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Die wilden Schwäne

Die wilden Schwäne

Hans Christian Andersen

11 Min. Lesezeit8–14 Jahre

Elisa wird von ihrer bösen Stiefmutter aus dem Schloss vertrieben und findet am Meer ihre elf Brüder wieder, die durch einen Zauber tagsüber in wilde Schwäne verwandelt sind. Um sie zu erlösen, muss sie elf Panzerhemden aus Brennnesseln flechten und darf kein Wort sprechen, bis die Arbeit vollendet ist.

Behutsame FassungOriginalfassung

Weit von hier, dort, wohin die Schwalben fliegen, wenn bei uns Winter ist, lebte einst ein König, der elf Söhne hatte und eine Tochter namens Elisa. Die elf Brüder waren Prinzen und gingen mit dem Stern auf der Brust und dem Säbel an der Seite zur Schule. Sie schrieben mit Diamantgriffeln auf goldene Tafeln und lernten so leicht, wie sie lasen. Die kleine Elisa saß auf einem Schemel aus Spiegelglas und hatte ein Bilderbuch, das so viel gekostet hatte wie das halbe Königreich. Die Kinder hatten es wunderbar gut – aber das sollte nicht bleiben.

Ihr Vater heiratete eine Königin, die die Kinder nicht liebte. Schon am ersten Tag spürten sie es: Statt Kuchen bekamen sie nur Sand in einer Teetasse und sollten so tun, als sei das etwas Feines. Bald darauf schickte die Königin Elisa aufs Land zu einem Bauernpaar, und sie erzählte dem König so viele Lügen über die Prinzen, dass er sich nicht mehr um sie kümmerte.

»Fliegt hinaus in die Welt und sorgt für euch selbst«, sagte die böse Königin, »fliegt wie große Vögel, ohne Stimme!« Doch so grausam, wie sie es wollte, wurde es nicht: Die Prinzen wurden zu elf herrlichen wilden Schwänen. Mit einem seltsamen Schrei flogen sie aus den Fenstern, über den Park und weit in einen dunklen Wald, der sich bis zum Meer erstreckte. Am Morgen zogen sie über das Haus, in dem Elisa schlief, drehten die Hälse und schlugen mit den Flügeln – aber niemand hörte oder sah es.

Elisa wusste nichts von alldem. Sie spielte mit einem grünen Blatt, ihr einziges Spielzeug, stach ein Loch hindurch und sah zur Sonne hinauf, als könnte sie darin die klaren Augen ihrer Brüder erkennen. Der Wind flüsterte den Rosen im Garten zu: »Wer ist schöner als ihr?« Und die Rosen antworteten: »Elisa ist es.« So war es die reine Wahrheit.

Als Elisa fünfzehn wurde, holte man sie zurück ins Schloss. Und als die Königin sah, wie schön sie geworden war, wurde sie ihr böse gesinnt. Am liebsten hätte sie auch Elisa in einen Schwan verwandelt, doch das wagte sie nicht, weil der König seine Tochter sehen wollte. Also nahm sie drei Kröten, küsste sie und flüsterte ihnen böse Wünsche zu, dann setzte sie sie ins Badewasser, in dem Elisa sich waschen sollte. Doch Elisa war zu unschuldig, als dass der Zauber ihr etwas anhaben konnte: Wo die Kröten sie berührten, verwandelten sie sich in rote Blumen auf dem Wasser. Da rieb die Königin Elisas Haut mit Walnusssaft braun, beschmierte ihr Gesicht mit stinkender Salbe und verwirrte ihr das Haar, bis niemand die schöne Elisa wiedererkannte – nicht einmal ihr Vater, der erschrak und sagte, das sei nicht seine Tochter. Nur der Hofhund und die Schwalben kannten sie noch, aber die konnten nichts sagen.

Da weinte Elisa und dachte an ihre elf Brüder, die alle fort waren. Sie schlich aus dem Schloss und wanderte den ganzen Tag über Feld und Moor, tief in den Wald hinein, ohne zu wissen wohin – nur fort, den Brüdern nach. Als die Nacht kam, legte sie sich ins weiche Moos, betete ihr Abendgebet, und um sie herum leuchteten Hunderte von Glühwürmchen wie kleine grüne Sterne. Sie träumte von ihren Brüdern, wie sie einst gemeinsam gespielt hatten.

Am Morgen fand sie einen klaren Waldsee, wusch sich das braune von Gesicht und Händen und war wieder die schöne Elisa. Sie wanderte weiter, aß von den wilden Waldäpfeln, die Gott ihr zeigte, und kam schließlich in den dunkelsten, stillsten Teil des Waldes, wo kein Vogel sang. In dieser Nacht war ihr, als öffnete sich der Himmel über ihr und liebe Augen blickten auf sie herab.

