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Ein junges Mädchen sitzt barfuß auf Klippen am Meer und flicht in der Abenddämmerung grüne Nesseln, während über ihr weiße Schwäne fliegen.

Die wilden Schwäne

Hans Christian Andersen

15 Min. Lesezeitab 7 Jahren

Eine böse Königin verwandelt Elisas elf Brüder in wilde Schwäne, und im Traum nennt ihr eine Fee den einzigen Weg: elf Hemden aus Nesseln flechten und dabei kein Wort sprechen. Auf dem Weg zum Scheiterhaufen wirft Elisa die Hemden über die Schwäne, elf Prinzen stehen da, und das Volk neigt sich vor ihr.


Weit von hier, dort, wohin die Schwalben fliegen, wenn bei uns der Winter kommt, lebte ein König. Er hatte elf Söhne und eine Tochter, die hieß Elisa.

Die Brüder waren Prinzen und schrieben in der Schule mit Diamantgriffeln auf Goldtafeln. Elisa hatte ein Bilderbuch, das ein halbes Königreich gekostet hatte.

Den Kindern ging es gut. Aber es sollte nicht so bleiben.

Ihr Vater heiratete eine neue Königin, und die konnte die Kinder nicht leiden. Schon am ersten Tag bekamen sie statt Kuchen und Bratäpfeln Sand in einer Teetasse.

In der Woche darauf brachte die Königin die kleine Elisa zu einem Bauernpaar aufs Land. Und beim König redete sie so lange schlecht über die Prinzen, bis er sich nicht mehr um sie kümmerte.

„Fliegt hinaus in die Welt und ernährt euch selbst“, sagte sie zu den Brüdern. „Fliegt wie die großen Vögel, die keine Stimme haben.“

So schlimm, wie sie es gern gemacht hätte, konnte sie es nicht machen. Aus den Brüdern wurden elf herrliche wilde Schwäne. Mit einem seltsamen Schrei flogen sie aus den Schlossfenstern und in den Wald hinein.

Zwei junge Männer mit großen weißen Flügeln am Rücken springen aus den hohen Fenstern eines goldenen Schlosses, vor ihnen fliegen schon Schwäne davon.

Früh am Morgen kamen sie über das Haus, in dem Elisa schlief, schwebten über dem Dach und schlugen mit den Flügeln. Niemand hörte es, niemand sah es. Dann zogen sie weiter zu einem dunklen Wald am Meer.

Elisa spielte in der Bauernstube mit einem grünen Blatt. Sie stach ein Loch hinein und sah hindurch zur Sonne hinauf, und dann war ihr, als blicke sie in die Augen ihrer Brüder.

Als Elisa fünfzehn war, sollte sie nach Hause kommen. Und als die Königin sah, wie schön sie war, wurde sie ihr böse. Am liebsten hätte sie auch Elisa verwandelt, doch der König wollte seine Tochter sehen.

Früh am Morgen ging die Königin in das Marmorbad. Sie nahm drei Kröten, küsste sie und sprach zur ersten: „Setz dich auf Elisas Kopf, damit sie so dumm wird wie du.“

„Und du auf ihre Stirn“, sagte sie zur zweiten, „damit sie hässlich wird und ihr Vater sie nicht erkennt.“

„Und du ruh an ihrem Herzen“, flüsterte sie der dritten zu. „Gib ihr einen bösen Sinn, damit sie daran leidet.“

Dann setzte sie die Kröten in das klare Wasser, das sofort grün wurde, und rief Elisa herein. Als das Mädchen untertauchte, setzten sich die Kröten in ihr Haar, auf ihre Stirn und an ihr Herz.

Elisa schien nichts davon zu merken. Und als sie sich aufrichtete, schwammen drei rote Mohnblumen auf dem Wasser. Sie war zu rein, als dass die Zauberei Macht über sie gehabt hätte.

Da rieb die Königin sie mit Walnusssaft ein, bis sie ganz braun war, bestrich ihr das Gesicht mit einer stinkenden Salbe und verwirrte ihr das Haar. Nun war Elisa nicht wiederzuerkennen.

Der Vater erschrak und sagte, das sei nicht seine Tochter. Niemand wollte sie kennen außer dem Kettenhund und den Schwalben, und die hatten nichts zu sagen.

