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Ein barfüßiger Junge im geflickten Kittel blickt staunend zu einer riesigen Bohnenranke auf, die sich durch goldene Wolken windet.

Hans und die Bohnenranke

Joseph Jacobs

12 Min. Lesezeitab 5 Jahren

Hans tauscht die Kuh seiner Mutter gegen eine Handvoll Bohnen, aus denen über Nacht eine Ranke bis in den Himmel wächst. Oben nimmt er dem Riesen das Gold, die goldene Henne und die Harfe, und als der Riese ihm die Ranke hinab folgt, schlägt Hans sie mit der Axt entzwei.


Es war einmal eine arme Witwe, die hatte einen einzigen Sohn, der hieß Hans, und eine Kuh, die hieß Milchweiß. Von der Milch, die die Kuh jeden Morgen gab, lebten die beiden: Hans trug sie auf den Markt und verkaufte sie dort. Eines Morgens aber gab Milchweiß keine Milch mehr, und Mutter und Sohn wussten nicht weiter.

„Was sollen wir nur tun?“, sagte die Witwe und rang die Hände.

„Kopf hoch, Mutter“, sagte Hans. „Ich suche mir Arbeit.“

„Das haben wir schon versucht, und niemand hat dich genommen“, sagte sie. „Wir müssen Milchweiß verkaufen und mit dem Geld etwas anfangen.“

„Gut, Mutter“, sagte Hans. „Heute ist Markttag. Ich verkaufe sie, und dann sehen wir weiter.“

Er nahm den Strick der Kuh in die Hand und machte sich auf den Weg. Weit war er noch nicht gekommen, da begegnete ihm ein wunderlicher alter Mann.

„Guten Morgen, Hans“, sagte der.

„Guten Morgen auch dir“, sagte Hans und wunderte sich, woher der Fremde seinen Namen wusste.

„Und wohin des Weges?“

„Auf den Markt. Ich soll unsere Kuh verkaufen.“

„Du siehst mir nach einem aus, der sich auf Kühe versteht“, sagte der Mann. „Sag mir doch: Wie viele Bohnen machen fünf?“

„Zwei in jeder Hand und eine im Mund“, antwortete Hans, schnell wie der Wind.

„Richtig“, sagte der Mann und zog eine Handvoll seltsamer Bohnen aus der Tasche. „Und hier sind sie. Weil du so aufgeweckt bist, tausche ich mit dir: deine Kuh für diese Bohnen.“

„Ach was“, sagte Hans. „Das hättest du wohl gern.“

„Du weißt ja nicht, was das für Bohnen sind“, sagte der Mann. „Steckst du sie am Abend in die Erde, dann wachsen sie über Nacht bis in den Himmel.“

„Wirklich?“, sagte Hans.

„So ist es. Und wenn es nicht stimmt, bekommst du deine Kuh zurück.“

„Abgemacht“, sagte Hans, gab ihm den Strick und steckte die Bohnen ein.

Ein barfüßiger Junge hält den Strick einer braun-weißen Kuh und blickt einen alten Mann mit Stab an, der ihm goldglänzende Bohnen auf der Hand hinhält.

Weil der Weg so kurz gewesen war, stand er wieder vor der Tür, ehe es dämmerte.

„Schon zurück, Hans?“, rief die Mutter. „Milchweiß hast du nicht mehr, also hast du sie verkauft. Wie viel hast du bekommen?“

„Das errätst du nie, Mutter.“

„Fünf Taler? Zehn? Fünfzehn? Doch nicht etwa zwanzig?“

„Ich habe dir doch gesagt, du errätst es nicht. Sieh dir diese Bohnen an. Sie sind verzaubert. Man steckt sie am Abend in die Erde, und dann …“

„Was?“, rief die Mutter. „Du hast unsere Milchweiß, die beste Kuh im ganzen Dorf, für eine Handvoll armseliger Bohnen weggegeben?“ Sie war so zornig, dass ihr die Worte ausgingen, und warf die Bohnen aus dem Fenster hinunter in den Garten. „Und nun ab ins Bett mit dir. Heute bekommst du keinen Bissen und keinen Schluck mehr.“

So stieg Hans hinauf in seine kleine Kammer unter dem Dach, und traurig war er, mehr um der Mutter willen als wegen des Abendbrots. Endlich schlief er ein.

