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Die roten Schuhe

Die roten Schuhe

Hans Christian Andersen

10 Min. Lesezeit10–16 Jahre

Das arme Mädchen Karen bekommt von einer alten Schuhmacherin ein Paar rote Schuhe geschenkt, die sie zur Beerdigung ihrer Mutter trägt und die später, als sie zur Konfirmation geht, ihr Leben völlig verändern. Nach einem rätselhaften Fluch tanzt Karen unaufhörlich in den roten Schuhen, bis sie sich schließlich von ihnen befreit und durch Demut und echte Reue endlich Gnade und Frieden findet.

Behutsame FassungOriginalfassung

Es war einmal ein kleines Mädchen, fein und lieb anzusehen. Im Sommer musste sie barfuß gehen, denn sie war arm, und im Winter trug sie große Holzschuhe, sodass ihre kleinen Füße ganz rot wurden von der Kälte.

Mitten im Dorf wohnte eine alte Schuhmacherin. Sie nähte aus alten roten Tuchstreifen, so gut sie konnte, ein Paar kleine Schuhe. Sie waren etwas plump, aber gut gemeint, und das kleine Mädchen sollte sie bekommen. Das Mädchen hieß Karen.

An dem Tag, als man ihre Mutter zu Grabe trug, bekam Karen die roten Schuhe und trug sie zum ersten Mal. Es waren nicht die richtigen Schuhe für einen so traurigen Tag, aber sie hatte keine anderen. So steckte sie ihre nackten Füße hinein und ging hinter dem einfachen Sarg her.

Da kam ein großer alter Wagen vorbei, und darin saß eine reiche alte Dame. Sie sah das kleine Mädchen, empfand Mitleid und sagte zum Pfarrer: »Gebt mir das Kind, ich will mich um sie kümmern.«

Karen glaubte, das geschehe wegen der roten Schuhe. Die alte Dame aber fand die Schuhe hässlich, und sie wurden verbrannt. Karen selbst wurde nun reinlich und hübsch gekleidet. Sie lernte lesen und nähen, und alle sagten, sie sei niedlich. Der Spiegel aber sagte: »Du bist mehr als niedlich – du bist schön!«

Einmal reiste die Königin durchs Land, ihre kleine Tochter, die Prinzessin, an ihrer Seite. Die Leute strömten zum Schloss, auch Karen war dabei. Die Prinzessin stand am Fenster in weißen Kleidern, ohne Krone, aber mit den schönsten roten Schuhen, die man sich denken kann. Nichts auf der Welt, dachte Karen, ist so schön wie rote Schuhe.

Als Karen alt genug war, zur Konfirmation zu gehen, bekam sie neue Kleider und sollte auch neue Schuhe haben. Der Schuhmacher in der Stadt nahm Maß von ihrem Fuß. In seinem Laden standen Glasschränke voller schöner Schuhe, und mittendrin ein Paar rote, ganz wie die der Prinzessin. Der Schuhmacher erzählte, sie seien für ein Grafenkind gemacht worden, hätten aber nicht gepasst.

»Glänzt das Leder so sehr?«, fragte die alte Dame, die nicht mehr gut sehen konnte.

»Ja, es glänzt«, sagte Karen. Die Schuhe passten und wurden gekauft. Die alte Dame wusste nicht, dass sie rot waren – sonst hätte sie es niemals erlaubt. Aber genau in diesen Schuhen ging Karen nun zur Konfirmation.

Alle Blicke ruhten auf ihren Füßen. Selbst die alten Bilder in der Kirche, die Pfarrer und Pfarrfrauen aus vergangenen Zeiten, schienen ihr auf die roten Schuhe zu starren. Während der Pfarrer ihr die Hand aufs Haupt legte und von Gott und vom Glauben sprach, während die Orgel feierlich klang und die Kinder sangen, dachte Karen nur an ihre Schuhe.

Am Nachmittag erfuhr die alte Dame, dass die Schuhe rot gewesen waren. Sie sagte, das schicke sich nicht, und Karen solle künftig immer in schwarzen Schuhen zur Kirche gehen, auch wenn sie schon alt seien.

