OriginalDie Schneekönigin
61 Min. Lesezeit8–14 Jahre
Ein teuflischer Spiegel, der alles Gute schrumpfen lässt und alles Schlechte vergrößert, zerspringt in Millionen Splitter, die über die Welt fliegen und überall Verderben säen. In einer großen Stadt wachsen zwei arme Kinder, Kay und Gerda, in liebevoller Freundschaft auf, doch als Glassplitter in Kays Auge und Herz eindringen, wird er grausam und kalt, und seine Liebe zu Gerda verschwindet.
Erste Geschichte, die vom Spiegel und den Scherben erzählt
Nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte angelangt sind, wissen wir mehr als jetzt, denn es gab einmal einen bösen Kobold, einen der allerschlimmsten – es war der Teufel selbst. Eines Tages war er besonders vergnügt, denn er hatte einen Spiegel gemacht, der die seltsame Eigenschaft besaß, dass alles Gute und Schöne, was sich darin spiegelte, fast zu nichts zusammenschrumpfte, während alles Schlechte und Hässliche hervortrat und noch schlimmer wurde. Die herrlichsten Landschaften sahen darin aus wie gekochter Spinat, und die besten Menschen wurden abstoßend oder standen kopfüber ohne Rumpf da. Die Gesichter waren so verzerrt, dass man sie nicht mehr erkannte, und wer auch nur eine einzige Sommersprosse hatte, konnte sicher sein, dass sie sich über Nase und Mund ausbreitete. Das sei höchst amüsant, fand der Teufel. Kam einem Menschen ein guter, frommer Gedanke, zeigte sich im Spiegel ein Grinsen, sodass der Teufel über seine kunstvolle Erfindung lachen musste.
Alle, die seine Kobold-Schule besuchten – denn er hielt Kobold-Schule –, erzählten überall, ein Wunder sei geschehen; jetzt erst könne man sehen, wie die Welt und die Menschen wirklich seien. Sie liefen mit dem Spiegel umher, und am Ende gab es kein Land und keinen Menschen mehr, der nicht verzerrt darin zu sehen war. Zuletzt wollten sie sogar zum Himmel selbst emporfliegen, um sich über die Engel und den lieben Gott lustig zu machen. Je höher sie mit dem Spiegel flogen, desto mehr grinste er, sie konnten ihn kaum noch festhalten. Sie flogen höher und höher, Gott und den Engeln immer näher, da erzitterte der Spiegel so furchtbar in seinem Grinsen, dass er ihren Händen entglitt und zur Erde stürzte, wo er in hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zersprang. Und gerade dadurch richtete er noch viel größeres Unheil an als zuvor, denn manche Splitter waren kaum so groß wie ein Sandkorn, und diese flogen nun in die weite Welt hinaus. Wo sie jemandem ins Auge gerieten, blieben sie dort sitzen, und der Mensch sah fortan alles verkehrt oder hatte nur noch Augen für das Verkehrte an einer Sache, denn jeder kleine Splitter behielt dieselbe Kraft, die der ganze Spiegel besessen hatte. Manche Menschen bekamen sogar einen Splitter ins Herz, und das war das Schlimmste von allem, denn dann wurde das Herz zu einem Klumpen Eis. Einige Splitter waren so groß, dass man Fensterscheiben daraus machte – aber durch solche Scheiben sollte man lieber nicht seine Freunde betrachten. Andere Splitter kamen in Brillengläser, und dann ging es schlecht, wenn die Leute diese Brillen aufsetzten, um recht zu sehen und gerecht zu urteilen. Der Böse lachte, dass ihm der Bauch wackelte, so angenehm kitzelte ihn das. Draußen aber flogen noch immer kleine Glassplitter in der Luft umher. Nun, wir werden es hören.
Zweite Geschichte: Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen
In der großen Stadt, wo so viele Menschen und Häuser sind, dass nicht jeder Platz für einen kleinen Garten hat und die meisten sich mit ein paar Blumentöpfen begnügen müssen, lebten zwei arme Kinder, die einen etwas größeren Garten besaßen als nur einen Blumentopf. Sie waren nicht Bruder und Schwester, aber sie hielten so fest zusammen, als wären sie es. Ihre Eltern wohnten einander in zwei Dachkammern gegenüber. Dort, wo das Dach des einen Nachbarhauses an das andere stieß und die Regenrinne zwischen den Dächern entlanglief, hatte jedes Haus ein kleines Fenster; man brauchte nur über die Rinne zu steigen, um vom einen Fenster zum anderen zu gelangen.
Beide Familien hatten draußen einen großen Holzkasten, in dem Küchenkräuter wuchsen, die man zum Kochen brauchte, und dazu je ein kleiner Rosenstock; die wuchsen herrlich. Nun kamen die Eltern auf den Gedanken, die Kästen quer über die Rinne zu stellen, sodass sie fast von einem Fenster zum anderen reichten und wie zwei blühende Wälle aussahen. Erbsenranken hingen über die Kästen herab, und die Rosenstöcke trieben lange Zweige, die sich um die Fenster rankten und einander entgegenwuchsen – fast wie ein Ehrenbogen aus Blättern und Blüten. Da die Kästen hoch oben standen und die Kinder nicht hinaufklettern durften, bekamen sie oft die Erlaubnis, zueinander hinauszusteigen und auf kleinen Schemeln unter den Rosen zu sitzen. Dort spielten sie prächtig miteinander.
Im Winter hatte dieses Vergnügen ein Ende. Die Fensterscheiben waren oft ganz zugefroren, aber dann erwärmten sie Kupfermünzen auf dem Ofen und drückten die warme Münze gegen das Eis; so entstand ein rundes, schönes Guckloch, dahinter blitzte je ein liebes, mildes Auge – eins an jedem Fenster. Das waren der kleine Junge und das kleine Mädchen. Er hieß Kay, sie hieß Gerda. Im Sommer konnten sie mit einem Sprung zueinander gelangen, im Winter mussten sie erst die vielen Treppen hinunter- und wieder hinaufsteigen, während draußen der Schnee stob.
„Das sind die weißen Bienen, die da schwärmen“, sagte die alte Großmutter.
„Haben die auch eine Bienenkönigin?“, fragte der kleine Junge, denn er wusste, dass es bei den wirklichen Bienen eine solche gibt.
„Die haben sie!“, sagte die Großmutter. „Sie fliegt dort, wo sie am dichtesten schwärmen. Sie ist die größte von allen und bleibt nie still auf der Erde liegen, sondern fliegt gleich wieder hinauf in die schwarze Wolke. Manche Mitternacht fliegt sie durch die Straßen der Stadt und schaut zu den Fenstern hinein, und dann frieren sie auf so seltsame Weise, als ob dort Blumen wüchsen.“
„Ja, das haben wir gesehen!“, sagten beide Kinder und wussten nun, dass es wahr war.
„Kann die Schneekönigin hier hereinkommen?“, fragte das kleine Mädchen.
„Soll sie nur kommen!“, sagte der Junge. „Dann setze ich sie auf den warmen Ofen, und sie schmilzt.“
Aber die Großmutter strich ihm über das Haar und erzählte andere Geschichten.
Am Abend, als der kleine Kay schon zu Hause und halb ausgezogen war, kletterte er auf den Stuhl am Fenster und schaute durch das kleine Loch. Draußen fielen ein paar Schneeflocken, und eine davon, die größte, blieb auf dem Rand des Blumenkastens liegen. Sie wuchs und wuchs und wurde schließlich zu einer ganzen Jungfrau, gekleidet in den feinsten weißen Flor, der aus Millionen sternförmiger Flocken bestand. Sie war so schön und zart, aber ganz aus Eis, blendendem, blitzendem Eis. Und doch war sie lebendig; ihre Augen funkelten wie zwei klare Sterne, aber es lag keine Ruhe, keine Rast in ihnen. Sie nickte zum Fenster hin und winkte mit der Hand. Der kleine Junge erschrak und sprang vom Stuhl herunter; da war es, als flöge draußen ein großer Vogel am Fenster vorbei.
Am nächsten Tag gab es klaren Frost, und dann kam der Frühling. Die Sonne schien, das Grün keimte, die Schwalben bauten Nester, die Fenster wurden geöffnet, und die Kinder saßen wieder in ihrem kleinen Garten hoch oben in der Dachrinne über allen Stockwerken.
Wie prächtig blühten die Rosen in diesem Sommer! Das kleine Mädchen hatte ein Kirchenlied gelernt, in dem auch von Rosen die Rede war, und bei den Rosen dachte sie an die eigenen. Sie sang es dem kleinen Jungen vor, und er sang mit:
„Die Rosen, sie welken und wehen im Wind – doch wir sehen bald wieder das Christkind.“
Und die beiden Kinder hielten sich an den Händen, küssten die Rosen, blickten in Gottes helles Sonnenlicht und sprachen zu ihm, als wäre das Christkind wirklich da. Was waren das für herrliche Sommertage; wie schön war es draußen bei den frischen Rosenstöcken, die nie aufhören wollten zu blühen! Kay und Gerda betrachteten gerade ein Bilderbuch mit Tieren und Vögeln, da schlug die Kirchturmuhr fünf, und Kay sagte plötzlich: „Au! Es hat mich ins Herz gestochen, und mir ist etwas ins Auge geflogen!“
Das kleine Mädchen fiel ihm um den Hals; er blinzelte – nein, es war nichts zu sehen.
