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Ein sanfter Jüngling kniet an einem Waldteich, umgeben von dankbaren Tieren: Enten auf dem Wasser, Ameisen zu seinen Füßen, Bienen über ihm.

Die Bienenkönigin

Brüder Grimm

5 Min. Lesezeitab 5 Jahren

Zwei Königssöhne verspotten den Dummling, ihren jüngsten Bruder, doch nur er nimmt den Ameisenhaufen, die Enten und das Bienenvolk vor ihnen in Schutz. Im stillen Schloss lösen die verschonten Tiere seine drei Aufgaben, und die Bienenkönigin setzt sich auf den Mund der jüngsten Königstochter, die er dann heiratet.


Zwei Königssöhne zogen eines Tages hinaus in die Welt, um Abenteuer zu suchen. Sie lebten in den Tag hinein und vergaßen den Weg nach Hause, und daheim hörte niemand mehr etwas von ihnen.

Der jüngste Bruder blieb zurück. Alle nannten ihn nur den Dummling, weil er still war und sie ihn deshalb für einfältig hielten. Eines Morgens schnürte er sein Bündel und ging seine Brüder suchen.

Er suchte lange. Als er sie endlich fand, lachten sie ihn aus.

„Du willst dich durch die Welt schlagen?“, spotteten sie. „Wir beide sind viel klüger als du, und selbst wir kommen nicht zurecht.“

Der Dummling sagte nichts dazu. Er blieb einfach bei ihnen, und so wanderten sie zu dritt weiter.

Bald kamen sie an einen Ameisenhaufen. Die beiden Älteren wollten ihn aufwühlen, um zuzusehen, wie die Ameisen vor Angst durcheinanderliefen und ihre Eier forttrugen.

„Lasst die Tiere in Frieden“, sagte der Dummling. „Ich lasse nicht zu, dass ihr sie stört.“

Die Brüder brummten, aber sie ließen den Haufen stehen. Die Ameisen liefen ruhig weiter auf ihren schmalen Wegen.

Dann kamen sie an einen See, auf dem so viele Enten schwammen, dass sich das ganze Wasser bewegte. Die beiden Älteren wollten ein paar davon fangen und braten.

„Lasst die Tiere in Frieden“, sagte der Dummling. „Ich lasse nicht zu, dass ihr sie tötet.“

Zuletzt fanden sie einen Baum, in dem ein Bienenvolk wohnte. Der Honig war so reichlich, dass er am Stamm herunterlief. Die beiden Älteren wollten ein Feuer darunter anzünden und die Bienen im Rauch ersticken, um an den Honig zu kommen.

„Lasst die Tiere in Frieden“, sagte der Dummling. „Ich lasse nicht zu, dass ihr sie verbrennt.“

Diesmal schwiegen die Brüder ganz. Der Honig blieb, wo er war, und die Bienen summten weiter über dem Baum.

Gegen Abend kamen die drei an ein Schloss. In den Ställen standen lauter Pferde aus Stein. Kein Mensch war zu sehen, und kein Laut war zu hören.

Drei junge Männer betreten einen dämmrigen Burghof. Rechts steht eine lange Reihe grauer Pferde aus Stein, reglos, mit Zaumzeug und ohne Reiter.

Sie gingen durch einen Saal nach dem anderen. Ganz am Ende kamen sie an eine Tür mit drei Schlössern. Mitten darin war eine kleine Klappe, und dadurch konnte man in die Stube sehen.

An einem Tisch saß ein kleiner grauer Mann. Sie riefen nach ihm, einmal, und er hörte nicht. Sie riefen ein zweites Mal, und er rührte sich nicht. Erst beim dritten Mal stand er auf, öffnete die Schlösser und trat heraus.

Er sprach kein einziges Wort. Er führte sie an einen gedeckten Tisch, und als sie gegessen und getrunken hatten, brachte er jeden in eine eigene Schlafkammer.

Am nächsten Morgen weckte er den Ältesten, winkte ihm und führte ihn vor eine steinerne Tafel. Darauf standen drei Aufgaben geschrieben. Wer sie löste, konnte das Schloss erlösen.

Die erste lautete: Im Wald liegen unter dem Moos die Perlen der Königstochter, tausend an der Zahl, und alle müssen gefunden werden. Fehlt bei Sonnenuntergang auch nur eine einzige, wird zu Stein, wer sie gesucht hat.

Der Älteste ging hinaus und suchte den ganzen Tag. Als die Sonne unterging, hatte er hundert Perlen beisammen. Da geschah, was auf der Tafel stand, und er wurde zu Stein.

Am folgenden Tag versuchte es der zweite Bruder. Ihm erging es kaum besser. Er fand zweihundert Perlen, und auch er wurde zu Stein.

Am dritten Tag war der Dummling an der Reihe. Er kniete im Moos und suchte und suchte, aber die Perlen lagen tief, und es ging so langsam.

Endlich setzte er sich auf einen Stein und weinte.

Da kam der Ameisenkönig, dem er einmal geholfen hatte, über das Moos, und mit ihm fünftausend Ameisen. Es dauerte gar nicht lange, da hatten die kleinen Tiere alle tausend Perlen gefunden und auf einen Haufen getragen.

Ein junger Mann sitzt auf einem moosigen Stein im Wald, die Hände vors Gesicht geschlagen. Neben ihm tragen lange Ameisenzüge weiße Perlen zu einem Haufen.

Die zweite Aufgabe war, den Schlüssel zur Schlafkammer der Königstöchter aus dem See zu holen.

Als der Dummling ans Ufer kam, schwammen die Enten heran, die er gerettet hatte. Sie tauchten hinunter und brachten ihm den Schlüssel aus der Tiefe.

Die dritte Aufgabe aber war die schwerste. Drei Töchter des Königs lagen schlafend nebeneinander, und aus ihnen sollte der Dummling die jüngste und liebste heraussuchen.

Sie glichen einander vollkommen. Nichts unterschied sie, außer dass jede vor dem Einschlafen etwas anderes Süßes gegessen hatte: die Älteste ein Stück Zucker, die Mittlere ein wenig Sirup, die Jüngste einen Löffel voll Honig.

Der Dummling stand lange vor ihnen und wusste nicht weiter. Da summte es am Fenster, und die Bienenkönigin flog herein, deren Volk er vor dem Feuer geschützt hatte.

Sie prüfte den Mund der Ältesten und den der Mittleren. Zuletzt blieb sie auf dem Mund sitzen, der den Honig gegessen hatte. So erkannte der Dummling die Richtige.

Drei Schwestern schlafen nebeneinander in einem Himmelbett, auf dem Mund der Jüngsten sitzt eine Biene. Eine Kerze brennt, im Türrahmen steht ein junger Mann.

In diesem Augenblick war der Zauber gebrochen. Die drei Schwestern wachten auf, und wer im Schloss zu Stein geworden war, bekam seine menschliche Gestalt zurück. Auch die beiden Brüder kamen lebendig aus dem Wald zurück.

Der Dummling heiratete die jüngste und liebste Königstochter, und seine Brüder bekamen die beiden anderen zur Frau. Als der alte König, ihr Vater, viele Jahre später starb, wurde der Dummling König an seiner Stelle.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Kinder- und Hausmärchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)Lizenz: Gemeinfrei