
Der standhafte Zinnsoldat
8 Min. Lesezeit6–12 Jahre
Ein standhafter Zinnsoldat mit nur einem Bein verliebt sich unsterblich in eine zierliche Papiertänzerin und erlebt eine abenteuerliche Reise voller Prüfungen, die ihn von einem Fenster über Straßenrinnen, unter Brücken hindurch bis in den Bauch eines Fisches führt. Durch Zufall kehrt er in sein Kinderzimmer zurück, wo er die Tänzerin wiedersieht, doch ein böser Kobold wirft ihn ins Feuer, in dem die Tänzerin ihm im Tode näher kommt als je im Leben.
Es waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten, allesamt Brüder, denn sie waren aus demselben alten Zinnlöffel gegossen. Sie hielten ihr Gewehr im Arm und schauten geradeaus, und ihre Uniform war rot und blau. Als der Deckel von ihrer Schachtel gehoben wurde, hörten sie zum ersten Mal ein Wort in dieser Welt: »Zinnsoldaten!«, rief ein kleiner Junge und klatschte in die Hände, denn es war sein Geburtstag, und man hatte sie ihm geschenkt.
Ein Soldat glich dem anderen bis aufs Haar, nur einer war zuletzt gegossen worden, und da hatte das Zinn nicht mehr ganz gereicht. Darum hatte er nur ein Bein. Doch er stand darauf ebenso fest wie die anderen auf ihren beiden, und gerade ihm sollte etwas ganz Besonderes geschehen.
Auf dem Tisch stand noch viel anderes Spielzeug, aber am schönsten war ein kleines Schloss aus Papier mit winzigen Fenstern, durch die man in helle Säle blicken konnte. Davor lag ein kleiner Spiegel wie ein See, auf dem Schwäne aus Wachs schwammen. Und mitten in der offenen Schlosstür stand eine kleine Tänzerin. Auch sie war aus Papier, aber ihr Rock war aus feinem Leinen, und über die Schultern trug sie ein schmales blaues Band wie einen Umhang, darauf eine glänzende Rose, groß wie ihr ganzes Gesicht. Sie streckte beide Arme aus und hob ein Bein so hoch, dass der Zinnsoldat es gar nicht sehen konnte – er dachte, sie habe, wie er, nur ein Bein.
»Das wäre eine Frau für mich«, dachte er. »Aber sie ist vornehm, sie wohnt in einem Schloss, und ich habe nur eine Schachtel, in der wir zu fünfundzwanzig sind. Trotzdem will ich ihre Bekanntschaft machen.« Und er legte sich hinter eine Schnupftabaksdose, die auf dem Tisch stand, um sie in Ruhe betrachten zu können.
Als es Abend wurde, kamen die Menschen im Haus zu Bett, und das Spielzeug begann zu spielen: Besuch, Krieg, Ball. Die Zinnsoldaten in der Schachtel rasselten, weil sie mitmachen wollten, aber sie konnten den Deckel nicht heben. Der Nussknacker schlug Purzelbäume, der Griffel schrieb auf der Tafel, und es war so laut, dass der Kanarienvogel aufwachte und in Versen mitredete. Nur zwei blieben ganz still: der Zinnsoldat und die Tänzerin. Sie stand unverändert auf der Zehenspitze, beide Arme ausgestreckt, und er stand ebenso standhaft auf seinem einen Bein, ohne die Augen von ihr zu wenden.
Da schlug die Uhr zwölf, und mit einem Klaps sprang der Deckel der Schnupftabaksdose auf. Es war gar kein Tabak darin, sondern ein kleiner schwarzer Kobold.
»Zinnsoldat«, sagte der Kobold, »sieh nicht nach Dingen, die dich nichts angehen!«
Aber der Soldat tat, als hörte er ihn nicht.
»Warte nur bis morgen«, sagte der Kobold drohend.
Am nächsten Morgen stellte man den Soldaten ins Fenster. Und ob es der Wind war oder der Kobold – plötzlich flog das Fenster auf, und der Soldat stürzte kopfüber aus dem dritten Stock hinab. Es war eine schreckliche Fahrt. Er landete mit dem Kopf nach unten, das Bajonett zwischen den Pflastersteinen, das Bein starr in die Luft gestreckt.
Das Dienstmädchen und der kleine Junge suchten ihn, doch obwohl sie fast auf ihn traten, sahen sie ihn nicht. Hätte er gerufen: »Hier bin ich!«, hätten sie ihn gefunden – aber er fand es nicht schicklich, in Uniform laut zu schreien.
Dann fing es an zu regnen, immer stärker, bis es ein wahrer Platzregen war. Als er vorüber war, kamen zwei Straßenjungen vorbei.