„Ich glaube, es ist weg“, sagte er, aber weg war es nicht. Es war genau eines jener Glaskörnchen, die vom Zauberspiegel gesprungen waren – wir erinnern uns wohl noch an ihn –, jenem hässlichen Glas, das alles Große und Gute klein und hässlich machte, während das Böse und Schlechte hervortrat und jeder Fehler an einer Sache sofort ins Auge sprang. Der arme Kay hatte auch ein Körnchen mitten ins Herz bekommen. Bald würde es dort zu einem Klumpen Eis werden. Es schmerzte nun nicht mehr, aber das Körnchen war da.
„Warum weinst du?“, fragte er. „Du siehst so hässlich aus dabei!“ – „Mir fehlt doch nichts!“ – „Pfui!“, rief er auf einmal, „die Rose dort hat einen Wurmstich! Und schau, die da ist ganz schief gewachsen! Eigentlich sind das hässliche Rosen! Sie sehen genauso aus wie der Kasten, in dem sie stehen!“ Und er trat mit dem Fuß gegen den Kasten und riss beide Rosen ab.
„Kay, was machst du?“, rief das kleine Mädchen. Und als er ihren Schreck sah, riss er noch eine Rose ab und sprang dann durch sein Fenster hinein, weg von der kleinen, lieben Gerda.
Kam sie später mit dem Bilderbuch, sagte er, das sei etwas für Wickelkinder; erzählte die Großmutter Geschichten, kam er immer mit einem Aber daher. Konnte er es einrichten, lief er hinter ihr her, setzte eine Brille auf und sprach genauso wie sie – das machte er ganz gut, und die Leute lachten darüber. Bald konnte er die Sprache und den Gang aller Menschen in der ganzen Straße nachahmen. Alles, was an ihnen sonderbar oder unschön war, das ahmte Kay nach, und die Leute sagten: „Der Junge hat gewiss einen ausgezeichneten Kopf!“ Aber es war das Glas, das ihm im Herzen steckte; deshalb neckte er sogar die kleine Gerda, die ihm doch von ganzem Herzen zugetan war.
Seine Spiele wurden nun ganz anders als früher, sie wurden regelrecht vernünftig. An einem Wintertag, als es schneite, kam er mit einem großen Brennglas, hielt seinen blauen Rockzipfel hinaus und ließ die Schneeflocken darauffallen.
„Schau nun durch das Glas, Gerda!“, sagte er, und jede Schneeflocke wurde viel größer und sah aus wie eine prächtige Blume oder ein zehneckiger Stern; es war wunderschön anzusehen. „Siehst du, wie kunstvoll!“, sagte Kay. „Das ist viel interessanter als echte Blumen! Und kein einziger Fehler ist daran, sie sind ganz und gar regelmäßig. Wenn sie nur nicht schmelzen würden!“
Bald darauf kam Kay mit großen Handschuhen und seinem Schlitten auf dem Rücken; er rief Gerda ins Ohr: „Ich darf auf dem großen Platz Schlitten fahren, wo die anderen Jungen spielen!“, und schon war er fort.
Dort auf dem Platz banden die kecksten Jungen ihre Schlitten oft an Bauernwagen, um ein gutes Stück mitzufahren. Das machte großen Spaß. Mitten im Spiel kam ein großer Schlitten vorbei, ganz weiß gestrichen; darin saß jemand, gehüllt in einen rauen weißen Pelz mit einer ebensolchen Mütze. Der Schlitten fuhr zweimal um den Platz, und Kay band schnell seinen kleinen Schlitten daran fest und fuhr mit. Es ging schneller und schneller, geradewegs in die nächste Straße hinein. Der Fahrende drehte sich um und nickte Kay freundlich zu, als kenne man sich schon. Jedes Mal, wenn Kay seinen Schlitten losbinden wollte, nickte der andere wieder, und Kay blieb sitzen. So fuhren sie zum Stadttor hinaus. Da begann es so dicht zu schneien, dass der kleine Junge die eigene Hand nicht mehr sah; aber es ging weiter. Er ließ hastig die Schnur los, um sich vom großen Schlitten zu lösen, doch es half nichts, sein kleines Gefährt hing fest, und es ging mit Windeseile voran. Er rief ganz laut, aber niemand hörte ihn, der Schnee stob, und der Schlitten flog dahin; manchmal machte es einen Sprung, als führe man über Gräben und Hecken. Der Junge war zu Tode erschrocken; er wollte das Vaterunser beten, aber ihm fiel nur noch das große Einmaleins ein.
Die Schneeflocken wurden größer und größer, zuletzt sahen sie aus wie große weiße Hühner. Auf einmal sprangen sie zur Seite, der große Schlitten hielt an, und die Fahrerin erhob sich; Pelz und Mütze waren ganz mit Schnee bedeckt – es war eine Dame, groß und schlank, glänzend weiß: die Schneekönigin.
„Wir sind gut gefahren!“, sagte sie. „Aber wie du frierst! Kriech in meinen Pelz!“ Sie setzte ihn neben sich in den Schlitten und schlug den Pelz um ihn; es war, als versänke er in einem Schneetreiben.
„Frierst du noch?“, fragte sie und küsste ihn auf die Stirn. Oh, das war kälter als Eis, es ging ihm gerade bis ins Herz, das ja schon zur Hälfte ein Eisklumpen war; einen Moment lang war ihm, als müsse er sterben – doch dann tat es ihm sehr wohl, und er spürte die Kälte um sich herum nicht mehr.
„Mein Schlitten! Vergiss meinen Schlitten nicht!“ Daran dachte er zuerst, und der wurde an einem der weißen Hühner festgebunden, das mit dem Schlitten auf dem Rücken hinterherflog. Die Schneekönigin küsste Kay noch einmal, und da hatte er die kleine Gerda, die Großmutter und alles daheim vergessen.
„Jetzt bekommst du keine Küsse mehr“, sagte sie, „sonst küsste ich dich noch zu Tode!“
Kay sah sie an; sie war so schön, ein klügeres, lieblicheres Gesicht konnte er sich nicht vorstellen. Nun erschien sie ihm nicht mehr aus Eis, wie damals, als sie vor dem Fenster saß und winkte; in seinen Augen war sie vollkommen, und er fühlte gar keine Angst mehr. Er erzählte ihr, dass er im Kopf rechnen könne, sogar mit Brüchen, dass er die Quadratmeilen der Länder kenne und ihre Einwohnerzahlen; und sie lächelte immerzu. Da schien es ihm plötzlich, als reiche das, was er wisse, doch nicht aus, und er blickte hinauf in den weiten Luftraum. Und sie flog mit ihm hoch hinauf auf die schwarze Wolke, und der Sturm sauste und brauste, als sänge er alte Lieder. Sie flogen über Wälder und Seen, über Meer und Länder; unter ihnen sauste der kalte Wind, die Wölfe heulten, der Schnee knisterte; über ihnen flogen die schwarzen, schreienden Krähen; aber hoch oben schien der Mond groß und klar, und dort betrachtete Kay die lange, lange Winternacht; tagsüber schlief er zu Füßen der Schneekönigin.
Dritte Geschichte: Der Blumengarten der Frau, die zaubern konnte
Aber wie erging es der kleinen Gerda, als Kay nicht zurückkehrte? Wo war er geblieben? Niemand wusste es, niemand konnte Auskunft geben. Die Jungen erzählten nur, sie hätten gesehen, wie er seinen Schlitten an einen anderen großen gebunden hatte, der in die Straße hinein und zum Stadttor hinausgefahren war. Niemand wusste, wo er geblieben war; viele Tränen flossen, und besonders die kleine Gerda weinte lange und viel. Dann sagte sie, er sei tot, ertrunken im Fluss, der nahe der Schule vorbeifloss. Oh, das waren lange, finstere Wintertage!
Nun kam der Frühling mit wärmerem Sonnenschein.
„Kay ist tot und fort!“, sagte die kleine Gerda.
„Das glaube ich nicht!“, antwortete der Sonnenschein.
„Er ist tot und fort!“, sagte sie zu den Schwalben.
„Das glauben wir nicht!“, erwiderten diese, und am Ende glaubte es die kleine Gerda auch nicht mehr.
„Ich ziehe meine neuen roten Schuhe an“, sagte sie eines Morgens, „die, die Kay noch nie gesehen hat, und dann gehe ich zum Fluss hinunter und frage ihn nach Kay!“
Es war noch sehr früh; sie küsste die schlafende Großmutter, zog die roten Schuhe an und ging ganz allein zum Stadttor hinaus, zum Fluss.
„Ist es wahr, dass du mir meinen kleinen Spielkameraden genommen hast? Ich schenke dir meine roten Schuhe, wenn du ihn mir wiedergibst!“
Und ihr war, als nickten die Wellen ganz seltsam; da nahm sie ihre roten Schuhe, die ihr liebsten, und warf beide in den Fluss; aber sie fielen dicht ans Ufer, und die kleinen Wellen trugen sie ihr wieder an Land. Es war, als wollte der Fluss das Liebste, was sie hatte, nicht annehmen, weil er den kleinen Kay nicht besaß; aber sie dachte, sie habe die Schuhe nicht weit genug hinausgeworfen, und kroch in ein Boot, das im Schilf lag. Sie ging bis ganz ans Ende und warf die Schuhe von dort ins Wasser; aber das Boot war nicht festgebunden, und durch die Bewegung glitt es vom Ufer ab. Sie bemerkte es und wollte schnell heraus, doch ehe sie zurückkam, war das Boot schon über eine Elle vom Land entfernt und trieb nun immer schneller davon.
