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Das hässliche junge EntleinOriginal

Das hässliche junge Entlein

Hans Christian Andersen

20 Min. Lesezeit5–12 Jahre

Auf einem herrlichen Landgut wird ein besonders großes und hässliches Entlein geboren, das von Anfang an von allen anderen Enten, Hühnern und sogar seiner eigenen Familie verspottet und gequält wird. Verzweifelt flieht das arme Entlein vom Hof hinaus in die Wildnis, wo es auf wilde Enten und Gänse trifft und sich in eine ungewisse Zukunft begibt.

Behutsame FassungOriginalfassung

Es war herrlich draußen auf dem Lande. Es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer war grün, das Heu lag unten auf den grünen Wiesen in Schobern aufgeschichtet, und der Storch stakste auf seinen langen roten Beinen umher und plapperte auf Ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Mutter gelernt. Rings um die Äcker und Wiesen lagen große Wälder, und mitten in den Wäldern gab es tiefe Seen. Ja, es war wirklich herrlich draußen auf dem Lande! Mitten im Sonnenschein lag dort ein altes Landgut, von tiefen Wassergräben umgeben, und von der Mauer bis hinunter zum Wasser wuchsen große Klettenblätter, so hoch, dass kleine Kinder unter den größten aufrecht stehen konnten. Es war dort so wild wie im tiefsten Wald. Hier saß auf ihrem Nest eine Ente, die ihre Jungen ausbrüten musste. Doch es wurde ihr fast zu langweilig, ehe die Kleinen kamen, und Besuch bekam sie nur selten. Die anderen Enten schwammen lieber in den Gräben umher, als dass sie heraufgekommen wären, sich unter ein Klettenblatt zu setzen und mit ihr zu schnattern.

Endlich platzte ein Ei nach dem andern. »Piep! Piep!«, hieß es, und alle Eidotter waren lebendig geworden und streckten die Köpfe heraus.

»Quak! Quak!«, sagte die Ente, und da zappelten alle, so gut sie konnten, und sahen nach allen Seiten unter den grünen Blättern. Und die Mutter ließ sie schauen, so viel sie wollten, denn das Grün ist gut für die Augen. »Wie groß ist doch die Welt!«, sagten alle Kleinen, denn nun hatten sie freilich viel mehr Platz als noch im Ei.

»Glaubt ihr, dies sei die ganze Welt?«, sagte die Mutter. »Die reicht noch weit über die andere Seite des Gartens hinaus, mitten hinein in des Pfarrers Feld. Aber dort bin ich noch nie gewesen. Seid ihr denn nun alle beisammen?« Und sie stand auf. »Nein, ich habe nicht alle. Das größte Ei liegt noch da. Wie lange soll das denn noch dauern? Allmählich habe ich es satt!« Und so setzte sie sich wieder.

»Nun, wie geht es?«, fragte eine alte Ente, die zu Besuch gekommen war.

»Es dauert recht lange mit dem einen Ei«, sagte die Ente, die da saß. »Es will nicht aufplatzen. Aber sieh dir nur die anderen an: Sind das nicht die niedlichsten Entlein, die man je gesehen hat? Sie gleichen alle ihrem Vater. Der Bösewicht kommt nicht einmal, mich zu besuchen.«

»Lass mich das Ei sehen, das nicht platzen will«, sagte die Alte. »Glaube mir, das ist ein Truthahn-Ei! So bin ich auch einmal hereingelegt worden und hatte meine liebe Not mit den Jungen, denn die haben Angst vor dem Wasser. Ich brachte sie einfach nicht hinein. Ich rappte und schnappte, aber es half nichts. Lass mich das Ei sehen! Ja, das ist ein Truthahn-Ei! Lass es liegen und lehre lieber die anderen Kinder das Schwimmen!«

»Ich will doch noch ein Weilchen darauf sitzen«, sagte die Ente. »Habe ich nun schon so lange gesessen, kann ich auch noch ein paar Tage sitzen.«

»Ganz wie du willst«, sagte die alte Ente und ging von dannen.