»Sieh mal«, sagte der eine, »ein Zinnsoldat! Der soll mit dem Boot fahren!«
Sie bauten aus einer Zeitung ein Schiffchen, setzten ihn hinein, und so segelte er den Rinnstein hinunter, während die Jungen nebenherliefen und klatschten. Die Wellen schlugen hoch, und die Strömung war stark, denn der Regen hatte alles überflutet. Das Papierboot schaukelte und drehte sich, dass der Soldat zitterte – aber er blieb standhaft, blickte geradeaus und hielt sein Gewehr fest im Arm.
Dann trieb das Boot unter eine lange Brücke, und es wurde so dunkel wie in seiner alten Schachtel.
»Wohin mag ich nur geraten«, dachte er. »Das ist die Schuld des Kobolds! Ach, wäre die kleine Tänzerin doch hier bei mir – dann wäre mir die Dunkelheit gleich.«
Da kam eine große Wasserratte, die unter der Brücke wohnte.
»Hast du einen Pass?«, fragte sie. »Zeig deinen Pass!«
Aber der Soldat schwieg und hielt sein Gewehr nur fester.
Das Boot trieb weiter, die Ratte hinterher, und rief den Holzspänen zu: »Haltet ihn, haltet ihn, er hat nicht bezahlt!« Doch die Strömung wurde immer stärker. Schon konnte der Soldat am Ende der Brücke helles Tageslicht sehen – aber zugleich hörte er ein Brausen, das selbst einen tapferen Mann hätte erschrecken können: Der Rinnstein mündete dort in einen großen Kanal, tief und reißend wie ein Wasserfall.
Es war nicht mehr aufzuhalten. Das Boot schoss hinaus, drehte sich mehrmals im Kreis und begann sich mit Wasser zu füllen. Es musste sinken. Der Soldat stand schon bis zum Hals im Wasser, tiefer und tiefer sank das Boot, das Papier löste sich auf – und dann schlug das Wasser über seinem Kopf zusammen. Da dachte er an die kleine Tänzerin, die er wohl nie mehr wiedersehen würde, und in seinen Ohren klang es leise:
»Fahre hin, du Kriegersmann, was kommen muss, das nimm nun an.«
Das Papier zerriss, und der Soldat sank hinab – doch im selben Moment wurde er von einem großen Fisch verschluckt.
Wie dunkel war es im Bauch des Fisches, noch dunkler als unter der Brücke, und dazu eng. Aber der Zinnsoldat blieb standhaft und lag, so lang er war, mit dem Gewehr im Arm.
Der Fisch schwamm hin und her, unruhig und wild, bis er endlich still wurde. Dann durchfuhr alles ein greller Schein, und eine Stimme rief: »Ein Zinnsoldat!« Der Fisch war gefangen worden, auf den Markt gebracht, verkauft – und nun schnitt die Köchin ihn in der Küche auf. Sie nahm den Soldaten vorsichtig zwischen zwei Finger und trug ihn in die Stube, wo alle den merkwürdigen kleinen Mann sehen wollten, der im Bauch eines Fisches gereist war. Der Soldat aber war nicht stolz.
Man stellte ihn auf den Tisch, und – wie sonderbar kann es doch auf der Welt zugehen! – er war wieder in derselben Stube, sah dieselben Kinder, dasselbe Spielzeug, das schöne Schloss mit der kleinen Tänzerin. Sie stand noch immer auf ihrem einen Bein, das andere hoch in der Luft: auch sie war standhaft geblieben. Das berührte den Zinnsoldaten so sehr, dass er fast Zinn geweint hätte, aber das schickte sich nicht für einen Soldaten. Er sah sie nur an, und sie sah ihn an, und keiner sagte ein Wort.
Da nahm einer der Jungen den Soldaten auf einmal und warf ihn in den Ofen, ohne dass er einen Grund dafür genannt hätte. Gewiss war es der Kobold in der Dose gewesen, der daran schuld war.
Der Soldat stand nun hell erleuchtet in der Glut und fühlte eine Hitze, die schrecklich war; ob sie vom Feuer kam oder von der Liebe, wusste er nicht zu sagen. Seine Farben waren längst verblasst, ob von der langen Reise oder vom Kummer, konnte niemand sagen. Er sah die kleine Tänzerin an, sie sah ihn an, und er fühlte, wie er zu schmelzen begann – doch er stand noch immer standhaft, das Gewehr im Arm.
Da ging plötzlich eine Tür auf, der Wind erfasste die kleine Tänzerin, und sie flog, leicht wie ein Hauch, in den Ofen, zu ihm hin, loderte einen Augenblick in Flammen auf – und war verschwunden. Da schmolz auch der Zinnsoldat ganz zu einem kleinen Klumpen. Als das Mädchen am nächsten Tag die Asche aus dem Ofen holte, fand sie ihn dort, geformt wie ein kleines Herz. Von der Tänzerin aber war nichts geblieben als die glänzende Rose – und die war ganz schwarz verbrannt.