Am nächsten Tag traf sie eine alte Frau mit einem Beerenkorb. Elisa fragte, ob sie elf Prinzen gesehen habe. »Nein«, sagte die Alte, »aber gestern sah ich elf Schwäne mit goldenen Kronen den Fluss hier hinabschwimmen.« Sie führte Elisa zum Fluss, und Elisa folgte ihm bis zum offenen Meer.

Dort, am Strand, sammelte sie elf weiße Schwanenfedern, die angespült worden waren, und band sie zu einem Strauß. Sie dachte: Wie das Wasser selbst harte Steine glättet, so will auch ich nicht müde werden zu suchen. Als die Sonne untergehen wollte, sah sie elf wilde Schwäne mit Goldkronen dem Land zufliegen. Sie ließen sich nieder, und kaum war die Sonne verschwunden, fielen die Federn ab – elf schöne Prinzen standen da, ihre Brüder! Elisa lief in ihre Arme, und alle weinten und lachten zugleich.

»Wir sind Schwäne, solange die Sonne scheint«, erklärte der älteste Bruder, »und Menschen erst, wenn sie untergegangen ist. Darum müssen wir bei Sonnenuntergang immer festen Boden unter den Füßen haben. Weit von hier, jenseits des Meeres, liegt unser neues Land. Der Weg führt über eine einzige kleine Felsklippe mitten im Wasser, wo wir gerade Platz zum Übernachten finden. Einmal im Jahr fliegen wir hierher, elf Tage lang, um unser Vaterland wiederzusehen – und nun haben wir dich gefunden, liebe Schwester. Doch bald müssen wir wieder fort, und wir haben kein Schiff, um dich mitzunehmen.«

»Wie kann ich euch erlösen?«, fragte Elisa. Sie sprachen die halbe Nacht, und schließlich sagten die Brüder: »Wir flechten ein Netz aus Weidenrinde und Schilf, darauf sollst du liegen, und wir tragen dich über das Meer.« Elisa willigte ein.

So geschah es. In der Nacht flochten die Brüder ein starkes Netz, und am Morgen, wieder Schwäne, trugen sie Elisa hoch über das Meer, während sie noch schlief. Der jüngste Bruder flog über ihrem Kopf, um sie mit seinen Flügeln vor der Sonne zu schützen. Tief unter ihnen zogen Wolkenbilder vorüber – Berge, Schlösser, Kirchtürme – Trugbilder des Meeres, die kamen und wieder vergingen.

Gegen Abend zog ein schweres Gewitter auf, und die Sonne sank schnell. Elisa fürchtete, die Klippe nicht rechtzeitig zu erreichen. Doch im letzten Licht berührte ihr Fuß den festen Stein, gerade als die Sonne verschwand. Die ganze Nacht standen Bruder und Schwester eng zusammengedrängt auf dem winzigen Felsen, während das Meer über sie hinwegschlug und der Donner rollte; doch sie hielten sich an den Händen und sangen leise, bis der Morgen kam.

Am nächsten Tag flogen sie weiter und erreichten endlich das ferne, schöne Land mit blauen Bergen und Zedernwäldern. Dort, vor einer grün bewachsenen Höhle, ließen die Brüder Elisa zum Schlafen.

»Möge der Himmel mir zeigen, wie ich euch erlösen kann«, betete sie, und im Schlaf träumte sie von der guten Fee, die ihr im Wald begegnet war.

»Deine Brüder können erlöst werden«, sagte die Fee im Traum, »aber hast du Mut? Siehst du diese Brennnessel? Solche wachsen bei deiner Höhle und auf dem Friedhof. Du musst sie pflücken, so sehr sie deine Hände auch brennen, sie mit den Füßen zu Flachs zertreten und daraus elf Panzerhemden flechten. Wirf sie über die Schwäne, dann ist der Zauber gebrochen. Aber vom ersten Augenblick, in dem du diese Arbeit beginnst, bis sie vollendet ist, darfst du kein Wort sprechen – auch wenn Jahre vergehen. Das erste Wort träfe die Herzen deiner Brüder wie ein Dolch.«

Elisa erwachte, und neben ihr lag wirklich eine Brennnessel. Sie dankte Gott und begann sofort ihre Arbeit. Die Nesseln brannten ihre Hände, dass Blasen entstanden, aber sie ertrug es gern. Als die Brüder abends kamen und die brennenden Wunden sahen, weinte der jüngste, und wo seine Tränen fielen, verschwand der Schmerz.

So arbeitete sie Tag und Nacht, schweigend, und ein Panzerhemd nach dem anderen wurde fertig. Da hörte sie eines Tages ein Jagdhorn: Der König des Landes war mit seinen Jägern nahe. Er fand Elisa in der Höhle, und obwohl sie kein Wort sprach, verliebte er sich sogleich in sie. »Komm mit mir«, sagte er, »ich mache dich zur Königin.« Er hob sie aufs Pferd, und Elisa, obwohl sie weinte und die Hände rang, konnte nichts sagen, um ihre Erlösungsarbeit zu erklären.