Endlich platzte das große Ei. »Piep! Piep!«, sagte das Junge und kroch heraus. Es war sehr groß und hässlich! Die Ente betrachtete es. »Das ist doch ein gewaltig großes Entlein«, sagte sie. »Keins von den anderen sieht so aus. Sollte es am Ende doch ein kleiner Truthahn sein? Nun, das werden wir bald herausfinden. Ins Wasser muss es, und wenn ich es selbst hineinstoßen müsste.«

Am nächsten Tag war schönes, herrliches Wetter, und die Sonne schien auf alle grünen Kletten. Die Entenmutter ging mit ihrer ganzen Familie zum Wassergraben hinunter. Platsch! Da sprang sie ins Wasser. »Quak! Quak!«, sagte sie, und ein Entlein nach dem andern plumpste hinterher. Das Wasser schlug ihnen über den Köpfen zusammen, doch gleich kamen sie wieder herauf und schwammen ganz prächtig. Die Beine bewegten sich wie von selbst, und alle waren sie im Wasser, selbst das hässliche graue Junge schwamm mit. »Nein, ein Truthahn ist es nicht«, sagte sie. »Sieh nur, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält. Es ist mein eigenes Kind! Im Grunde ist es doch hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Quak! Quak! Kommt nur mit mir, ich führe euch in die große Welt hinaus und stelle euch im Entenhof vor. Aber haltet euch immer dicht bei mir, damit keiner auf euch tritt, und nehmt euch vor den Katzen in Acht!«

Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Drinnen herrschte ein schrecklicher Lärm, denn dort stritten sich zwei Familien um einen Aalkopf, und am Ende bekam ihn doch die Katze.

»Seht, so geht es zu in der Welt!«, sagte die Entenmutter und wetzte ihren Schnabel, denn auch sie hätte den Aalkopf gern gehabt. »Nun gebraucht eure Beine!«, sagte sie. »Zeigt, dass ihr euch tummeln könnt, und neigt den Hals vor der alten Ente dort. Die ist die vornehmste von allen hier. Sie ist von spanischem Geblüt, darum ist sie so stattlich, und seht ihr: Sie hat einen roten Lappen um das Bein. Das ist etwas außerordentlich Schönes und die größte Auszeichnung, die einer Ente zuteil werden kann. Es bedeutet, dass man sie nicht verlieren möchte und dass Tier und Mensch sie erkennen sollen. Nun tummelt euch! Setzt die Füße nicht einwärts. Ein wohlerzogenes Entlein setzt die Füße weit auswärts, gerade wie Vater und Mutter. Seht: so! Nun neigt den Hals und sagt: Quak!«

Und das taten sie. Doch die anderen Enten ringsum musterten sie und sagten ganz laut: »Sieh da! Jetzt sollen wir auch noch diesen Anhang haben, als ob wir nicht schon genug wären! Und pfui, wie das eine Entlein aussieht! Das dulden wir nicht!« Und sogleich flog eine Ente hin und biss es in den Nacken.

»Lasst es in Ruhe!«, sagte die Mutter. »Es tut ja niemandem etwas.«

»Ja, aber es ist zu groß und ungewöhnlich«, sagte die beißende Ente, »und darum muss man es puffen.«

»Das sind hübsche Kinder, die die Mutter hat«, sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein, »alle schön, bis auf das eine. Das ist nicht gelungen. Ich wünschte, sie könnte es noch einmal machen.«

»Das geht nicht, Euer Gnaden«, sagte die Entenmutter. »Es ist nicht hübsch, aber es hat ein gutes Gemüt und schwimmt so herrlich wie jedes andere, ja, ich darf wohl sagen, sogar ein wenig besser. Ich denke, es wird sich schön machen und mit der Zeit noch etwas kleiner werden. Es hat zu lange im Ei gelegen, darum hat es nicht die rechte Gestalt bekommen.« Und sie zupfte es im Nacken und glättete ihm das Gefieder. »Außerdem ist es ein Enterich«, sagte sie, »und darum macht es nicht so viel aus. Ich glaube, er wird gute Kräfte bekommen; er schlägt sich schon durch.«

»Die anderen Entlein sind niedlich«, sagte die Alte. »Tut nun, als wärt ihr zu Hause, und findet ihr einen Aalkopf, so bringt ihn mir.«

Und nun waren sie zu Hause.

Aber das arme Entlein, das zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so hässlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und verspottet, von den Enten wie von den Hühnern. »Es ist zu groß!«, sagten alle, und der Truthahn, der mit Sporen zur Welt gekommen war und darum meinte, er sei ein Kaiser, blähte sich auf wie ein Schiff mit vollen Segeln und ging geradewegs auf das Entlein los. Dann kollerte er und wurde ganz rot am Kopf. Das arme Entlein wusste nicht, wo es stehen oder gehen sollte. Es war so betrübt, weil es hässlich aussah und vom ganzen Entenhof verspottet wurde.

