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Die NachtigallOriginal

Die Nachtigall

Hans Christian Andersen

19 Min. Lesezeit6–12 Jahre

Der chinesische Kaiser erfährt aus Büchern von einer wundersamen Nachtigall, die in seinem Wald lebt und die ganze Welt entzückt – obwohl er sie selbst noch nie gehört hat – und befiehlt, dass der kleine graue Vogel zum Hoffest kommen muss. Mit Hilfe eines armen Küchenmädchens wird die bescheidene Nachtigall gefunden, die mit ihrem herrlichen Gesang den Kaiser zu Tränen rührt und ihm zeigt, dass echte Schönheit weder prächtig noch kunstvoll sein muss.

Behutsame FassungOriginalfassung

In China, das weißt du gewiss, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die ihn umgeben, sind ebenfalls Chinesen. Es ist nun viele Jahre her, aber gerade deshalb lohnt es sich, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen wird. Das Schloss des Kaisers war das prächtigste auf der ganzen Welt, ganz und gar aus feinem Porzellan, überaus kostbar, aber so zerbrechlich und heikel zu berühren, dass man sich sehr in Acht nehmen musste. Im Garten sah man die wunderbarsten Blumen, und an die schönsten waren silberne Glöckchen gebunden, die klangen, damit niemand vorüberging, ohne die Blumen zu bemerken. Ja, alles war im Garten des Kaisers klug ersonnen. Und er erstreckte sich so weit, dass selbst der Gärtner sein Ende nicht kannte. Ging man immer weiter, so kam man in den herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald reichte hinab bis ans Meer, das blau und tief war; große Schiffe konnten bis unter die Zweige der Bäume segeln, und in diesen Zweigen wohnte eine Nachtigall, die so herrlich sang, dass selbst der arme Fischer, der doch viel anderes zu tun hatte, innehielt und lauschte, wenn er des Nachts hinausgefahren war, um sein Netz auszuwerfen, und dann die Nachtigall hörte. „Ach Gott, wie ist das schön!“ sagte er; aber er musste auf seine Arbeit achten und vergaß darüber den Vogel. Doch wenn dieser in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer wieder dorthin kam, sagte er dasselbe: „Ach Gott, wie ist das schön!“

Aus allen Ländern der Welt kamen Reisende in die Stadt des Kaisers und bewunderten sie, das Schloss und den Garten. Doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: „Das ist doch das Allerbeste!“

Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen; und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloss und den Garten. Aber auch die Nachtigall vergaßen sie nicht: die stellten sie am höchsten. Und wer dichten konnte, schrieb die herrlichsten Verse über die Nachtigall im Walde am tiefen See.

Die Bücher durchliefen die ganze Welt, und einige davon kamen eines Tages auch zum Kaiser. Er saß auf seinem goldenen Stuhl und las und las; jeden Augenblick nickte er mit dem Kopf, denn es freute ihn, die prächtigen Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zu lesen. „Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!“ stand da geschrieben.

„Was ist das?“ sagte der Kaiser. „Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! Gibt es einen solchen Vogel in meinem Kaiserreich, und sogar in meinem Garten? Davon habe ich nie gehört! So etwas erst aus Büchern erfahren zu müssen!“

Und darauf rief er seinen Kavalier. Der war so vornehm, dass er, wenn jemand Geringeres als er es wagte, ihn anzusprechen oder etwas zu fragen, nichts weiter erwiderte als: „P!“ – und das hat nichts zu bedeuten.

„Hier soll es ja einen höchst merkwürdigen Vogel geben, der Nachtigall genannt wird!“ sagte der Kaiser. „Man sagt, das sei das Allerbeste in meinem großen Reich. Warum hat man mir nie etwas davon gesagt?“

„Ich habe ihn früher nie nennen hören“, sagte der Kavalier. „Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden!“

„Ich will, dass er heute Abend herkommt und vor mir singt!“ sagte der Kaiser. „Die ganze Welt weiß, was ich besitze, und ich selbst weiß es nicht!“

„Ich habe ihn früher nie nennen hören“, sagte der Kavalier. „Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!“

Aber wo war er zu finden? Der Kavalier lief alle Treppen auf und ab, durch Säle und Gänge, doch keiner von allen, denen er begegnete, hatte je von der Nachtigall sprechen hören. Und der Kavalier lief wieder zum Kaiser und sagte, es müsse sicher eine Erfindung derer sein, die Bücher schreiben. „Eure Kaiserliche Majestät dürfen gar nicht glauben, was alles geschrieben wird! Das sind Erdichtungen und so etwas, was man die schwarze Kunst nennt.“