Am nächsten Sonntag war Abendmahl. Karen betrachtete die schwarzen Schuhe, betrachtete die roten – und zog am Ende die roten an.

Es war ein sonniger Tag. Karen und die alte Dame gingen durch die Felder zur Kirche. An der Kirchentür stand ein alter, invalider Soldat mit einem langen, rötlichen Bart. Er bot an, die Schuhe der Damen abzuwischen, und als Karen ihm ihren kleinen Fuß hinstreckte, sagte er: »Sieh nur, was für schöne Tanzschuhe! Sitzen fest, wenn ihr tanzt!« Und er klopfte leicht auf die Sohlen.

In der Kirche dachte Karen wieder nur an ihre Schuhe. Sie vergaß ihr Gebet, sie vergaß ihren Psalm.

Als alle die Kirche verließen und Karen in den Wagen steigen wollte, sagte der Soldat noch einmal: »Sieh nur, was für schöne Tanzschuhe!« Und Karen konnte nicht anders – ihre Füße begannen zu tanzen, und sie tanzte um die Kirche herum, ohne aufhören zu können. Der Kutscher musste sie einfangen und in den Wagen heben, aber selbst da tanzten ihre Füße noch weiter, bis man ihr die Schuhe auszog. Erst dann kamen ihre Beine zur Ruhe.

Daheim stellte man die Schuhe in den Schrank. Doch Karen musste sie immer wieder ansehen.

Bald darauf wurde die alte Dame schwer krank, und man sagte, sie werde nicht wieder gesund. Sie brauchte Pflege, und niemand hätte besser bei ihr bleiben sollen als Karen. Aber in der Stadt war ein großer Ball, und Karen war eingeladen. Sie dachte, es könne keine Sünde sein, zog die roten Schuhe an und ging zum Tanz.

Doch als sie sich nach rechts wenden wollte, tanzten die Schuhe nach links, und wenn sie hinauf wollte, trugen die Schuhe sie hinab – die Treppe hinunter, durch die Straße, zum Stadttor hinaus, hinein in den dunklen Wald. Sie tanzte und konnte nicht aufhören.

Zwischen den Bäumen schimmerte etwas, das sie zuerst für den Mond hielt. Es war der alte Soldat mit dem rötlichen Bart, der ihr nachnickte: »Sieh nur, was für schöne Tanzschuhe!«

Erschrocken wollte sie die Schuhe abstreifen, aber sie saßen fest, als wären sie an ihre Füße gewachsen. Tag und Nacht, durch Regen und Sonnenschein, über Feld und Wiese tanzte sie weiter. Am schlimmsten war es nachts. Einmal tanzte sie über den Kirchhof, doch die Toten dort tanzten nicht mit ihr; sie hatten Ruhe gefunden, die ihr verwehrt blieb. Als sie an die offene Kirchentür kam, stand dort ein Engel in einem langen weißen Gewand, mit einem strengen, ernsten Gesicht und einem breiten Schwert in der Hand.

»Tanzen sollst du«, sagte er, »auf deinen roten Schuhen, bis du müde und blass wirst. Tanzen sollst du von Tür zu Tür, damit stolze, eingebildete Kinder dich sehen und sich fürchten.«

»Gnade!«, rief Karen. Doch die Schuhe trugen sie weiter, über Feld und Weg, ohne Ende.

Eines Morgens tanzte sie an einem Haus vorbei, das sie gut kannte. Drinnen wurde gesungen, und ein blumengeschmückter Sarg wurde hinausgetragen: die alte Dame war gestorben. Nun fühlte Karen, dass sie ganz allein war und von Gottes Engel verurteilt.

Sie tanzte weiter, über Dornen und Steine, bis ihre Füße wund und müde waren. So kam sie an ein einsames kleines Haus am Rand der Heide. Dort verließen sie die Kräfte, und sie sank vor der Tür zu Boden, zu müde und zu traurig, um noch einen einzigen Schritt zu tanzen.