So ging es den ersten Tag, und später wurde es immer schlimmer. Das arme Entlein wurde von allen gejagt. Selbst seine Geschwister waren böse zu ihm und sagten immerzu: »Wenn dich nur die Katze fangen würde, du hässliches Geschöpf!« Und die Mutter sagte: »Wenn du nur weit fort wärst!« Die Enten bissen es, die Hühner hackten nach ihm, und das Mädchen, das die Tiere füttern sollte, stieß mit dem Fuß nach ihm.

Da lief es und flog über den Zaun, und die kleinen Vögel in den Büschen flatterten erschrocken auf. »Das geschieht, weil ich so hässlich bin«, dachte das Entlein und schloss die Augen, lief aber trotzdem weiter. So kam es hinaus zum großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht, müde und voller Kummer.

Gegen Morgen flogen die wilden Enten auf und betrachteten den neuen Kameraden. »Was bist du denn für einer?«, fragten sie, und das Entlein drehte sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte.

»Du bist außerordentlich hässlich!«, sagten die wilden Enten. »Aber das kann uns gleich sein, solange du nur nicht in unsere Familie einheiratest.« Der Ärmste! Es dachte wahrhaftig nicht ans Heiraten, wenn es nur die Erlaubnis bekam, im Schilf zu liegen und ein wenig Moorwasser zu trinken.

So lag es zwei ganze Tage. Da kamen zwei wilde Gänse dorthin, genauer gesagt zwei wilde Gänseriche. Es war noch nicht lange her, dass sie aus dem Ei gekrochen waren, und darum waren sie auch so keck.

»Hör mal, Kamerad!«, sagten sie. »Du bist so hässlich, dass wir dich gut leiden mögen. Willst du mitziehen und Zugvogel werden? Hier ganz in der Nähe, in einem anderen Moor, gibt es ein paar süße, liebliche wilde Gänse, lauter Fräulein, die alle ›Quak!‹ sagen können. Du könntest dort dein Glück machen, so hässlich du auch bist!«

»Piff! Paff!«, ertönte es da, und beide wilden Gänseriche fielen tot ins Schilf, und das Wasser färbte sich blutrot. »Piff! Paff!«, erscholl es wieder, und ganze Schwärme wilder Gänse flogen aus dem Schilf auf. Und dann knallte es abermals. Es war große Jagd. Die Jäger lagen rings um das Moor herum, ja, einige saßen sogar oben in den Zweigen, die sich weit über das Schilfrohr streckten. Der blaue Pulverdampf zog wie Wolken in die dunklen Bäume und weit über das Wasser hin. Zum Moor kamen die Jagdhunde: platsch, platsch. Das Schilf und das Rohr neigten sich nach allen Seiten. Das war ein Schreck für das arme Entlein! Es drehte den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, aber im selben Augenblick stand ein fürchterlich großer Hund dicht bei ihm. Die Zunge hing ihm lang aus dem Hals, und die Augen leuchteten grässlich und wild. Er streckte seine Schnauze geradewegs auf das Entlein zu, zeigte ihm die scharfen Zähne und – platsch, platsch! – trollte er sich wieder davon, ohne es zu packen.

»Oh, Gott sei Dank!«, seufzte das Entlein. »Ich bin so hässlich, dass mich nicht einmal der Hund beißen mag!«

Und so lag es still, während die Schrote durchs Schilf sausten und Schuss auf Schuss knallte.

Erst spät am Tag wurde es ruhig. Aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben. Es wartete noch mehrere Stunden, ehe es sich umsah, und dann eilte es aus dem Moor fort, so schnell es konnte. Es lief über Feld und Wiese, und dabei tobte ein solcher Sturm, dass es ihm schwerfiel, von der Stelle zu kommen.

Gegen Abend erreichte es eine kleine, armselige Bauernhütte. Sie war so baufällig, dass sie selbst nicht wusste, nach welcher Seite sie fallen sollte, und darum blieb sie eben stehen. Der Sturm umsauste das Entlein so heftig, dass es sich niedersetzen musste, um sich dagegenzustemmen, und es wurde immer schlimmer. Da bemerkte es, dass die Tür aus einer Angel gegangen war und so schief hing, dass es durch den Spalt in die Stube schlüpfen konnte, und das tat es.

Hier wohnte eine Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Der Kater, den sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und schnurren, ja, er sprühte sogar Funken, aber dazu musste man ihn gegen den Strich streicheln. Die Henne hatte ganz kleine, niedrige Beine und wurde deshalb Hühnchen-Kurzbein genannt. Sie legte gute Eier, und die Frau liebte sie wie ihr eigenes Kind.

Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entlein, und der Kater begann zu schnurren und die Henne zu glucken.