„Aber das Buch, in dem ich dies gelesen habe“, sagte der Kaiser, „ist mir vom großmächtigsten Kaiser von Japan gesandt worden, und es kann also keine Unwahrheit sein. Ich will die Nachtigall hören! Sie muss heute Abend hier sein! Sie hat meine höchste Gnade! Und kommt sie nicht, so soll dem ganzen Hof auf den Leib getrampelt werden, wenn er zu Abend gegessen hat!“

„Tsing-pe!“ sagte der Kavalier und lief wieder alle Treppen auf und ab, durch alle Säle und Gänge; und der halbe Hof lief mit, denn keiner wollte gern auf den Leib getrampelt werden. Da gab es ein Fragen nach der merkwürdigen Nachtigall, die die ganze Welt kannte, nur niemand bei Hofe.

Endlich trafen sie ein kleines, armes Mädchen in der Küche. Das sagte: „O Gott, die Nachtigall kenne ich gut; ja, wie kann die singen! Jeden Abend habe ich die Erlaubnis, meiner armen, kranken Mutter die Reste vom Tisch nach Hause zu tragen; sie wohnt unten am Strand; und wenn ich zurückgehe, müde bin und mich im Walde ausruhe, dann höre ich die Nachtigall singen! Die Tränen kommen mir dabei in die Augen, und es ist, als ob meine Mutter mich küsste!“

„Kleine Köchin“, sagte der Kavalier, „ich verschaffe dir eine Anstellung in der Küche und die Erlaubnis, den Kaiser speisen zu sehen, wenn du uns zur Nachtigall führen kannst, denn sie ist für heute Abend angesagt.“

Und so zogen sie alle hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen pflegte; der halbe Hof war dabei. Als sie im besten Zuge waren, fing eine Kuh an zu brüllen.

„Oh!“ sagten die Hofjunker, „nun haben wir sie! Was für eine merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tier! Die habe ich sicher schon früher gehört!“

„Nein, das sind Kühe, die brüllen!“ sagte die kleine Köchin. „Wir sind noch weit von dem Ort entfernt!“

Nun quakten die Frösche im Sumpf.

„Herrlich!“ sagte der chinesische Hofprediger. „Nun höre ich sie; es klingt gerade wie kleine Kirchenglocken.“

„Nein, das sind Frösche!“ sagte die kleine Köchin. „Aber nun, denke ich, werden wir sie bald hören!“

Da begann die Nachtigall zu schlagen.

„Das ist sie!“ sagte das kleine Mädchen. „Hört! Hört! Da sitzt sie!“ Und sie zeigte auf einen kleinen, grauen Vogel oben in den Zweigen. „Ist es möglich!“ sagte der Kavalier. „So hätte ich sie mir nie vorgestellt! Wie einfach sie aussieht! Sie hat gewiss ihre Farbe darüber verloren, dass sie so viele vornehme Menschen um sich erblickt!“

„Kleine Nachtigall!“ rief die kleine Köchin laut, „unser gnädigster Kaiser wünscht, dass Sie vor ihm singen!“

„Mit dem größten Vergnügen!“ sagte die Nachtigall und sang dann, dass es eine Lust war.

„Es klingt gerade wie Glasglocken!“ sagte der Kavalier. „Und seht die kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, dass wir sie früher nie gehört haben! Sie wird großen Erfolg bei Hofe haben!“

„Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?“ fragte die Nachtigall, die glaubte, der Kaiser sei auch da.

„Meine vortreffliche kleine Nachtigall!“ sagte der Kavalier, „ich habe die große Freude, Sie zu einem Hoffest heute Abend einzuladen, wo Sie Seine hohe kaiserliche Gnade mit Ihrem bezaubernden Gesang beglücken werden!“

„Der hört sie am besten im Grünen!“ sagte die Nachtigall; aber sie kam doch gern mit, als sie hörte, dass es der Kaiser wünschte.

Auf dem Schloss war tüchtig aufgeputzt worden. Die Wände und der Fußboden, die aus Porzellan waren, glänzten im Schein vieler tausend Goldlampen; die prächtigsten Blumen, die so schön klingeln konnten, waren in den Gängen aufgestellt. Da gab es ein Laufen und einen Zugwind, und alle Glöckchen klingelten so, dass man sein eigenes Wort nicht verstand.

