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Barfüßige Brüder gehen im Gänsemarsch über einen mondhellen Waldweg, und der Kleinste lässt hinter sich weiße Kiesel fallen, die im Licht glänzen.

Der kleine Däumling

Charles Perrault

12 Min. Lesezeitab 6 Jahren

Ein Holzfäller lässt seine sieben Söhne im Wald zurück, und der kleine Däumling führt sie erst mit weißen Kieseln heim, dann bis vor das Haus eines Menschenfressers. Dort vertauscht er die Mützen der Brüder mit den Kronen der Töchter des Menschenfressers, nimmt ihm später im Schlaf die Stiefel ab und kehrt reich heim.


Es waren einmal ein Holzfäller und seine Frau, die hatten sieben Kinder, lauter Jungen, und keiner von ihnen konnte schon sein Brot verdienen. Der Jüngste war zart und klein und sagte fast nie ein Wort. Bei seiner Geburt war er kaum größer gewesen als ein Daumen, und darum nannten ihn alle den kleinen Däumling. Sein Schweigen hielten die anderen für Dummheit, dabei war er der klügste von allen: Er redete wenig, aber er hörte alles. Ging im Haus etwas schief, so bekam er die Schuld.

Dann kam ein böses Jahr, und der Hunger wurde so groß, dass die armen Leute beschlossen, ihre Kinder wegzugeben. Eines Abends, als die Jungen schon lagen, saß der Holzfäller schweren Herzens mit seiner Frau am Feuer.

„Du siehst ja selbst, dass wir sie nicht mehr satt bekommen“, sagte er. „Ich kann nicht mit ansehen, wie sie mir vor den Augen verhungern. Morgen führe ich sie in den Wald, und während sie Reisig sammeln, gehen wir davon.“

„Du willst deine eigenen Kinder im Wald zurücklassen?“, rief die Frau.

Er hielt ihr vor, wie bitter arm beide waren. Arm war sie, aber es waren ihre Kinder. Erst als sie sich ausmalte, wie es wäre, die sieben verhungern zu sehen, gab sie nach und ging weinend zu Bett.

Der kleine Däumling hatte alles gehört, denn er war leise aus dem Bett gestiegen und unter den Schemel seines Vaters geschlüpft, und danach schlief er nicht mehr. Früh am Morgen füllte er sich an einem Bach die Taschen mit kleinen weißen Kieseln, und seinen Brüdern verriet er kein Wort.

Ein kleiner Junge kauert barfuß im Dunkeln unter dem Schemel, auf dem sein Vater sitzt und mit der Mutter am Herdfeuer spricht.

Sie kamen in einen Wald, der so dicht war, dass man einander auf zehn Schritte nicht mehr sah. Der Vater schlug Holz, die Kinder lasen dürre Zweige für die Bündel, und als die Eltern sie bei der Arbeit sahen, entfernten sie sich Schritt für Schritt und liefen auf einem versteckten Pfad davon.

Sieben Jungen sammeln dürre Zweige auf dem Waldboden, weit hinter ihnen gehen Vater und Mutter Hand in Hand auf einem hellen Pfad davon.

Als die Kinder merkten, dass sie allein waren, schrien und weinten sie aus Leibeskräften. Der kleine Däumling ließ sie schreien, denn er wusste genau, wie er heimfand: Unterwegs hatte er die weißen Kiesel fallen lassen.

„Habt keine Angst, Brüder“, sagte er. „Vater und Mutter haben uns hiergelassen, aber ich bringe euch heim. Ihr müsst mir nur folgen.“

Sie folgten ihm, und er führte sie auf demselben Weg bis vor ihr Haus. Sie trauten sich nicht hinein, sondern stellten sich an die Tür und horchten.

Gerade an diesem Tag hatte der Gutsherr den Eltern zehn Taler geschickt, die er ihnen lange schuldig geblieben war. Die Frau lief zum Fleischer und kaufte dreimal so viel, wie zwei Leute zum Abendessen brauchen. Als sie satt waren, fing die Frau an zu klagen.