»Was ist das?«, sagte die Frau und sah sich ringsum. Doch sie sah nicht gut und hielt das Entlein für eine fette Ente, die sich verirrt hatte. »Das ist ja ein seltener Fang!«, sagte sie. »Nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es nur kein Enterich ist! Das müssen wir erproben.«

Und so wurde das Entlein für drei Wochen auf Probe aufgenommen, aber es kamen keine Eier. Der Kater war Herr im Haus, und die Henne war die Dame, und immer sagten sie: »Wir und die Welt!«, denn sie glaubten, sie seien die eine Hälfte, und zwar die bei Weitem bessere. Das Entlein meinte, man könne auch anderer Meinung sein, aber das duldete die Henne nicht.

»Kannst du Eier legen?«, fragte sie.

»Nein!«

»Nun, dann wirst du die Güte haben zu schweigen!«

Und der Kater fragte: »Kannst du einen krummen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?«

»Nein!«

»Dann darfst du auch keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute reden!«

Und das Entlein saß in der Ecke und war bei schlechter Laune. Da fiel die frische Luft und der Sonnenschein herein, und es bekam eine so seltsame Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, dass es nicht anders konnte, als es der Henne zu sagen.

»Was fällt dir denn ein?«, fragte die. »Du hast nichts zu tun, darum fängst du an zu spinnen! Leg Eier oder schnurre, dann gehen die Grillen vorbei.«

»Aber es ist so schön, auf dem Wasser zu schwimmen!«, sagte das Entlein. »So herrlich, es über dem Kopf zusammenschlagen zu lassen und auf den Grund zu tauchen!«

»Ja, ein großes Vergnügen ist das!«, sagte die Henne. »Du bist wohl verrückt geworden! Frag doch den Kater danach – er ist das klügste Geschöpf, das ich kenne –, ob er es liebt, auf dem Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen. Von mir will ich gar nicht reden. Frag selbst unsere Herrin, die alte Frau; klüger als sie ist niemand auf der Welt! Glaubst du, die hätte Lust zu schwimmen und sich das Wasser über dem Kopf zusammenschlagen zu lassen?«

»Ihr versteht mich nicht!«, sagte das Entlein.

»Wir verstehen dich nicht? Wer soll dich denn verstehen können! Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als der Kater und die Frau – von mir will ich schweigen! Bilde dir nichts ein, Kind, und danke deinem Schöpfer für all das Gute, das man dir erwiesen hat! Bist du nicht in eine warme Stube gekommen und hast eine Gesellschaft, von der du etwas lernen kannst? Aber du bist ein Schwätzer, und es ist kein Vergnügen, mit dir umzugehen! Mir kannst du glauben, ich meine es gut mit dir. Ich sage dir unangenehme Dinge, und gerade daran erkennt man seine wahren Freunde! Sieh nur zu, dass du Eier legst oder schnurren und Funken sprühen lernst!«

»Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt«, sagte das Entlein.

»Ja, tu das nur!«, sagte die Henne.

Und das Entlein ging. Es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen seiner Hässlichkeit übersehen.

Nun kam der Herbst. Die Blätter im Wald wurden gelb und braun, der Wind packte sie, dass sie umhertanzten, und oben in der Luft war es sehr kalt. Die Wolken hingen schwer von Hagel und Schneeflocken, und auf dem Zaun stand der Rabe und schrie »Au! Au!« vor Kälte. Ja, einen fror schon, wenn man nur daran dachte. Das arme Entlein hatte es wahrlich nicht gut. Eines Abends – die Sonne ging gerade so schön unter! – kam ein Schwarm herrlicher, großer Vögel aus dem Gebüsch. Das Entlein hatte noch nie so schöne gesehen. Sie waren blendend weiß, mit langen, geschmeidigen Hälsen: es waren Schwäne. Sie stießen einen ganz eigenen Ton aus, breiteten ihre prächtigen, langen Flügel aus und flogen aus der kalten Gegend fort, in wärmere Länder, zu offenen Seen. Sie stiegen so hoch, so hoch, und dem hässlichen jungen Entlein wurde ganz sonderbar zumute. Es drehte sich im Wasser wie ein Rad rundherum, streckte den Hals hoch in die Luft ihnen nach und stieß einen so lauten und seltsamen Schrei aus, dass es vor sich selbst erschrak. Oh, es konnte die schönen, glücklichen Vögel nicht vergessen, und sobald es sie nicht mehr sah, tauchte es hinunter bis auf den Grund. Und als es wieder heraufkam, war es wie außer sich. Es wusste nicht, wie die Vögel hießen, auch nicht, wohin sie flogen; und doch war es ihnen gut wie noch nie jemandem. Es beneidete sie ganz und gar nicht. Wie hätte es ihm auch einfallen sollen, sich solche Lieblichkeit zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn die Enten es nur unter sich geduldet hätten – das arme, hässliche Tier!