Da weinte Elisa und dachte an ihre elf Brüder. Traurig stahl sie sich aus dem Schloss und ging über Felder und Moore bis in den großen Wald hinein.

Als die Nacht kam, legte sie sich ins Moos. Ringsum leuchteten Hunderte von Glühwürmchen, und die ganze Nacht träumte sie von ihren Brüdern.

Am Morgen fand sie einen klaren See. Als Elisa ihr Gesicht darin erblickte, erschrak sie, so braun und fremd war es. Doch als sie Stirn und Augen mit Wasser rieb, kam die weiße Haut wieder zum Vorschein.

Sie badete, flocht ihr langes Haar und ging tiefer in den Wald, wo kein Sonnenstrahl bis zu ihr herunterkam. So einsam war sie noch nie gewesen.

Am nächsten Morgen traf sie eine alte Frau mit einem Korb voller Beeren und fragte sie, ob sie nicht elf Prinzen durch den Wald habe reiten sehen.

„Nein“, sagte die Alte, „aber gestern sah ich elf Schwäne mit Goldkronen auf den Köpfen den Fluss hier in der Nähe hinabschwimmen.“

Sie führte Elisa zu einem Flüsschen, und Elisa ging am Wasser entlang bis hinaus an den offenen Strand.

Das weite Meer lag vor ihr, aber kein Segel war zu sehen. Sie betrachtete die Steine am Ufer, die das Wasser rund geschliffen hatte.

„Das Wasser rollt und rollt, und das Harte wird glatt“, sagte sie. „So unermüdlich will ich auch sein.“

Als die Sonne sinken wollte, kamen elf wilde Schwäne mit Goldkronen dem Land zugeflogen, einer hinter dem anderen wie ein langes weißes Band, und Elisa verbarg sich hinter einem Busch.

Sobald die Sonne unter dem Wasser war, fielen die Federkleider zu Boden, und elf schöne Prinzen standen da: Elisas Brüder. Sie schrie laut auf, denn sie erkannte sie sofort.

Sie sprang ihnen in die Arme und rief sie bei ihren Namen, und die Brüder lachten und weinten vor Glück.

Ein blondes Mädchen läuft barfuß über nasse Felsen am Meer, eine Reihe junger Männer streckt ihr die Arme entgegen, hinter ihnen dämmert der Abend.

„Wir fliegen als wilde Schwäne, solange die Sonne am Himmel steht“, sagte der Älteste. „Geht sie unter, werden wir wieder Menschen. Darum müssen wir zum Sonnenuntergang festen Boden unter den Füßen haben, sonst stürzen wir als Menschen in die Tiefe.“

„Jenseits des Meeres leben wir, und auf dem Weg dorthin gibt es keine Insel. Nur eine kleine Klippe ragt aus dem Wasser, gerade groß genug für uns elf.“

„Nur einmal im Jahr dürfen wir die Heimat besuchen, und zwei Tage haben wir noch. Aber wie bringen wir dich mit? Wir haben weder Schiff noch Boot.“

„Wie kann ich euch erlösen?“, fragte Elisa. Und sie sprachen fast die ganze Nacht miteinander.

Am Morgen flogen die Brüder als Schwäne davon, nur der Jüngste blieb zurück. Er legte den Kopf in ihren Schoß, und sie streichelte seine Flügel.

Am Abend kamen die anderen zurück. „Morgen fliegen wir fort und kommen ein ganzes Jahr lang nicht wieder“, sagten sie. „Aber so können wir dich nicht zurücklassen. Hast du den Mut mitzukommen?“

„Ja, nehmt mich mit“, sagte Elisa.

Die ganze Nacht flochten sie aus Weidenrinde und Schilf ein Netz, groß und fest. Als die Brüder bei Sonnenaufgang wieder Schwäne wurden, fassten sie es mit den Schnäbeln und trugen die schlafende Schwester hoch zu den Wolken.

Weiße Schwäne ziehen in langer Reihe tief über das offene Meer und halten in den Schnäbeln ein geflochtenes Netz, in dem ein Mädchen schlafend liegt.

Weil ihr die Sonne ins Gesicht schien, flog einer über ihr und beschattete sie. Der jüngste Bruder hatte ihr Beeren und süße Wurzeln hingelegt.