Als er aufwachte, sah die Kammer sonderbar aus. In der einen Hälfte lag die Sonne, die andere lag ganz im Schatten. Hans sprang auf, zog sich an und trat ans Fenster. Und was sah er da? Aus den Bohnen, die die Mutter in den Garten geworfen hatte, war über Nacht eine gewaltige Ranke gewachsen, die stieg und stieg und stieg, bis sie den Himmel erreichte. Der alte Mann hatte also die Wahrheit gesagt.

Der Junge lehnt sich aus dem offenen Dachfenster einer Holzhütte und schaut im rosigen Morgenlicht an einer dicken, geflochtenen Bohnenranke hinauf.

Die Ranke wuchs dicht am Fenster vorbei, und weil sie geflochten war wie eine große Leiter, brauchte Hans nur das Fenster zu öffnen und hinüberzuspringen. Und er kletterte und kletterte und kletterte, bis er oben am Himmel ankam. Dort fand er eine breite Straße, die lief schnurgerade dahin. Er ging und ging und ging, bis er zu einem riesigen hohen Haus kam. Auf der Schwelle stand eine riesige große Frau.

Der Junge klettert barfuß an der gewundenen Ranke hoch über goldenen Wolken; tief unten liegen Felder und ein winziges Haus mit rauchendem Schornstein.

„Guten Morgen“, sagte Hans höflich. „Könntest du mir wohl etwas zum Frühstück geben?“ Denn seit dem Vorabend hatte er nichts gegessen und war hungrig wie ein Wolf.

„Frühstück willst du?“, sagte die große Frau. „Wenn du nicht schnell verschwindest, bist du selbst das Frühstück. Mein Mann ist ein Riese, und nichts hat er lieber als kleine Jungen. Mach dich fort, gleich kommt er heim.“

„Bitte, gib mir doch etwas“, sagte Hans. „Seit gestern Morgen habe ich keinen Bissen gehabt. Dann kann ich ihm ebenso gut in die Hände fallen wie verhungern.“

Die Frau des Riesen hatte kein böses Herz. Sie nahm Hans mit in die Küche und gab ihm Brot, Käse und einen Krug Milch. Er war noch nicht halb fertig, da machte es bumm, bumm, bumm, und das ganze Haus fing an zu zittern.

„Du liebe Zeit, mein Mann!“, rief die Frau. „Schnell, hier hinein!“ Und sie schob Hans in den Backofen, gerade als der Riese hereinkam.

Der Junge kauert mit angezogenen Knien in einem dunklen Steinofen, eine riesige Frauenhand schiebt die eiserne Tür zu; im Hintergrund brennt ein Herdfeuer.

Groß war er, das muss man sagen. Am Gürtel trug er drei Kälber; die hakte er ab und warf sie auf den Tisch.

„Frau, brate mir zwei davon zum Frühstück“, sagte er. Dann schnupperte er in die Luft. „Was rieche ich denn da?“

Fi, fa, fo, fum,ich rieche Menschenblut.Ob lebendig, ob tot,seine Knochen mahl ich zu Brot.

„Unsinn, mein Lieber, du träumst“, sagte seine Frau. „Vielleicht riechst du noch, was von gestern übrig ist. Geh dich waschen und mach dich zurecht, dann steht dein Frühstück bereit.“

Der Riese ging hinaus, und Hans wollte gerade aus dem Ofen springen und davonlaufen, doch die Frau winkte ihm ab. „Warte, bis er schläft“, flüsterte sie. „Nach dem Frühstück hält er immer ein Nickerchen.“

So war es auch. Der Riese aß, dann holte er aus einer großen Truhe zwei Säcke voll Gold, setzte sich hin und zählte, bis ihm der Kopf auf die Brust sank und er schnarchte, dass das Haus davon bebte.

