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Hänsel und Gretel

Hänsel und Gretel

Brüder Grimm

6 Min. Lesezeit6–12 Jahre

Ein armer Holzhacker und seine Frau bringen ihre beiden Kinder Hänsel und Gretel aus Hunger tief in den Wald, doch der findige Hänsel markiert den Weg mit glänzenden Kieselsteinen und führt seine Schwester sicher nach Hause – beim zweiten Mal aber verlaufen sich die Geschwister und geraten an ein wundersames Haus aus Brot und Kuchen, das einer bösen Hexe gehört, die Hänsel einsperrt, um ihn zu verspeisen. Mit Mut und Verstand gelingt es Gretel, die Hexe zu überlisten und in ihren eigenen Ofen zu treiben, worauf die Geschwister den verborgenen Schatz des Hauses entdecken und nach langer Reise ihren trauernden Vater wiederfinden.

Behutsame FassungOriginalfassung

Vor einem großen Wald wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Der Junge hieß Hänsel, das Mädchen Gretel. Es war eine schwere Zeit im Land, eine große Hungersnot, und der Vater konnte kaum noch Brot für seine Familie beschaffen.

Eines Abends, als die Kinder schon schlafen sollten, lag der Vater wach und sorgte sich. „Was soll aus uns werden?“, seufzte er zu seiner Frau. „Wie sollen wir die Kinder ernähren, wenn wir selbst kaum genug haben?“

Die Frau antwortete: „Weißt du was? Morgen früh bringen wir die Kinder tief in den Wald. Wir machen ihnen ein Feuer, geben ihnen ein Stück Brot – und lassen sie dort. Sie finden den Weg nicht zurück, und wir haben eine Sorge weniger.“

„Nein“, sagte der Vater, „das kann ich nicht tun. Wie sollte ich meine Kinder allein im Wald lassen?“ Aber die Frau ließ ihm keine Ruhe, bis er, mit schwerem Herzen, einwilligte.

Hänsel und Gretel aber hatten vor Hunger nicht schlafen können und hörten jedes Wort. Gretel weinte leise. „Still, Gretel“, flüsterte Hänsel, „gräme dich nicht. Ich werde uns schon helfen.“ Als die Eltern eingeschlafen waren, schlich er hinaus. Der Mond schien hell, und die weißen Kieselsteine vor dem Haus glänzten wie Silber. Hänsel füllte seine Taschen damit und legte sich wieder still ins Bett. „Schlaf ruhig, liebes Schwesterchen“, sagte er. „Gott wird uns nicht verlassen.“

Am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, weckte die Mutter die Kinder, gab jedem ein Stück Brot und führte sie tief in den Wald hinein. Immer wieder blieb Hänsel zurück und schaute zum Haus. „Was schaust du da?“, fragte der Vater. „Ich sehe nach meinem weißen Kätzchen auf dem Dach“, sagte Hänsel – doch heimlich ließ er einen Kieselstein nach dem anderen auf den Weg fallen.

Mitten im Wald machte der Vater ein Feuer und sagte: „Ruht euch aus, wir gehen Holz schlagen und holen euch später ab.“ Die Kinder warteten, aßen ihr Brot, und als es Abend wurde und niemand kam, weinte Gretel. „Warte nur, bis der Mond aufgeht“, tröstete Hänsel. Und im Mondlicht schimmerten die Kieselsteine wie kleine Lichter und zeigten ihnen den Weg heim.

Doch die Not blieb, und nicht lange danach hörten die Kinder die Mutter wieder sprechen: „Die Kinder müssen fort, tiefer noch als das letzte Mal, damit sie den Weg nicht zurückfinden.“ Hänsel wollte wieder Steine sammeln, aber die Tür war verschlossen. So nahm er sein Stück Brot mit und zerbröckelte es auf dem Weg, Krümel für Krümel, um sich den Rückweg zu markieren.

Wieder ließ man die Kinder am Feuer zurück, wieder kam niemand, und als der Mond aufging und Hänsel nach seinen Brotkrümeln suchte, waren sie verschwunden – die Vögel des Waldes hatten sie längst aufgepickt. Nun fanden Hänsel und Gretel den Weg nicht mehr. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag, hungrig und müde, bis sie sich schließlich unter einem Baum zum Schlafen niederlegten.

