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Die Nachtigall

Die Nachtigall

Hans Christian Andersen

10 Min. Lesezeit6–12 Jahre

In Chinas kaiserlichem Schloss aus feinem Porzellan lebt eine wunderbare Nachtigall im benachbarten Wald, deren Gesang so bezaubernd ist, dass Reisende aus aller Welt ihn für das Schönste im ganzen Reich halten. Der Kaiser, der von dieser Nachtigall erst erfährt, als ein Buch von ihr berichtet, lässt sie fangen und an seinen Hof bringen, bis eines Tages ein kunstvoller mechanischer Vogel aus Japan eintrifft, der ihn mehr zu begeistern scheint als der lebendige Vogel. Als der Kaiser Jahre später schwer erkrankt und vom Tod heimgesucht wird, kehrt die echte Nachtigall in seine dunkelste Stunde zurück und singt ihm so liebevoll vor, dass sie den Tod selbst beruhigt und den Kaiser von Grund auf heilt.

Behutsame FassungOriginalfassung

In China, das weißt du sicher, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die um ihn leben, sind es auch. Das ist schon lange her, aber gerade darum lohnt es sich, die Geschichte jetzt zu erzählen, ehe sie in Vergessenheit gerät.

Das Schloss des Kaisers war das prächtigste der Welt, ganz aus feinem Porzellan gebaut, wunderschön, aber so zerbrechlich, dass man mit größter Vorsicht hindurchgehen musste. Im Garten wuchsen die herrlichsten Blumen, und an den schönsten hingen silberne Glöckchen, damit niemand vorüberging, ohne sie zu bemerken. Der Garten war so groß, dass selbst der Gärtner sein Ende nicht kannte. Ging man immer weiter, kam man in einen tiefen Wald mit hohen Bäumen, der bis hinunter ans blaue Meer reichte. Dort, in den Zweigen über dem Wasser, wohnte eine Nachtigall, die so wunderschön sang, dass sogar der arme Fischer, der nachts sein Netz auswarf, innehielt, um zu lauschen. „Ach, wie schön das ist“, sagte er dann leise – und vergaß darüber fast seine Arbeit.

Reisende aus aller Welt kamen, um Stadt, Schloss und Garten zu bestaunen. Doch hörten sie die Nachtigall singen, sagten sie alle: „Das ist das Allerschönste!“ Sie schrieben Bücher darüber, und diese Bücher wanderten durch die ganze Welt – bis eines Tages eines davon auch zum Kaiser selbst kam.

Er saß auf seinem goldenen Stuhl und las, und immer wieder nickte er zufrieden über die prächtigen Beschreibungen seiner Stadt. Doch dann stand da: „Aber die Nachtigall ist das Allerschönste von allem.“

„Was soll das heißen?“, rief der Kaiser. „Eine Nachtigall? Die kenne ich ja gar nicht! Gibt es einen solchen Vogel in meinem eigenen Reich, in meinem eigenen Garten, und ich habe nie von ihr gehört?“

Er rief seinen obersten Kavalier, einen sehr vornehmen Herrn, der auf Fragen von geringeren Leuten stets nur mit einem kühlen „P!“ antwortete. „Man sagt, es gebe hier einen Vogel, Nachtigall genannt, der das Wunderbarste in meinem ganzen Reich sei“, sagte der Kaiser. „Warum hat mir das niemand gesagt? Ich will, dass sie heute Abend vor mir singt!“

Der Kavalier lief durch alle Säle und Treppen, doch niemand am Hof hatte je von einer Nachtigall gehört. Schließlich fand er in der Küche ein kleines armes Mädchen, das sagte: „Oh, die Nachtigall kenne ich gut! Jeden Abend trage ich meiner kranken Mutter Essensreste nach Hause, und wenn ich müde im Wald raste, höre ich sie singen. Dann kommen mir die Tränen, als küsste mich meine Mutter.“

So zog der halbe Hof mit dem Mädchen hinaus in den Wald. Auf dem Weg brüllte eine Kuh, und die feinen Herren riefen: „Das ist sie sicher!“ – „Nein, das sind nur Kühe“, sagte das Mädchen. Dann quakten Frösche im Sumpf, und der Hofprediger schwärmte: „Wie Kirchenglöckchen!“ – „Nein, das sind Frösche“, sagte das Mädchen. „Aber jetzt, gleich, werden wir sie hören.“

Und da begann die Nachtigall zu singen.