Mitten in den großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein goldener Stab gestellt; auf diesem sollte die Nachtigall sitzen. Der ganze Hof war da, und die kleine Köchin hatte die Erlaubnis erhalten, hinter der Tür zu stehen, da sie nun den Titel einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte. Alle waren in ihrem größten Staat, und alle blickten auf den kleinen grauen Vogel, dem der Kaiser zunickte.

Die Nachtigall sang so herrlich, dass dem Kaiser die Tränen in die Augen traten und ihm über die Wangen liefen; da sang die Nachtigall noch schöner: das ging recht zu Herzen. Der Kaiser war so froh, dass er sagte, die Nachtigall solle seinen goldenen Pantoffel um den Hals tragen dürfen. Aber die Nachtigall dankte: sie habe schon Belohnung genug erhalten.

„Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist mir der reichste Schatz! Eines Kaisers Tränen haben eine besondere Kraft! Gott weiß es, ich bin genug belohnt.“ Darauf sang sie wieder mit ihrer süßen, herrlichen Stimme.

„Das ist die liebenswürdigste Koketterie, die ich kenne!“ sagten die Damen ringsum, und dann nahmen sie Wasser in den Mund, um zu glucksen, wenn jemand mit ihnen sprach. Sie glaubten dann, selbst Nachtigallen zu sein. Ja, sogar die Lakaien und Kammermädchen ließen melden, dass auch sie zufrieden seien; und das will viel heißen, denn die sind am schwersten zufriedenzustellen. Kurz, die Nachtigall machte wahrlich Glück.

Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen Käfig haben und die Freiheit, zweimal am Tage und einmal in der Nacht hinauszuspazieren. Sie bekam dann zwölf Diener mit, die ihr alle ein Seidenband um das Bein geschlungen hatten, an dem sie sie recht fest hielten. Es war durchaus kein Vergnügen bei einem solchen Ausflug.

Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, und begegneten sich zwei, so sagte der eine nichts anderes als: „Nacht!“ – und der andere sagte: „gall!“ Und dann seufzten sie und verstanden einander. Ja, elf Krämerkinder wurden nach ihr benannt; aber nicht ein einziges hatte einen Ton in der Kehle.

Eines Tages erhielt der Kaiser ein großes Paket, auf dem geschrieben stand: „Die Nachtigall“.

„Da haben wir nun ein neues Buch über unseren berühmten Vogel!“ sagte der Kaiser. Aber es war kein Buch, sondern ein kleines Kunstwerk, das in einer Schachtel lag: eine künstliche Nachtigall, die der lebendigen gleichen sollte, aber überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war. Sobald man den Kunstvogel aufzog, konnte er eines der Stücke singen, die der wirkliche Vogel sang; und dabei bewegte sich der Schweif auf und nieder und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals hing ein kleines Band, darauf stand geschrieben: „Des Kaisers von Japan Nachtigall ist arm gegen die des Kaisers von China.“

„Das ist herrlich!“ sagten alle; und der, welcher den künstlichen Vogel gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher Ober-Nachtigall-Bringer.

„Nun müssen sie zusammen singen: was wird das für ein Duett werden!“

Und so mussten sie zusammen singen; aber es wollte nicht recht passen, denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, und der Kunstvogel ging auf Walzen. „Der hat keine Schuld“, sagte der Spielmeister; „der ist besonders taktfest und ganz nach meiner Schule!“ Nun sollte der Kunstvogel allein singen. Er machte ebenso viel Glück wie der wirkliche, und dabei war er ja viel niedlicher anzusehen: er glänzte wie Armbänder und Busennadeln.

Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und war doch nicht müde. Die Leute hätten ihn gern noch einmal von vorn gehört, aber der Kaiser meinte, dass nun auch die lebendige Nachtigall etwas singen solle. Aber wo war sie? Niemand hatte bemerkt, dass sie aus dem offenen Fenster fortgeflogen war, hin zu ihren grünen Wäldern.

„Aber was ist denn das!“ sagte der Kaiser. Und alle Hofleute schalten und meinten, dass die Nachtigall ein höchst undankbares Tier sei. „Den besten Vogel haben wir doch!“ sagten sie; und so musste der Kunstvogel wieder singen, und das war das vierunddreißigste Mal, dass sie dasselbe Stück zu hören bekamen. Sie konnten es dennoch nicht auswendig; es war gar zu schwer. Und der Spielmeister lobte den Vogel über die Maßen; ja, er versicherte, dass er besser als eine Nachtigall sei, nicht nur was das Kleid und die vielen herrlichen Diamanten betraf, sondern auch innerlich.

