
Die kleine Meerjungfrau
10 Min. Lesezeit8–14 Jahre
In der Tiefe des Meeres lebt die jüngste Tochter des Meerkönigs, die sich schon lange nach der Menschenwelt sehnt, bis sie an ihrem fünfzehnten Geburtstag einen sterblichen Prinzen rettet und sich unsterblich in ihn verliebt. Um mit ihm zusammenzuleben und eine Seele zu gewinnen, opfert sie der Meerhexe ihre wunderbare Stimme und erhält menschliche Beine, obwohl jeder Schritt ihr Schmerzen bereitet und ohne die Liebe des Prinzen ihr nur der Tod bleibt.
Weit draußen im Meer ist das Wasser so blau wie die schönste Kornblume und so klar wie reines Glas. Doch es ist sehr tief – so tief, dass kein Ankertau je den Grund berührt. Dort unten wohnt das Meervolk.
Man darf nicht glauben, dort sei nur nackter Sand. Nein, dort wachsen die wunderlichsten Bäume und Pflanzen, so biegsam, dass sie sich bei der leisesten Bewegung des Wassers regen, als lebten sie. Und ganz unten, an der tiefsten Stelle, steht das Schloss des Meerkönigs, mit Mauern aus Korallen und Fenstern aus klarem Bernstein.
Der Meerkönig war Witwer; seine alte, kluge Mutter führte ihm den Haushalt und hielt große Stücke auf ihre sechs Enkelinnen, die kleinen Meerprinzessinnen. Die jüngste war die schönste von allen, mit Haut zart wie ein Rosenblatt und Augen blau wie die tiefste See. Wie ihre Schwestern hatte sie keine Füße, ihr Körper endete in einem Fischschwanz.
Die Prinzessinnen spielten in den Sälen des Schlosses, wo lebendige Blumen aus den Wänden wuchsen, und im Garten davor, wo jede ihr eigenes kleines Beet hatte. Die jüngste formte ihres rund wie die Sonne und pflanzte rote Blumen hinein. Sie war ein stilles, nachdenkliches Kind. Anders als ihre Schwestern, die mit Schätzen aus gestrandeten Schiffen prahlten, wünschte sie sich nur eine schöne Marmorstatue eines Knaben, die einst bei einem Schiffbruch versunken war. Daneben pflanzte sie eine rosenrote Trauerweide, deren Zweige über die Statue hinabhingen.
Nichts liebten die Schwestern mehr, als von der Menschenwelt zu hören. Die Großmutter erzählte von duftenden Blumen, grünen Wäldern und singenden Vögeln – die sie, damit die Kinder sie verstanden, »Fische« nannte. »Wenn ihr fünfzehn seid«, sagte sie, »dürft ihr aus dem Meer auftauchen und die Welt der Menschen sehen.« Die Jüngste musste am längsten warten, denn sie war die jüngste von allen. Aber keine sehnte sich mehr danach als sie.
So kam es, dass jede Schwester, kaum fünfzehn geworden, hinaufstieg und danach erzählte, was sie gesehen hatte: die eine die Lichter einer großen Stadt und das Läuten der Kirchenglocken; die andere einen goldenen Sonnenuntergang und einen Schwarm wilder Schwäne; die dritte einen Fluss mit grünen Hügeln und Kindern, die im Wasser spielten, bis ein kleiner Hund sie erschreckte; die vierte das weite, wilde Meer mit Delfinen und Walfischen; die fünfte, deren Geburtstag im Winter lag, glitzernde Eisberge und ein Gewitter, das sie mutig auf einem schwimmenden Eisberg erlebte. Doch jede von ihnen wurde nach einiger Zeit wieder heimwärts gezogen: Zu Hause, sagten sie, sei es doch am schönsten.
Manchmal stiegen die fünf Schwestern Arm in Arm gemeinsam hinauf und sangen mit ihren wunderschönen Stimmen den Seeleuten bei Sturm zu, sie sollten sich nicht fürchten, ins Meer hinabzukommen. Doch die Menschen verstanden die Worte nicht.
Wenn die Schwestern so aufstiegen, blieb die jüngste allein zurück und sah ihnen sehnsüchtig nach. Eine Meerjungfrau kann nicht weinen, und darum litt sie umso mehr.
Endlich wurde auch sie fünfzehn Jahre alt. Die Großmutter setzte ihr einen Kranz aus Perlenlilien ins Haar und ließ ihr acht schwere Austern an den Schweif klemmen, zum Zeichen ihres Ranges.