Im Schloss ließ er sie prächtig kleiden, und obwohl der Erzbischof misstrauisch war und flüsterte, dieses schweigende Waldmädchen sei gewiss eine Hexe, ließ der König sich nicht davon abbringen. Als Elisa in ihrer Kammer die Nesselarbeit und das fertige Panzerhemd wiedersah, die der König ihr eigens dorthin hatte bringen lassen, lächelte sie zum ersten Mal – denn nun wusste sie, dass sie ihre Arbeit fortsetzen konnte. Sie küsste ihm die Hand, und noch am selben Tag wurde Hochzeit gefeiert. Das schweigende Mädchen aus dem Wald wurde Königin.

Nachts aber, wenn alle schliefen, schlich Elisa zu ihrer geheimen Kammer und arbeitete weiter an den Panzerhemden. Doch bald ging ihr der Flachs aus, und sie musste noch einmal zum Friedhof, wo die richtigen Nesseln wuchsen. In der Nacht sah sie dort schaurige Gestalten, die zwischen den Gräbern ihr Unwesen trieben; Elisa fürchtete sich sehr, betete aber leise, sammelte rasch, was sie brauchte, und eilte zurück ins Schloss.

Doch der Erzbischof, der wach lag, hatte sie gesehen. Er erzählte dem König, was er beobachtet hatte, und deutete es als Beweis ihrer Hexerei. Von nun an folgte der König ihr heimlich und sah, wie sie jede Nacht verschwand. Sein Herz wurde schwer von Zweifeln, doch er sagte nichts.

Elisa spürte, wie sein Blick sich veränderte, doch sie konnte ihm nichts erklären. Ihre Arbeit war fast vollendet – nur ein Panzerhemd fehlte noch, und der Flachs war zu Ende. Ein letztes Mal musste sie zum Friedhof. Diesmal folgten ihr König und Erzbischof und sahen sie zwischen den Gräbern. Der König wandte sich ab, das Herz voller Trauer und Zweifel, und sagte: »Das Volk soll über sie richten.« Und das Volk verurteilte sie zum Tod durch das Feuer.

Man sperrte Elisa in ein dunkles, feuchtes Verlies und nahm ihr die prächtigen Kleider; doch das Nesselbündel und die Panzerhemden ließ man ihr, und nichts hätte sie lieber gehabt, denn so konnte sie weiterarbeiten. Draußen sangen böse Kinder Spottlieder, aber niemand tröstete sie – bis eines Abends Flügel am Gitter rauschten: Der jüngste Bruder hatte sie gefunden! Elisa weinte vor Freude, obwohl sie wusste, dass die kommende Nacht vielleicht ihre letzte war. Kleine Mäuse trugen ihr sogar Nesseln zu Füßen, und eine Drossel sang die ganze Nacht, um ihr Mut zu machen.

Vor Sonnenaufgang standen die elf Brüder am Schlosstor und verlangten, zum König geführt zu werden, doch man wies sie ab. Als die Sonne aufging, waren sie wieder Schwäne und flogen über das Schloss davon.

Am Morgen fuhr ein Karren durch die Straßen, auf ihm saß Elisa in grobem Sacktuch, das Haar aufgelöst, doch ihre Finger arbeiteten unbeirrt weiter am letzten Panzerhemd. Das Volk verhöhnte sie und drängte heran, um ihr die Arbeit aus den Händen zu reißen. Da kamen elf wilde Schwäne herabgeflogen und setzten sich rings um den Karren, schlugen mit den großen Flügeln, und die Menge wich erschrocken zurück.

Als der Henker sie bei der Hand nahm, warf Elisa hastig die elf Panzerhemden über die Schwäne – und sogleich standen elf schöne Prinzen da. Nur der jüngste Bruder hatte statt eines Armes noch einen Schwanenflügel, denn seinem Hemd fehlte der eine Ärmel, den Elisa nicht mehr hatte fertigstricken können.

»Nun darf ich sprechen«, rief Elisa. »Ich bin unschuldig!«

Und das Volk neigte sich vor ihr, während der älteste Bruder alles erklärte, was geschehen war. Während er sprach, schlugen die Holzscheite des Scheiterhaufens Wurzeln und trieben Zweige, bis eine duftende Hecke voller roter Rosen dastand, und ganz oben leuchtete eine weiße Blüte wie ein Stern. Der König pflückte sie und steckte sie Elisa an die Brust. Da öffnete sie die Augen, erfüllt von Frieden und Glück.

Alle Kirchenglocken läuteten von selbst, die Vögel kamen in großen Schwärmen, und ein Hochzeitszug, schöner als je einer gesehen worden war, zog zurück zum Schloss – Elisa an der Seite ihres Königs, umgeben von ihren elf Brüdern, endlich alle beisammen.