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Ein alter Fischer steht am Ufer des dunkler werdenden Meeres und ruft nach einem verzauberten Butt, der aus den Wellen auftaucht.

Der Fischer und seine Frau

Brüder Grimm

10 Min. Lesezeitab 5 Jahren

Ein Fischer lässt einen sprechenden Butt zurück ins Meer schwimmen, doch seine Frau Ilsebill schickt ihn immer wieder zu dem Fisch und lässt sich Wunsch um Wunsch erfüllen. Als sie werden will wie der liebe Gott, zieht ein gewaltiger Sturm auf, und am Ende sitzen beide wieder im alten Verschlag.


Es war einmal ein Fischer, der lebte mit seiner Frau Ilsebill in einem alten Verschlag dicht am Meer. Jeden Tag ging er hinaus und angelte, und er angelte und angelte.

Eines Tages saß er wieder bei seiner Angel und sah in das blanke Wasser hinein. Da ging die Angel tief hinunter, und als er sie heraufzog, hing ein großer Butt daran.

„Lass mich leben, Fischer“, sagte der Butt. „Ich bin kein gewöhnlicher Butt, ich bin ein verwunschener Prinz. Schmecken würde ich dir ohnehin nicht. Setz mich zurück ins Wasser und lass mich schwimmen.“

Ein Fischer zieht in seinem Boot einen schimmernden blaugoldenen Fisch mit offenem Maul aus dem ruhigen Wasser, als hätte der Fisch gerade gesprochen.

„Du brauchst nicht so viele Worte zu machen“, sagte der Mann. „Einen Butt, der sprechen kann, hätte ich sowieso schwimmen lassen.“

Damit setzte er ihn zurück ins Wasser, und der Butt fuhr hinab auf den Grund. Der Fischer aber ging heim zu seiner Frau.

„Mann“, sagte sie, „hast du heute nichts gefangen?“

„Doch, einen Butt, der sagte, er sei ein verwunschener Prinz. Da habe ich ihn wieder schwimmen lassen.“

„Und hast du dir nichts gewünscht?“, fragte sie.

„Nein. Was sollte ich mir wünschen?“

„Ach, es ist doch elend, immer in diesem alten Verschlag zu hausen“, sagte die Frau. „Du hättest uns eine kleine Hütte wünschen können. Geh noch einmal hin und ruf ihn, er tut es gewiss.“

Der Mann wollte nicht recht, aber er wollte ihr nicht widersprechen und ging hinunter ans Meer.

Die See war grün und gelb und gar nicht mehr blank. Da stellte er sich ans Ufer und rief:

Manntje, Manntje, Timpe Te,Buttje, Buttje in der See,meine Frau, die Ilsebill,will nicht so, wie ich wohl will.

Da kam der Butt herangeschwommen. „Nun, was will sie denn?“

„Ach“, sagte der Mann, „meine Frau mag nicht länger in dem alten Verschlag wohnen. Sie möchte gern eine Hütte.“

„Geh nur hin“, sagte der Butt, „sie hat sie schon.“

Da ging der Mann heim, und wo der Verschlag gestanden hatte, stand eine kleine Hütte. Seine Frau saß davor auf einer Bank und nahm ihn bei der Hand.

„Komm nur herein“, sagte sie, „sieh, jetzt ist es doch viel besser.“

Drinnen waren eine hübsche Stube, eine Kammer mit ihrem Bett, Küche und Speisekammer, und hinter dem Haus ein Hof mit Hühnern und Enten und ein Garten voller Gemüse und Obst.

Die Frau des Fischers sitzt zufrieden auf einer Bank vor einer strohgedeckten Hütte, während Hühner und Enten im sonnigen Hof umherlaufen.

„Ist das nicht hübsch?“, sagte die Frau.

„Ja“, sagte der Mann, „so soll es bleiben. Nun wollen wir recht zufrieden leben.“

„Das wollen wir uns überlegen“, sagte die Frau.

So ging es vierzehn Tage. Dann sagte die Frau: „Hör mal, Mann, die Hütte ist zu eng, und der Garten ist so klein. Ich möchte in einem großen steinernen Schloss wohnen. Geh hin zum Butt.“

„Die Hütte ist doch gut genug“, sagte der Mann. „Der Butt hat sie uns eben erst gegeben, es könnte ihn verdrießen.“

„Er kann es gut, und er tut es gern“, sagte die Frau. „Geh du nur hin.“

Dem Mann war das Herz schwer, aber er ging doch hin.

Das Wasser war violett und dunkelblau und grau, doch still war es noch. Da stellte er sich ans Ufer und rief:

Manntje, Manntje, Timpe Te,Buttje, Buttje in der See,meine Frau, die Ilsebill,will nicht so, wie ich wohl will.