Da schlich Hans auf Zehenspitzen aus dem Ofen, nahm im Vorbeigehen einen der Goldsäcke unter den Arm und lief, so schnell er konnte, bis zur Bohnenranke. Er warf den Sack hinunter, und der fiel geradewegs in den Garten seiner Mutter. Dann stieg er hinterher, hinab und hinab und hinab, bis er zu Hause war, und zeigte der Mutter das Gold.

„Siehst du, Mutter“, sagte er, „mit den Bohnen hatte ich doch recht. Verzaubert sind sie wirklich.“

Eine Weile lebten sie von dem Gold, aber irgendwann war der Sack leer. Da beschloss Hans, sein Glück oben noch einmal zu versuchen. An einem schönen Morgen stand er früh auf, stieg auf die Ranke und kletterte und kletterte und kletterte, bis er wieder auf der breiten Straße stand und vor dem riesigen hohen Haus. Und richtig, auf der Schwelle stand die riesige große Frau.

„Guten Morgen“, sagte Hans, dreist wie nur etwas. „Wärst du so gut und gäbst mir etwas zu essen?“

„Geh weg, Junge“, sagte die große Frau, „sonst frisst mein Mann dich zum Frühstück. Aber bist du nicht der Bursche, der schon einmal hier war? Weißt du, an genau dem Tag hat meinem Mann ein Sack Gold gefehlt.“

„Sonderbar“, sagte Hans. „Ich könnte dir vielleicht etwas darüber erzählen, aber ich bin so hungrig, dass ich kein Wort herausbringe, ehe ich gegessen habe.“

Da wurde die große Frau so neugierig, dass sie ihn hereinließ und ihm zu essen gab. Er kaute so langsam, wie er nur konnte, doch kaum hatte er angefangen, da machte es bumm, bumm, bumm, und die Frau versteckte ihn wieder im Backofen.

Es kam alles wie beim ersten Mal. Der Riese trat ein, schnupperte und rief:

Fi, fa, fo, fum,ich rieche Menschenblut.Ob lebendig, ob tot,seine Knochen mahl ich zu Brot.

Seine Frau beruhigte ihn, und er aß sein Frühstück, drei gebratene Ochsen. Dann sagte er: „Frau, bring mir die Henne, die goldene Eier legt.“

Sie brachte sie, und der Riese sagte: „Leg ein Ei!“ Da legte die Henne ein Ei aus lauterem Gold. Bald darauf sank ihm der Kopf auf die Brust, und er schnarchte, dass das Haus bebte.

Hans schlich auf Zehenspitzen aus dem Ofen, packte die goldene Henne und war zur Tür hinaus, ehe man bis drei zählen konnte. Doch diesmal gackerte die Henne und weckte den Riesen, und im Laufen hörte Hans ihn noch rufen: „Frau, Frau, was hast du mit meiner goldenen Henne gemacht?“

Ein bärtiger Riese schläft auf seinen Armen am Tisch, davor leuchtet ein goldenes Ei, und der Junge greift von der anderen Seite nach der goldenen Henne.

„Wieso, mein Lieber?“, fragte die Frau.

Mehr hörte Hans nicht, denn er rannte zur Bohnenranke und kletterte hinunter, als brenne es hinter ihm. Zu Hause zeigte er der Mutter die Wunderhenne und sagte: „Leg ein Ei!“ Und die Henne legte ein goldenes Ei, sooft er es sagte.

Aber Hans gab sich nicht zufrieden, und es dauerte nicht lange, da wollte er sein Glück dort oben noch ein drittes Mal versuchen. An einem schönen Morgen stand er früh auf und kletterte und kletterte und kletterte, bis er oben war. Diesmal aber ging er nicht geradewegs zum Haus des Riesen. In der Nähe versteckte er sich hinter einem Busch und wartete, bis die Frau mit dem Eimer heraustrat, um Wasser zu holen. Dann schlüpfte er hinein und stieg in den großen Waschkessel. Lange saß er nicht darin, da machte es bumm, bumm, bumm wie zuvor, und der Riese kam mit seiner Frau herein.