„Da ist sie!“, rief das Mädchen und zeigte auf einen unscheinbaren kleinen grauen Vogel im Baum. Der Kavalier war überrascht, wie einfach sie aussah – aber als sie zu singen begann, war es, als klängen kleine Glasglöckchen durch den Wald.

Die Nachtigall erklärte sich gern bereit, vor dem Kaiser zu singen, und noch am selben Abend war das Schloss festlich geschmückt: tausend Goldlampen, klingelnde Blumen in den Gängen. Mitten im großen Saal stand ein goldener Stab, und dort setzte man die Nachtigall hin. Als sie zu singen begann, traten dem Kaiser Tränen in die Augen, und er sagte, sie solle als Belohnung seinen goldenen Pantoffel um den Hals tragen.

Aber die Nachtigall dankte und lehnte ab. „Ich habe die Tränen des Kaisers gesehen – das ist Lohn genug für mich.“ Und sie sang noch schöner weiter.

Von nun an lebte die Nachtigall am Hof, hatte einen eigenen Käfig und durfte zweimal am Tag und einmal in der Nacht hinausfliegen – begleitet allerdings von zwölf Dienern, die sie an einem seidenen Band festhielten. Das war freilich kein Vergnügen.

Eines Tages traf ein großes Paket ein, versehen mit der Aufschrift „Die Nachtigall“. Doch es war kein Buch, sondern ein Kunstwerk: ein künstlicher Vogel, über und über mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt, ein Geschenk vom Kaiser von Japan. Zog man ihn auf, sang er eine der Melodien der echten Nachtigall, und dabei bewegte sich sein glitzernder Schwanz auf und nieder.

„Nun sollen sie zusammen singen!“, hieß es. Aber es passte nicht recht: Die echte Nachtigall sang, wie es ihr ums Herz war, der Kunstvogel dagegen ging immer gleich, wie ein Uhrwerk. So sang der Kunstvogel schließlich allein, dreiunddreißigmal dasselbe Stück, ohne müde zu werden, und alle waren begeistert – schließlich glitzerte er so schön.

Als der Kaiser dann auch die echte Nachtigall wieder hören wollte, war sie verschwunden: Durchs offene Fenster war sie fortgeflogen, zurück in ihren grünen Wald. Man nannte sie undankbar und war froh, den zuverlässigen Kunstvogel zu haben, der bald darauf zum „Hochkaiserlichen Nachttischsänger“ ernannt wurde, mit seinem Platz auf einem Seidenkissen dicht neben dem kaiserlichen Bett.

Ein ganzes Jahr lang sang der Kunstvogel, und alle am Hof kannten seine Melodie so gut, dass sie selbst mitsangen. Doch eines Abends, als er wieder sang und der Kaiser im Bett lag und lauschte, machte es plötzlich „Schwupp“ im Inneren des Vogels. Etwas war gesprungen. Die Räder liefen noch kurz surrend weiter – dann verstummte die Musik.

Der herbeigerufene Uhrmacher konnte den Vogel notdürftig reparieren, doch er warnte: Man müsse ihn schonen, die Zapfen seien abgenutzt, neue könne man nicht mehr sicher einsetzen. Von nun an durfte er nur noch einmal im Jahr singen.

Fünf Jahre später wurde der Kaiser schwer krank. Man sagte, er könne nicht mehr lange leben, und ein neuer Kaiser war bereits gewählt. Die Diener glaubten ihn schon tot und liefen fort, um dem Nachfolger ihre Aufwartung zu machen. Im ganzen Schloss lag Tuch auf dem Boden, damit man keine Schritte hörte, und es war still, ganz still.