Da erschrak die kleine Gerda sehr und begann zu weinen, aber niemand außer den Spatzen hörte sie, und die konnten sie nicht ans Land tragen; sie flogen nur am Ufer entlang und sangen, als wollten sie sie trösten: „Hier sind wir, hier sind wir!“ Das Boot trieb mit der Strömung, Gerda saß ganz still, nur mit Strümpfen an den Füßen; ihre kleinen roten Schuhe schwammen hinter ihr her, konnten das Boot aber nicht einholen, das viel schneller trieb.
Hübsch war es an beiden Ufern: schöne Blumen, alte Bäume, Abhänge mit Schafen und Kühen, aber kein einziger Mensch war zu sehen.
„Vielleicht trägt mich der Fluss zu Kay“, dachte Gerda, und das machte sie froher. Sie stand auf und betrachtete stundenlang die grünen, schönen Ufer, bis sie zu einem großen Kirschgarten kam, in dem ein kleines Haus mit seltsamen roten und blauen Fenstern stand; es hatte ein Strohdach, und davor standen zwei hölzerne Soldaten, die vor jedem Vorbeifahrenden das Gewehr schulterten.
Gerda rief nach ihnen, denn sie glaubte, sie seien lebendig; aber natürlich antworteten sie nicht. Sie kam ihnen ganz nah, der Fluss trug das Boot geradewegs ans Ufer.
Gerda rief noch lauter, und da kam eine sehr alte Frau aus dem Haus, gestützt auf einen Krückstock; sie trug einen großen Sonnenhut, bemalt mit den schönsten Blumen.
„Du armes kleines Kind!“, sagte die alte Frau. „Wie bist du nur auf den großen, reißenden Fluss geraten und so weit in die Welt hinausgetrieben!“ Und die alte Frau ging ins Wasser, zog mit ihrem Krückstock das Boot ans Land und hob die kleine Gerda heraus.
Gerda war froh, wieder auf trockenem Land zu sein, obwohl sie sich vor der fremden alten Frau ein wenig fürchtete.
„Komm und erzähl mir, wer du bist und wie du hierhergekommen bist“, sagte diese.
Gerda erzählte ihr alles, und die Alte schüttelte den Kopf und sagte: „Hm, hm.“ Als Gerda alles erzählt und gefragt hatte, ob sie nicht den kleinen Kay gesehen habe, sagte die Frau, er sei nicht vorbeigekommen, aber er komme sicher noch; sie solle nicht traurig sein, sondern von ihren Kirschen kosten und ihre Blumen betrachten, die schöner seien als jedes Bilderbuch – jede könne eine ganze Geschichte erzählen. Dann nahm sie Gerda bei der Hand, führte sie ins kleine Haus und schloss die Tür.
Die Fenster lagen hoch oben, und die Scheiben waren rot, blau und gelb; das Tageslicht schien ganz sonderbar bunt herein. Auf dem Tisch standen die schönsten Kirschen, und Gerda aß, so viel sie wollte, denn das war ihr erlaubt. Während sie aß, kämmte die alte Frau ihr das Haar mit einem goldenen Kamm, und die Locken ringelten sich herrlich golden um das runde, freundliche Gesicht, das aussah wie eine Rose.
„Nach so einem lieben kleinen Mädchen habe ich mich schon lange gesehnt“, sagte die Alte. „Du wirst sehen, wie gut wir miteinander leben werden!“ Und während sie Gerda das Haar kämmte, vergaß diese ihren Pflegebruder Kay mehr und mehr, denn die alte Frau konnte zaubern. Sie war keine böse Zauberin, sie zauberte nur ein wenig zu ihrem Vergnügen, und sie wollte die kleine Gerda gern behalten. Deshalb ging sie in den Garten, streckte ihren Krückstock gegen alle Rosensträucher aus, und so schön sie auch blühten, sie sanken alle in die schwarze Erde hinab, sodass man nicht mehr sehen konnte, wo sie gestanden hatten. Die Alte fürchtete nämlich, wenn Gerda die Rosen sähe, würde sie an ihre eigenen denken, sich dann an den kleinen Kay erinnern und davonlaufen.
Nun führte sie Gerda hinaus in den Blumengarten. Was für ein Duft, was für eine Pracht! Alle nur denkbaren Blumen standen dort, für jede Jahreszeit, im prächtigsten Flor; kein Bilderbuch konnte bunter und schöner sein. Gerda hüpfte vor Freude und spielte, bis die Sonne hinter den hohen Kirschbäumen versank; dann bekam sie ein schönes Bett mit roten Seidenkissen, die mit Veilchen gefüllt waren; und sie schlief und träumte so herrlich, wie nur eine Königin an ihrem Hochzeitstag träumen kann.
Am nächsten Tag durfte sie wieder mit den Blumen im warmen Sonnenschein spielen, und so vergingen viele Tage. Gerda kannte jede einzelne Blume, aber so viele es auch waren, ihr war, als fehle eine – nur welche, das wusste sie nicht. Da saß sie eines Tages und betrachtete den Sonnenhut der alten Frau mit den gemalten Blumen, und die schönste darunter war eine Rose. Die Alte hatte vergessen, diese vom Hut zu wischen, als sie die anderen in die Erde zauberte. So geht es eben, wenn man nicht bei der Sache ist! „Was! Gibt es hier keine Rosen?“, rief Gerda und lief zwischen die Beete, suchte und suchte – aber es war keine zu finden. Da setzte sie sich hin und weinte, doch ihre Tränen fielen genau auf die Stelle, wo ein Rosenstrauch versunken war, und als die warmen Tränen die Erde benetzten, schoss der Strauch mit einem Mal empor, blühend, wie er versunken war. Gerda umarmte ihn, küsste die Rosen und dachte an die herrlichen Rosen daheim – und mit ihnen auch an den kleinen Kay.
„Oh, wie bin ich aufgehalten worden!“, sagte das kleine Mädchen. „Ich wollte doch den kleinen Kay suchen! Wisst ihr nicht, wo er ist?“, fragte sie die Rosen. „Glaubt ihr, er ist tot?“
„Tot ist er nicht“, antworteten die Rosen. „Wir waren ja in der Erde, dort sind alle Toten, aber Kay war nicht dort.“
„Ich danke euch!“, sagte die kleine Gerda und ging zu den anderen Blumen, schaute in ihre Kelche und fragte: „Wisst ihr nicht, wo der kleine Kay ist?“
Aber jede Blume stand in der Sonne und träumte ihre eigene kleine Geschichte oder ihr eigenes Märchen; davon hörte Gerda sehr viele, doch keine wusste etwas von Kay.
Und was sagte die Feuerlilie?
„Hörst du die Trommel: bum, dum! Nur zwei Töne: immer bum, bum! Höre der Frauen Trauergesang, höre der Priester Ruf so bang – im langen roten Mantel steht das Hinduweib, wenn die Flamme weht, auf dem Scheiterhaufen; ringsum brennt es hoch um sie und ihren toten Mann noch, doch das Hinduweib denkt an den Lebenden hier, an ihn, dessen Augen brennen wie Flammengier, an ihn, dessen Blick sie stärker berührt als das Feuer, das ihren Leib bald verführt. Kann des Herzens Flamme je ersterben in der Flamme, die den Scheiterhaufen lässt verderben?“
„Das verstehe ich überhaupt nicht“, sagte die kleine Gerda.
„Das ist mein Märchen“, sagte die Feuerlilie.
Was sagte die Winde?
„Über den schmalen Fußweg hängt eine alte Ritterburg herüber; dichtes Immergrün wächst an den morschen roten Mauern empor, Blatt an Blatt, rund um den Altan, und dort steht ein schönes Mädchen. Sie beugt sich übers Geländer und schaut den Weg entlang. Keine Rose hängt frischer an den Zweigen als sie, keine Apfelblüte schwebt leichter dahin, wenn der Wind sie vom Baum trägt, als sie; wie rauschte das prächtige Seidengewand! ‚Kommt er noch nicht?‘“
„Meinst du damit Kay?“, fragte die kleine Gerda.
„Ich erzähle nur mein Märchen, meinen Traum“, erwiderte die Winde.
Was sagte die kleine Schneeblume?
„Zwischen den Bäumen hängt an Seilen das lange Brett, eine Schaukel; zwei kleine Mädchen darauf, in Kleidern weiß wie Schnee, lange grüne Seidenbänder flattern von den Hüten; sie schaukeln sich, und der Bruder, größer als sie, steht in der Schaukel, den Arm ums Seil geschlungen, um sich zu halten, denn in der einen Hand hält er eine kleine Schale, in der anderen eine Tonpfeife; er bläst Seifenblasen. Die Schaukel steigt, die Blasen steigen mit, in schönen wechselnden Farben; die letzte hängt noch am Pfeifenstiel und wiegt sich im Wind. Die Schaukel schwebt, der kleine schwarze Hund, leicht wie die Blasen, richtet sich auf den Hinterbeinen auf und will mit hinauf; sie steigt, der Hund fällt, bellt, ist böse; man neckt ihn, die Blasen platzen. Ein schaukelndes Brett, ein zerplatztes Schaumbild – das ist mein Lied!“
„Es mag sein, dass hübsch ist, was du erzählst, aber du sagst es so traurig, und den kleinen Kay erwähnst du gar nicht.“
Was sagten die Hyazinthen?