„Nun, was will sie denn?“, sagte der Butt.

„Ach“, sagte der Mann halb betrübt, „sie will in einem großen steinernen Schloss wohnen.“

„Geh nur hin“, sagte der Butt, „sie steht schon vor der Tür.“

Da ging der Mann heim, und wo die Hütte gestanden hatte, erhob sich ein großer steinerner Palast. Seine Frau führte ihn durch eine Halle aus Marmor, in der Diener die schweren Türen aufrissen. In den Zimmern standen goldene Stühle und Tische, die Tafeln bogen sich unter Speisen und Wein, und hinter dem Haus lagen Ställe und ein Garten voller Blumen.

In einer von Fackeln erleuchteten Marmorhalle mit goldenen Stühlen und Tischen führt die reich gekleidete Frau den einfachen Fischer an der Hand.

„Ist das nicht schön?“, sagte die Frau.

„Ach ja“, sagte der Mann, „so soll es auch bleiben. Nun wollen wir zufrieden sein.“

„Das wollen wir uns überlegen“, sagte die Frau, „und eine Nacht darüber schlafen.“

Am nächsten Morgen wachte die Frau zuerst auf und sah das herrliche Land vor sich liegen. Sie stieß ihren Mann in die Seite.

„Steh auf und sieh aus dem Fenster. Könnten wir nicht König werden über all dieses Land? Geh hin zum Butt, ich will König sein.“

„Ach, Frau“, sagte der Mann, „ich mag nicht König sein, und ich mag es ihm auch nicht sagen.“

„Geh auf der Stelle hin“, sagte die Frau. „Ich muss König sein.“

Das ist nicht recht, dachte der Mann, und wollte nicht gehen. Aber er ging doch.

Die See war schwarzgrau, und das Wasser gärte von unten herauf und roch schlecht. Da stellte er sich ans Ufer und rief:

Manntje, Manntje, Timpe Te,Buttje, Buttje in der See,meine Frau, die Ilsebill,will nicht so, wie ich wohl will.

„Nun, was will sie denn?“, sagte der Butt.

„Ach“, sagte der Mann, „sie will König werden.“

„Geh nur hin“, sagte der Butt, „sie ist es schon.“

Da ging der Mann heim, und das Schloss war viel größer geworden, mit einem hohen Turm. Vor der Tür stand die Wache mit Pauken und Trompeten. Im Saal saß seine Frau auf einem hohen Thron aus Gold, die Krone auf dem Kopf und das Zepter in der Hand, und zu beiden Seiten standen sechs Hofdamen in einer Reihe, immer eine einen Kopf kleiner als die andere.

„Ach, Frau, bist du nun König?“, fragte er.

„Ja“, sagte sie, „nun bin ich König.“

Da stand er und sah sie lange an. „Wie schön ist das, wenn du König bist. Nun wollen wir uns nichts mehr wünschen.“

„Nein, Mann“, sagte sie unruhig, „mir wird die Zeit zu lang. Geh hin zum Butt. König bin ich, nun muss ich auch Kaiser werden.“

„Einen Kaiser gibt es nur einmal im Reich“, sagte der Mann. „Das kann der Butt nicht, das kann und kann er nicht.“

„Ich bin König, und du bist nur mein Mann“, sagte die Frau. „Kann er König machen, so kann er auch Kaiser machen. Geh sofort hin.“

Da musste er gehen. Das geht nicht gut, dachte er, am Ende wird es der Butt satt.

Die See war schwarz und dick und warf Blasen, und ein kalter Wind wühlte sie auf. Da stellte er sich ans Ufer und rief:

Manntje, Manntje, Timpe Te,Buttje, Buttje in der See,meine Frau, die Ilsebill,will nicht so, wie ich wohl will.

„Nun, was will sie denn?“, sagte der Butt.

„Ach, Butt, meine Frau will Kaiser werden.“

„Geh nur hin“, sagte der Butt, „sie ist es schon.“

Da ging der Mann heim, und das ganze Schloss war aus poliertem Marmor mit Figuren aus Alabaster. Vor der Tür marschierten Soldaten mit Trompeten und Trommeln, im Haus aber gingen Barone und Herzöge umher wie Diener. Drinnen saß seine Frau auf einem Thron aus einem einzigen Stück Gold, mit dem Zepter in der einen und dem Reichsapfel in der anderen Hand, und zu beiden Seiten standen die Leibwächter in zwei Reihen, vom größten Riesen bis zum kleinsten Zwerg.

„Frau, bist du nun Kaiser?“, sagte der Mann.