»Gott, hab Erbarmen mit mir!«, rief sie in die Dunkelheit. »Es tut mir so leid – so leid um meinen Hochmut und meine Eitelkeit. Nimm mir diese roten Schuhe fort. Lieber würde ich nie mehr im Leben tanzen, als so von allen fortgetragen zu werden, die ich liebe.«

Und sie gestand alles, was geschehen war, Stück für Stück, weinte bitterlich und verschwieg nichts, und bereute ihre Schuld von ganzem Herzen.

Da war es plötzlich, als fiele eine schwere Last von ihr ab. Die roten Schuhe lösten sich von ihren Füßen – und tanzten ganz von allein davon, über das Feld hinaus und tief in den Wald, und niemand sah sie je wieder. Karen war frei.

Lange saß sie noch in der Stille, mit wunden, müden Füßen, aber mit einem Frieden im Herzen, wie sie ihn lange nicht gekannt hatte.

In diese Stille hinein kam ein leises, demütiges Lied – eines von denen, die jene singen, die ihre Schuld aufrichtig bereuen –, und sie sang es unter Tränen. Als der Morgen kam, stand sie auf und machte sich auf den Weg über die Heide, von Herzen dankbar, einfach dorthin gehen zu dürfen, wohin sie wollte.

»Nun habe ich für die roten Schuhe genug gelitten«, sagte sie. »Jetzt will ich in die Kirche gehen, damit man mich sieht.« Doch als sie sich der Kirchentür näherte, glaubte sie, die roten Schuhe vor sich her tanzen zu sehen, und erschrocken kehrte sie um.

Die ganze Woche war sie traurig und weinte viele Tränen. Am Sonntag aber dachte sie: »Ich habe genug gelitten. Ich bin sicher so gut wie manche, die dort in der Kirche sitzen.« Mutig machte sie sich auf den Weg. Doch kaum war sie am Kirchhoftor, sah sie wieder die roten Schuhe vor sich, und wieder kehrte sie um – dieses Mal aber mit einem Herzen, das ihre Sünde von Grund auf bereute.

Sie ging zum Haus des Pfarrers und bat, dort dienen zu dürfen. Sie wolle fleißig sein und brauche keinen Lohn, wenn sie nur ein Zuhause und gute Menschen um sich haben dürfe. Die Pfarrfrau hatte Mitleid mit ihr und nahm sie auf. Karen war fleißig und still, hörte aufmerksam zu, wenn abends aus der Bibel gelesen wurde, und die Kinder im Haus hatten sie lieb. Doch wenn jemand von schönen Kleidern oder Schmuck sprach, schüttelte sie nur den Kopf.

Am nächsten Sonntag fragte man sie, ob sie mit zur Kirche kommen wolle. Traurig senkte sie den Kopf und blieb allein zurück, in ihrer kleinen Kammer, kaum größer als ein Bett und ein Stuhl. Sie setzte sich mit ihrem Gesangbuch hin, und während sie darin las, trug der Wind die Orgeltöne aus der Kirche zu ihr herüber. Mit Tränen im Gesicht hob sie den Blick und sagte: »Gott, hilf mir!«

Da schien die Sonne hell, und vor ihr stand der Engel – derselbe, den sie einst mit dem Schwert gesehen hatte. Nun aber trug er keine Waffe mehr, sondern einen grünen Zweig voller Rosen. Er berührte die Decke, und sie hob sich hoch hinauf; er berührte die Wände, und sie wichen zurück, und plötzlich sah Karen die ganze Kirche vor sich, mit der rauschenden Orgel und den singenden Menschen. Sie saß mitten unter ihnen, und als der Gesang endete, nickten ihr alle zu: »Es ist gut, dass du gekommen bist, Karen.«

»Das ist Gnade«, sagte sie leise.

Die Orgel klang, die Kinderstimmen sangen sanft, und der warme Sonnenschein fiel durch das Fenster genau auf Karens Platz. Ihr Herz wurde so voll von Licht, Frieden und Freude, dass es zerbrach – ganz leicht, ganz still. Und ihre Seele stieg auf einem Sonnenstrahl empor zu Gott, dorthin, wo niemand mehr nach roten Schuhen fragte.