Mund zu Mund; alle schienen von Herzen erfreut darüber, und der Kaiser verlieh den Betrügern den Titel: Kaiserliche Hofweber.

Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem die Prozession stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und hatten über sechzehn Kerzen angezündet. Die Leute konnten sehen, dass sie eifrig damit beschäftigt waren, des Kaisers neue Kleider fertigzumachen. Sie taten, als nähmen sie den Stoff vom Webstuhl, sie schnitten mit großen Scheren in die Luft, sie nähten mit Nadeln ohne Faden und sagten zuletzt: »Nun sind die Kleider fertig!«

Der Kaiser kam mit seinen vornehmsten Kavalieren selbst dahin, und beide Betrüger hoben je einen Arm in die Höhe, gerade als ob sie etwas hielten, und sagten: »Seht, hier ist die Hose! Hier ist der Rock! Hier der Mantel!«, und so weiter. »Es ist so leicht wie Spinnweben; man sollte glauben, man habe gar nichts am Leibe; aber das ist gerade das Schöne daran!«

»Ja!«, sagten alle Kavaliere; aber sie konnten nichts sehen, denn es war ja nichts da.

»Belieben Eure Kaiserliche Majestät nun allergnädigst, Ihre Kleider auszuziehen«, sagten die Betrüger, »so wollen wir Ihnen die neuen anziehen, hier vor dem großen Spiegel!«

Der Kaiser legte alle seine Kleider ab, und die Betrüger stellten sich, als zögen sie ihm jedes Stück der neuen Kleider an, die nun fertig seien; und der Kaiser wandte sich und drehte sich vor dem Spiegel.

»Ei, wie gut sie kleiden! Wie herrlich sie sitzen!«, sagten alle. »Welches Muster, welche Farben! Das ist eine köstliche Tracht!«

»Draußen stehen sie schon mit dem Thronhimmel, der bei der Prozession über Eure Majestät getragen werden soll«, meldete der Oberzeremonienmeister.

»Seht, ich bin fertig!«, sagte der Kaiser. »Sitzt es nicht gut?« Und dann wandte er sich noch einmal zum Spiegel, denn es sollte scheinen, als betrachte er seinen Schmuck ganz genau.

Die Kammerherren, welche die Schleppe tragen sollten, griffen mit den Händen nach dem Fußboden, gerade als ob sie die Schleppe aufhöben; sie gingen und taten, als hielten sie etwas in der Luft; sie wagten nicht, sich anmerken zu lassen, dass sie nichts sehen konnten.

So ging der Kaiser in der Prozession unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: »Gott, wie unvergleichlich sind des Kaisers neue Kleider! Welch eine Schleppe er am Kleide hat, wie schön das sitzt!« Keiner wollte sich anmerken lassen, dass er nichts sah, denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amt getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Kleider des Kaisers hatten je solches Glück gemacht wie diese.

»Aber er hat ja gar nichts an!«, sagte endlich ein kleines Kind. »Herr Gott, hört die Stimme des Unschuldigen!«, sagte der Vater; und einer flüsterte dem anderen zu, was das Kind gesagt hatte.

»Aber er hat ja gar nichts an!«, rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn es schien ihm, als hätten sie recht; aber er dachte bei sich: »Nun muss ich die Prozession durchhalten.« Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.