Bleich und still lag der alte Kaiser in seinem großen Bett. Ein Fenster stand hoch oben offen, und der Mond schien herein – auf den Kaiser und auf den stummen Kunstvogel. Der Kaiser konnte kaum atmen; es war, als säße etwas Schweres auf seiner Brust. Er öffnete die Augen und sah: Es war der Tod, der da saß, mit der kaiserlichen Krone auf dem Kopf, in der einen Hand den goldenen Säbel, in der anderen die kaiserliche Fahne. Und aus den Falten der schweren Samtvorhänge blickten seltsame Gesichter hervor – manche hässlich, manche mild – all die guten und die bösen Taten seines Lebens, die ihn nun ansahen.

„Erinnerst du dich?“, flüsterten sie, eines nach dem anderen, und erzählten so viel, dass ihm der Schweiß auf die Stirn trat.

„Musik!“, rief der Kaiser. „Die große Trommel! Damit ich das nicht hören muss!“ Doch die Stimmen sprachen weiter, und der Tod nickte zu allem, was gesagt wurde.

„Singe doch, kleiner Goldvogel, singe!“, rief der Kaiser dem Kunstvogel zu. „Ich habe dir Gold gegeben, meinen eigenen Pantoffel um den Hals gehängt – singe!“ Aber niemand war da, ihn aufzuziehen, und von selbst konnte er nicht singen. Es blieb still, schrecklich still.

Da erklang plötzlich vom Fenster her der schönste Gesang: Die echte, lebendige Nachtigall saß draußen auf einem Zweig. Sie hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war gekommen, ihm Trost zu singen. Und während sie sang, wurden die Gestalten in den Vorhängen blasser und blasser, und das Blut begann wieder rascher durch die schwachen Glieder des Kaisers zu fließen. Selbst der Tod lauschte und sagte: „Sing weiter, kleine Nachtigall, sing weiter!“

„Nur, wenn du mir den Säbel gibst. Nur, wenn du mir die Fahne gibst. Nur, wenn du mir die Krone gibst“, sang die Nachtigall – und für jedes Lied gab der Tod eines der Kleinode zurück. Dann sang die Nachtigall von einem stillen Friedhof, wo weiße Rosen blühen und der Flieder duftet und das Gras von den Tränen der Lebenden feucht wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem eigenen Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel zum Fenster hinaus.

„Danke, danke!“, sagte der Kaiser. „Du himmlischer kleiner Vogel! Ich weiß, wer du bist – ich habe dich einst aus meinem Reich verjagt, und doch hast du den Tod von meinem Herzen fortgesungen. Wie kann ich dir das je vergelten?“

„Du hast mich schon belohnt“, sagte die Nachtigall. „Ich sah Tränen in deinen Augen, als ich das erste Mal für dich sang – das vergesse ich nie. Nun aber schlafe, und werde wieder stark. Ich singe dir noch etwas vor.“

Und sie sang, und der Kaiser fiel in einen tiefen, friedlichen Schlaf.

Als die Sonne am nächsten Morgen ins Zimmer schien, erwachte er gesund und gestärkt. Kein Diener war zurückgekehrt – sie alle glaubten ihn tot. Nur die Nachtigall saß noch da und sang.

„Du sollst für immer bei mir bleiben“, sagte der Kaiser. „Sing, wann immer du willst, und den Kunstvogel lasse ich in tausend Stücke schlagen.“

„Tu das nicht“, sagte die Nachtigall. „Er hat Gutes getan, solange er konnte. Behalte ihn, wie er ist. Ich kann im Schloss kein Nest bauen, aber lass mich kommen, wenn ich selbst mag – dann setze ich mich abends auf den Zweig vor deinem Fenster und singe dir von den Glücklichen und von denen, die leiden, vom Guten und vom Bösen, das um dich herum verborgen bleibt. Ich fliege weit umher, zum armen Fischer, zum Bauernhaus – zu allen, die fern von deinem Hof leben. Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch soll die Krone ihren Glanz behalten. Ich komme wieder und singe dir vor – aber versprich mir eines.“

„Alles“, sagte der Kaiser und stand auf, in seiner kaiserlichen Tracht, den schweren goldenen Säbel ans Herz gedrückt.

„Erzähle niemandem, dass du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt. Dann wird es dir umso besser gehen.“

Und die Nachtigall flog fort, hinaus in den grünen Wald.

Da kamen die Diener herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen – und da stand er, gesund und aufrecht, und sagte nur: „Guten Morgen.“