
Die Schneekönigin
11 Min. Lesezeit8–14 Jahre
Zwei Kinder, Kay und Gerda, sind unzertrennliche Freunde in einer großen Stadt, doch als magische Splitter eines bösen Spiegels Kays Herz und Auge treffen, wird er kalt und herzlos – und wird von der geheimnisvollen Schneekönigin auf ihrem Schlitten in die Eiswüste entführt. Gerda macht sich auf eine wunderbare Reise durch verzauberte Gärten, vorbei an weisen Vögeln und wilden Räubern, um ihren geliebten Freund zu finden und ihn von der eisigen Herrscherin zu befreien.
Es war einmal ein böser Kobold – eigentlich der Teufel selbst –, der einen Spiegel erfand. Alles Gute und Schöne, das sich darin zeigte, wurde darin winzig und häßlich, alles Schlechte aber trat groß und deutlich hervor. Der Teufel freute sich diebisch über sein Werk. Seine Schüler trugen den Spiegel durch die ganze Welt, bis kein Land und kein Mensch mehr unverzerrt darin zu sehen war. Zuletzt wollten sie sogar bis zum Himmel fliegen, um sich über die Engel lustig zu machen. Doch je höher sie kamen, desto stärker zitterte der Spiegel, bis er ihnen aus den Händen glitt und auf die Erde stürzte. Dort zersprang er in Millionen Splitter, und die flogen seither in der Luft umher. Manche Splitter setzten sich Menschen ins Auge, sodass sie fortan nur noch das Schlechte an den Dingen sahen. Manche aber trafen mitten ins Herz – und das war das Schlimmste, denn dann wurde das Herz zu einem Klumpen Eis.
In einer großen Stadt lebten zwei Kinder, die einander so nahe waren wie Bruder und Schwester, obwohl sie es nicht waren. Ihre Familien wohnten sich in zwei Dachkammern gegenüber, und zwischen den Fenstern standen Blumenkästen mit Rosen, die sich zueinander rankten wie ein kleiner grüner Bogen. Der Junge hieß Kay, das Mädchen Gerda. Im Sommer kletterten sie zueinander und saßen unter den Rosen; im Winter tauten sie kleine Gucklöcher ins gefrorene Fenster.
„Das sind die weißen Bienen, die da schwärmen“, sagte die Großmutter, wenn es schneite.
„Haben die auch eine Königin?“, fragte Kay.
„Ja“, sagte die Großmutter. „Sie fliegt dort, wo der Schwarm am dichtesten ist. Manchmal fliegt sie mitten in der Nacht durch die Stadt und schaut in die Fenster – dann frieren sie zu, als wüchsen dort Blumen.“
„Soll sie nur kommen“, sagte Kay, „ich setze sie auf den warmen Ofen, dann schmilzt sie!“
An diesem Abend sah Kay durch sein Guckloch, wie draußen eine Schneeflocke größer und größer wurde, bis eine schöne, schlanke Frau aus blendendem Eis dort stand. Sie nickte ihm zu und winkte – und er erschrak so, dass er vom Stuhl sprang.
Der Frühling kam, die Rosen blühten wieder, und die Kinder saßen in ihrem kleinen Garten und sangen ein Lied, das die Großmutter sie gelehrt hatte:
„Die Rosen, sie welken und wehen im Wind – doch wir sehen bald wieder das Christkind.“
Da, mitten im Spiel, rief Kay plötzlich: „Au! Es hat mich ins Herz gestochen, und etwas ist mir ins Auge geflogen!“ Es war nichts zu sehen – aber es war da: ein Körnchen des Zauberspiegels, eines im Auge, eines mitten im Herzen. Von diesem Tag an war Kay ein anderer. Er fand die Rosen häßlich, verspottete die Großmutter, äffte die Leute nach und neckte die kleine Gerda, die ihm doch von Herzen zugetan war.
Eines Wintertages band er seinen kleinen Schlitten an einen fremden, großen weißen Schlitten, um mitzufahren, wie die anderen Jungen es taten. Der Fremde im weißen Pelz nickte ihm freundlich zu – und schon flog der Schlitten immer schneller, hinaus vor die Stadt, in dichtes Schneetreiben, und Kay konnte sich nicht mehr losbinden. Endlich hielt der Schlitten. Die Fahrerin erhob sich, groß, schlank, ganz aus glänzendem Weiß: die Schneekönigin.
„Du frierst“, sagte sie und nahm ihn in ihren Pelz. Sie küsste ihn auf die Stirn, und die Kälte drang ihm mitten ins Herz – doch dann fühlte er die Kälte gar nicht mehr. „Jetzt bekommst du keine Küsse mehr“, sagte sie, „sonst küsste ich dich noch zu Tode.“ Und Kay vergaß die kleine Gerda, die Großmutter, alles daheim, und flog mit ihr hinauf, hoch über Wälder und Meere, in die lange, lange Winternacht.
