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Ein lachender Lebkuchenmann rennt einen Feldweg entlang, hinter ihm vor dem Häuschen ein altes Paar, eine Kuh und ein Schwein, am Wegrand sitzt ein Fuchs.

Der Lebkuchenmann

Unbekannter Verfasser

3 Min. Lesezeit ab 3 Jahren Bewertung der Leserinnen und Leser in allen Sprachen: 4,2 von 5 Sternen, 6 Stimmen. Wie hat dir dieses Märchen gefallen?

Eine alte Frau, die sich so sehr ein Kind wünscht, schneidet einen kleinen Jungen aus Lebkuchenteig. Kaum öffnet sie die Ofentür, springt der Lebkuchenmann heraus und rennt davon, so schnell er kann.


Vor vielen, vielen Jahren hat eine Urgroßmutter einem kleinen Mädchen diese Geschichte erzählt. Nun sollst du sie auch hören.

Am Waldrand stand ein kleines altes Haus, und darin wohnten ein kleiner alter Mann und eine kleine alte Frau. Sie hätten ganz glücklich sein können, doch etwas fehlte ihnen: Sie hatten kein Kind, und sie wünschten sich eines von Herzen.

Eines Tages backte die alte Frau Lebkuchen. Als der Teig ausgerollt vor ihr lag, schnitt sie einen kleinen Jungen heraus, legte ihn aufs Blech und schob ihn in den Ofen.

Eine alte Frau in Haube und Schürze sticht am bemehlten Tisch ein Männchen aus dem Teig, daneben ein Blech mit Herzen und Sternen, hinten das Feuer.

Nach einer Weile ging sie nachsehen, ob der Lebkuchen fertig war. Kaum hatte sie die Ofentür geöffnet, sprang der kleine Lebkuchenmann heraus und lief davon, so schnell er nur konnte.

Die alte Frau rief ihren Mann, und die beiden liefen hinter ihm her. Aber sie holten ihn nicht ein.

Bald kam der Lebkuchenmann an einer Scheune vorbei, in der die Drescher mit ihren Flegeln das Korn droschen. Im Vorbeilaufen rief er ihnen zu:

Ich lief der alten Frau davon, ich lief dem alten Mann davon, und euch lauf ich auch noch davon!

Da ließen die Drescher alles stehen und liegen und liefen hinter ihm her. Sie liefen schnell, doch einholen konnten sie ihn nicht.

Drei Drescher stehen am Scheunentor, die Flegel gesenkt, weitere Flegel liegen am Boden, und einer zeigt den Feldweg hinauf, wo der Lebkuchenmann davonrennt.

Er lief weiter, bis er zu einem Feld kam, auf dem die Schnitter mit ihren Sensen das Korn mähten. Ihnen rief er zu:

Ich lief der alten Frau davon, ich lief dem alten Mann davon, den Dreschern in der Scheune, und euch lauf ich auch noch davon!

Die Schnitter warfen ihre Sensen ins Gras und rannten los, aber auch sie holten ihn nicht ein.

Er lief weiter, bis er zu einer Kuh kam. Ihr rief er zu:

Ich lief der alten Frau davon, ich lief dem alten Mann davon, den Dreschern in der Scheune, den Schnittern auf dem Feld, und dir lauf ich auch noch davon!

Die Kuh lief sofort hinter ihm her, doch einholen konnte sie ihn nicht.

Bald darauf kam er zu einem Schwein, und dem rief er zu:

Ich lief der alten Frau davon, ich lief dem alten Mann davon, den Dreschern in der Scheune, den Schnittern auf dem Feld, der Kuh, und dir lauf ich auch noch davon!

Das Schwein lief, so schnell es nur konnte, und holte ihn doch nicht ein.

Und er lief weiter, bis ihm ein Fuchs über den Weg lief. Auch dem rief er seinen Spruch zu:

Ich lief der alten Frau davon, ich lief dem alten Mann davon, den Dreschern in der Scheune, den Schnittern auf dem Feld, der Kuh, dem Schwein, und dir lauf ich auch noch davon!

Da setzte ihm der Fuchs nach. Füchse aber können sehr schnell laufen, und so holte er den Lebkuchenmann bald ein und begann, ihn aufzufressen.

Nach einer Weile sagte der Lebkuchenmann: „Oje! Ein Viertel von mir ist schon weg!“

Ein Fuchs sitzt in der blauen Abenddämmerung zwischen kahlen Bäumen und hält den Lebkuchenmann quer im Maul, der mit weit offenem Mund weint.