„Es waren drei schöne Schwestern, durchsichtig und zart; der einen Kleid war rot, der anderen blau, der dritten weiß. Hand in Hand tanzten sie am stillen See im hellen Mondschein. Es waren keine Elfen, es waren Menschenkinder. Dort duftete es so süß, und die Mädchen verschwanden im Wald; der Duft wurde stärker; dann lagen drei Särge da, und die schönen Mädchen glitten aus dem Dickicht über den See dahin; die Johanniswürmchen flogen leuchtend umher wie kleine schwebende Lichter. Schlafen die tanzenden Mädchen, oder sind sie tot? Der Blumenduft sagt: Sie sind Leichen. Die Abendglocke läutet den Grabgesang.“
„Du machst mich ganz traurig“, sagte die kleine Gerda. „Du duftest so stark, ich muss an die toten Mädchen denken. Ach, ist der kleine Kay wirklich tot? Die Rosen waren unten in der Erde und sagen Nein!“
„Kling, klang!“, läuteten die Hyazinthenglocken. „Wir läuten nicht für den kleinen Kay, wir kennen ihn nicht; wir singen nur unser Lied, das einzige, das wir kennen.“
Und Gerda ging zur Butterblume, die aus den glänzenden grünen Blättern hervorschaute.
„Du bist eine kleine, helle Sonne!“, sagte Gerda. „Sag mir, weißt du, wo ich meinen Spielkameraden finden kann?“
Und die Butterblume glänzte so schön und sah Gerda an. Welches Lied konnte die Butterblume wohl singen? Auch dieses handelte nicht von Kay.
„In einem kleinen Hof schien am ersten Frühlingstag die liebe Gottessonne so warm; die Strahlen glitten an der weißen Wand des Nachbarhauses herab; dicht dabei wuchs die erste gelbe Blume und glänzte golden in den warmen Strahlen. Die alte Großmutter saß draußen in ihrem Stuhl; die Enkelin, ein armes, hübsches Dienstmädchen, kam von einem kurzen Besuch heim und küsste die Großmutter. Es war Gold, Herzensgold, in diesem gesegneten Kuss. Gold im Mund, Gold im Grund, Gold in der Morgenstund’! Sieh, das ist meine kleine Geschichte“, sagte die Butterblume.
„Meine arme, alte Großmutter!“, seufzte Gerda. „Ja, sie sehnt sich gewiss nach mir und grämt sich um mich, so wie sie es um den kleinen Kay tat. Aber ich komme bald wieder nach Hause, und dann bringe ich Kay mit. Es hat keinen Sinn, die Blumen zu fragen, sie kennen nur ihr eigenes Lied, sie können mir nicht helfen!“ Dann band sie ihr kleines Kleid hoch, damit sie schneller laufen konnte; aber die Pfingstlilie schlug ihr ans Bein, als sie darüber sprang. Da blieb sie stehen, betrachtete die lange gelbe Blume und fragte: „Weißt du vielleicht etwas?“ Und sie beugte sich ganz zur Pfingstlilie hinunter, und was sagte diese?
„Ich kann mich selbst sehen! Ich kann mich selbst erblicken!“, sagte die Pfingstlilie. „Oh, oh, wie ich dufte! Oben, im kleinen Erkerzimmer, steht halb angezogen eine kleine Tänzerin; sie steht mal auf einem Bein, mal auf beiden, sie tritt die ganze Welt mit Füßen, sie ist nichts als Augentäuschung. Sie gießt Wasser aus der Teekanne auf ein Stück Stoff, das sie hält – das ist das Mieder. Sauberkeit ist eine feine Sache; das weiße Kleid hängt am Haken, auch das wurde in der Teekanne gewaschen und auf dem Dach getrocknet. Sie zieht es an und schlingt das safrangelbe Tuch um den Hals, und da scheint das Kleid noch weißer. Das Bein gestreckt! Sieh, wie sie auf ihrem Stiel prangt! Ich kann mich selbst sehen! Ich kann mich selbst erblicken!“
„Das interessiert mich überhaupt nicht“, sagte Gerda. „Das brauchst du mir nicht zu erzählen“, und dann lief sie bis ans Ende des Gartens.
Die Tür war verschlossen, aber sie drückte auf die verrostete Klinke, sodass diese abbrach; die Tür ging auf, und die kleine Gerda sprang mit nackten Füßen hinaus in die weite Welt. Dreimal blickte sie zurück, aber niemand verfolgte sie; schließlich konnte sie nicht mehr laufen und setzte sich auf einen großen Stein. Als sie sich umsah, war der Sommer vorbei; es war Spätherbst. Das hatte man im schönen Garten gar nicht bemerkt, wo immer Sonnenschein und Blumen aller Jahreszeiten waren.
„Gott, wie habe ich mich verspätet!“, sagte die kleine Gerda. „Es ist ja schon Herbst! Da darf ich nicht ausruhen!“ Und sie stand auf, um weiterzugehen.
Oh, wie waren ihre kleinen Füße wund und müde! Ringsum sah alles kalt und rau aus; die langen Weidenblätter waren ganz gelb, und der Tau tropfte wie Wasser herab; ein Blatt nach dem anderen fiel. Nur der Schlehdorn trug noch Früchte, aber die waren herb und zogen den Mund zusammen. Oh, wie grau und schwer war die weite Welt!
Vierte Geschichte: Prinz und Prinzessin
Gerda musste sich wieder ausruhen. Da hüpfte gerade gegenüber, auf dem Schnee, eine große Krähe; sie hatte lange dagesessen, Gerda betrachtet und mit dem Kopf gewackelt. Nun sagte sie: „Krah, krah! Gu’n Tag, gu’n Tag!“ Besser konnte sie es nicht aussprechen, aber sie meinte es gut mit dem kleinen Mädchen und fragte, wohin sie so ganz allein in die weite Welt gehe. Das Wort „allein“ verstand Gerda sehr wohl und spürte, wie viel darin lag; sie erzählte der Krähe ihr ganzes Leben und Schicksal und fragte, ob sie Kay nicht gesehen habe.
Die Krähe nickte bedächtig und sagte: „Das könnte sein! Das könnte sein!“
„Wie? Glaubst du?“, rief das kleine Mädchen und hätte die Krähe fast zu Tode gedrückt, so küsste sie sie.
„Vernünftig, vernünftig!“, sagte die Krähe. „Ich glaube, ich weiß – ich glaube, es könnte sein: der kleine Kay. Aber jetzt hat er dich sicher über der Prinzessin vergessen!“
„Wohnt er bei einer Prinzessin?“, fragte Gerda.
„Ja, hör zu!“, sagte die Krähe. „Aber mir fällt es schwer, deine Sprache zu sprechen. Verstehst du Krähisch? Dann kann ich es dir besser erzählen.“
„Nein, das habe ich nicht gelernt“, sagte Gerda, „aber die Großmutter verstand es, und sprechen konnte sie es auch. Hätte ich es nur gelernt!“
„Macht nichts!“, sagte die Krähe. „Ich erzähle, so gut ich kann, auch wenn es schlecht wird.“ Und dann erzählte sie, was sie wusste.
„In diesem Königreich, wo wir jetzt sitzen, wohnt eine Prinzessin, die ist so unglaublich klug, dass sie alle Zeitungen der Welt gelesen und wieder vergessen hat – so klug ist sie. Neulich saß sie auf dem Thron, und das ist gar nicht so angenehm, wie man meint; da fing sie an, ein Lied zu singen, und das ging so: ‚Warum sollte ich nicht heiraten?‘ Hör, da ist was dran, dachte sie sich, und so wollte sie heiraten. Aber sie wollte einen Mann, der zu antworten wisse, wenn man mit ihm spreche, nicht nur einen, der bloß dasteht und vornehm aussieht, denn das sei zu langweilig. Nun ließ sie alle Hofdamen zusammentrommeln, und als diese hörten, was sie vorhatte, freuten sie sich sehr. ‚Das gefällt mir!‘, sagte jede, ‚daran habe ich neulich auch gedacht!‘ – Du kannst mir glauben, jedes Wort, das ich sage, ist wahr“, fügte die Krähe hinzu. „Ich habe eine zahme Liebste, die im Schloss frei herumlaufen darf, und die hat mir alles erzählt.“
Die Liebste war natürlich auch eine Krähe, denn eine Krähe sucht die andere, und eine Krähe bleibt eine Krähe.
„In den Zeitungen stand es gleich, mit einem Rand aus Herzen und dem Namenszug der Prinzessin; man konnte lesen, dass jeder junge Mann, der gut aussehe, ins Schloss kommen und mit der Prinzessin sprechen dürfe, und derjenige, der so spreche, dass man höre, er fühle sich dort zu Hause – und der am besten spreche –, den wolle die Prinzessin zum Mann nehmen. Ja, ja“, sagte die Krähe, „du kannst mir glauben, das ist so wahr, wie ich hier sitze. Die jungen Männer strömten herbei, es war ein Gedränge und ein Laufen, aber weder am ersten noch am zweiten Tag hatte einer Erfolg. Sie konnten alle gut reden, solange sie auf der Straße waren, aber sobald sie durchs Schlosstor traten und die Wachen in Silber sahen und die Treppe hinauf die Lakaien in Gold und die großen erleuchteten Säle – dann wurden sie ganz verwirrt. Und standen sie erst vor dem Thron, wo die Prinzessin saß, dann fiel ihnen nichts mehr ein außer dem letzten Wort, das sie gesagt hatte – und das noch einmal zu hören, dazu hatte sie keine Lust. Es war, als hätten die Leute drinnen Schnupftabak auf den Magen bekommen und wären eingeschlafen, bis sie wieder draußen auf der Straße waren – erst dann konnten sie wieder sprechen. Vom Stadttor bis zum Schloss stand eine ganze Reihe. Ich war selbst dort und habe es gesehen“, sagte die Krähe. „Sie wurden hungrig und durstig, aber im Schloss bekamen sie nicht einmal ein Glas Wasser. Zwar hatten einige der Klügeren sich Butterbrote mitgenommen, aber sie teilten nicht mit ihrem Nachbarn; sie dachten: Soll er nur hungrig aussehen, dann nimmt ihn die Prinzessin nicht!“
„Aber Kay, der kleine Kay!“, fragte Gerda. „Wann kam der? War er unter der Menge?“
„Warte, warte! Jetzt kommen wir zu ihm! Es war am dritten Tag, da kam eine kleine Gestalt, ohne Pferd und Wagen, ganz fröhlich geradewegs aufs Schloss zumarschiert; seine Augen glänzten wie deine, er hatte schönes, langes Haar, aber sonst ärmliche Kleider.“
„Das war Kay!“, jubelte Gerda. „Oh, dann habe ich ihn gefunden!“, und sie klatschte in die Hände. „Er hatte ein kleines Ränzel auf dem Rücken“, sagte die Krähe.