Den ganzen Tag flogen sie dahin, aber langsamer als sonst, denn nun trugen sie die Schwester. Ein Unwetter zog auf, und noch immer war die Klippe nicht zu erkennen.

Ging die Sonne unter, so mussten sie ins Meer stürzen. Die schwarze Wolke kam näher, Blitz folgte auf Blitz.

Schon stand die Sonne am Rand des Meeres. Da schossen die Schwäne hinab, so schnell, dass Elisa zu fallen glaubte, und unter ihnen lag die Klippe, nicht größer als ein Seehund im Wasser.

Im letzten Licht berührte ihr Fuß den festen Grund, und Arm in Arm standen die Brüder um sie her. Mehr Platz war auf dem Stein nicht.

Die See schlug über sie hin, der Himmel brannte, und der Donner rollte. Aber die Geschwister hielten einander an den Händen und sangen, und davon bekamen sie Mut.

Junge Männer stehen Arm in Arm dicht um ein Mädchen auf einem winzigen Felsen, Wellen schlagen über sie, Blitze zucken durch schwarze Wolken.

Im Morgengrauen flogen die Schwäne weiter, und später sah Elisa ein Gebirge in der Luft schwimmen, mit glänzendem Eis auf den Felsen und einem meilenlangen Schloss darauf.

Sie fragte, ob das ihr Land sei, aber die Schwäne schüttelten die Köpfe.

Was sie sah, war das Wolkenschloss der Fata Morgana, und dorthin durften sie keinen Menschen bringen. Elisa starrte es an, da stürzte alles zusammen, und zwanzig stolze Kirchen standen da. Kaum war sie ihnen nahe, wurden sie zu einer Flotte, und als sie hinabsah, waren es nur Nebel über dem Wasser.

So ging es ohne Ende, bis Elisa endlich das wirkliche Land erblickte: blaue Berge, Städte und Schlösser. Vor Sonnenuntergang saß sie vor einer Höhle voller grüner Ranken.

„Nun wollen wir sehen, was du heute Nacht träumst“, sagte der jüngste Bruder und zeigte ihr ihre Schlafkammer.

„Gebe der Himmel, dass ich träume, wie ich euch erlösen kann“, sagte sie. Noch im Schlaf betete sie weiter.

Da war ihr, als flöge sie hinauf zum Wolkenschloss der Fata Morgana. Die Fee kam ihr entgegen und glich ganz der alten Frau, die sie im Wald getroffen hatte.

„Deine Brüder können erlöst werden“, sagte sie. „Aber hast du Mut und Ausdauer? Das Wasser formt die Steine und fühlt dabei keinen Schmerz. Du wirst ihn fühlen.“

„Siehst du diese Brennnessel? Solche wachsen rings um deine Höhle, und andere auf den Gräbern des Kirchhofs. Nur die taugen etwas. Du musst sie pflücken, obwohl sie dir die Hände voller Blasen brennen.“

„Brich die Nesseln mit den Füßen, dann bekommst du Flachs. Daraus flichtst du elf Hemden mit langen Ärmeln und wirfst sie über die elf Schwäne. Dann ist der Zauber gelöst.“

„Aber merke wohl: Von deinem ersten Griff bis zum letzten Stich darfst du nicht sprechen, und wenn Jahre darüber vergehen. Das erste Wort trifft deine Brüder ins Herz. An deiner Zunge hängt ihr Leben.“

Dabei berührte sie Elisas Hand mit der Nessel, und es brannte wie Feuer. Davon erwachte Elisa. Neben ihrem Lager lag eine Nessel, genau wie die im Traum.

Da ging Elisa hinaus und begann. Die Nesseln brannten Blasen in ihre Hände, aber sie wollte es gern erleiden, wenn sie damit die Brüder erlösen konnte.

Als die Sonne unterging, kamen die Brüder und erschraken, sie so stumm zu finden. Doch als sie ihre Hände sahen, begriffen sie, was die Schwester für sie tat. Der Jüngste weinte, und wohin seine Tränen fielen, da verging der Schmerz.

Am nächsten Tag saß sie allein. Ein Hemd war schon fertig, nun begann sie das zweite.

Da klang ein Jagdhorn zwischen den Bergen, Hunde bellten. Erschrocken floh sie in die Höhle und setzte sich auf ihr Bündel Nesseln.