Gerda wartete und wartete, aber Kay kam nicht zurück. Die Kinder erzählten nur, sie hätten gesehen, wie er hinter einem fremden Schlitten zum Stadttor hinausgefahren war. Als der Frühling kam, ging Gerda in ihren roten Schuhen zum Fluss und fragte ihn: „Hast du mir Kay genommen? Ich schenke dir meine roten Schuhe, wenn du ihn mir wiedergibst!“ Sie warf die Schuhe hinein, doch die Wellen trugen sie zurück ans Ufer. Da stieg sie in ein Boot, um weiter hinauszureichen – und das Boot löste sich vom Ufer und trieb mit ihr davon.
Lange trieb sie den Fluss hinab, bis sie zu einem Garten kam, in dem eine alte Frau mit einem blumenbemalten Sonnenhut wohnte. Die Alte zog Gerda aus dem Boot, gab ihr Kirschen zu essen und kämmte ihr das Haar mit einem goldenen Kamm – und dabei vergaß Gerda, ohne es zu merken, den kleinen Kay mehr und mehr, denn die Frau konnte ein wenig zaubern. Sie wollte das liebe Kind für sich behalten und ließ darum alle Rosen im Garten in die Erde sinken, damit Gerda sich nicht an ihre eigenen daheim erinnere.
Gerda spielte Tage und Tage zwischen den bunten Blumen, doch ihr war, als fehle etwas. Als sie eines Tages die gemalte Rose auf dem Sonnenhut der Alten sah, wusste sie es: Hier gab es keine einzige echte Rose. Sie weinte, und ihre Tränen fielen genau auf die Stelle, wo ein Rosenstrauch versunken war – und er wuchs sogleich wieder blühend hervor. Gerda küsste die Rosen und fragte: „Wisst ihr, wo Kay ist? Ist er tot?“
„Tot ist er nicht“, sagten die Rosen. „Wir waren unten in der Erde, dort sind alle Toten – aber er war nicht dort.“
Nun erinnerte sich Gerda an alles. Sie fragte noch die anderen Blumen, doch jede erzählte nur ihre eigene kleine Geschichte, keine wusste von Kay. Da lief Gerda zum Gartentor, drückte die verrostete Klinke auf und trat hinaus in die weite Welt – hinaus in den Spätherbst, denn im Zaubergarten war die Zeit stillgestanden.
Barfuß und müde setzte sie sich auf einen Stein, da hüpfte eine Krähe heran. „Krah, krah, guten Tag!“, sagte sie und hörte sich Gerdas Geschichte an. „Das könnte sein!“, sagte sie schließlich. „Ich glaube, ich weiß, wo dein kleiner Kay ist – bei einer Prinzessin, die so klug ist, dass sie einen Mann suchte, der ihr zu antworten wüsste. Alle jungen Männer verstummten vor dem Thron – nur ein kleiner, fröhlicher Bursche kam ohne Furcht herein, mit langem Haar und knarrenden Stiefeln, und sprach so klug, dass die Prinzessin ihn mochte.“
„Das ist Kay!“, rief Gerda. Die Krähe führte sie heimlich ins Schloss, durch eine Hintertür, die ihre zahme Liebste offen gelassen hatte, hinauf in den Schlafsaal, wo zwei Betten wie Lilien an goldenen Stängeln hingen. Gerda schob vorsichtig ein rotes Blütenblatt zur Seite – doch der Schlafende, so ähnlich Kay im Nacken, war ein fremder Prinz.
Sie erzählte ihre ganze Geschichte, und der Prinz und die Prinzessin waren gerührt. Sie gaben Gerda einen goldenen Wagen mit vier Pferden, warme Kleider und Stiefel, damit sie weiter nach Kay suchen konnte. Die Krähe begleitete sie ein Stück des Weges und weinte beim Abschied.
Doch mitten im dunklen Wald überfielen Räuber den glänzenden Wagen. Sie packten Gerda, und die wilde alte Räuberin fuhr schon drohend auf sie los – da biss ihre eigene ungestüme Tochter sie ins Ohr und rief: „Sie soll mit mir spielen!“ So kam Gerda ins Räuberschloss, und das kleine Räubermädchen, ebenso eigenwillig wie mitfühlend, ließ sie fortan dicht an ihrer Seite schlafen und wachte über sie.
In der Nacht gurrten die Waldtauben oben im Käfig: „Kurr, kurr! Wir haben den kleinen Kay gesehen. Ein weißes Huhn zog seinen Schlitten – er saß im Wagen der Schneekönigin, hoch über dem Wald.“
„Wohin reiste sie?“, fragte Gerda.
„Frag das Rentier“, sagten die Tauben.