„Denn sehen Sie, meine Herrschaften, und Sie vor allen, mein Kaiser! Bei der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was da kommen wird; aber bei dem Kunstvogel ist alles bestimmt! Man kann es erklären, man kann ihn öffnen und den Menschen begreiflich machen, wie die Walzen liegen, wie sie laufen und wie das eine aus dem anderen folgt!“

„Das sind auch unsere Gedanken!“ sagten alle, und der Spielmeister erhielt die Erlaubnis, am nächsten Sonntag den Vogel dem Volk zu zeigen. Es solle ihn auch singen hören, befahl der Kaiser. Und es hörte ihn; und es wurde so vergnügt, als hätte es sich am Tee berauscht, denn das ist chinesisch; da sagten alle: „Oh!“ und hielten den Zeigefinger in die Höhe und nickten dazu. Die armen Fischer jedoch, die die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: „Das klingt hübsch genug; die Melodien gleichen sich auch; aber es fehlt etwas, ich weiß nicht was!“

Die wirkliche Nachtigall wurde aus dem Land und Reich verwiesen.

Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem Seidenkissen dicht bei des Kaisers Bett; alle Geschenke, die er erhalten hatte, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er zu einem „Hochkaiserlichen Nachttisch-Sänger“ aufgestiegen, im Rang bis Nummer Eins zur linken Seite. Denn der Kaiser hielt die Seite für die vornehmste, auf der das Herz saß, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links. Und der Spielmeister schrieb ein Werk von fünfundzwanzig Bänden über den Kunstvogel; das war so gelehrt und so lang, voll von den allerschwersten chinesischen Wörtern, dass alle Leute sagten, sie hätten es gelesen und verstanden, denn sonst wären sie ja dumm gewesen und ihnen wäre auf den Leib getrampelt worden.

So ging es ein ganzes Jahr. Der Kaiser, der Hof und alle anderen Chinesen konnten jeden Gluckser in des Kunstvogels Gesang auswendig. Aber gerade deshalb gefiel er ihnen jetzt am allerbesten: sie konnten selbst mitsingen, und das taten sie auch. Die Straßenbuben sangen: „Zizizi! Gluckgluckgluck!“ und der Kaiser sang es ebenfalls. Ja, das war gewiss prächtig!

Eines Abends jedoch, als der Kunstvogel am besten sang und der Kaiser im Bett lag und ihm zuhörte, sagte es im Inneren des Vogels „Schwupp!“. Da sprang etwas! „Schnurrrr!“ – alle Räder liefen herum, und dann stand die Musik still.

Der Kaiser sprang gleich aus dem Bett und ließ seinen Leibarzt rufen; aber was konnte der helfen! Dann ließen sie den Uhrmacher holen, und nach vielem Reden und Nachsehen brachte er den Vogel einigermaßen in Ordnung; aber er sagte, dass man ihn schonen müsse, denn die Zapfen seien abgenutzt, und es sei unmöglich, neue so einzusetzen, dass die Musik sicher liefe. Nun war eine große Trauer! Nur einmal im Jahr durfte man den Kunstvogel singen lassen, und das war schon fast zu viel. Aber dann hielt der Spielmeister eine kleine Rede voller gewichtiger Worte und sagte, es sei ebenso gut wie früher; und dann war es ebenso gut wie früher.

Jetzt waren fünf Jahre vergangen, und das Land bekam eine große Trauer. Die Chinesen hielten im Grunde alle auf ihren Kaiser, und nun war er krank und konnte nicht mehr lange leben, sagte man. Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der Straße und fragte den Kavalier, wie es ihrem alten Kaiser gehe.

„P!“ sagte er und schüttelte den Kopf.

Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen, prächtigen Bett; der ganze Hof glaubte ihn tot, und ein jeder lief hin, um den neuen Kaiser zu begrüßen. Die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu schwatzen, und die Kammermädchen hielten eine große Kaffeegesellschaft. Ringsum in allen Sälen und Gängen war Tuch gelegt, damit man keinen Schritt hörte, und deshalb war es dort still, ganz still! Aber der Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem prächtigen Bett mit den langen Samtvorhängen und den schweren Goldquasten; hoch oben stand ein Fenster offen, und der Mond schien herein auf den Kaiser und den Kunstvogel.

