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Ein Mädchen in leuchtend roten Schuhen tanzt am Rand eines dunklen Mondwaldes und kann nicht aufhören.Original

Die roten Schuhe

Hans Christian Andersen

12 Min. Lesezeitab 9 Jahren

Karen bekommt rote Schuhe und trägt sie in die Kirche, bis ein Soldat sie Tanzschuhe nennt und ihre Füße nicht mehr stillstehen. Der Scharfrichter schlägt ihr die Füße ab, sie nimmt Dienst im Pfarrhaus, und der Engel mit dem Rosenzweig weitet ihre Kammer zur Kirche, bis ihr Herz voller Sonnenschein und Frieden bricht.


Es war einmal ein kleines Mädchen, fein und zierlich. Im Sommer musste es barfuß gehen, denn es war arm, und im Winter trug es große Holzschuhe, sodass der kleine Spann ganz und gar rot wurde.

Mitten im Dorf wohnte eine alte Schuhmachersfrau. Die saß und nähte, so gut sie konnte, aus alten roten Tuchstreifen ein Paar kleine Schuhe. Sie waren plump, aber sie waren gut gemeint, und das kleine Mädchen sollte sie bekommen. Das Mädchen hieß Karen.

An dem Tag, an dem ihre Mutter begraben wurde, bekam Karen die roten Schuhe und trug sie zum ersten Mal. Rote Schuhe waren gewiss nichts, worin man trauert, aber sie hatte keine anderen, und so steckte sie ihre bloßen Füße hinein und ging hinter dem ärmlichen Sarg her.

Da kam ein großer alter Wagen, und darin saß eine alte Dame. Sie betrachtete das kleine Mädchen, und Mitleid ergriff sie, und sie sagte zum Pfarrer: „Hört, gebt mir das kleine Mädchen, dann werde ich mich um sie kümmern.“

Karen glaubte, das alles geschehe nur wegen der roten Schuhe. Die alte Dame aber fand sie scheußlich, und sie wurden verbrannt. Karen selbst wurde sauber und ordentlich gekleidet; sie musste lesen und nähen lernen, und die Leute sagten, sie sei hübsch. Der Spiegel jedoch sagte: „Du bist mehr als hübsch, du bist schön.“

Einmal reiste die Königin durch das Land und hatte ihre kleine Tochter bei sich, und die war eine Prinzessin. Die Leute strömten zum Schloss, und Karen war auch darunter. Die kleine Prinzessin stand in feinen weißen Kleidern an einem Fenster und ließ sich bestaunen. Sie trug weder Schleppe noch Goldkrone, aber herrliche rote Saffianschuhe. Die waren freilich weit schöner als die, welche die Schuhmachersfrau für die kleine Karen genäht hatte. Nichts auf der Welt lässt sich eben mit roten Schuhen vergleichen.

Nun war Karen alt genug, dass sie eingesegnet werden sollte. Sie bekam neue Kleider, und neue Schuhe sollte sie auch bekommen. Der reiche Schuhmacher in der Stadt nahm Maß an ihrem kleinen Fuß. Das geschah bei ihm zu Hause, in seiner eigenen Stube, und dort standen große Glasschränke voll zierlicher Schuhe und blanker Stiefel. Das sah wunderschön aus, aber die alte Dame konnte nicht gut sehen und hatte darum keine Freude daran. Mitten unter den Schuhen stand ein Paar rote, gerade solche, wie die Prinzessin sie getragen hatte. Wie schön waren die! Der Schuhmacher sagte auch, sie seien für ein Grafenkind gemacht worden, aber sie hätten nicht gepasst.

„Das ist wohl Lackleder?“, fragte die alte Dame. „Sie glänzen ja so.“

„Ja, sie glänzen“, sagte Karen. Sie passten, und sie wurden gekauft. Die alte Dame aber wusste nicht, dass sie rot waren; sonst hätte sie Karen niemals erlaubt, in roten Schuhen zur Einsegnung zu gehen. Genau das tat Karen nun.

Alle Menschen schauten auf ihre Füße. Und als sie über die Kirchenschwelle zur Chortür hinschritt, kam es ihr vor, als hefteten sogar die alten Bilder auf den Grabsteinen, die Bildnisse von Pfarrern und Pfarrersfrauen mit steifen Kragen und langen schwarzen Kleidern, die Augen auf ihre roten Schuhe. Und nur an die dachte sie, als der Pfarrer ihr die Hand aufs Haupt legte und von der heiligen Taufe sprach, vom Bund mit Gott und davon, dass sie nun eine erwachsene Christin sein solle. Die Orgel rauschte feierlich, die schönen Kinderstimmen sangen, und der alte Kantor sang, aber Karen dachte nur an die roten Schuhe.

Am Nachmittag erfuhr die alte Dame von allen Leuten, dass die Schuhe rot gewesen waren. Sie sagte, das sei hässlich, das gehöre sich nicht, und Karen solle künftig immer in schwarzen Schuhen zur Kirche gehen, auch wenn sie schon alt seien.

Am nächsten Sonntag war Abendmahl. Karen betrachtete die schwarzen Schuhe, betrachtete die roten, betrachtete sie noch einmal und zog die roten an.

Es war herrlicher Sonnenschein. Karen und die alte Dame gingen den Fußweg durch das Korn entlang, und dort staubte es ein wenig.

An der Kirchentür stand ein alter Soldat mit einer Krücke und mit einem wunderlich langen Bart, der mehr rot als weiß war. Er verneigte sich bis zur Erde und fragte die alte Dame, ob er ihr die Schuhe abwischen dürfe. Und Karen streckte ihren kleinen Fuß ebenfalls hin.

