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Das hässliche Entlein

Das hässliche Entlein

Hans Christian Andersen

7 Min. Lesezeit5–12 Jahre

Ein großes, graues Entlein wird in einem Entenhof von allen Tieren verspottet und verstoßen, woraufhin es hinaus in die weite Welt flieht und eine lange Zeit der Einsamkeit, Kälte und Verachtung ertragen muss. Als der Frühling kommt, entdeckt das Entlein, dass es sich in einen wunderschönen Schwan verwandelt hat, der nun von allen bewundert und geliebt wird.

Behutsame FassungOriginalfassung

Es war Sommer auf dem Land, und es war herrlich draußen. Das Korn stand gelb, der Hafer war grün, und unten auf den Wiesen lag das Heu in duftenden Haufen. Der Storch stakste auf seinen roten Beinen umher und klapperte in seiner eigenen Sprache, die er von seiner Mutter gelernt hatte. Rings um die Felder lagen tiefe Wälder mit stillen Seen darin. Mitten im Sonnenschein stand ein altes Gut, von einem Wassergraben umgeben, und am Ufer wuchsen so hohe Klettenblätter, dass kleine Kinder aufrecht darunter stehen konnten.

Dort, zwischen den großen Blättern, saß eine Ente auf ihrem Nest und brütete ihre Eier aus. Es war eine lange, einsame Zeit, denn die anderen Enten schwammen lieber im Graben, als bei ihr zu sitzen und zu schnattern.

Endlich, eines nach dem anderen, platzten die Eier. »Piep! Piep!«, rief es, und kleine Köpfe streckten sich heraus.

»Quak, quak!«, sagte die Mutter, und alle Entlein wackelten hervor und schauten sich neugierig unter den grünen Blättern um.

»Wie groß ist doch die Welt!«, riefen sie.

»Glaubt ihr, das sei schon alles?«, sagte die Mutter. »Sie reicht noch weit, weit über den Garten hinaus. Aber seid ihr nun alle da?« Sie stand auf und zählte. »Nein – das größte Ei ist noch nicht auf. Wie lange soll das noch dauern!«

Eine alte Ente kam zu Besuch und sah sich das große Ei an. »Das ist bestimmt ein Truthahnei«, sagte sie. »So etwas hatte ich auch einmal, und die Jungen wollten nie ins Wasser. Lass es liegen und kümmere dich um die anderen.«

»Ich sitze noch ein bisschen länger«, sagte die Mutter. »So lange, wie ich schon gesessen habe, kann ich auch noch warten.«

Und endlich platzte auch das große Ei. Ein Junges kroch heraus – groß, grau und gar nicht hübsch. Die Mutter betrachtete es überrascht. »Das ist aber ein großes Entlein«, sagte sie. »So sieht keins der anderen aus. Sollte es doch ein kleiner Truthahn sein? Nun, das wird sich zeigen. Ins Wasser muss es, ganz gleich was es ist.«

Am nächsten Tag schien die Sonne warm, und die Entenmutter führte ihre Familie zum Wassergraben. Platsch! Sie sprang hinein, und ein Entlein nach dem anderen folgte ihr. Alle schwammen wunderbar – auch das große, graue, hässliche. »Nein, ein Truthahn ist es nicht«, sagte die Mutter freudig. »Seht nur, wie gut es schwimmt! Es ist mein eigenes Kind, und wenn man genau hinschaut, ist es gar nicht so übel. Kommt nun mit mir in den Entenhof, aber bleibt dicht bei mir und hütet euch vor der Katze!«

Im Entenhof aber ging es rau zu. Kaum waren sie da, wurde das graue Entlein von allen Seiten gestoßen und gezwickt. »Zu groß!«, riefen die Enten. »Zu hässlich!« Sogar der stolze Truthahn plusterte sich auf und ging drohend auf es los. Selbst seine Geschwister waren unfreundlich, und die Mutter, die es zuerst noch verteidigt hatte, seufzte irgendwann nur noch: »Wenn du nur weit weg wärst!«

Da lief das arme Entlein fort, so schnell es konnte, über den Zaun und hinaus in die weite Welt, bis es an ein großes Moor kam, wo wilde Enten wohnten. Auch sie fanden es hässlich, ließen es aber immerhin liegen. Zwei junge Wildgänse luden es sogar ein, mit auf die Reise zu kommen – doch kaum hatten sie das gesagt, krachten Schüsse durch das Schilf. Es war eine Jagd. Das Entlein drückte sich ängstlich ins Rohr, und als plötzlich ein großer Hund direkt vor ihm stand, die Schnauze schon nach ihm gestreckt, hielt es den Atem an und wartete auf das Schlimmste. Doch der Hund schnupperte nur kurz und lief weiter, ohne es anzurühren.