„Nein, das war bestimmt sein Schlitten!“, sagte Gerda, „denn mit dem Schlitten ist er fortgefahren!“
„Kann gut sein“, sagte die Krähe, „so genau habe ich nicht hingeschaut. Aber das weiß ich von meiner zahmen Liebsten: Als er durchs Schlosstor kam und die Wachen in Silber sah und die Lakaien in Gold auf der Treppe, wurde er kein bisschen verlegen; er nickte ihnen zu und sagte: ‚Das muss langweilig sein, auf der Treppe zu stehen; ich gehe lieber hinein!‘ Da glänzten die Säle voller Lichter, Geheimräte und Exzellenzen gingen barfuß und trugen goldene Gefäße – man konnte richtig ehrfürchtig werden! Seine Stiefel knarrten furchtbar laut, aber ihm wurde trotzdem nicht bange.“
„Das ist ganz gewiss Kay!“, sagte Gerda. „Ich weiß, er hat neue Stiefel; ich habe sie in der Stube der Großmutter knarren hören!“
„Ja, freilich knarrten sie!“, sagte die Krähe. „Und mit frischem Mut ging er geradewegs zur Prinzessin hinein, die auf einer großen Perle saß, so groß wie ein Spinnrad; und alle Hofdamen mit ihren Zofen und den Zofen der Zofen, und alle Kavaliere mit ihren Dienern und den Dienern der Diener, die wiederum einen Burschen hielten, standen ringsum aufgestellt, und je näher sie an der Tür standen, desto stolzer sahen sie aus. Der Bursche des Dieners, der immer in Pantoffeln geht, den darf man kaum anzusehen wagen, so stolz steht er in der Tür!“
„Das muss schrecklich sein!“, sagte die kleine Gerda. „Und Kay – hat er die Prinzessin bekommen?“
„Wäre ich keine Krähe gewesen, hätte ich sie selbst genommen, obwohl ich verlobt bin. Er soll so gut gesprochen haben wie ich, wenn ich Krähisch rede – das habe ich von meiner zahmen Liebsten. Er war fröhlich und niedlich; er war nicht gekommen, um zu freien, sondern nur, um die Klugheit der Prinzessin zu hören, und die fand er gut, und sie fand ihn ebenso gut.“
„Ja, sicher, das war Kay!“, sagte Gerda. „Er war so klug, er konnte im Kopf rechnen, sogar mit Brüchen. Oh, willst du mich nicht ins Schloss führen?“
„Ja, das ist leicht gesagt!“, antwortete die Krähe. „Aber wie machen wir das? Ich muss es mit meiner zahmen Liebsten besprechen, sie kann uns bestimmt raten. Denn das muss ich dir sagen: Ein kleines Mädchen wie du bekommt niemals die Erlaubnis, hineinzukommen!“
„Doch, die bekomme ich!“, sagte Gerda. „Wenn Kay hört, dass ich da bin, kommt er sofort heraus und holt mich!“
„Warte hier am Gitter auf mich!“, sagte die Krähe, wackelte mit dem Kopf und flog davon.
Erst spät am Abend kam die Krähe zurück. „Rar, rar!“, sagte sie. „Ich soll dich vielmals von ihr grüßen, und hier hast du ein kleines Brot, sie hat es aus der Küche geholt, dort gibt es Brot genug, und du bist sicher hungrig. Es ist nicht möglich, dass du ins Schloss kommst, du bist ja barfuß. Die Wachen in Silber und die Lakaien in Gold würden es nicht erlauben. Aber weine nicht, du sollst trotzdem hinaufkommen. Meine Liebste kennt eine schmale Hintertreppe, die zum Schlafgemach führt, und sie weiß, wie sie an den Schlüssel kommt.“
Sie gingen in den Garten hinein, in die große Allee, wo ein Blatt nach dem anderen fiel; und als im Schloss die Lichter nacheinander erloschen, führte die Krähe die kleine Gerda zu einer Hintertür, die nur angelehnt war.
Oh, wie Gerdas Herz vor Angst und Sehnsucht pochte! Ihr war, als wolle sie etwas Böses tun, dabei wollte sie doch nur wissen, ob es der kleine Kay sei. Ja, er musste es sein; sie sah so lebendig seine klugen Augen vor sich, sein langes Haar, sie sah, wie er lächelte, so wie damals, als sie zu Hause unter den Rosen saßen. Er würde sich sicher freuen, sie zu sehen, zu hören, welch langen Weg sie seinetwegen zurückgelegt hatte, zu wissen, wie traurig alle daheim gewesen waren, als er nicht zurückkam. Oh, das war Furcht und Freude zugleich!
Nun waren sie auf der Treppe; eine kleine Lampe brannte auf dem Schrank; mitten auf dem Boden stand die zahme Krähe und drehte den Kopf nach allen Seiten, betrachtete Gerda, die sich verneigte, wie es die Großmutter sie gelehrt hatte.
„Mein Verlobter hat mir so viel Gutes von Ihnen erzählt, mein kleines Fräulein“, sagte die zahme Krähe. „Ihr Lebenslauf, wie man sagt, ist auch sehr rührend. Wollen Sie die Lampe nehmen, dann gehe ich voraus. Wir nehmen den geraden Weg, da begegnen wir niemandem.“
„Mir ist, als käme jemand hinter uns her“, sagte Gerda, und da sauste etwas an ihr vorbei, wie Schatten an der Wand: Pferde mit fliegenden Mähnen und dünnen Beinen, Jägerburschen, Herren und Damen zu Pferd.
„Das sind nur Träume“, sagte die Krähe, „sie kommen und holen die Gedanken der hohen Herrschaften zur Jagd ab. Das ist gut so, dann können Sie sie im Bett besser betrachten. Aber ich hoffe, wenn Sie zu Ehren und Würden gelangen, zeigen Sie ein dankbares Herz.“
„Das versteht sich von selbst!“, sagte die Krähe aus dem Wald.
Nun kamen sie in den ersten Saal, aus rosarotem Atlas mit künstlichen Blumen an den Wänden hinauf; hier sausten schon die Träume an ihnen vorbei, aber so schnell, dass Gerda die hohen Herrschaften nicht recht zu sehen bekam. Ein Saal war immer prächtiger als der nächste, man konnte richtig überwältigt werden. Dann waren sie im Schlafgemach. Hier glich die Decke einer großen Palme mit Blättern aus kostbarem Glas, und mitten im Raum hingen an einem dicken goldenen Stängel zwei Betten, jedes wie eine Lilie geformt; das eine war weiß, darin lag die Prinzessin; das andere war rot, und darin sollte Gerda den kleinen Kay suchen. Sie bog eines der roten Blätter zur Seite, da sah sie einen braunen Nacken. Oh, das war Kay! Sie rief laut seinen Namen und hielt die Lampe zu ihm hin – die Träume sausten wieder zu Pferde in die Stube herein – er erwachte, drehte den Kopf um, und – es war nicht der kleine Kay.
Der Prinz glich ihm nur am Nacken, aber jung und hübsch war er. Und aus dem weißen Lilienblatt blinzelte die Prinzessin hervor und fragte, wer da sei. Da weinte die kleine Gerda und erzählte ihre ganze Geschichte und alles, was die Krähen für sie getan hatten.
„Du armes Kind!“, sagten der Prinz und die Prinzessin, und sie lobten die Krähen, sagten, sie seien ihnen nicht böse, sollten es aber nicht zu oft tun. Außerdem sollten sie eine Belohnung erhalten.
„Wollt ihr frei fliegen?“, fragte die Prinzessin. „Oder wollt ihr eine feste Anstellung als Hofkrähen, mit allem, was in der Küche abfällt?“
Beide Krähen verneigten sich und baten um die feste Anstellung, denn sie dachten an ihr Alter und sagten: „Es wäre schön, etwas für die alten Tage zu haben“, wie sie es nannten.
Der Prinz stand aus seinem Bett auf und ließ Gerda darin schlafen – mehr konnte er nicht tun. Sie faltete ihre kleinen Hände und dachte: „Wie gut sind doch die Menschen und die Tiere!“ Dann schloss sie die Augen und schlief sanft ein. Alle Träume kamen wieder hereingeflogen, sie sahen aus wie Engel Gottes und zogen einen kleinen Schlitten, auf dem Kay saß und nickte; aber das war nur ein Traum, und deshalb war er auch wieder verschwunden, sobald sie erwachte.
Am nächsten Tag wurde sie von Kopf bis Fuß in Seide und Samt gekleidet; man bot ihr an, im Schloss zu bleiben und ein gutes Leben zu führen, aber sie bat nur um einen kleinen Wagen mit einem Pferd und ein Paar Stiefel; dann wollte sie wieder in die weite Welt hinaus, um Kay zu suchen.