Und kurz darauf: „Oh, die Hälfte ist weg!“

Und bald: „Drei Viertel sind weg!“

Und zuletzt: „Jetzt bin ich ganz weg!“

Danach sagte er kein Wort mehr. Und damit ist die Geschichte zu Ende.

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Nacherzählt von Talerie, Quelle: St. Nicholas (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei

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4 Min. Lesezeit ab 3 Jahren

Über dieses Märchen

Wer den Lebkuchenmann erfunden hat, ist unbekannt; von den Brüdern Grimm stammt er nicht. Der älteste Druck, den wir kennen, erschien 1875 anonym in der amerikanischen Kinderzeitschrift St. Nicholas. Nach einer Notiz im Heft kam die Geschichte von einem Dienstmädchen aus Maine, das sie als Kind von einer alten Dame gehört hatte.

Vierzehn Jahre später druckte eine amerikanische Volkskundezeitschrift eine ganz andere Fassung, aufgeschrieben von Fanny D. Bergen: Bei ihr läuft ein „Johnny-Cake“ davon, und der Fuchs fängt ihn mit einer List. Unser Text folgt dem Heft von 1875 und erzählt die Geschichte vollständig nach.

Zwei alte Drucke: 1875 und 1889

St. Nicholas 1875 (unsere Vorlage)Bergen 1889
Wer davonläuftein Junge aus Lebkuchenein Johnny-Cake
Zu Hauseein altes Paar ohne Kindalter Mann, alte Frau, kleiner Junge
Fluchtspringt heraus, als der Ofen aufgehtOfentür springt auf, er rollt davon
VerfolgerDrescher, Schnitter, Kuh, SchweinBrunnengräber, Grabenarbeiter, Bär, Wolf
Sein Spruch endet„und dir lauf ich auch noch davon!“„und dir renn ich auch davon!“
Der Fuchsläuft einfach schnellertut, als höre er schlecht, lockt ihn heran
Schlussviertelweise aufgefressenim Nu geschnappt
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Ich lief der alten Frau davon, ich lief dem alten Mann davon, und euch lauf ich auch noch davon!
St. Nicholas, 1875: I've run away from a little old woman, / A little old man, / And I can run away from you, I can!

Wie unser Text erzählt

Wie das Heft von 1875 beginnt auch unser Text mit einem kurzen Rahmen; in unserer Fassung hat eine Urgroßmutter die Geschichte vor vielen Jahren einem kleinen Mädchen erzählt, und dann heißt es: „Nun sollst du sie auch hören.“ Ein altes Paar wünscht sich ein Kind. Eines Tages schneidet die Frau aus dem Lebkuchenteig einen kleinen Jungen, und als sie die Ofentür öffnet, springt er heraus und rennt davon. Ihm folgen die beiden Alten, die Drescher aus der Scheune, die Schnitter vom Feld, eine Kuh und ein Schwein, und keiner holt ihn ein. Sein Spruch wird bei jeder Begegnung länger. Erst der Fuchs fängt ihn, ohne jede List, weil Füchse eben sehr schnell laufen.

Dass der Fuchs ihn frisst, sagt der Text in einem einzigen schlichten Satz. Danach meldet der Lebkuchenmann nur noch in vier kurzen Rufen, wie viel von ihm fehlt, vom Viertel bis zu „Jetzt bin ich ganz weg!“, und mehr wird darüber nicht erzählt.

Verwandte Geschichten und eine Verwechslung

Bergens Fassung mit dem Johnny-Cake hat Joseph Jacobs fast wörtlich in sein Buch „English Fairy Tales“ aufgenommen; in seiner Anmerkung verweist er auf die Geschichte aus St. Nicholas. Im selben Jahrgang der Volkskundezeitschrift erschien noch eine weitere Fassung: Darin bietet der Fuchs an, den Johnny-Cake über einen Fluss zu tragen, und frisst ihn unterwegs. Diesen Fluss gibt es in unserem Text nicht. Auf unserer Seite findest du außerdem „Kolobok“, eine andere Geschichte: Ein runder, in Butter gebratener Kolobok rollt davon, singt dem Hasen, dem Wolf und dem Bären sein Lied vor und wird zuletzt von einer schmeichelnden Füchsin gefressen.

Nicht zu verwechseln ist der Lebkuchenmann mit „Der süße Brei“ aus den Kinder- und Hausmärchen. Dort kocht ein Töpfchen süßen Hirsebrei, bis er über den Rand quillt und Küche und Haus füllt. Eine Figur, die davonläuft, gibt es darin nicht.

Quellen

Historische Fassungen

Am 30. Oktober 2026 mit diesen Quellen abgeglichen.

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