»Ich bin wohl so hässlich«, dachte das Entlein erleichtert, »dass mich nicht einmal ein Hund beißen mag.«

Erst als es ganz still geworden war, wagte es sich fort. Der Sturm trieb es über Felder, bis es zu einer kleinen, schiefen Hütte kam. Durch einen Spalt in der Tür schlüpfte es hinein. Dort lebten eine alte Frau, ein Kater namens Söhnchen und eine Henne mit kurzen Beinen. Die Frau, die schlecht sah, hielt das Entlein für eine verirrte fette Ente und hoffte auf Eier. Doch es kamen keine.

Der Kater und die Henne, die sich für die klügsten Geschöpfe der Welt hielten, machten sich über das Entlein lustig, wenn es vom Schwimmen sprach. »Leg lieber Eier oder lerne schnurren«, sagten sie, »dann vergehen dir solche Grillen.« Das Entlein aber sehnte sich so sehr nach dem Wasser, dass es schließlich sagte: »Ich glaube, ich gehe wieder hinaus in die Welt.«

»Ja, tu das nur«, sagte die Henne.

Und so schwamm es wieder auf offenem Wasser, tauchte unter, freute sich am Sonnenlicht – aber überall wurde es wegen seiner Hässlichkeit übersehen und gemieden.

Der Herbst kam, dann der Winter, kalt und hart. Eines Abends, als die Sonne golden unterging, zog ein Schwarm großer, blendend weißer Vögel über den Himmel – Schwäne, mit langen, geschmeidigen Hälsen. Sie stiegen hoch in die Luft und flogen fort in wärmere Länder. Dem Entlein wurde ganz seltsam ums Herz. Es drehte sich im Wasser, streckte den Hals ihnen nach und stieß einen lauten, fremden Ruf aus, der es selbst erschreckte. Nie hatte es etwas so Schönes gesehen, und obwohl es sich niemals erträumt hätte, selbst so zu sein, konnte es die Vögel nicht vergessen.

Der Winter wurde bitterkalt. Das Entlein musste ständig schwimmen, damit das Wasser um es nicht ganz zufror, doch das Loch im Eis wurde immer kleiner, bis es erschöpft liegen blieb und im Eis festfror. Am Morgen fand ein Bauer es, schlug das Eis vorsichtig auf und trug es warm nach Hause. Dort erschreckte es sich vor den spielenden Kindern und flatterte ängstlich durch die Stube, mitten in Milch und Mehl, bis es zum Glück durch die offene Tür in den Schnee hinausschlüpfen konnte. Es war ein harter, einsamer Winter, von dem man nicht zu viel erzählen muss.

Doch dann kam der Frühling. Die Sonne wurde wieder warm, die Lerchen sangen, und das Entlein spürte plötzlich, wie kräftig seine Flügel geworden waren. Es flog auf und fand sich in einem großen, duftenden Garten wieder, wo Flieder seine Zweige bis ins Wasser neigte. Und dort, aus dem Schilf, kamen drei prächtige weiße Schwäne geschwommen.

Eine seltsame Traurigkeit erfüllte das Entlein beim Anblick der schönen Vögel. »Ich will zu ihnen fliegen«, dachte es, »auch wenn sie mich vielleicht wegjagen. Besser das, als noch länger gezwickt und gestoßen zu werden.« Es schwamm ihnen entgegen, neigte demütig den Kopf und erwartete das Schlimmste.

Doch als es ins klare Wasser blickte, sah es dort nicht mehr den hässlichen grauen Vogel von früher – es sah sein eigenes Bild, und das war ein Schwan. Ein junger, schöner Schwan.

Es macht nichts, in einem Entenhof geboren zu sein, wenn man nur aus einem Schwanenei gekommen ist.

Die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es sanft mit ihren Schnäbeln. Kinder kamen in den Garten, warfen Brot und Körner ins Wasser, und das kleinste rief: »Seht, ein neuer ist da!« Alle jubelten: »Der neue ist der schönste von allen!«

Da wurde dem jungen Schwan ganz warm und ein wenig verlegen zumute, und er steckte den Kopf unter den Flügel. Er dachte an all die schwere Zeit, an Spott und Kälte und Einsamkeit – und jetzt hörte er, dass er der schönste von allen sei. Der Flieder duftete, die Sonne schien mild, und mit rauschenden Federn hob er stolz und glücklich den schlanken Hals.

»So viel Glück«, dachte er, »hätte ich mir nie erträumt, als ich noch das hässliche Entlein war.«