
Das hässliche Entlein
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Ein graues Entlein wird im Entenhof von Enten und Hühnern gebissen und verspottet, läuft davon und übersteht einen eisigen Winter. Im Frühling fliegt es zu den weißen Schwänen im Garten, sieht im Wasser sein eigenes Bild und erkennt sich als Schwan, während Kinder Brot werfen und alle rufen, der neue sei der schönste.
Es war herrlich draußen auf dem Land. Das Korn stand gelb und das Heu in Schobern auf den Wiesen. Mitten im Sonnenschein lag ein altes Gut, von tiefen Gräben umgeben, und am Wasser wuchsen Klettenblätter, so hoch, dass kleine Kinder darunter stehen konnten. Dort saß eine Ente auf ihrem Nest und wartete auf ihre Jungen. Besuch bekam sie selten, denn die anderen Enten schwammen lieber, als sich zu ihr unter ein Blatt zu setzen.
Endlich knackte ein Ei nach dem anderen. „Piep! Piep!“, sagte es, und die Kleinen streckten die Köpfe heraus und sahen sich um.
„Wie groß die Welt ist!“, riefen sie, denn nun hatten sie viel mehr Platz als im Ei.
„Ihr glaubt wohl, das sei die ganze Welt?“, sagte die Mutter. „Die reicht noch weit über den Garten hinaus, bis in das Feld des Pfarrers, aber dort bin ich selbst nie gewesen. Und das größte Ei liegt ja immer noch hier.“
„Das ist ein Truthahnei, glaub mir“, sagte eine alte Ente, die zu Besuch kam. „Mich hat man auch einmal so hereingelegt, und die Kleinen fürchteten sich vor dem Wasser. Lass es liegen und bring lieber den anderen das Schwimmen bei.“
„Ich sitze noch ein Weilchen darauf“, sagte die Ente. „So lange, wie ich schon sitze, kommt es auf ein paar Tage nicht mehr an.“
Endlich sprang auch das große Ei auf. „Piep! Piep!“, machte das Junge und kroch heraus. Es war groß und grau und gar nicht hübsch.

„Was für ein gewaltig großes Entlein“, sagte die Mutter. „Sollte es doch ein Truthahnküken sein? Nun, ins Wasser muss es, und wenn ich es selbst hineinschieben müsste.“
Am nächsten Morgen ging sie mit der Familie hinunter zum Graben und sprang hinein. „Quak! Quak!“, rief sie, und ein Entlein nach dem anderen plumpste hinterher. Das Wasser schlug über ihnen zusammen, aber gleich kamen sie wieder herauf und schwammen prächtig, auch das große graue Junge.
„Ein Truthahn ist es nicht“, sagte die Mutter. „Seht nur, wie gerade es sich hält. Es ist mein eigenes Kind, und im Grunde ist es hübsch. Kommt mit, ich stelle euch im Entenhof vor, und nehmt euch vor der Katze in Acht.“
Im Entenhof war ein schrecklicher Lärm, denn zwei Familien stritten sich um einen Aalkopf, und am Ende bekam ihn doch die Katze.
„Seht, so geht es in der Welt zu“, sagte die Entenmutter und wetzte den Schnabel, denn sie hätte den Aalkopf gern selbst gehabt. „Und nun verneigt euch vor der alten Ente dort. Sie ist die vornehmste hier, und das rote Läppchen um ihr Bein ist die größte Auszeichnung, die eine Ente bekommen kann. Neigt den Hals und sagt: Quak!“
Das taten sie. Aber die anderen Enten riefen: „Jetzt sollen wir auch noch diesen Anhang bekommen! Und pfui, wie das eine Entlein aussieht!“ Sogleich flog eine hin und biss es in den Nacken.
„Lasst es in Ruhe“, sagte die Mutter. „Es tut doch niemandem etwas.“
„Es ist zu groß und zu sonderbar“, sagte die Ente, die gebissen hatte, „und darum muss es geschubst werden.“
„Hübsche Kinder“, sagte die alte Ente mit dem Läppchen um das Bein. „Alle schön, bis auf das eine. Das ist misslungen.“
„Es ist nicht hübsch, Euer Gnaden“, sagte die Entenmutter, „aber es hat ein gutes Gemüt und schwimmt so herrlich wie jedes andere. Das wächst sich noch aus.“ Und sie strich ihm das Gefieder glatt.
Aber das arme Entlein wurde gebissen, gestoßen und ausgelacht, von den Enten wie von den Hühnern. „Es ist zu groß!“, sagten alle. Und der Truthahn, der sich für einen Kaiser hielt, blies sich auf wie ein Schiff mit vollen Segeln und ging auf das Entlein los, bis sein Kopf ganz rot war. Es wusste nicht, wohin es gehen sollte, und war traurig, weil der ganze Hof es verspottete.

