
Frau Holle
7 Min. Lesezeit5–10 Jahre
Ein armes Mädchen springt in den Brunnen und gelangt in die Unterwelt der Frau Holle, wo es treu arbeitet und dafür belohnt wird. Seine faule Stiefschwester versucht das gleiche Glück zu erreichen, scheitert aber an ihrer Faulheit und wird bestraft.
Eine Witwe hatte zwei Töchter. Die eine war schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Doch die hässliche und faule hatte sie viel lieber, weil sie ihre leibliche Tochter war, und die andere musste alle Arbeit tun und das Aschenputtel im Haus sein. Das arme Mädchen musste sich täglich an die große Straße bei einem Brunnen setzen und so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang.
Nun geschah es, dass die Spule einmal ganz blutig war. Da bückte sich das Mädchen damit über den Brunnen und wollte sie abwaschen. Aber die Spule sprang ihm aus der Hand und fiel hinunter. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr von dem Unglück. Doch die schalt es so heftig und war so unbarmherzig, dass sie sagte: „Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.“
Da ging das Mädchen zum Brunnen zurück und wusste nicht, was es tun sollte. In seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es wieder erwachte und zu sich kam, lag es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und viele tausend Blumen standen.
Über diese Wiese ging es weiter und kam zu einem Backofen, der war voller Brot. Das Brot aber rief: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenne ich! Ich bin schon längst ausgebacken.“ Da trat es hinzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus.
Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voller Äpfel und rief ihm zu: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war. Und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter.
Endlich kam es zu einem kleinen Haus. Daraus schaute eine alte Frau. Weil sie aber so große Zähne hatte, wurde dem Mädchen angst, und es wollte fortlaufen. Doch die alte Frau rief ihm nach: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir. Wenn du alle Arbeit im Haus ordentlich tun willst, so soll es dir gut gehen. Du musst nur darauf achten, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt. Ich bin die Frau Holle.“
Weil die Alte ihm so freundlich zusprach, fasste sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und trat in ihren Dienst. Es besorgte auch alles zu ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer kräftig auf, sodass die Federn wie Schneeflocken umherflogen. Dafür hatte es auch ein gutes Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.
Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da wurde es traurig und wusste anfangs selbst nicht, was ihm fehlte. Endlich merkte es, dass es Heimweh war. Auch wenn es ihm hier viele tausendmal besser ging als zu Hause, so hatte es doch ein Verlangen dorthin. Endlich sagte es zu ihr: „Ich habe die Sehnsucht nach Hause bekommen, und wenn es mir hier unten auch noch so gut geht, so kann ich doch nicht länger bleiben. Ich muss wieder hinauf zu den Meinen.“
Die Frau Holle sagte: „Es gefällt mir, dass du wieder nach Hause verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, will ich dich selbst wieder hinaufbringen.“ Sie nahm es bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor wurde aufgetan, und als das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, sodass es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist“, sagte die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war.
Darauf wurde das Tor geschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit vom Haus seiner Mutter. Und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:
„Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“
Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, wurde es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.
Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war. Und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der anderen, hässlichen und faulen Tochter gern dasselbe Glück verschaffen. Sie musste sich an den Brunnen setzen und spinnen. Und damit ihre Spule blutig würde, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornenhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein.
Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfad weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenne ich! Ich bin schon längst ausgebacken.“ Die Faule aber antwortete: „Als ob ich Lust hätte, mich schmutzig zu machen!“, und ging weiter.
Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Sie aber antwortete: „Du kommst mir recht! Es könnte mir einer auf den Kopf fallen“, und ging damit weiter.
Als sie vor das Haus der Frau Holle kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von den großen Zähnen schon gehört hatte, und trat gleich bei ihr in den Dienst. Am ersten Tag zwang sie sich, fleißig zu sein, und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde. Am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie es sich gehörte, und schüttelte es nicht, dass die Federn aufflogen.
Das hatte die Frau Holle bald satt, und sie kündigte ihr den Dienst auf. Die Faule war damit zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen. Die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor. Als sie aber darunter stand, wurde statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste“, sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu.
Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen rief, als er sie sah:
„Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“
Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht mehr abgehen.
Darum sagt man in Hessen, wenn es schneit: Die Frau Holle macht ihr Bett.