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Vom Fischer und seiner Frau

Vom Fischer und seiner Frau

Brüder Grimm

8 Min. Lesezeit8–12 Jahre

Ein Fischer zieht einen sprechenden Butt aus dem Meer, der sich als verwunschener Prinz entpuppt, und setzt ihn gnädig zurück ins Wasser. Seine ehrgeizige Frau nutzt diese Gunst jedoch aus und lässt ihren Mann immer wieder zum Butt gehen, um sich unersättlich mehr zu wünschen – erst ein Haus, dann ein Schloss, dann Königswürde, Kaiser-, Papst- und schließlich Gottähnlichkeit –, wobei die See mit jedem Wunsch stürmischer und wilder wird, bis der Butt alle Gaben zurücknimmt und das Paar wieder in ihrer ärmlichen Hütte sitzt.

Behutsame FassungOriginalfassung

Es waren einmal ein Fischer und seine Frau. Sie wohnten zusammen in einer armseligen kleinen Hütte dicht am Meer, und jeden Tag ging der Fischer hinaus und angelte. So angelte er und angelte, Tag für Tag.

Eines Tages saß er wieder an seiner Angel und schaute in das klare Wasser hinein. Er saß und saß, und dann, ganz plötzlich, zog die Angel in die Tiefe, weit hinunter. Als er sie heraufholte, hing ein großer Butt daran. Und der Butt sprach zu ihm: „Hör mal, Fischer, lass mich doch leben. Ich bin gar kein richtiger Butt, ich bin ein verwunschener Prinz. Was hätte es dir schon genützt, mich zu essen? Ich würde dir nicht einmal recht schmecken. Setz mich zurück ins Wasser und lass mich schwimmen.“

„Nun“, sagte der Mann, „du brauchst nicht so viele Worte zu machen. Einen Butt, der sprechen kann, hätte ich ohnehin schwimmen lassen.“ Und er setzte ihn zurück ins klare Wasser. Der Butt sank auf den Grund und hinterließ dabei einen dünnen roten Streifen im Wasser. Der Fischer aber stand auf und ging heim zu seiner Frau.

„Mann“, sagte die Frau, „hast du heute denn nichts gefangen?“ „Nein“, sagte der Mann. „Ich fing einen Butt, der sagte, er sei ein verwunschener Prinz, da habe ich ihn wieder schwimmen lassen.“ „Hast du dir denn nichts gewünscht?“ fragte die Frau. „Nein“, sagte der Mann, „was hätte ich mir schon wünschen sollen?“ „Ach“, sagte die Frau, „es ist doch ein Elend, immer in dieser armseligen Hütte zu wohnen, die stinkt und ist so eng. Du hättest uns wenigstens eine kleine Kate wünschen können. Geh noch einmal hin und ruf ihn. Sag ihm, wir wollten eine Kate haben. Er wird es gewiss tun.“

Der Mann wollte nicht recht, aber er wollte seiner Frau auch nicht zuwider sein, und so ging er hinunter zum Meer. Als er dort ankam, war das Wasser ganz grün und gelb und nicht mehr so klar wie zuvor. Er trat ans Ufer und sagte:

„Männlein, Männlein, Timpe Te, Butt, o Butt, tief in der See, meine Frau, die Ilsebill, will nicht so, wie ich wohl will.“

Da kam der Butt herangeschwommen und fragte: „Nun, was will sie denn?“ „Ach“, sagte der Mann, „ich hatte dich doch gefangen. Nun sagt meine Frau, ich hätte mir etwas wünschen sollen. Sie möchte gern eine Kate haben, statt der Hütte.“ „Geh nur heim“, sagte der Butt, „sie hat sie schon.“

Und als der Mann heimkam, saß seine Frau nicht mehr in der Hütte, sondern vor einer hübschen kleinen Kate, auf einer Bank, und nahm ihn an der Hand. „Komm, sieh nur, wie viel besser es nun ist!“ Drinnen gab es eine kleine Stube, eine Kammer mit einem Bett, Küche und Speisekammer, alles fein eingerichtet mit Zinn und Messing, und hinten einen kleinen Hof mit Hühnern und Enten und einen Garten mit Gemüse und Obst. „Ist das nicht schön?“, fragte die Frau. „Ja“, sagte der Mann, „so soll es bleiben, nun wollen wir zufrieden sein.“ „Das wollen wir uns überlegen“, sagte die Frau. Dann aßen sie und gingen zu Bett.

So ging es acht, vielleicht vierzehn Tage. Dann sagte die Frau: „Hör, Mann, die Kate ist mir doch zu eng, und der Garten ist so klein. Der Butt hätte uns auch ein großes Schloss geben können. Geh hin und sag ihm, wir möchten ein steinernes Schloss.“ „Ach, Frau“, sagte der Mann, „die Kate ist doch gut genug.“ „Geh du nur hin“, sagte die Frau, „der Butt kann das gewiss.“

Dem Mann war das Herz schwer, doch er ging. Das Meer war nun violett und dunkelblau und grau, aber noch still. Er sprach:

„Männlein, Männlein, Timpe Te, Butt, o Butt, tief in der See, meine Frau, die Ilsebill, will nicht so, wie ich wohl will.“

„Was will sie denn?“, fragte der Butt. „Sie möchte in einem großen steinernen Schloss wohnen“, sagte der Mann bekümmert. „Geh nur hin, sie steht schon vor der Tür.“

Und so war es: ein großer steinerner Palast stand da, mit Dienern, goldenen Möbeln, kristallenen Leuchtern, weichen Teppichen. Dahinter ein Garten mit den schönsten Blumen, ein Wald voller Rehe und Hasen. „Nun soll es dabei bleiben“, sagte der Mann. „Das wollen wir uns überlegen“, sagte die Frau, und so gingen sie schlafen.