Von Tag zu Tag wurde es schlimmer. Sogar seine Schwestern sagten immerzu: „Wenn dich nur die Katze holte, du hässliches Geschöpf!“ Und die Mutter seufzte: „Wärst du nur weit fort von hier.“ Die Hühner hackten nach ihm, und das Mädchen, das die Tiere fütterte, stieß es beiseite.
Da lief es davon und flog über den Zaun, dass die kleinen Vögel aufflatterten. „Das geschieht, weil ich so hässlich bin“, dachte es, schloss die Augen und lief doch weiter. So kam es hinaus zum großen Moor, wo die Wildenten wohnten, und lag dort die ganze Nacht voller Kummer.
Gegen Morgen flogen die Wildenten auf und betrachteten den neuen Kameraden.
„Was bist denn du für einer?“, fragten sie, und das Entlein grüßte nach allen Seiten, so gut es konnte.
„Du bist außerordentlich hässlich“, sagten die Wildenten. „Aber das kann uns gleich sein, solange du nicht in unsere Familie einheiratest.“
Ans Heiraten dachte das arme Tier wahrhaftig nicht; es wollte nur im Schilf liegen und ein wenig Moorwasser trinken. Zwei Tage lang lag es dort. Dann kamen zwei wilde Gänseriche vorbei, noch jung und darum so keck.
„Hör mal, Kamerad“, sagten sie, „du bist so hässlich, dass wir dich gut leiden können. Willst du mitziehen und ein Zugvogel werden? Ganz in der Nähe gibt es ein paar reizende wilde Gänse. Du kannst dort dein Glück machen.“
„Piff! Paff!“, knallte es in diesem Augenblick, und die beiden Gänseriche sanken ins Schilf und standen nicht wieder auf. „Piff! Paff!“, knallte es noch einmal, und ganze Schwärme wilder Gänse flogen aus dem Rohr. Es war eine große Jagd: Die Jäger lagen rings um das Moor, und die Hunde kamen gelaufen, dass sich das Schilf neigte.
Das war ein Schrecken für das arme Entlein! Es wollte den Kopf unter den Flügel stecken, und im selben Augenblick stand ein furchtbar großer Hund dicht vor ihm und zeigte die scharfen Zähne. Und dann? Platsch, platsch, da war er schon wieder fort, ohne zuzupacken.

„Gott sei Dank“, seufzte das Entlein, „ich bin so hässlich, dass mich nicht einmal der Hund beißen mag.“
So lag es ganz still, während Schuss auf Schuss durch das Schilf krachte. Erst spät wurde es ruhig, und noch lange wagte es nicht, sich zu rühren. Dann eilte es fort über Feld und Wiese, und es tobte ein Sturm, dass es kaum von der Stelle kam.
Gegen Abend erreichte es eine ärmliche Bauernhütte. Sie war so baufällig, dass sie selbst nicht wusste, nach welcher Seite sie fallen sollte, und darum blieb sie stehen. Die Tür hing schief in der Angel, und das Entlein schlüpfte durch den Spalt in die Stube.
Dort wohnte eine alte Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Der Kater, den sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und schnurren, und er sprühte Funken, wenn man ihn gegen den Strich streichelte. Die Henne hatte ganz kurze Beine und hieß deshalb Hühnchen Kurzbein; die Frau liebte sie wie ihr eigenes Kind.
Am Morgen sah die Frau das fremde Entlein. Sie sah nicht mehr gut und hielt es für eine fette Ente, die sich verirrt hatte.
„Das ist ja ein seltener Fang“, sagte sie. „Nun bekomme ich Enteneier.“
So wurde das Entlein für drei Wochen auf Probe aufgenommen, aber es kamen keine Eier. Der Kater war der Herr im Haus und die Henne die Dame, und immer sagten sie: „Wir und die Welt“, denn sie hielten sich für die eine Hälfte davon, und zwar für die bessere.

