
Schneewittchen
8 Min. Lesezeit6–12 Jahre
Eine eifersüchtige Königin versucht, ihre wunderschöne Stieftochter Schneewittchen zu töten, doch das Mädchen findet Zuflucht bei sieben freundlichen Zwergen im Wald. Nach mehreren tückischen Angriffen fällt Schneewittchen schließlich durch einen vergifteten Apfel in einen todähnlichen Schlaf, bis ein Königssohn sie findet, das giftige Apfelstück sich löst und sie erwacht – woraufhin die beiden glücklich heiraten.
Es war einmal, mitten im Winter, als die Schneeflocken wie Federn vom Himmel fielen. Eine Königin saß an einem Fenster mit einem Rahmen aus schwarzem Ebenholz und nähte. Dabei sah sie hinaus in den Schnee, und plötzlich stach sie sich mit der Nadel in den Finger. Drei Tropfen Blut fielen hinab und leuchteten rot auf dem weißen Schnee. Das sah so schön aus, dass die Königin dachte: „Hätte ich doch ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie das Holz an diesem Rahmen.“
Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, genau so, wie sie es sich gewünscht hatte, und nannte es Schneewittchen. Doch als das Kind geboren war, starb die Königin.
Nach einem Jahr heiratete der König eine andere Frau. Sie war schön, aber stolz, und sie konnte es nicht ertragen, dass jemand schöner sein könnte als sie selbst. Sie besaß einen wunderbaren Spiegel, und wenn sie vor ihn trat, fragte sie:
„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“
Und der Spiegel antwortete stets:
„Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.“
Da war sie zufrieden, denn der Spiegel sagte nur die Wahrheit.
Schneewittchen aber wuchs heran und wurde von Jahr zu Jahr schöner. Als es sieben Jahre alt war, war es schöner als der klare Tag – und schöner als die Königin. Als diese den Spiegel wieder fragte, antwortete er:
„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, doch Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“
Da erschrak die Königin und wurde blass vor Neid. Von dem Tag an konnte sie Schneewittchen nicht mehr ansehen, ohne dass sich ihr Herz vor Bitterkeit zusammenzog. Der Neid wuchs und wuchs in ihr, bis sie beschloss, dass das Mädchen fort müsse. Sie rief einen Jäger und befahl ihm, das Kind in den Wald zu bringen und es dort zu töten.
Der Jäger führte Schneewittchen hinaus, doch als er sah, wie es weinte und um sein Leben bat, hatte er Mitleid. „So lauf hin, du armes Kind“, sagte er, und ließ es frei, wenn auch mit schwerem Herzen, denn er wusste nicht, ob es im Wald überleben würde. Der Königin aber berichtete er, ihr Auftrag sei ausgeführt, und sie glaubte ihm.
Schneewittchen aber war nun ganz allein im großen, dunklen Wald. Es lief den ganzen Tag, über spitze Steine und durch Dornen, und die wilden Tiere sprangen an ihm vorbei, ohne ihm etwas zu tun. Erst als der Abend kam, fand es ein kleines Häuschen und ging hinein, um sich auszuruhen. Drinnen war alles winzig, aber ordentlich und sauber: ein Tischlein mit sieben kleinen Tellern, sieben kleinen Löffeln, Messern und Bechern, und an der Wand sieben Bettchen mit schneeweißen Laken.
Weil es so hungrig war, nahm Schneewittchen von jedem Teller ein wenig, und aus jedem Becher einen Schluck, damit es keinem alles wegnähme. Dann probierte es die Betten, bis es das siebte fand, das gerade passte. Darin schlief es ein.
Als es Nacht geworden war, kamen die Herren des Häuschens heim – sieben kleine Zwerge, die tagsüber in den Bergen nach Erz und Gold gruben. Sie merkten sogleich, dass jemand da gewesen war, und riefen der Reihe nach: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“ – „Wer hat aus meinem Becherlein getrunken?“ – bis der siebte in sein Bett schaute und dort Schneewittchen schlafend fand. Alle kamen herbeigelaufen und staunten, wie schön das Kind war. Sie ließen es schlafen, und der siebte Zwerg verbrachte die Nacht bei seinen Gesellen, eine Stunde bei jedem.
Am Morgen erschrak Schneewittchen, als es die sieben Zwerge sah, doch sie waren freundlich und fragten nach seiner Geschichte. Als sie hörten, wie die böse Stiefmutter es hatte umbringen lassen wollen, sprachen sie: „Bleib bei uns. Wenn du für uns kochst, wäschst und das Haus in Ordnung hältst, soll es dir an nichts fehlen.“ Schneewittchen war froh und blieb. Doch die Zwerge warnten es: „Hüte dich vor deiner Stiefmutter. Lass niemanden herein, solange wir fort sind.“
Die Königin aber, überzeugt, Schneewittchen sei tot, fragte wieder ihren Spiegel – und erfuhr, dass das Mädchen noch lebte, weit weg über den Bergen, bei den sieben Zwergen, und schöner denn je. Voller Zorn verkleidete sie sich als alte Krämerin und wanderte zum Zwergenhaus. Sie bot Schneewittchen bunte Schnürriemen an, und das Mädchen, ahnungslos, ließ die Alte hinein. Doch als die Fremde es schnürte, tat sie es so fest, dass Schneewittchen die Luft wegblieb und es besinnungslos niedersank.