„Ach, wo sind jetzt unsere armen Kinder?“, sagte sie. „Wie würden sie sich über das freuen, was hier noch steht. Du wolltest sie ja unbedingt loswerden, Wilhelm, und ich habe gleich gesagt, dass wir es bereuen werden. Vielleicht haben die Wölfe sie längst geholt.“

Die Frau weinte laut auf: „Wo sind meine Kinder, meine armen Kinder!“

Sie rief es so laut, dass die sieben es vor der Tür hörten und alle zusammen riefen: „Wir sind da! Wir sind da!“

Sie riss die Tür auf und nahm einen nach dem anderen in den Arm. „Wie froh ich bin, euch wiederzusehen! Ihr seid müde und hungrig. Und wie ihr ausseht! Kommt her, ich wasche euch das Gesicht.“

Dann aßen alle mit großem Appetit und erzählten durcheinander, wie sehr sie sich gefürchtet hatten. Die Freude im Haus hielt genau so lange an wie die zehn Taler.

Als das Geld ausgegeben war, kam der alte Kummer wieder, und die Eltern beschlossen, die Kinder noch einmal im Wald zu lassen, diesmal viel weiter weg.

Auch davon hörte der kleine Däumling jedes Wort. Er stand in aller Frühe auf, um Kiesel zu holen, aber die Haustür war doppelt verschlossen. Da gab ihnen die Mutter jedem ein Stück Brot zum Frühstück, und er steckte seines ein, um es unterwegs in Krümeln fallen zu lassen.

Die Eltern führten sie an die dichteste und dunkelste Stelle des Waldes und ließen sie dort stehen. Der kleine Däumling sorgte sich nicht, denn er wollte dem Brot nach heimfinden. Aber er fand nicht einen einzigen Krümel mehr: Die Vögel waren gekommen und hatten alles aufgepickt.

Je weiter sie liefen, desto tiefer verirrten sie sich. Die Nacht kam, ein starker Wind erhob sich, und von allen Seiten meinten sie das Heulen der Wölfe zu hören. Ein schwerer Regen durchnässte sie, und bei jedem Schritt rutschten sie aus und fielen in den Matsch.

Der kleine Däumling kletterte auf einen Baum und sah sich um. Weit hinter dem Wald entdeckte er ein kleines Licht wie von einer Kerze. Unten sah er nichts mehr davon, doch sie gingen in diese Richtung weiter, und am Waldrand sah er es wieder.

Ein Junge klammert sich hoch in einem kahlen Baum an den Stamm, weit hinter dem dämmrigen Wald leuchtet ein einziger warmer Lichtpunkt.

Endlich klopften sie an die Tür des Hauses, in dem die Kerze brannte, und eine gute Frau öffnete ihnen. Der kleine Däumling sagte, sie seien arme Kinder, die sich verlaufen hätten, und bäten um ein Nachtlager.

„Ach, ihr armen Kinder, wo seid ihr da hingeraten?“, sagte die Frau und fing an zu weinen. „Wisst ihr denn nicht, dass hier ein Menschenfresser wohnt, der kleine Kinder frisst?“

„Und was sollen wir tun, gute Frau?“, antwortete der kleine Däumling, der am ganzen Leib zitterte. „Wenn Sie uns nicht hereinlassen, holen uns diese Nacht die Wölfe im Wald. Da ist es uns lieber, der Herr des Hauses findet uns. Vielleicht hat er Erbarmen, wenn Sie ihn darum bitten.“

Die Frau dachte, sie könne die sieben bis zum Morgen verstecken, ließ sie ein und setzte sie an ein gutes Feuer, an dem ein ganzes Schaf am Spieß briet.

Kaum wurde ihnen warm, da schlug es schwer an die Tür. Die Frau versteckte die Kinder unter dem Bett und ging öffnen. Ihr Mann fragte nach dem Essen, setzte sich zu Tisch und schnupperte nach rechts und nach links.

„Ich rieche frisches Fleisch“, sagte er.

Der Menschenfresser schnuppert am Feuer, an dem ein ganzes Schaf am Spieß brät, und hinter ihm kauern verängstigte Jungen im Dunkeln unter dem Bett.

„Das wird das Kalb sein, das ich eben hergerichtet habe“, sagte seine Frau.

„Ich rieche frisches Fleisch, sage ich dir“, sagte der Menschenfresser und sah sie von der Seite an. „Hier stimmt etwas nicht.“

Damit stand er auf und ging geradewegs zum Bett.