Fi, fa, fo, fum,ich rieche Menschenblut.Ob lebendig, ob tot,seine Knochen mahl ich zu Brot.

„Ich rieche ihn, Frau, ich rieche ihn!“, rief er.

„So?“, sagte seine Frau. „Wenn es der kleine Dieb ist, der dein Gold und die goldene Henne geholt hat, dann steckt er bestimmt im Backofen.“ Beide stürzten zum Ofen. Doch Hans war zum Glück nicht darin. „Da haben wir es wieder mit deinem Fi-fa-fo-fum“, sagte die Frau. „Natürlich riechst du noch, was von gestern übrig ist. Wie unachtsam du bist, dass du Lebendiges und Totes nicht auseinanderhalten kannst.“

Der Riese setzte sich hin und aß, aber immer wieder brummte er: „Ich hätte schwören können …“, stand auf und durchsuchte die Speisekammer und alle Schränke. Zum Glück dachte er nicht an den Waschkessel.

Als er fertig war, rief er: „Frau, Frau, bring mir meine goldene Harfe.“ Sie brachte sie und stellte sie vor ihn auf den Tisch.

„Sing!“, sagte der Riese, und die goldene Harfe sang so schön, wie man es nie gehört hat. Sie sang und sang, bis der Riese einschlief und schnarchte wie ein Gewitter.

Da hob Hans den Kesseldeckel ganz leise an, stieg heraus, still wie eine Maus, und kroch auf Händen und Knien bis zum Tisch. Er richtete sich auf, griff nach der goldenen Harfe und lief mit ihr zur Tür. Doch die Harfe rief laut: „Herr! Herr!“ Der Riese wachte auf, gerade noch rechtzeitig, um Hans mit der Harfe davonlaufen zu sehen.

Hans rannte, was seine Beine hergaben, und der Riese hinterher. Beinahe hätte er ihn eingeholt, doch Hans hatte einen Vorsprung, wich ihm geschickt aus und wusste, wohin er wollte. Als er die Bohnenranke erreichte, war der Riese kaum zwanzig Schritte hinter ihm, und plötzlich war der Junge verschwunden. Am Ende der Straße sah der Riese ihn unter sich hinunterklettern, so schnell er konnte. Einer solchen Leiter mochte er sich nicht anvertrauen, und er blieb stehen und wartete, sodass Hans noch ein Stück gewann. Doch da rief die Harfe wieder: „Herr! Herr!“ Da schwang sich der Riese auf die Ranke, und sie schwankte unter seinem Gewicht.

Hans kletterte hinab, und der Riese kletterte hinter ihm her. Als Hans fast unten war, rief er: „Mutter! Mutter! Bring mir die Axt, bring mir die Axt!“ Die Mutter kam mit der Axt herausgelaufen, aber an der Ranke blieb sie vor Schreck wie angewurzelt stehen, denn oben kam der Riese eben unter den Wolken hervor.

Der Junge klettert barfuß an der Ranke hinab, der bärtige Riese packt sie mit beiden Fäusten und steigt hinter ihm her; tief unten liegen Felder und ein Haus.

Hans sprang die letzten Schritte hinunter, griff die Axt und schlug zu, dass die Ranke halb durch war. Der Riese spürte, wie sie schwankte und bebte, und hielt inne, um zu sehen, was los sei. Da schlug Hans noch einmal zu. Die Ranke brach entzwei und neigte sich, der Riese stürzte herab, und das war sein Ende; die Ranke fiel hinterher.

Der Junge schlägt mit der Axt in den geborstenen Stamm der Ranke, oben hält sich der bärtige Riese am kippenden Grün fest, rechts erschrickt die Mutter.

Dann zeigte Hans seiner Mutter die goldene Harfe. Mit ihr und mit den goldenen Eiern, die sie verkauften, wurden die beiden sehr reich. Später heiratete Hans eine Prinzessin, und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: English Fairy Tales (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

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