Bald standen alle Jäger vor der Höhle, und der schönste unter ihnen war der König des Landes. Nie hatte er ein schöneres Mädchen gesehen.

Ein König im roten Mantel beugt sich vom Pferd zu einem Mädchen vor einer Höhle, ihre Hände sind rot und fleckig; vorn hält ein Jäger mit Hund das Pferd.

„Wie bist du hierhergekommen, du herrliches Kind?“, fragte er. Elisa schüttelte den Kopf, denn sie durfte nicht sprechen. Und sie verbarg die Hände unter der Schürze.

„Komm mit mir“, sagte er. „Hier darfst du nicht bleiben. Bist du so gut, wie du schön bist, so kleide ich dich in Seide und Samt und setze dir die Goldkrone auf.“

Er hob sie vor sich auf sein Pferd. Sie weinte und rang die Hände, doch der König sagte: „Ich will nur dein Glück. Einmal wirst du mir dafür danken.“

In seinem Schloss ließ Elisa sich königlich kleiden und feine Handschuhe über die verbrannten Finger ziehen. Aber kein Lächeln kam auf ihre Lippen.

Der König erwählte sie zu seiner Braut, obwohl der Erzbischof flüsterte, das Waldmädchen sei gewiss eine Hexe, die dem König die Augen blende.

Dann öffnete der König eine kleine Kammer neben dem Saal. Sie glich der Höhle: Auf dem Boden lag Elisas Bündel Flachs, unter der Decke hing das fertige Hemd.

„Hier kannst du dich in deine frühere Heimat zurückträumen“, sagte er. „Hier ist die Arbeit, die dich dort beschäftigt hat.“

Als Elisa sah, was ihrem Herzen so nah lag, spielte ein Lächeln um ihren Mund. Sie küsste dem König die Hand, und er ließ von allen Glocken die Hochzeit verkünden.

Bei der Trauung musste der Erzbischof ihr selbst die Krone aufsetzen, und aus bösem Sinn drückte er den engen Reif fest auf die Stirn. Doch ein schwererer Reif lag um ihr Herz, die Sorge um die Brüder.

Ihr Mund blieb stumm, denn ein einziges Wort hätte die Brüder das Leben gekostet. Aber in ihren Augen stand die Liebe zu dem guten König.

Von Tag zu Tag gewann sie ihn lieber, doch anvertrauen durfte sie sich ihm nicht. Also schlich sie sich nachts in die kleine Kammer und strickte ein Hemd nach dem anderen fertig.

Als sie das siebte begann, hatte sie keinen Flachs mehr. Auf dem Kirchhof wuchsen die Nesseln, die sie brauchte, und pflücken musste sie sie selbst.

„Was ist der Schmerz in meinen Fingern gegen die Qual in meinem Herzen?“, dachte sie. „Ich muss es wagen.“

In der mondhellen Nacht schlich sie durch den Garten und durch die leeren Straßen hinaus zum Kirchhof. Da saß auf einem breiten Grabstein ein Kreis Hexen, die mit langen, mageren Fingern in den frischen Gräbern wühlten.

Elisa musste dicht an ihnen vorbei, und sie hefteten ihre bösen Blicke auf sie. Aber sie betete still, sammelte die Nesseln und trug sie nach Hause.

Ein Mädchen kniet allein zwischen alten Grabsteinen im Mondlicht und pflückt Brennnesseln; die Hand im Nesselbündel ist heil, nur dunkelrot gesprenkelt.

Nur ein Einziger hatte sie gesehen: der Erzbischof, der wach war, wenn die anderen schliefen. Nun hatte er also recht behalten, dachte er.

Im Beichtstuhl erzählte er dem König alles. Und während die harten Worte fielen, schüttelten die Heiligenbilder die Köpfe, als wollten sie sagen: „Es ist nicht so. Elisa ist unschuldig.“

Der Erzbischof aber meinte, sie schüttelten die Köpfe über ihre Sünde. Zwei schwere Tränen rollten über die Wangen des Königs.

In dieser Nacht stellte er sich schlafend und sah, wie Elisa aufstand. Jede Nacht folgte er ihr nun leise bis vor die Kammer.

Bald fehlte Elisa nur noch ein Hemd, aber sie hatte keine einzige Nessel mehr. Ein letztes Mal musste sie zum Kirchhof.