„So willst du mich also hinters Licht führen“, sagte er. „Das trifft sich gut. In den nächsten Tagen wollen mich drei Freunde besuchen.“

Er zog die Kinder einen nach dem anderen hervor. Sie fielen auf die Knie und baten um Gnade, aber sie hatten es mit dem hartherzigsten aller Menschenfresser zu tun. Er sagte seiner Frau, das würden feine Bissen, holte ein großes Messer und wetzte es an einem langen Stein. Einen hatte er schon gepackt, da sagte seine Frau:

„Was willst du denn jetzt noch anfangen? Hast du morgen nicht Zeit genug?“

„Sei still“, sagte der Menschenfresser.

„Aber du hast doch Fleisch genug im Haus“, sagte sie. „Ein Kalb, zwei Schafe und ein halbes Schwein.“

„Du hast recht“, sagte er. „Gib ihnen ordentlich zu essen, damit sie nicht mager werden, und bring sie dann zu Bett.“

Die gute Frau trug ihnen reichlich auf, aber die Kinder brachten vor Angst keinen Bissen hinunter. Der Menschenfresser trank vor Freude über seine Gäste ein Dutzend Gläser mehr als sonst und ging benommen zu Bett.

Er hatte sieben Töchter, die waren noch Kinder. Sie hatten runde graue Augen, eine krumme Nase und lange, spitze Zähne, dazu einen schönen Teint, weil sie frisches Fleisch aßen wie ihr Vater. Richtig böse waren sie noch nicht, aber sie versprachen einiges, denn nach kleinen Kindern zu schnappen hatten sie schon gelernt. Sie lagen alle sieben in einem großen Bett, jede mit einer goldenen Krone auf dem Kopf, und in ein zweites, genauso großes Bett derselben Kammer legte die Frau die sieben Jungen.

Der kleine Däumling hatte die Kronen bemerkt und fürchtete, es könnte den Menschenfresser mitten in der Nacht reuen, dass er bis zum Morgen warten wollte. Also stand er leise auf, nahm die Mützen seiner Brüder und seine eigene und setzte sie den sieben Töchtern auf; ihre goldenen Kronen aber setzte er seinen Brüdern und sich selbst auf den Kopf. So sollte der Menschenfresser die Jungen für seine Töchter halten und die Töchter für die Jungen.

Ein Junge kniet auf dem Bett der schlafenden Mädchen in Nachthauben und hält eine leuchtende Goldkrone, gegenüber schlafen seine Brüder mit Kronen.

Es kam, wie er gedacht hatte. Um Mitternacht wachte der Menschenfresser auf, und es reute ihn, gewartet zu haben. Er nahm sein großes Messer und tastete sich zur Kammer hinauf. Alle Jungen schliefen, nur der kleine Däumling nicht, und dem wurde sehr bang, als er die Hand des Menschenfressers auf seinem Kopf spürte. Der aber fühlte die goldenen Kronen.

„Das hätte ja eine schöne Arbeit gegeben“, sagte er. „Ich habe gestern Abend wohl zu viel getrunken.“

Dann ging er zum Bett seiner Töchter, und als er dort die Mützen ertastete, sagte er: „Da sind sie ja, unsere Burschen. Nun frisch ans Werk.“

Was in dieser Nacht im Dunkeln geschah, davon soll man nicht lange erzählen. Der Menschenfresser hielt seine eigenen sieben Töchter für die sieben Jungen, und was er den Jungen zugedacht hatte, das tat er ihnen an. Zufrieden legte er sich wieder in sein Bett.

Kaum hörte der kleine Däumling ihn schnarchen, weckte er seine Brüder und hieß sie sich schnell anziehen und ihm folgen. Sie stiegen leise in den Garten hinunter und sprangen über die Mauer. Fast die ganze Nacht liefen sie und zitterten und wussten nicht, wohin.

Als der Menschenfresser am Morgen aufwachte, sagte er zu seiner Frau: „Geh hinauf und mach mir die kleinen Kerle von gestern Abend zurecht.“

Die Frau wunderte sich, dass ihr Mann auf einmal so freundlich war, denn sie meinte, sie solle die Jungen anziehen. Sie stieg hinauf, sah oben ihre sieben Töchter und begriff alles. Vor Schreck fiel sie in Ohnmacht. Weil sie ihm zu lange ausblieb, kam ihr Mann hinterher, und ihm erging es nicht besser als ihr.