„Kannst du Eier legen?“, fragte die Henne.
„Nein.“
„Dann wirst du wohl so gut sein und schweigen.“
„Kannst du einen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?“, fragte der Kater.
„Nein.“
„Dann hast du auch keine Meinung zu haben, wenn vernünftige Leute reden.“
Da fielen frische Luft und Sonnenschein in die Stube, und das Entlein bekam solche Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, dass es der Henne davon erzählen musste.
„Es ist so schön, sich das Wasser über dem Kopf zusammenschlagen zu lassen und bis auf den Grund zu tauchen“, sagte es.
„Ein großes Vergnügen, wirklich“, sagte die Henne. „Frag den Kater, er ist das klügste Geschöpf, das ich kenne, ob er gern untertaucht. Glaubst du, die alte Frau hätte Lust dazu?“
„Ihr versteht mich nicht“, sagte das Entlein.
„Wer soll dich denn verstehen! Bilde dir nichts ein, Kind, und sei dankbar für all das Gute, das man dir getan hat. Sieh lieber zu, dass du Eier legst oder schnurren lernst.“
„Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt“, sagte das Entlein.
„Ja, tu das“, sagte die Henne.
Und das Entlein ging. Es schwamm auf dem Wasser und tauchte unter, aber alle Tiere übersahen es, weil es so hässlich war.
Nun kam der Herbst. Die Blätter wurden gelb und braun, die Wolken hingen schwer von Schnee, und auf dem Zaun saß der Rabe und schrie vor Kälte.
Eines Abends, als die Sonne so schön unterging, kam ein Schwarm herrlicher Vögel aus dem Gebüsch, blendend weiß, mit langen, geschmeidigen Hälsen. Es waren Schwäne. Sie stießen einen ganz eigenen Ruf aus, breiteten die Flügel aus und flogen fort in wärmere Länder. Sie stiegen hoch, so hoch, und dem hässlichen jungen Entlein wurde ganz sonderbar zumute. Es drehte sich im Wasser wie ein Rad, streckte den Hals ihnen nach und stieß einen so lauten, fremden Schrei aus, dass es selbst davor erschrak. Es wusste nicht, wie sie hießen und wohin sie flogen, und doch war es ihnen gut wie noch nie jemandem. Es beneidete sie kein bisschen; es wäre schon froh gewesen, wenn die Enten es nur unter sich geduldet hätten.
Der Winter wurde kalt, sehr kalt. Das Entlein musste umherschwimmen, damit das Wasser nicht ganz zufror, aber jede Nacht wurde das Loch kleiner. Zuletzt wurde es matt, lag ganz still und fror im Eis fest. Früh am Morgen kam ein Bauer vorbei, schlug mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug das Entlein heim zu seiner Frau. Dort kam es wieder zu sich.

Die Kinder wollten mit ihm spielen, aber das Entlein glaubte, sie wollten ihm etwas antun, und fuhr vor Angst in den Milchnapf, dass die Milch in die Stube spritzte. Dann flog es in das Butterfass, danach in die Mehltonne und wieder heraus. Wie sah es nun aus! Die Frau schrie, die Kinder rannten einander über den Haufen, um es zu fangen. Zum Glück stand die Tür offen, und es schlüpfte hinaus in den frischen Schnee.

Von all der Not zu erzählen, die es in diesem harten Winter erlitt, wäre zu traurig. Es lag im Moor zwischen dem Schilf, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen, es war herrlicher Frühling.
Da konnte das Entlein auf einmal die Flügel schwingen. Sie trugen es weit davon, und ehe es sich versah, war es in einem großen Garten, wo der Flieder duftete und seine Zweige bis zum Wasser hinunterneigte. Aus dem Dickicht kamen drei prächtige weiße Schwäne und schwammen leicht daher. Das Entlein kannte sie, und eine sonderbare Traurigkeit überkam es.
„Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln“, sagte es. „Sie werden mich fortjagen, weil ich so hässlich bin. Aber lieber von ihnen fortgejagt, als von den Enten gezwickt, von den Hühnern gehackt und im Winter vom Hunger geplagt.“
Und es flog hinaus auf das Wasser und schwamm den Schwänen entgegen. Die sahen es und kamen mit rauschenden Federn herangeschwommen.
„Tut mit mir, was ihr wollt“, sagte das arme Tier und neigte den Kopf zur Wasserfläche. Aber was sah es dort im klaren Wasser? Es sah sein eigenes Bild, und das war kein plumper grauer Vogel mehr, sondern selbst ein Schwan.
Es schadet nichts, in einem Entenhof geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat.
Nun war es froh über all die Not, die es erduldet hatte, denn jetzt erst verstand es sein Glück. Die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit den Schnäbeln.
In den Garten kamen kleine Kinder und warfen Brot ins Wasser, und das kleinste rief: „Da ist ein neuer!“

Und die anderen jubelten mit: „Ja, ein neuer ist gekommen!“ Sie klatschten in die Hände und liefen zu Vater und Mutter, und es wurde Brot und Kuchen ins Wasser geworfen. Alle sagten: „Der neue ist der schönste! So jung und so prächtig!“ Und die alten Schwäne verneigten sich vor ihm.
Da wurde er ganz verlegen und steckte den Kopf unter die Flügel. Er war überglücklich und doch gar nicht stolz. Er dachte daran, wie er verfolgt und verspottet worden war, und nun hörte er alle sagen, er sei der schönste von allen schönen Vögeln. Sogar der Flieder bog seine Zweige zu ihm ins Wasser hinunter, und die Sonne schien warm und mild. Da rauschten seine Federn, der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er: „So viel Glück hätte ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das hässliche Entlein war!“
Nacherzählt von Talerie, Quelle: Sämmtliche Märchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)
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