»Das tut so weh!«, sagte die kleine Meerjungfrau.
»Ja, wer schön sein will, muss leiden«, erwiderte die Alte.
Doch die kleine Meerjungfrau schüttelte all den Schmuck bald von sich und stieg leicht wie eine Blase durch das Wasser hinauf.
Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf über die Wellen hob. Ein großes Schiff mit drei Masten lag da, hell erleuchtet, mit Musik und Tanz an Bord – man feierte den Geburtstag eines jungen Prinzen, kaum sechzehn Jahre alt, mit schwarzen Augen und einem Lächeln, das die kleine Meerjungfrau nicht mehr vergessen sollte. Feuerwerk stieg in den Himmel, und sie beobachtete alles verzaubert vom Wasser aus.
Doch in der Nacht zog ein Sturm auf. Das Schiff wurde von den Wellen zerschlagen, der Mast brach, und die kleine Meerjungfrau sah, wie der Prinz ins Meer sank. Einen Augenblick freute sie sich – nun würde er zu ihr hinabkommen. Doch dann erschrak sie: Menschen können nicht im Wasser leben. Sie schwamm zwischen den treibenden Trümmern hindurch, fand ihn erschöpft in den Wellen und hielt seinen Kopf über Wasser, bis der Sturm sich legte.
Am Morgen trug sie ihn an einen Strand nahe einem weißen Gebäude, wohin sie ihn behutsam legte, den Kopf im warmen Sonnenschein. Dann versteckte sie sich hinter Felsen im Meerschaum und sah, wie ein junges Mädchen kam, Hilfe holte und den Prinzen ins Leben zurückrief. Ihr aber lächelte er nicht zu – er wusste nichts von ihr. Traurig tauchte die kleine Meerjungfrau unter und kehrte zum Schloss ihres Vaters zurück.
Von diesem Tag an war sie stiller und nachdenklicher als je zuvor. Sie erfuhr, wo der Prinz wohnte, und schwamm manche Nacht bis nahe an sein prächtiges Schloss, um ihn heimlich zu betrachten. Mehr und mehr begann sie, die Menschen zu lieben, und fragte ihre Großmutter, ob Menschen ewig lebten.
»Sie sterben sogar früher als wir«, sagte die Großmutter, »denn wir werden dreihundert Jahre alt. Aber wenn wir sterben, werden wir nur Schaum auf dem Wasser – wir haben keine unsterbliche Seele. Die Menschen aber haben eine Seele, die ewig lebt und zu den Sternen aufsteigt.«
»Warum haben wir keine unsterbliche Seele?«, fragte die kleine Meerjungfrau betrübt. »Ich gäbe alle meine dreihundert Jahre für einen einzigen Tag als Mensch, wenn ich dafür Anteil an der himmlischen Welt hätte.«
»Nur wenn ein Mensch dich so liebte, dass du ihm mehr wärst als alles andere, und er dich vor dem Priester zur Frau nähme, würde seine Liebe dir eine Seele schenken«, sagte die Großmutter. »Doch das kann kaum geschehen. Was hier schön ist, dein Fischschwanz, finden sie dort oben hässlich.«
Da seufzte die kleine Meerjungfrau und sah traurig auf ihren Schwanz.
In der Nacht, während im Schloss ihres Vaters ein Fest gefeiert wurde, schlich sie sich fort zur Meerhexe, vor der sie sich immer gefürchtet hatte. Der Weg führte durch brausende Strudel und einen unheimlichen Wald voller Polypen mit langen, greifenden Armen. Mit klopfendem Herzen schwamm sie mitten durch sie hindurch, ohne sich fangen zu lassen, bis sie zum Haus der Hexe kam, das aus den Knochen ertrunkener Menschen gebaut war.
»Ich weiß schon, was du willst«, sagte die Hexe. »Es ist dumm von dir, aber du sollst deinen Willen haben. Ich brühe dir einen Trank; den musst du trinken, bevor die Sonne aufgeht, an Land sitzend. Dann verschwindet dein Schwanz, und du bekommst Beine wie ein Mensch. Aber es tut weh, als führe ein Schwert durch dich hindurch. Und jeder Schritt wird sein, als träte man auf scharfe Messer.«
»Ich will es dennoch«, sagte die kleine Meerjungfrau und dachte an den Prinzen.