Sie ging, und der König und der Erzbischof folgten ihr. Als sie näher kamen, saßen die Hexen auf dem Grabstein. Da wandte sich der König ab, denn unter ihnen glaubte er die zu erkennen, die eben noch an seiner Brust gelegen hatte.

„Das Volk soll sie richten“, sagte er. Und das Volk verurteilte sie zum Tod im Feuer.

Aus den prächtigen Sälen führte man sie in ein dunkles Verlies. Statt Samt und Seide gab man ihr das Bündel Nesseln, und die harten Hemden sollten ihre Decken sein.

Nichts Lieberes hätte man ihr geben können. Sie nahm die Arbeit wieder auf.

Gegen Abend schwirrten Schwanenflügel am Gitter. Es war der jüngste Bruder, und sie schluchzte vor Freude, obwohl sie wusste, dass die kommende Nacht wohl ihre letzte war.

Dann kam der Erzbischof, um in der letzten Stunde bei ihr zu bleiben. Sie aber bat ihn mit Blicken zu gehen: In dieser Nacht musste sie fertig werden.

Die Mäuse schleppten ihr Nesseln vor die Füße, und eine Drossel sang die ganze Nacht am Gitter, damit Elisa den Mut nicht verlöre.

Es dämmerte noch, da standen die elf Brüder am Schlosstor und verlangten, vor den König geführt zu werden. Das gehe nicht, hieß es, es sei noch Nacht.

Sie baten, sie drohten, die Wache kam, und zuletzt trat der König selbst heraus. Da ging die Sonne auf, und keine Brüder waren mehr zu sehen. Über das Schloss hin flogen elf wilde Schwäne.

Aus dem Stadttor strömte alles Volk. Ein alter Gaul zog den Karren, auf dem Elisa saß, das Haar aufgelöst um das bleiche Gesicht. Ihre Finger richteten noch immer den grünen Flachs.

Selbst auf dem Weg zu ihrem Tod unterbrach sie die Arbeit nicht. Zehn Hemden lagen zu ihren Füßen, am elften arbeitete sie noch.

„Seht die Hexe, wie sie murmelt“, höhnte die Menge. „Kein Gesangbuch hält sie in der Hand, nur ihr hässliches Gaukelwerk. Reißt es ihr in tausend Stücke!“

Alle drängten auf sie ein und wollten die Hemden zerreißen. Da kamen elf wilde Schwäne geflogen, setzten sich rings um sie auf den Karren und schlugen mit den Schwingen. Erschrocken wich der Haufe zurück.

„Das ist ein Zeichen des Himmels“, flüsterten viele. „Sie ist gewiss unschuldig.“ Doch keiner wagte, es laut zu sagen.

Nun fasste der Henker sie bei der Hand. Da warf Elisa rasch die elf Hemden über die Schwäne, und im selben Augenblick standen elf schöne Prinzen da.

Nur der Jüngste hatte statt des einen Armes einen Schwanenflügel, denn an seinem Hemd fehlte ein Ärmel.

Auf einem Holzkarren steht ein Mädchen zwischen lachenden Brüdern; der Jüngste, noch ein Junge, hat statt eines Arms einen weißen Schwanenflügel.

„Nun darf ich sprechen“, sagte Elisa. „Ich bin unschuldig.“

Und das Volk neigte sich vor ihr wie vor einer Heiligen. Sie aber sank ohne Besinnung in die Arme der Brüder, so hatten Angst und Schmerz an ihr gezehrt.

„Ja, sie ist unschuldig“, sagte der älteste Bruder und erzählte alles, was geschehen war. Und während er sprach, breitete sich ein Duft aus wie von Millionen Rosen.

Jedes Scheit Holz auf dem Scheiterhaufen hatte Wurzeln geschlagen und trieb Zweige. Eine hohe, duftende Hecke stand da, voller roter Rosen, und ganz oben leuchtete eine weiße Blüte wie ein Stern.

Die pflückte der König und steckte sie Elisa an die Brust. Da erwachte sie mit Frieden und Glück im Herzen.

Und alle Kirchenglocken läuteten von selbst, und die Vögel kamen in großen Zügen. Zurück zum Schloss aber ging ein Hochzeitszug, wie ihn noch kein König gesehen hatte.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Sämmtliche Märchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

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