„Was habe ich da getan!“, rief er. „Aber das sollen sie mir büßen, und zwar sofort.“

Er goss seiner Frau einen Krug Wasser ins Gesicht, und als sie wieder zu sich kam, sagte er: „Gib mir schnell meine Siebenmeilenstiefel, damit ich sie einhole.“

Er lief kreuz und quer und geriet endlich auf den Weg, auf dem die Kinder gingen, keine hundert Schritte mehr vom Haus ihres Vaters entfernt. Sie sahen ihn von Berg zu Berg schreiten und über Flüsse setzen, als wären es die kleinsten Bäche. Dicht neben sich entdeckte der kleine Däumling einen hohlen Felsen, versteckte dort seine sechs Brüder und schlüpfte selbst hinterher, ohne den Menschenfresser aus den Augen zu lassen.

Der war müde, denn der weite Weg war umsonst gewesen und Siebenmeilenstiefel strengen ihren Träger sehr an. Zum Ausruhen setzte er sich zufällig gerade auf den Felsen, unter dem die Jungen saßen, schlief bald ein und schnarchte so schrecklich, dass die Kinder sich nicht weniger fürchteten als am Abend zuvor vor seinem großen Messer.

Der Menschenfresser schläft in großen Stiefeln bäuchlings auf einem Felsblock, darunter drängen sich sieben Jungen im Schatten und blicken hinauf.

Der kleine Däumling fürchtete sich weniger. Er sagte seinen Brüdern, sie sollten sich um ihn keine Sorgen machen und heimlaufen, solange der Menschenfresser so fest schlief. Sie taten es und erreichten bald das Haus.

Er selbst ging zu dem Schlafenden hin, zog ihm sachte die Stiefel von den Füßen und schlüpfte hinein. Sie waren viel zu groß, aber sie waren verzaubert und wurden größer und kleiner, je nach dem Bein, das in ihnen steckte, und so saßen sie ihm, als wären sie für ihn gemacht.

Ein Junge in hohen Lederstiefeln schreitet lächelnd im goldenen Abendlicht über offene Hügel an einem glitzernden Fluss entlang.

Damit ging er geradewegs zum Haus des Menschenfressers, wo die Frau weinend bei ihren Töchtern saß.

„Ihr Mann ist in großer Gefahr“, sagte der kleine Däumling. „Eine Räuberbande hat ihn gefangen und schwört, ihn nicht laufen zu lassen, wenn er ihnen nicht all sein Gold und Silber gibt. Er hat mich gesehen und mich gebeten, es Ihnen auszurichten: Sie sollen mir alles mitgeben, was er besitzt, und nichts zurückbehalten. Damit ich schnell bin und Sie mir glauben, hat er mir seine Siebenmeilenstiefel mitgegeben.“

Die Frau erschrak und gab ihm auf der Stelle alles, was da war, denn dieser Menschenfresser fraß zwar kleine Kinder, war aber ein guter Ehemann. So kam der kleine Däumling mit allen Reichtümern beladen zum Haus seines Vaters, und dort war die Freude groß.

Manche Leute erzählen es anders. Sie sagen, der kleine Däumling habe dem Menschenfresser nichts genommen als die Siebenmeilenstiefel, und auch die nur, weil der Menschenfresser damit hinter kleinen Kindern hergelaufen war. In diesen Stiefeln, erzählen sie, ging er an den Hof des Königs, wo man in Sorge um ein Heer war, das zweihundert Meilen entfernt stand. Er bot an, noch am selben Tag Nachricht vom Heer zu bringen, und am selben Abend war er damit zurück.

Von da an bezahlte ihn der König gut dafür, dass er seine Befehle zum Heer trug. Eine Zeit lang blieb er Bote, und als er genug beisammen hatte, kehrte er heim. Wie groß dort die Freude war, kann sich niemand vorstellen. Er verschaffte seinem Vater und seinen Brüdern gute Ämter, und keiner von ihnen musste je wieder hungern.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Le Petit Poucet (wird in einem neuen Fenster geöffnet)Lizenz: Gemeinfrei

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Über dieses Märchen

„Der kleine Däumling“ ist ein Märchen von Charles Perrault. Unter dem Titel „Le petit Poucet“ erschien es 1697 in Paris bei Claude Barbin, als letzte Geschichte der „Histoires ou Contes du temps passé“. Seinen Namen trägt der Held, weil er bei der Geburt kaum größer war als ein Daumen.