Der arme Kaiser konnte kaum atmen; es war, als ob ihm etwas auf der Brust säße; er schlug die Augen auf, und da sah er, dass es der Tod war, der auf seiner Brust saß und sich seine goldene Krone aufgesetzt hatte und in der einen Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der anderen seine prächtige Fahne hielt. Und rings umher aus den Falten der großen, samtenen Bettvorhänge sahen wunderbare Köpfe hervor: einige hässlich, andere lieblich und mild. Das waren alle bösen und guten Taten des Kaisers, die ihn anblickten, jetzt, da der Tod ihm auf dem Herzen saß.

„Erinnerst du dich daran?“ flüsterte einer nach dem anderen. „Erinnerst du dich dessen?“ Und dann erzählten sie ihm so viel, dass ihm der Schweiß von der Stirn rann.

„Das habe ich nicht gewusst!“ sagte der Kaiser. „Musik! Musik! Die große chinesische Trommel!“ rief er, „damit ich nicht alles hören muss, was sie sagen!“

Und sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was gesagt wurde.

„Musik, Musik!“ schrie der Kaiser. „Du kleiner, herrlicher Goldvogel! Singe doch, singe! Ich habe dir ja Gold und Kostbarkeiten gegeben; ich habe dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt: singe doch, singe!“

Aber der Vogel stand still; es war niemand da, ihn aufzuziehen, und von selbst sang er nicht; und der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen großen, hohlen Augen anzustarren; und still war es, schrecklich still!

Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang: es war die kleine, lebendige Nachtigall, die draußen auf einem Zweig saß. Sie hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war deshalb gekommen, ihm Trost und Hoffnung zu singen. Und wie sie sang, wurden die Gespenster immer bleicher und bleicher; das Blut kam immer rascher und rascher in des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst der Tod lauschte und sagte: „Fahre fort, kleine Nachtigall! Fahre fort!“

„Ja, willst du mir den prächtigen goldenen Säbel geben? Willst du mir die reiche Fahne geben? Willst du mir des Kaisers Krone geben?“

Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang; und die Nachtigall sang immer weiter; sie sang von dem stillen Gottesacker, wo die weißen Rosen wachsen, wo der Flieder duftet und wo das frische Gras von den Tränen der Überlebenden benetzt wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel aus dem Fenster.

„Dank, Dank!“ sagte der Kaiser. „Du himmlischer kleiner Vogel! Ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Land und Reich verjagt! Und doch hast du die bösen Gesichter von meinem Bett weggesungen und den Tod von meinem Herzen fortgeschafft! Wie kann ich dir lohnen?“

„Du hast mich belohnt!“ sagte die Nachtigall. „Ich habe deinen Augen Tränen entlockt, als ich das erste Mal sang: das vergesse ich nie! Das sind Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen! – Aber schlafe nun und werde wieder frisch und stark! Ich werde dir etwas vorsingen!“

Und sie sang – und der Kaiser fiel in einen süßen Schlummer. Ach, wie mild und wohltuend war der Schlaf!

Die Sonne schien durch die Fenster zu ihm herein, als er gestärkt und gesund erwachte. Keiner seiner Diener war noch zurückgekehrt, denn sie glaubten, er sei tot; nur die Nachtigall saß noch bei ihm und sang.

„Immer musst du bei mir bleiben!“ sagte der Kaiser. „Du sollst nun singen, wann immer du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend Stücke.“

„Tu das nicht!“ sagte die Nachtigall. „Der hat ja Gutes getan, solange er konnte! Behalte ihn wie bisher! Ich kann im Schloss mein Nest nicht bauen und bewohnen; aber lass mich kommen, wenn ich selbst Lust habe: da will ich am Abend auf dem Zweig dort beim Fenster sitzen und dir etwas vorsingen, damit du froh werden kannst und nachdenklich zugleich! Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die leiden! Ich werde vom Bösen und vom Guten singen, das rings um dich her verborgen bleibt! Der kleine Singvogel fliegt weit umher, zu dem armen Fischer, zu des Landmanns Dach, zu jedem, der weit von dir und deinem Hof entfernt ist! Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat die Krone einen Duft von etwas Heiligem um sich! – Ich komme, ich singe dir etwas vor! – Aber eines musst du mir versprechen.“

„Alles!“ sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht, die er selbst angelegt hatte, und drückte den Säbel, der schwer von Gold war, an sein Herz.

„Um eines bitte ich dich! Erzähle niemandem, dass du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt; dann wird es noch besser gehen!“

Da flog die Nachtigall fort.

Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen – ja, da standen sie, und der Kaiser sagte: „Guten Morgen!“