Als die Zwerge heimkamen und es so fanden, schnitten sie schnell die Schnur durch, und Schneewittchen atmete wieder. „Das war deine Stiefmutter“, sagten sie besorgt. „Lass wirklich niemanden mehr herein.“
Doch die Königin gab nicht auf. Beim Spiegel erfuhr sie, dass Schneewittchen noch lebte, und machte nun einen vergifteten Kamm. Wieder verkleidet, kam sie zum Häuschen. Diesmal wollte Schneewittchen sie nicht einlassen, aber die Alte hielt den schönen Kamm so verlockend hoch, dass das Mädchen die Tür doch öffnete. Kaum steckte die Fremde ihm den Kamm ins Haar, fiel Schneewittchen wie tot zu Boden. Zum Glück fanden die Zwerge am Abend den giftigen Kamm sofort und zogen ihn heraus, und Schneewittchen erwachte wieder.
Zum dritten Mal befragte die Königin ihren Spiegel, und zum dritten Mal hörte sie, dass Schneewittchen noch am Leben und schöner war als sie. Da bebte sie vor Zorn und rief: „Schneewittchen soll sterben, koste es, was es will!“ In einer verborgenen Kammer bereitete sie einen Apfel: außen weiß mit roten Backen, so schön, dass jedem der Mund wässrig wurde – doch ein Biss davon brachte den Tod.
Als Bäuerin verkleidet, kam sie wieder zum Häuschen. Schneewittchen, gewarnt, wollte sie zunächst nicht einlassen. Doch die Alte schnitt den Apfel in zwei Hälften, aß selbst von der weißen Seite und reichte dem Mädchen die rote. Schneewittchen, verlockt von dem schönen Apfel und beruhigt, weil die Frau selbst davon aß, konnte nicht widerstehen und biss hinein. Kaum hatte es geschluckt, fiel es tot zu Boden.
Die Königin lachte grausam und eilte heim. Als sie den Spiegel fragte, hörte sie endlich wieder: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.“ Da war ihr neidisches Herz zur Ruhe gekommen – so gut ein solches Herz je zur Ruhe kommen kann.
Die Zwerge fanden Schneewittchen abends leblos am Boden. Sie versuchten alles, um es zu wecken, wuschen es, kämmten es, doch nichts half. Drei Tage lang saßen sie weinend bei ihm. Doch weil es noch so aussah, als schliefe es nur, mit den roten Backen wie im Leben, konnten sie es nicht in die Erde legen. Sie ließen einen Sarg aus klarem Glas fertigen, schrieben Schneewittchens Namen mit goldenen Buchstaben darauf und trugen ihn hinauf auf den Berg. Immer blieb einer der Zwerge zur Wache dabei, und selbst die Tiere des Waldes kamen und trauerten – eine Eule, ein Rabe, und zuletzt ein kleines Täubchen.
So lag Schneewittchen lange, lange Zeit im Glassarg, ohne zu altern, weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarzhaarig wie Ebenholz.
Eines Tages kam ein Königssohn durch den Wald und fand den Sarg auf dem Berg. Als er das schlafende Mädchen sah, konnte er sich nicht abwenden. „Lasst mir den Sarg“, bat er die Zwerge, „ich will Schneewittchen ehren wie mein Liebstes.“ Die Zwerge, die sein aufrichtiges Herz sahen, hatten Mitleid und ließen ihn den Sarg mitnehmen.
Als seine Diener den Sarg über einen Strauch trugen und dabei stolperten, wurde er kräftig erschüttert – und das giftige Apfelstück, das Schneewittchen im Hals stecken geblieben war, sprang heraus. Im nächsten Augenblick öffnete Schneewittchen die Augen, setzte sich auf und war wieder lebendig.
„Wo bin ich?“, fragte es erstaunt. „Bei mir“, antwortete der Königssohn voller Freude, und erzählte ihm alles. „Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt. Komm mit mir, du sollst meine Frau werden.“ Schneewittchen war ihm gut, und sie zogen zusammen ins Schloss, wo eine große und prächtige Hochzeit gefeiert wurde.
Zu diesem Fest wurde auch Schneewittchens Stiefmutter eingeladen. Bevor sie aufbrach, fragte sie noch einmal ihren Spiegel, wer die Schönste im Land sei – und diesmal antwortete er: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, doch die junge Königin ist tausendmal schöner als Ihr.“
Vor Schreck und bösem Gewissen wollte sie zunächst gar nicht zur Hochzeit gehen. Doch die Neugier ließ ihr keine Ruhe, und schließlich musste sie doch kommen, um die junge Königin mit eigenen Augen zu sehen. Als sie eintrat und erkannte, dass es Schneewittchen war, erstarrte sie vor Schreck.
Für ihre Bosheit aber wurde sie an diesem Tag zuschanden: Ihre Schlechtigkeit lag nun vor aller Augen offen, und voller Scham floh sie aus dem Saal und kehrte nie wieder zurück. Nie mehr sollte sie Schneewittchen ein Leid antun.
Schneewittchen und der Königssohn aber lebten glücklich zusammen, und die sieben Zwerge blieben ihnen ihr Leben lang gute Freunde.