Der Winter wurde kalt, sehr kalt! Das Entlein musste im Wasser umherschwimmen, damit es nicht ganz zufror. Aber in jeder Nacht wurde das Loch, in dem es schwamm, kleiner und kleiner. Es fror so, dass es in der Eisdecke knackte, und das Entlein musste unaufhörlich die Beine gebrauchen, damit sich das Loch nicht schloss. Zuletzt wurde es matt, lag ganz still und fror so im Eis fest.

Am frühen Morgen kam ein Bauer vorbei. Als er das sah, ging er hin, schlug mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug das Entlein heim zu seiner Frau. Da kam es wieder zu sich.

Die Kinder wollten mit ihm spielen, aber das Entlein glaubte, sie wollten ihm etwas zuleide tun, und fuhr in seiner Angst geradewegs in den Milchnapf, dass die Milch in die Stube spritzte. Die Frau schlug die Hände zusammen, worauf das Entlein in das Butterfass flog, dann hinunter in die Mehltonne und wieder heraus. Wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange nach ihm, die Kinder rannten einander über den Haufen, um das Entlein zu fangen, und lachten und schrien. Zum Glück stand die Tür offen, und es konnte zwischen die Reiser in den frisch gefallenen Schnee schlüpfen. Da lag es ganz ermattet.

Aber all die Not und das Elend, die das Entlein in dem harten Winter durchmachen musste, zu erzählen, wäre allzu traurig. Es lag im Moor zwischen dem Schilf, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen; es war ein herrlicher Frühling.

Da konnte das Entlein auf einmal seine Flügel schwingen. Sie rauschten kräftiger als früher und trugen es mit Macht davon, und ehe es sich versah, befand es sich in einem großen Garten, wo der Flieder duftete und seine langen, grünen Zweige bis hinab zu den geschlängelten Wassergräben neigte. Oh, hier war es so schön, so frühlingsfrisch! Und vorn aus dem Dickicht kamen drei prächtige, weiße Schwäne. Sie rauschten mit den Federn und schwammen leicht auf dem Wasser. Das Entlein erkannte die prächtigen Tiere, und eine seltsame Traurigkeit ergriff es.

»Ich will zu ihnen hinfliegen, zu diesen königlichen Vögeln! Und sie werden mich totschlagen, weil ich, der ich so hässlich bin, es wage, mich ihnen zu nähern. Aber das ist einerlei! Besser, von ihnen getötet, als von den Enten gezwickt, von den Hühnern gehackt, von dem Mädchen, das den Hühnerhof hütet, gestoßen zu werden und im Winter zu darben!« Und es flog hinaus aufs Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen. Diese erblickten es und schossen mit rauschenden Federn auf es zu. »So tötet mich nur!«, sagte das arme Tier, neigte seinen Kopf zur Wasserfläche und erwartete den Tod. Aber was erblickte es da im klaren Wasser? Es sah sein eigenes Bild unter sich, und das war kein plumper, schwarzgrauer Vogel mehr, hässlich und garstig, sondern selbst ein Schwan.

Es macht nichts, in einem Entenhof geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!

Es fühlte sich richtig froh über all die Not und Bedrängnis, die es durchgemacht hatte. Nun erst erkannte es recht sein Glück inmitten all der Herrlichkeit, die es begrüßte. Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit den Schnäbeln.

In den Garten kamen ein paar kleine Kinder, die warfen Brot und Korn ins Wasser, und das kleinste rief: »Da ist ein neuer!« Und die anderen Kinder jubelten mit: »Ja, es ist ein neuer angekommen!« Und sie klatschten in die Hände und tanzten umher, liefen zu Vater und Mutter, und es wurde Brot und Kuchen ins Wasser geworfen, und alle sagten: »Der neue ist der schönste! So jung und so prächtig!« Und die alten Schwäne verneigten sich vor ihm.

Da fühlte er sich ganz beschämt und steckte den Kopf unter seine Flügel. Er wusste selbst nicht, wie ihm geschah. Er war allzu glücklich, aber durchaus nicht stolz. Er dachte daran, wie er verfolgt und verhöhnt worden war, und hörte nun alle sagen, er sei der schönste von allen schönen Vögeln. Selbst der Flieder bog sich mit seinen Zweigen zu ihm ins Wasser hinunter, und die Sonne schien warm und mild. Da rauschten seine Federn, der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er: »So viel Glück hätte ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das hässliche Entlein war!«