Sie bekam sowohl Stiefel als auch einen Muff und wurde hübsch angezogen; als sie aufbrechen wollte, stand vor der Tür eine neue Kutsche aus purem Gold; das Wappen des Prinzen und der Prinzessin glänzte daran wie ein Stern. Kutscher, Diener und Vorreiter – denn es gab auch Vorreiter – saßen mit goldenen Kronen auf dem Kopf zu Pferde. Der Prinz und die Prinzessin halfen ihr selbst in den Wagen und wünschten ihr alles Glück. Die Waldkrähe, die inzwischen verheiratet war, begleitete sie die ersten drei Meilen; sie saß neben ihr, denn sie ertrug es nicht, rückwärts zu fahren. Die andere Krähe stand in der Tür und schlug mit den Flügeln; sie kam nicht mit, denn sie litt seit ihrer festen Anstellung und dem vielen Essen unter Kopfschmerzen. Innen war die Kutsche mit Zuckerbrezeln gepolstert, und im Sitz fanden sich Früchte und Pfeffernüsse.
„Lebt wohl! Lebt wohl!“, riefen der Prinz und die Prinzessin; und die kleine Gerda weinte, und die Krähe weinte auch. So ging es die ersten drei Meilen, dann sagte auch die Krähe Lebewohl, und das war der schwerste Abschied; sie flog auf einen Baum und schlug mit ihren schwarzen Flügeln, solange sie den Wagen sehen konnte, der wie heller Sonnenschein glänzte.
Fünfte Geschichte: Das kleine Räubermädchen
Sie fuhren durch den dunklen Wald, aber die Kutsche leuchtete wie eine Fackel; das stach den Räubern in die Augen, das konnten sie nicht ertragen.
„Das ist Gold, das ist Gold!“, riefen sie, stürzten hervor, packten die Pferde, erschlugen die kleinen Jockeys, den Kutscher und die Diener und zogen dann die kleine Gerda aus dem Wagen.
„Sie ist fett, sie ist niedlich, mit Nusskernen gefüttert!“, sagte die alte Räuberin, die einen langen struppigen Bart hatte und Augenbrauen, die ihr über die Augen hingen.
„Sie ist so gut wie ein kleines fettes Lamm, wie wird die schmecken!“ Und sie zog ihr blankes Messer hervor, das gräulich glänzte.
„Nu!“, sagte die Alte gleichzeitig, denn ihre eigene Tochter, die auf ihrem Rücken hing, war so wild und ungebärdig, dass es eine wahre Lust war – sie biss ihr ins Ohr. „Du hässlicher Balg!“, sagte die Mutter und hatte keine Zeit mehr, Gerda zu schlachten.
„Sie soll mit mir spielen!“, sagte das kleine Räubermädchen. „Sie soll mir ihren Muff und ihr hübsches Kleid geben und bei mir im Bett schlafen!“ Und sie biss noch einmal zu, sodass die Räuberin hochsprang und sich im Kreis drehte. Alle Räuber lachten und riefen: „Sieh nur, wie sie mit ihrem Kalb tanzt!“
„Ich will in den Wagen!“, sagte das kleine Räubermädchen. Sie musste und wollte ihren Willen bekommen, denn sie war völlig verzogen und sehr eigensinnig. Sie und Gerda saßen also drinnen und fuhren über Stock und Stein tiefer in den Wald hinein. Das kleine Räubermädchen war so groß wie Gerda, aber kräftiger, breitschultriger und dunkelhäutig; die Augen waren schwarz und sahen fast traurig aus. Sie legte den Arm um Gerdas Taille und sagte: „Sie sollen dich nicht schlachten, solange ich dir nicht böse bin. Du bist wohl eine Prinzessin?“
„Nein“, sagte Gerda und erzählte alles, was sie erlebt hatte, und wie sehr sie den kleinen Kay liebte.
Das Räubermädchen sah sie ganz ernsthaft an, nickte ein wenig und sagte: „Sie sollen dich nicht schlachten, selbst wenn ich dir böse werde – dann bringe ich es lieber selbst zu Ende!“ Dann trocknete sie Gerdas Augen und steckte ihre beiden Hände in den schönen Muff, der weich und warm war.
Nun hielt die Kutsche, sie waren mitten im Hof eines Räuberschlosses; es war von oben bis unten geborsten, Raben und Krähen flogen aus den offenen Löchern, und die großen Bullenbeißer, von denen jeder aussah, als könnte er einen Menschen verschlingen, sprangen hoch – aber sie bellten nicht, denn das war verboten.
Im großen, alten, verrußten Saal brannte mitten auf dem steinernen Boden ein helles Feuer; der Rauch zog unter der Decke entlang und suchte sich selbst den Weg nach draußen. Ein großer Kessel Suppe kochte, Hasen und Kaninchen wurden am Spieß gebraten.
„Du wirst heute Nacht bei mir und all meinen kleinen Tieren schlafen“, sagte das Räubermädchen. Sie bekamen zu essen und zu trinken und gingen dann in eine Ecke, wo Stroh und Decken lagen. Darüber saßen auf Latten und Stangen mehr als hundert Tauben, die alle zu schlafen schienen, sich aber etwas rührten, als die beiden Mädchen kamen.
„Die gehören alle mir!“, sagte das kleine Räubermädchen, packte rasch eine der nächsten, hielt sie an den Füßen und schüttelte sie, dass sie mit den Flügeln schlug. „Küss sie!“, rief sie und schlug damit Gerda ins Gesicht. „Da sitzen die Waldkanaillen“, fuhr sie fort und zeigte hinter eine Reihe Stäbe, die vor einem Loch oben in der Mauer eingeschlagen waren. „Das sind Waldkanaillen, die beiden; die fliegen gleich fort, wenn man sie nicht ordentlich einsperrt. Und hier steht mein alter Liebster, Bä!“ Und sie zog ein Rentier am Horn hervor, das einen blanken kupfernen Ring um den Hals trug und angebunden war. „Den müssen wir auch in der Klemme halten, sonst läuft er uns weg. Jeden Abend kitzle ich ihn mit meinem scharfen Messer am Hals, davor fürchtet er sich sehr!“ Und das kleine Mädchen zog ein langes Messer aus einer Spalte in der Mauer und ließ es über den Hals des Rentiers gleiten; das arme Tier schlug mit den Beinen aus, das kleine Räubermädchen lachte und zog dann Gerda mit sich ins Bett.
„Behältst du das Messer, während du schläfst?“, fragte Gerda und blickte etwas ängstlich darauf.
„Ich schlafe immer mit dem Messer“, sagte das kleine Räubermädchen. „Man weiß nie, was passiert! Aber erzähl mir noch mal, was du vorhin von dem kleinen Kay erzählt hast, und warum du in die weite Welt gegangen bist.“ Und Gerda erzählte wieder von vorn, und die Waldtauben gurrten oben im Käfig, während die anderen Tauben schliefen. Das kleine Räubermädchen legte den Arm um Gerdas Hals, hielt das Messer in der anderen Hand und schlief bald hörbar ein; aber Gerda konnte die Augen nicht schließen, sie wusste nicht, ob sie leben oder sterben würde. Die Räuber saßen ums Feuer, sangen und tranken, und die Räuberin schlug Purzelbäume. Oh, das war furchtbar anzusehen für das kleine Mädchen.
Da sagten die Waldtauben: „Kurr, kurr! Wir haben den kleinen Kay gesehen. Ein weißes Huhn trug seinen Schlitten; er saß im Wagen der Schneekönigin, der dicht über den Wald hinfuhr, als wir im Nest lagen. Sie blies uns junge Tauben an, und außer uns beiden starben alle. Kurr, kurr!“
„Was sagt ihr da oben?“, rief Gerda. „Wohin reiste die Schneekönigin? Wisst ihr etwas?“
„Sie reiste wahrscheinlich nach Lappland, denn dort ist immer Eis und Schnee! Frag doch das Rentier, das dort am Strick angebunden steht.“
„Dort ist Eis und Schnee, dort ist es herrlich und gut!“, sagte das Rentier. „Dort springt man frei umher in den großen, glänzenden Tälern! Dort hat die Schneekönigin ihr Sommerzelt, aber ihr bestes Schloss liegt oben, Richtung Nordpol, auf der Insel, die man Spitzbergen nennt!“
„Oh, Kay, kleiner Kay!“, seufzte Gerda.
„Du musst still liegen bleiben!“, sagte das Räubermädchen, „sonst stoße ich dir das Messer in den Leib!“
Am Morgen erzählte Gerda ihr alles, was die Waldtauben gesagt hatten, und das kleine Räubermädchen sah ernst aus, nickte und sagte: „Das ist einerlei! Das ist einerlei! – Weißt du, wo Lappland liegt?“, fragte sie das Rentier.
„Wer sollte das besser wissen als ich?“, sagte das Tier, und seine Augen funkelten. „Dort bin ich geboren und aufgewachsen, dort bin ich über die Schneefelder gesprungen!“
„Hör zu!“, sagte das Räubermädchen zu Gerda. „Du siehst, alle unsere Männer sind fort, nur die Mutter ist noch hier, und die bleibt; aber gegen Mittag trinkt sie aus der großen Flasche und schlummert danach ein bisschen – dann werde ich etwas für dich tun!“ Sie sprang aus dem Bett, fiel der Mutter um den Hals, zog sie am Bart und sagte: „Mein einziger lieber Ziegenbock, guten Morgen!“ Und die Mutter gab ihr Nasenstüber, dass die Nase rot und blau wurde, aber das alles geschah aus lauter Liebe.