»Bedenke aber«, warnte die Hexe, »hast du erst menschliche Gestalt, kannst du nie wieder Meerjungfrau werden. Und gewinnst du die Liebe des Prinzen nicht so, dass er dich vor dem Priester zur Frau nimmt, bekommst du keine Seele. Heiratet er eine andere, wird dein Herz brechen, und du wirst zu Schaum auf dem Meer.«
»Ich will es trotzdem«, sagte die kleine Meerjungfrau, bleich wie der Tod.
»Aber bezahlen musst du mich auch«, sagte die Hexe. »Ich will deine Stimme, die schönste im ganzen Meer. Streck deine Zunge heraus, damit ich sie dir abschneide.«
So geschah es. Die kleine Meerjungfrau wurde stumm, konnte weder singen noch sprechen, und erhielt den Trank, klar wie Wasser. Auf dem Rückweg schreckten die Polypen vor dem Leuchten des Trankes zurück, und sie kam wohlbehalten zum Schloss des Prinzen.
Dort trank sie den brennenden Trank und sank ohnmächtig zu Boden, als führe ein zweischneidiges Schwert durch ihren Körper. Als sie erwachte, stand der Prinz vor ihr, und sie hatte die niedlichsten weißen Beine, die ein Mädchen je haben kann. Sprechen konnte sie nicht, aber ihre Augen sprachen für sie, und der Prinz nahm sie mit ins Schloss.
Sie tanzte für ihn schöner, als je jemand getanzt hatte, obwohl jeder Schritt schmerzte wie scharfe Messer. Er nannte sie sein stummes Findelkind und ließ sie stets an seiner Seite bleiben, doch er dachte nicht daran, sie zu seiner Königin zu machen. Er erzählte ihr sogar von einem Mädchen aus einem Tempel, das ihn einst gerettet habe – ohne zu wissen, dass sie selbst es gewesen war.
Nun sollte der Prinz die Tochter des Nachbarkönigs heiraten. Als die Braut ankam, erkannte er in ihr das Mädchen aus dem Tempel und war überglücklich. Die kleine Meerjungfrau wusste: Sein Hochzeitsmorgen würde ihr den Tod bringen.
In der Nacht vor der Hochzeit, als das Schiff zurücksegelte, kamen ihre Schwestern aus den Wellen, ihr schönes Haar abgeschnitten.
»Wir haben es der Hexe gegeben, damit sie uns dies Messer schenkte«, riefen sie. »Töte den Prinzen, bevor die Sonne aufgeht, und lass sein Blut auf deine Füße fließen – dann wirst du wieder Meerjungfrau und kannst zu uns zurückkehren. Beeile dich, sonst musst du sterben!«
Die kleine Meerjungfrau nahm das Messer und trat zum Zelt, in dem der Prinz mit seiner jungen Braut schlief. Sie beugte sich über ihn, sah sein Gesicht im ersten Morgenlicht, hob das Messer – doch dann warf sie es weit hinaus in die Wellen. Sie sah noch einmal auf den Prinzen, den sie so sehr geliebt hatte, und stürzte sich selbst ins Meer.
Doch sie fühlte keinen Tod. Ihr Körper löste sich auf, doch sie fühlte, wie sie leicht und hell in die Höhe stieg, umgeben von durchsichtigen, schönen Wesen.
»Wohin komme ich?«, fragte sie, und ihre Stimme klang wie Musik.
»Zu den Töchtern der Luft«, antworteten sie. »Eine Meerjungfrau hat keine unsterbliche Seele, wenn sie nicht die Liebe eines Menschen gewinnt. Aber wir Töchter der Luft können uns durch gute Taten selbst eine Seele erwerben. Du hast so sehr gelitten und so treu geliebt, dass du zu uns aufgestiegen bist. Nach dreihundert guten Taten wirst auch du eine unsterbliche Seele haben.«
Und die kleine Meerjungfrau hob ihre Augen zur Sonne empor und fühlte zum ersten Mal etwas wie Tränen der Freude. Unten auf dem Schiff suchten der Prinz und seine Braut traurig nach ihr im Schaum der Wellen, ohne zu wissen, wohin sie gegangen war. Unsichtbar küsste sie noch einmal die Stirn der Braut, fächelte dem Prinzen Kühlung zu und stieg mit den anderen Kindern der Luft auf einer rosenroten Wolke in den Himmel hinauf – dorthin, wo sie mit guten Taten, Tag für Tag, ihrem eigenen ewigen Glück ein Stück näherkommen würde.