„Nach Lappland!“, sagte das angebundene Rentier. „Dort hat die Schneekönigin ihr Sommerzelt, aber ihr Schloss liegt weit droben, beim Nordpol!“
Am nächsten Morgen, als die alte Räuberin schlief, band das kleine Räubermädchen das Rentier los, setzte Gerda darauf und sagte: „Lauf, so schnell du kannst, und bring das Mädchen zum Schloss der Schneekönigin!“ Und mit warmen Handschuhen und Brot versorgt, jagte das Rentier Tag und Nacht durch Sümpfe und Wälder, bis sie Lappland erreichten.
Bei einer armen Lappin wärmte sich Gerda auf; die Frau schrieb ein paar Worte auf einen trockenen Stockfisch und schickte sie weiter zu einer Finnin, hundert Meilen weiter, in Finnmarken. Die Finnin, klein und klug, las die Botschaft und flüsterte dem Rentier zu: „Kay hat einen Splitter im Herzen und einen im Auge. Die müssen heraus, sonst bleibt er bei der Schneekönigin. Aber Gerda braucht keine größere Macht, als sie schon hat – sie ist ein liebes, unschuldiges Kind, das reicht.“
Zwei Meilen vor dem Schloss der Schneekönigin setzte das Rentier Gerda ab, küsste sie und lief unter Tränen zurück. Barfuß und ohne Handschuhe ging Gerda weiter, durch ein Heer lebendiger, feindlicher Schneeflocken, die wie Schlangen und Bären aussahen. Da betete sie ihr Vaterunser, und ihr Atem formte sich zu kleinen leuchtenden Engeln, die die Schneeflocken mit ihren Speeren zersprengten und Gerda sicher weitergeleiteten.
Das Schloss der Schneekönigin bestand aus treibendem Schnee, seine Säle waren leer, kalt und weit, erhellt vom flackernden Nordlicht. Mitten in einem endlosen Eissaal saß der kleine Kay, blau vor Kälte, und legte flache Eisstücke zu Figuren zusammen – ein Spiel des Verstandes, denn die Schneekönigin hatte gesagt: „Findest du das Wort ‚Ewigkeit‘, bist du dein eigener Herr und bekommst die ganze Welt.“ Doch das Wort wollte ihm nie gelingen. Die Schneekönigin selbst war fortgeflogen, in warme Länder.
Da trat Gerda ein, erkannte ihn und fiel ihm um den Hals. „Kay! Endlich habe ich dich gefunden!“ Doch er saß still und kalt, als wäre er erfroren. Gerda weinte heiße Tränen, die auf seine Brust fielen, in sein Herz drangen und den Eisklumpen schmolzen, sodass der Splitter mit ihnen davonschwamm. Da sang sie leise ihr altes Lied:
„Die Rosen, sie welken und wehen im Wind – doch wir sehen bald wieder das Christkind.“
Kay brach in Tränen aus, und auch das Splitterkorn schwamm aus seinem Auge. „Gerda!“, rief er. „Wo bin ich nur gewesen?“ Er sah sich um in der kalten Weite und klammerte sich an sie. Vor Freude tanzten sogar die Eisstücke, und als sie müde niederfielen, lagen sie zufällig genau in der Form des Wortes, das die Schneekönigin gefordert hatte – nun war Kay ohnehin sein eigener Herr, denn er hatte etwas Größeres gefunden.
Hand in Hand verließen sie das Schloss. Wo sie gingen, legten sich die Winde, und die Sonne kam hervor. Beim Rentier und seinem Jungen wärmten sie sich an warmer Milch, bei der Finnin und der Lappin bekamen sie neue Kleider und gute Wünsche für den Heimweg.
Auf dem Weg trafen sie das kleine Räubermädchen wieder, das nun auf einem prächtigen Pferd durch die Welt zog. „Du bist mir ein schöner Herumtreiber“, sagte sie zu Kay, freute sich aber sehr, die beiden gesund zu sehen, und ritt bald weiter in ihre eigene Zukunft.
So gingen Kay und Gerda Hand in Hand weiter, durch erwachenden Frühling, bis sie ihre eigene Stadt und die vertraute Treppe zur Dachkammer wiedererkannten. Als sie die Tür öffneten, bemerkten sie, dass sie erwachsen geworden waren, doch die Rosen blühten noch immer am Fenster, und die kleinen Kinderstühle standen noch am selben Platz. Die Großmutter saß im Sonnenschein und las aus der Bibel: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“
Kay und Gerda sahen sich in die Augen und verstanden nun das alte Lied, das sie so oft gesungen hatten:
„Die Rosen, sie welken und wehen im Wind – doch wir sehen bald wieder das Christkind.“
Und so saßen sie da, erwachsen und doch Kinder im Herzen, während draußen der warme, wohltuende Sommer über die Stadt zog.