Als die Mutter aus ihrer Flasche getrunken hatte und einschlief, ging das Räubermädchen zum Rentier und sagte: „Ich hätte große Freude daran, dich noch manches Mal mit dem scharfen Messer zu kitzeln, denn dann bist du so possierlich; aber gut, es ist einerlei; ich löse deine Leine und lasse dich hinaus, damit du nach Lappland laufen kannst. Aber du musst tüchtig Beine machen und dieses kleine Mädchen zum Schloss der Schneekönigin bringen, wo ihr Spielkamerad ist. Du hast ja gehört, was sie erzählt hat, sie sprach laut genug, und du hast gelauscht.“
Das Rentier sprang vor Freude hoch. Das Räubermädchen hob die kleine Gerda hinauf, band sie vorsichtshalber fest und gab ihr sogar ihr kleines Kissen als Sitz mit. „Da hast du auch deine Pelzstiefel“, sagte sie, „denn es wird kalt; aber den Muff behalte ich, der ist zu niedlich! Dafür sollst du aber trotzdem nicht frieren. Hier hast du die großen Fausthandschuhe meiner Mutter, die reichen dir bis zu den Ellenbogen. Kriech hinein! Jetzt siehst du an den Händen genauso aus wie meine hässliche Mutter!“
Und Gerda weinte vor Freude.
„Ich kann es nicht leiden, wenn du so ein Gesicht ziehst!“, sagte das kleine Räubermädchen. „Jetzt musst du richtig froh aussehen! Und hier hast du zwei Brote und einen Schinken, dann musst du nicht hungern.“ Beides wurde hinten auf das Rentier gebunden; das kleine Räubermädchen öffnete die Tür, lockte alle großen Hunde herein, durchschnitt dann mit dem scharfen Messer den Strick und sagte zum Rentier: „Lauf jetzt! Aber pass gut auf das kleine Mädchen auf!“
Und Gerda streckte die Hände mit den großen Fausthandschuhen dem Räubermädchen entgegen und sagte: „Lebewohl!“ Dann jagte das Rentier über Stock und Stein davon, durch den großen Wald, über Sümpfe und Steppen, so schnell es nur konnte. Die Wölfe heulten, die Raben schrien. „Futt, futt!“, ging es am Himmel, als spie der Himmel Feuer.
„Das sind meine alten Nordlichter!“, sagte das Rentier. „Sieh, wie sie leuchten!“ Und nun lief es noch schneller, Tag und Nacht. Die Brote wurden verzehrt, der Schinken auch, und dann waren sie in Lappland.
Sechste Geschichte: Die Lappin und die Finnin
Bei einem kleinen Haus hielten sie an; es war sehr armselig, das Dach hing fast bis zur Erde herab, und die Tür war so niedrig, dass die Familie kriechen musste, wenn sie ein- oder ausgehen wollte. Hier war außer einer alten Lappin, die bei einer Tranlampe Fische kochte, niemand im Haus, und das Rentier erzählte Gerdas ganze Geschichte, aber zuerst seine eigene, denn die schien ihm weit wichtiger; Gerda war so von der Kälte mitgenommen, dass sie gar nicht sprechen konnte.
„Ach, ihr Armen!“, sagte die Lappin. „Da habt ihr noch weit zu laufen! Ihr müsst über hundert Meilen ins Finnmarken hinein, denn dort wohnt die Schneekönigin auf dem Land und lässt jeden Abend bengalische Flammen brennen. Ich schreibe ein paar Worte auf einen trockenen Stockfisch, Papier habe ich keins; den gebe ich euch für die Finnin dort oben mit, sie kann euch besser Bescheid geben als ich!“
Und als Gerda sich aufgewärmt hatte und etwas zu essen und trinken bekommen hatte, schrieb die Lappin einige Worte auf einen trockenen Stockfisch, bat Gerda, gut darauf aufzupassen, band sie wieder auf das Rentier, und dieses sprang davon. „Futt, futt!“, ging es oben in der Luft; die ganze Nacht brannten die schönsten blauen Nordlichter – und dann kamen sie nach Finnmarken und klopften am Schornstein der Finnin, denn eine Tür hatte sie nicht einmal.
Drinnen herrschte eine solche Hitze, dass die Finnin fast nackt herumging; sie war klein und schmutzig. Sofort löste sie die Kleider der kleinen Gerda, zog ihr die Fausthandschuhe und Stiefel aus – sonst wäre es ihr zu heiß geworden –, legte dem Rentier ein Stück Eis auf den Kopf und las dann, was auf dem Stockfisch geschrieben stand. Sie las es dreimal, dann wusste sie es auswendig und steckte den Fisch in den Suppenkessel, denn er ließ sich ja noch essen, und sie verschwendete nie etwas.
Nun erzählte das Rentier zuerst seine Geschichte, dann die der kleinen Gerda, und die Finnin blinzelte mit ihren klugen Augen, sagte aber nichts.
„Du bist sehr klug“, sagte das Rentier. „Ich weiß, du kannst alle Winde der Welt mit einem Zwirnsfaden zusammenbinden; löst der Seemann den einen Knoten, bekommt er guten Wind, löst er den anderen, weht es scharf, und löst er den dritten und vierten, stürmt es so, dass die Wälder umfallen. Willst du dem kleinen Mädchen nicht einen Trank geben, damit sie die Kraft von zwölf Männern bekommt und die Schneekönigin überwindet?“
„Die Kraft von zwölf Männern?“, sagte die Finnin. „Ja, das würde viel helfen!“ Dann ging sie zu einem Bett, holte ein großes zusammengerolltes Fell hervor und rollte es auf; darauf standen wunderliche Buchstaben geschrieben, und die Finnin las, dass ihr der Schweiß von der Stirn lief.
Aber das Rentier bat wieder so eindringlich für die kleine Gerda, und Gerda sah die Finnin mit so bittenden, tränenvollen Augen an, dass diese abermals mit den Augen zu blinzeln begann und das Rentier in eine Ecke zog, wo sie ihm zuflüsterte, während es wieder frisches Eis auf den Kopf bekam:
„Der kleine Kay ist zwar bei der Schneekönigin und findet dort alles nach seinem Geschmack und Gefallen und glaubt, es sei der schönste Ort der Welt; aber das liegt daran, dass er einen Glassplitter im Herzen und ein kleines Glaskörnchen im Auge hat. Die müssen zuerst heraus, sonst wird er nie wieder ein Mensch, und die Schneekönigin behält die Macht über ihn!“
„Aber kannst du der kleinen Gerda nicht etwas geben, dass sie Macht über das Ganze bekommt?“
„Ich kann ihr keine größere Macht geben, als sie schon hat; siehst du nicht, wie groß die ist? Siehst du nicht, wie Menschen und Tiere ihr dienen müssen, wie sie mit nackten Füßen so weit in der Welt vorangekommen ist? Sie kann ihre Macht nicht von uns bekommen; sie liegt in ihrem Herzen – sie besteht darin, dass sie ein liebes, unschuldiges Kind ist. Kann sie nicht selbst zur Schneekönigin gelangen und das Glas aus dem kleinen Kay holen, dann können wir nicht helfen! Zwei Meilen von hier beginnt der Garten der Schneekönigin; dorthin kannst du das kleine Mädchen bringen. Setz sie beim großen Busch ab, der mit roten Beeren im Schnee steht, halt keinen Klatsch, sondern beeil dich, hierher zurückzukommen!“ Und dann hob die Finnin die kleine Gerda auf das Rentier, das lief, was es konnte.
„Oh, ich habe meine Stiefel nicht! Ich habe meine Fausthandschuhe nicht!“, rief die kleine Gerda. Das spürte sie in der schneidenden Kälte, aber das Rentier wagte nicht anzuhalten; es lief, bis es zu dem Busch mit den roten Beeren kam. Dort setzte es Gerda ab und küsste sie auf den Mund, und dicke, glänzende Tränen liefen dem Tier über die Backen; dann lief es, so schnell es konnte, wieder zurück. Da stand die arme Gerda, ohne Schuhe, ohne Handschuhe, mitten im schrecklichen, eiskalten Finnmarken.
Sie lief so schnell sie nur konnte weiter; da kam ihr ein Regiment Schneeflocken entgegen, aber die fielen nicht vom Himmel herab, der war hell und leuchtete von Nordlichtern; die Schneeflocken liefen gerade über die Erde, und je näher sie kamen, desto größer wurden sie. Gerda erinnerte sich, wie groß und kunstvoll die Schneeflocken ausgesehen hatten, als sie sie damals durch das Brennglas betrachtete. Aber hier waren sie noch viel größer und schrecklicher, sie lebten, sie waren die Vorposten der Schneekönigin, und sie hatten die seltsamsten Gestalten. Manche sahen aus wie hässliche, große Stachelschweine, andere wie zusammengeknotete Schlangen, die die Köpfe hervorstreckten, wieder andere wie kleine dicke Bären mit gesträubtem Fell; alle waren blendend weiß, alle waren lebendige Schneeflocken.
Da betete die kleine Gerda ihr Vaterunser; die Kälte war so groß, dass sie ihren eigenen Atem sehen konnte, er stieg ihr wie Rauch aus dem Mund. Der Atem wurde dichter und dichter und formte sich zu kleinen Engeln, die immer größer wurden, sobald sie die Erde berührten; und alle trugen Helme auf dem Kopf und Spieße und Schilde in den Händen. Ihre Zahl wuchs und wuchs, und als Gerda ihr Vaterunser beendet hatte, umgab sie eine ganze Legion. Sie stachen mit ihren Spießen gegen die schrecklichen Schneeflocken, sodass diese in hundert Stücke zersprangen, und die kleine Gerda ging sicher und mutig weiter. Die Engel streichelten ihr Hände und Füße, sodass sie die Kälte kaum noch spürte, und sie eilte auf das Schloss der Schneekönigin zu.