„Ja“, sagte sie, „ich bin Kaiser.“

Er sah sie eine Weile an. „Wie schön ist das, wenn du Kaiser bist.“

„Was stehst du denn da herum?“, sagte sie. „Nun will ich auch Papst werden. Geh hin zum Butt.“

„Einen Papst gibt es nur einmal in der Christenheit“, sagte der Mann. „Das mag ich dem Butt nicht sagen, das ist zu grob.“

„Kann er Kaiser machen, so kann er auch Papst machen“, sagte die Frau. „Geh sofort hin, ich muss noch heute Papst werden.“

Da ging er, und ihm war ganz flau, und die Knie zitterten ihm. Über das Land strich ein Wind, die Wolken flogen, und es wurde dunkel wie am Abend. Das Wasser brauste, als koche es, und von fern tanzten die Schiffe in Not auf den Wellen. Ganz verzagt stellte er sich ans Ufer und rief:

Manntje, Manntje, Timpe Te,Buttje, Buttje in der See,meine Frau, die Ilsebill,will nicht so, wie ich wohl will.

„Nun, was will sie denn?“, sagte der Butt.

„Ach“, sagte der Mann, „sie will Papst werden.“

„Geh nur hin“, sagte der Butt, „sie ist es schon.“

Da ging er heim, und dort stand eine große Kirche, von lauter Palästen umgeben. Drinnen brannten tausend und abertausend Lichter, und seine Frau saß ganz in Gold gekleidet auf einem noch viel höheren Thron und trug drei goldene Kronen. Zu beiden Seiten standen Reihen von Lichtern, das größte so dick wie ein Turm, das kleinste wie ein Küchenlicht, und alle Kaiser und Könige lagen vor ihr auf den Knien.

In einer kerzenerleuchteten Kirche sitzt die Frau in goldenem Gewand mit dreifacher goldener Krone auf hohem Thron, Kaiser und Könige knien vor ihr.

„Frau, bist du nun Papst?“, fragte der Mann.

„Ja“, sagte sie, „ich bin Papst.“

Da sah er sie an, und es war ihm, als sähe er in die helle Sonne. „Ach, Frau, wie schön ist das. Nun sei zufrieden, nun kannst du doch nichts mehr werden.“

„Das will ich mir überlegen“, sagte die Frau.

Damit gingen sie zu Bett. Der Mann schlief fest, denn er war den ganzen Tag gelaufen. Die Frau aber warf sich die ganze Nacht hin und her und dachte immerzu, was sie noch werden könnte, und es fiel ihr nichts mehr ein. Als die Sonne aufgehen wollte, sah die Frau das Morgenrot. „Könnte ich nicht auch die Sonne und den Mond aufgehen lassen?“, dachte sie und stieß ihren Mann in die Rippen.

„Wach auf und geh hin zum Butt. Ich will werden wie der liebe Gott.“

Der Mann erschrak so, dass er aus dem Bett fiel. Er rieb sich die Augen.

„Ach, Frau, was hast du gesagt?“

„Wenn ich die Sonne und den Mond nicht selbst aufgehen lassen kann“, sagte sie, „habe ich keine ruhige Stunde mehr. Geh gleich hin.“

Dabei sah sie ihn so an, dass ihn ein Schauder überlief. Er fiel vor ihr auf die Knie.

„Ach, Frau, das kann der Butt nicht. Kaiser und Papst kann er machen, aber das nicht. Ich bitte dich, geh in dich und bleib Papst.“

Da packte sie der Zorn, die Haare flogen ihr wild um den Kopf, und sie schrie: „Ich halte es keine Stunde länger aus. Willst du wohl gehen?“

Da lief er davon wie von Sinnen. Draußen tobte ein Sturm, Häuser und Bäume wehten um, und Felsstücke rollten ins Meer. Der Himmel war pechschwarz, es donnerte und blitzte, und die See warf schwarze Wellen auf, hoch wie Kirchtürme, alle mit einer weißen Krone aus Schaum. Da schrie er, und er konnte sein eigenes Wort nicht hören:

Manntje, Manntje, Timpe Te,Buttje, Buttje in der See,meine Frau, die Ilsebill,will nicht so, wie ich wohl will.

Der Fischer stolpert allein durch einen tobenden Sturm am Ufer, Felsbrocken rollen ins Meer, Bäume biegen sich, ein Blitz zerreißt den Himmel.

„Nun, was will sie denn?“, sagte der Butt.

„Ach“, sagte er, „sie will werden wie der liebe Gott.“

„Geh nur hin“, sagte der Butt, „sie sitzt schon wieder in dem alten Verschlag.“

Der Fischer tritt durch die niedrige Tür des alten Verschlags und findet seine Frau, wieder einfach gekleidet, im Schein einer einzelnen Kerze sitzend.

Und dort sitzen sie noch heute.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Kinder- und Hausmärchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

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