Unsere Nacherzählung folgt nicht dem Druck von 1697, sondern einer Ausgabe von 1902, die der Kanoniker Pierre Féron besorgt hat. Darin fehlen am Anfang die Zwillingsgeburten, die Damen, die den Boten für Nachrichten von ihren Liebhabern bezahlen, und die gereimte Moral. Die getöteten Töchter und beide Schlüsse bleiben erhalten.

Der Druck von 1697 und die Ausgabe von 1902, der unser Text folgt

Perrault 1697Ausgabe 1902
Der AnfangÄltester 10, Jüngster 7, stets Zwillingsgeburtenkeine Altersangaben, keine Zwillingsgeburten
Die sieben Töchtervom eigenen Vater im Dunkeln getötetvom eigenen Vater im Dunkeln getötet
Der Schlusszwei: Schätze oder Dienst als Bote des Königsbeide Schlüsse
Lohn des BotenDamen zahlen für Nachrichten von ihren Liebhabernfehlt
Die Moralsieben Verse am Endekeine
Der Menschenfresserschläft auf dem Felsen, sein Ende bleibt offenschläft auf dem Felsen, sein Ende bleibt offen
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Ich rieche frisches Fleisch, ich sage es dir noch einmal
Charles Perrault, 1697: Je sens la chair fraîche, te dis-je encore une fois

Was unser Text erzählt

Der kleine Däumling streut zuerst weiße Kiesel, beim zweiten Mal Brotkrümel, die von den Vögeln aufgepickt werden. Im Haus des Menschenfressers setzt er nachts die Mützen seiner Brüder und seine eigene den sieben Töchtern auf und nimmt ihre goldenen Kronen für sich und die Brüder. Später zieht er dem schlafenden Menschenfresser die Siebenmeilenstiefel aus, die sich jedem Bein anpassen, und bringt dessen Frau mit einer erfundenen Räubergeschichte dazu, ihm alle Schätze zu geben. Auch den zweiten Schluss erzählt unser Text: Darin nimmt der Däumling nur die Stiefel und wird Bote des Königs.

Die Geschichte gibt es hier kürzer unter „Sanfter“ und länger unter „Original“; beide Fassungen haben wir nach der Ausgabe von 1902 nacherzählt. In beiden tötet der Menschenfresser im Dunkeln seine eigenen sieben Töchter, weil er sie für die Jungen hält. „Sanfter“ sagt das in verhüllten Worten, „Original“ spricht es offen aus. Wenn du vorliest, solltest du diese Stelle vorher kennen.

Verwandte Märchen und eine Verwechslung

Am nächsten steht „Hänsel und Gretel“. Bolte und Polívka besprechen den Däumling in ihren Anmerkungen zu diesem Märchen, denn beide beginnen gleich: Die Kinder werden im Wald ausgesetzt, und beim zweiten Mal picken die Vögel die Brotkrümel auf. Wie die beiden anmerken, schrieben die Brüder Grimm schon 1812, dass Hänsel in deutschen Erzählungen auch als Däumling auftritt, als jüngstes von sieben Kindern, bis hin zum Vertauschen der sieben Kronen mit den sieben roten Kappen. Nur in ihrer ersten Ausgabe von 1812 steht „Der Okerlo“. Dort nimmt ein Mädchen nachts einem Kind des Menschenfressers die goldene Krone ab und setzt sie dem Prinzen auf. Im Dunkeln bringt die Menschenfresserin ihrem Mann deshalb das eigene Kind ohne Krone, und er frisst es, so wie im Däumling der Vater seine Töchter tötet. Das Mädchen und der Prinz entkommen in einem Meilenstiefel, mit jedem Schritt eine Meile weit.

Nicht zu verwechseln ist der kleine Däumling mit „Daumesdick“ und „Daumerlings Wanderschaft“ aus den Kinder- und Hausmärchen. In den übrigen Däumlingsmärchen, so Bolte und Polívka, ist der Held stets das einzige Kind seiner Eltern, und seine Kleinheit bestimmt sein Schicksal. Bei Perrault ist er einer von sieben Brüdern. Den Daumen im Namen hat deshalb wohl erst Perrault ins Märchen gebracht, meinen die beiden.

Quellen

Historische Fassungen

Am 13. Oktober 2026 mit diesen Quellen abgeglichen.

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