Aber nun müssen wir erst sehen, was Kay macht. Er dachte gewiss nicht an die kleine Gerda, und schon gar nicht daran, dass sie draußen vor dem Schloss stand.
Siebente Geschichte: Vom Schloss der Schneekönigin, und was sich später dort zutrug
Die Wände des Schlosses bestanden aus treibendem Schnee, und Fenster und Türen aus schneidenden Winden. Es gab über hundert Säle darin, alle so, wie der Schnee sie zusammengeweht hatte; der größte erstreckte sich über mehrere Meilen. Das starke Nordlicht erhellte sie alle, und wie groß und leer, wie eisig kalt und glänzend waren sie! Nie gab es hier Feste, nicht einmal einen kleinen Bärenball, zu dem der Sturm hätte aufspielen können und bei dem die Eisbären auf den Hinterbeinen ihre feinen Manieren gezeigt hätten; nie eine kleine Spielgesellschaft mit Maulklaps und Pfotenschlag; nie ein Kaffeeklatsch der Weißfuchs-Fräuleins; leer, groß und kalt waren die Säle der Schneekönigin. Die Nordlichter flammten so gleichmäßig, dass man genau zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren, unendlichen Schneesaal lag ein zugefrorener See, in tausend Stücke zersprungen, aber jedes Stück glich dem anderen so vollkommen, dass es ein vollendetes Kunstwerk war; und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war; dann sagte sie, sie sitze im Spiegel des Verstandes, und dieser sei der einzige und beste der Welt.
Der kleine Kay war blau vor Kälte, fast schwarz, aber er merkte es gar nicht, denn sie hatte ihm den Frostschauer weggeküsst, und sein Herz war einem Eisklumpen gleich. Er schleppte einige scharfe, flache Eisstücke hin und her und fügte sie auf alle möglichen Weisen zusammen, denn er wollte etwas damit herausfinden. Es war wie bei dem Spiel, das man das chinesische nennt, wenn man kleine Holztäfelchen zu Figuren zusammenlegt. Auch Kay legte Figuren, und zwar die kunstvollsten. Das war das Eisspiel des Verstandes. In seinen Augen waren die Figuren ausgezeichnet und von höchster Bedeutung – das kam eben von dem Glaskörnchen, das ihm im Auge saß! Er legte vollständige Figuren, die ein geschriebenes Wort ergaben, aber nie gelang es ihm, gerade das Wort zu legen, das er wollte: das Wort „Ewigkeit“. Die Schneekönigin hatte gesagt: „Kannst du diese Figur herausfinden, dann bist du dein eigener Herr, und ich schenke dir die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe.“ Aber es gelang ihm nicht.
„Jetzt fliege ich fort in die warmen Länder!“, sagte die Schneekönigin. „Ich will hinfliegen und in die schwarzen Töpfe hineinschauen!“ – das waren die feuerspeienden Berge Ätna und Vesuv, wie man sie nennt. „Ich werde sie ein wenig weiß machen! Das gehört sich so, das tut den Zitronen und Weintrauben gut!“ Und die Schneekönigin flog davon, und Kay saß allein in dem viele Meilen großen, leeren Eissaal, betrachtete die Eisstücke und dachte so angestrengt nach, dass es in ihm knackte; steif und still saß er, man hätte glauben können, er sei erfroren.
Da geschah es, dass die kleine Gerda durch das große Tor ins Schloss trat. Hier herrschten schneidende Winde, doch als wollten sie sich legen, und sie trat in die großen, leeren, kalten Säle ein – da erblickte sie Kay. Sie erkannte ihn, flog ihm um den Hals, hielt ihn fest und rief: „Kay! Lieber, kleiner Kay! Endlich habe ich dich gefunden!“
Aber er saß still, steif und kalt. Da weinte die kleine Gerda heiße Tränen, die fielen auf seine Brust, drangen in sein Herz, tauten den Eisklumpen auf und lösten den kleinen Spiegelsplitter darin. Er sah sie an, und sie sang:
„Die Rosen, sie welken und wehen im Wind – doch wir sehen bald wieder das Christkind.“
Da brach Kay in Tränen aus, er weinte so sehr, dass das Splitterkorn aus dem Auge schwamm. Nun erkannte er sie und jubelte: „Gerda! Liebe, kleine Gerda! Wo bist du nur so lange gewesen? Und wo bin ich gewesen?“ Und er sah sich um. „Wie kalt ist es hier! Wie weit und leer ist es hier!“ Und er klammerte sich an Gerda, und sie lachte und weinte vor Freude. Das war so herrlich, dass sogar die Eisstücke ringsum vor Freude tanzten, und als sie müde wurden und sich niederlegten, lagen sie genau in den Buchstaben, von denen die Schneekönigin gesagt hatte, dass er sie finden solle, um sein eigener Herr zu sein und die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe geschenkt zu bekommen.
Und Gerda küsste seine Wangen, und sie erblühten; sie küsste seine Augen, und sie leuchteten wie die ihren; sie küsste seine Hände und Füße, und er war wieder gesund und munter. Die Schneekönigin mochte nun nach Hause kommen, sein Freibrief stand da, geschrieben mit glänzenden Eisstücken.
Und sie fassten sich bei den Händen und wanderten aus dem großen Schloss hinaus; sie sprachen von der Großmutter und von den Rosen oben auf dem Dach; und wo immer sie gingen, legten sich die Winde, und die Sonne brach hervor. Als sie den Busch mit den roten Beeren erreichten, stand das Rentier dort und wartete; es hatte ein anderes, junges Rentier mitgebracht, dessen Euter voll war, und dieses gab den beiden Kindern seine warme Milch und küsste sie auf den Mund. Dann trugen sie Kay und Gerda zuerst zur Finnin, wo sie sich in der heißen Stube aufwärmten und Bescheid über den Heimweg bekamen, und dann zur Lappin, die ihnen neue Kleider genäht und den Schlitten wieder instand gesetzt hatte.
Das Rentier und sein Junges sprangen zur Seite und begleiteten sie bis an die Grenze des Landes, wo das erste Grün sprosste; dort nahmen sie Abschied von den Rentieren und von der Lappin. „Lebt wohl!“, sagten alle. Die ersten kleinen Vögel begannen zu zwitschern, der Wald trieb grüne Knospen, und aus ihm kam auf einem prächtigen Pferd, das Gerda kannte – es war einst vor die goldene Kutsche gespannt gewesen –, ein junges Mädchen geritten, mit einer glänzend roten Mütze auf dem Kopf und Pistolen im Halfter. Das war das kleine Räubermädchen, das es zu Hause satt hatte und nun erst nach Norden und später, wenn es ihr dort nicht gefiel, in eine andere Weltgegend wollte. Sie erkannte Gerda sofort, und Gerda erkannte sie ebenso – das war eine Freude.
„Du bist mir ein schöner Herumtreiber!“, sagte sie zum kleinen Kay. „Ich möchte wissen, ob du es überhaupt verdienst, dass man deinetwegen bis ans Ende der Welt läuft!“
Aber Gerda tätschelte ihm die Wangen und fragte nach dem Prinzen und der Prinzessin.
„Die sind in fremde Länder gereist!“, sagte das Räubermädchen.
„Und die Krähe?“, fragte Gerda.
„Ach, die Krähe ist tot“, erwiderte sie. „Die zahme Liebste ist Witwe geworden und geht mit einem Fädchen schwarzer Wolle ums Bein herum; sie klagt jämmerlich, aber das ist alles nur Geschwätz! Erzähl mir lieber, wie es dir ergangen ist und wie du ihn wiedergefunden hast.“
Und Gerda und Kay erzählten.
„Snipp-Snapp-Snurre-Purre-Basselurre!“, sagte das Räubermädchen, nahm die beiden bei den Händen und versprach, wenn sie je durch ihre Stadt käme, wolle sie hinaufkommen und sie besuchen. Dann ritt sie hinaus in die weite Welt. Gerda und Kay aber gingen Hand in Hand, und wo sie gingen, war herrlicher Frühling mit Blumen und Grün; die Kirchenglocken läuteten, und sie erkannten die hohen Türme, die große Stadt – es war die, in der sie wohnten. Sie gingen hinein, zur Tür der Großmutter, die Treppe hinauf, in die Stube, wo alles noch am selben Platz war wie früher, und die Uhr ging: Tick, tack! und die Zeiger drehten sich. Aber als sie durch die Tür traten, bemerkten sie, dass sie erwachsen geworden waren. Die Rosen aus der Dachrinne blühten zum offenen Fenster herein, und dort standen die kleinen Kinderstühle, und Kay und Gerda setzten sich, jeder auf den seinen, und hielten sich an den Händen; die kalte, leere Herrlichkeit bei der Schneekönigin hatten sie vergessen wie einen schweren Traum. Die Großmutter saß in Gottes hellem Sonnenschein und las laut aus der Bibel: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen!“
Und Kay und Gerda sahen einander in die Augen und verstanden auf einmal den alten Gesang:
„Die Rosen, sie welken und wehen im Wind – doch wir sehen bald wieder das Christkind.“
Da saßen sie beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen; und es war Sommer, warmer, wohltuender Sommer.