Am dritten Morgen sahen sie ein schönes weißes Vöglein, das so schön sang, dass sie ihm folgten. Es führte sie zu einem kleinen Haus – gebaut aus Brot, gedeckt mit Kuchen, mit Fenstern aus hellem Zucker. „Das wollen wir uns schmecken lassen“, sagte Hänsel und brach sich ein Stück vom Dach, während Gretel an einer Fensterscheibe knabberte.

Da rief eine feine Stimme aus dem Haus:

„Knusper, knusper, Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“, antworteten die Kinder und aßen weiter. Plötzlich öffnete sich die Tür, und eine alte Frau kam heraus, auf eine Krücke gestützt. „Ei, ihr lieben Kinder“, sagte sie freundlich, „kommt herein, euch soll kein Leid geschehen.“ Sie führte sie hinein, gab ihnen gutes Essen und weiche Betten, und die Kinder meinten, sie wären im Himmel.

Doch die Alte war eine böse Hexe. Sie hatte das Brothäuschen nur gebaut, um Kinder anzulocken, die sie sich zum Essen fangen wollte. Früh am nächsten Morgen packte sie Hänsel und sperrte ihn in einen kleinen Stall. Gretel musste für ihn kochen, damit er fett würde – sie selbst bekam kaum etwas.

Jeden Morgen kam die Hexe und rief: „Hänsel, streck deinen Finger heraus, damit ich fühle, ob du fett genug bist.“ Hänsel aber streckte ihr immer nur ein kleines Knöchelchen entgegen, und weil die Hexe schlecht sah, wunderte sie sich, dass er nicht dicker wurde. Nach vier Wochen wurde sie ungeduldig. „Morgen“, sagte sie zu Gretel, „koche ich ihn, ob fett oder nicht.“

Am nächsten Morgen heizte die Hexe den Backofen und wollte Gretel hineinschicken, um angeblich nachzusehen, ob er heiß genug sei – in Wahrheit wollte sie das Mädchen selbst hineinstoßen. Aber Gretel erkannte die Falle. „Ich weiß nicht, wie ich da hineinkommen soll“, sagte sie unschuldig. „Dumme Gans“, schimpfte die Hexe, „so groß ist die Öffnung doch, sieh her!“ Und sie kroch selbst ein Stück hinein, um es ihr zu zeigen. Da gab Gretel ihr einen kräftigen Stoß, schob sie ganz hinein, schloss die eiserne Tür und schob den Riegel vor. Die böse Hexe war besiegt, und ihr Zauber über die Kinder war gebrochen.

Gretel eilte zu Hänsel, riss die Stalltür auf und rief: „Hänsel, wir sind frei! Die alte Hexe ist tot!“ Da sprang Hänsel heraus, und beide fielen sich vor Freude in die Arme. Im Haus fanden sie Kästen voller Perlen und Edelsteine. „Die sind noch besser als Kieselsteine“, sagte Hänsel und füllte seine Taschen, und Gretel füllte ihr Schürzchen.

Dann machten sie sich auf den Weg. Nach einer Weile kamen sie an ein großes Wasser. „Wir haben keinen Steg und keine Brücke“, sagte Hänsel. Da sahen sie eine weiße Ente schwimmen, und Gretel rief:

„Entchen, Entchen, hier steht Gretel und Hänsel. Kein Steg und keine Brücke, nimm uns auf deinen weißen Rücken.“

Die Ente kam heran und trug die beiden, einen nach dem anderen, sicher über das Wasser. Und je weiter sie gingen, desto vertrauter wurde ihnen der Wald, bis sie endlich das Haus ihres Vaters erblickten. Sie liefen, stürmten hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Er hatte seit jenem Tag keine frohe Stunde mehr gehabt – die Mutter aber war inzwischen gestorben.

Gretel schüttelte ihr Schürzchen aus, und Perlen und Edelsteine sprangen über den Boden, und Hänsel warf noch eine Handvoll nach der anderen dazu. Von nun an hatten alle Sorgen ein Ende, und Vater, Hänsel und Gretel lebten glücklich und in Frieden zusammen.