Am nächsten Morgen wachte die Frau als Erste auf und sah das schöne Land vor dem Fenster liegen. Sie stieß ihren Mann an: „Könnten wir nicht König sein über all das Land? Geh hin zum Butt, ich will König sein.“ „Ach, Frau, warum denn König?“ „Nun“, sagte sie, „willst du nicht, dann will ich es selber. Geh hin.“

Widerwillig ging der Mann. Das Meer war nun schwarzgrau, es gärte von unten und roch nach Fäulnis. Er sprach den Vers, und der Butt fragte, was sie denn nun wolle. „Sie will König werden“, sagte der Mann traurig. „Geh nur hin, sie ist es schon.“

Als er zum Schloss kam, war es noch viel größer, mit Türmen, Wachen, Trompeten. Seine Frau saß auf einem goldenen Thron, eine Krone auf dem Kopf, das Zepter in der Hand. „Ach, Frau, wie schön steht dir das!“, sagte er. „Nein“, sagte sie unruhig, „das reicht mir nicht mehr. Geh hin zum Butt, ich will Kaiser sein.“ „Aber Frau, Kaiser gibt es nur einen. Das kann der Butt doch nicht machen.“ „Ich bin König, du bist nur mein Mann. Geh gleich hin!“

Ihm war ganz bange, doch er ging. Das Meer war schwarz und schäumte, und ein wilder Wirbelwind fegte darüber. Er sprach den Vers und nannte den Wunsch, und der Butt sagte nur: „Geh nur hin, sie ist es schon.“

Diesmal war das Schloss aus Marmor mit goldenem Zierrat, Fürsten und Herzöge dienten wie Knechte, und seine Frau saß auf einem noch höheren Thron, mit einer riesigen Krone, umgeben von Wachen, groß und klein. „Bist du nun Kaiser?“, fragte er. „Ja“, sagte sie, „aber nun will ich Papst werden. Geh hin zum Butt.“ „Ach, Frau, Papst gibt es nur einen in der ganzen Christenheit. Das geht nicht.“ „Geh hin, sofort!“, sagte sie, und ihm zitterten die Knie, als er sich wieder auf den Weg machte.

Nun tobte draußen ein Sturm, Wolken flogen, Blätter wehten von den Bäumen, das Meer kochte und schlug gegen das Ufer, ferne Schiffe schossen Notsignale. Der Himmel war halb blau, halb rot wie vor einem Gewitter. Ängstlich sprach der Mann seinen Vers, und der Butt sagte: „Geh nur hin, sie ist es schon.“

Da fand er eine große Kirche, umgeben von Palästen, tausend Lichter brannten drinnen, seine Frau saß, ganz in Gold gekleidet, mit drei Kronen auf dem Kopf, und Kaiser und Könige knieten vor ihr. „Bist du nun Papst?“, fragte er leise. „Ja“, sagte sie. Er sah sie lange an und sagte: „Nun sei doch zufrieden, mehr kannst du wohl nicht mehr werden.“ „Das will ich mir überlegen“, sagte sie nur.

Doch in der Nacht konnte die Frau nicht schlafen. Immer wieder dachte sie nach, was sie noch werden könnte, und fand keine Ruhe. Als die Sonne aufging, richtete sie sich auf und sah ihr Licht über den Himmel steigen. Da dachte sie: „Könnte ich nicht selbst die Sonne und den Mond aufgehen lassen?“ Und sie stieß ihren Mann wach: „Geh hin zum Butt. Ich will werden wie der liebe Gott.“

Der Mann erschrak so, dass er fast aus dem Bett fiel. „Ach, Frau, das kann der Butt nicht. Bitte, bleib doch Papst, das ist schon so viel.“ Doch die Frau wurde zornig, mit wilden Augen, und schrie: „Ich halte es nicht mehr aus! Geh sofort hin!“

Draußen tobte nun ein Sturm wie nie zuvor. Häuser wehten fast um, Bäume brachen, Felsen rollten ins Meer, der Himmel war pechschwarz, es blitzte und donnerte, und das Meer warf Wellen, hoch wie Türme, mit weißem Schaum obenauf. Kaum konnte der Mann sich auf den Beinen halten. Er schrie fast gegen den Wind seinen Vers:

„Männlein, Männlein, Timpe Te, Butt, o Butt, tief in der See, meine Frau, die Ilsebill, will nicht so, wie ich wohl will.“

„Was will sie denn?“, fragte der Butt. „Ach“, sagte der Mann, „sie will werden wie der liebe Gott.“

Der Butt schwieg einen Moment. Dann sagte er nur, ganz ruhig: „Geh nur hin. Sie sitzt schon wieder in der armseligen Hütte.“

Und dort, in der kleinen, ärmlichen Hütte am Meer, sitzen sie noch heute, der Fischer und seine Frau.