Ein zerlumpter Alter mit rotem Bart und Krücke bückt sich nach dem roten Schuh einer jungen Frau an der Kirchentür, eine alte Dame im Pelzmantel sieht zu.

„Sieh, was für schöne Tanzschuhe!“, sagte der Soldat. „Sitzt fest, wenn ihr tanzt!“ Und dabei schlug er mit der Hand gegen die Sohlen.

Die alte Dame gab dem Soldaten ein Almosen, und dann ging sie mit Karen in die Kirche.

Und alle Menschen darin sahen auf Karens rote Schuhe, und alle Bilder sahen darauf. Als Karen vor dem Altar kniete und den goldenen Kelch an den Mund setzte, dachte sie nur an die roten Schuhe, und ihr war, als schwämmen sie im Kelch umher. Sie vergaß, ihren Psalm zu singen, sie vergaß, ihr Vaterunser zu beten.

Nun gingen alle Leute aus der Kirche, und die alte Dame stieg in ihren Wagen. Karen aber hob den Fuß, um ebenfalls einzusteigen. Da sagte der alte Soldat: „Sieh, was für schöne Tanzschuhe!“

Und Karen konnte nicht anders, sie musste ein paar Tanzschritte machen, und als sie erst angefangen hatte, tanzten ihre Beine weiter. Es war, als hätten die Schuhe Macht über sie gewonnen. Sie tanzte um die Kirchenecke herum, sie konnte es nicht lassen. Der Kutscher musste hinterherlaufen und sie packen, und er hob sie in den Wagen, aber die Füße tanzten weiter, sodass sie die gute alte Dame heftig traten. Endlich zogen sie ihr die Schuhe aus, und die Beine kamen zur Ruhe.

Zu Hause wurden die Schuhe in den Schrank gestellt, aber Karen konnte es nicht lassen, sie anzusehen.

Nun lag die alte Dame krank im Bett; es hieß, sie werde nicht wieder aufstehen. Gepflegt und versorgt musste sie werden, und niemand war dazu mehr verpflichtet als Karen. Aber in der Stadt war ein großer Ball, und Karen war eingeladen. Sie betrachtete die roten Schuhe und dachte, es sei doch keine Sünde dabei. Sie zog die roten Schuhe an, das durfte sie doch wohl. Dann aber ging sie zum Ball und fing an zu tanzen.

Als sie nach rechts wollte, tanzten die Schuhe nach links, und als sie den Saal hinauf wollte, tanzten die Schuhe ihn hinunter, die Treppe hinab, durch die Straße und zum Stadttor hinaus. Sie tanzte, und sie musste tanzen, hinaus in den finsteren Wald.

Eine junge Frau wirbelt mit leuchtend roten Schuhen durch einen kerzenhellen Ballsaal, die Tanzenden weichen erschrocken zurück, hinter ihr die offene Tür.

Da leuchtete es oben zwischen den Bäumen, und sie glaubte, es sei der Mond, denn es war ein Gesicht. Aber es war der alte Soldat mit dem roten Bart. Er saß da und nickte und sagte: „Sieh, was für schöne Tanzschuhe!“

Da erschrak sie und wollte die roten Schuhe wegwerfen, aber die hingen fest. Sie riss sich die Strümpfe herunter, doch die Schuhe waren an den Füßen festgewachsen. Sie tanzte, und sie musste tanzen, über Feld und Wiese, in Regen und Sonnenschein, bei Nacht und bei Tag, und nachts war es am schrecklichsten.

Sie tanzte auf den offenen Friedhof hinaus, aber die Toten dort tanzten nicht; die hatten Besseres zu tun als zu tanzen. Sie wollte sich auf das Grab des Armen setzen, wo der bittere Rainfarn wächst, doch für sie gab es weder Ruhe noch Rast. Und als sie auf die offene Kirchentür zutanzte, sah sie dort einen Engel in langen weißen Kleidern, mit Flügeln, die ihm von den Schultern bis zur Erde reichten. Sein Gesicht war streng und ernst, und in der Hand hielt er ein Schwert, breit und blank.

Ein Engel in weißem Gewand hält im nächtlichen Kirchentor ein breites Schwert aufrecht; an ihm vorbei tanzt die junge Frau in roten Schuhen über den Friedhof.

„Tanzen sollst du!“, sagte er. „Tanzen sollst du auf deinen roten Schuhen, bis du bleich und kalt wirst, bis deine Haut über den Knochen einschrumpft. Tanzen sollst du von Tür zu Tür, und wo stolze, hoffärtige Kinder wohnen, sollst du anklopfen, damit sie dich hören und sich vor dir fürchten. Tanzen sollst du, tanzen!“

„Gnade!“, rief Karen. Aber sie hörte nicht mehr, was der Engel antwortete, denn die Schuhe trugen sie durch die Pforte hinaus auf das Feld, über Weg und Steg, und immer musste sie tanzen.

Eines Morgens tanzte sie an einer Tür vorbei, die sie gut kannte. Drinnen sang man Psalmen, und ein Sarg wurde herausgetragen, der mit Blumen geschmückt war. Da wusste sie, dass die alte Dame gestorben war, und nun fühlte sie, dass sie von allen verlassen und von Gottes Engel verdammt war.

Sie tanzte, und sie musste tanzen, tanzen in der finsteren Nacht. Die Schuhe trugen sie über Dornen und Baumstümpfe davon, sie riss sich blutig. Sie tanzte über die Heide hin zu einem kleinen, einsamen Haus. Hier, das wusste sie, wohnte der Scharfrichter, und sie klopfte mit den Fingern an die Scheibe und rief:

„Komm heraus! Komm heraus! Ich kann nicht hinein, denn ich muss tanzen!“

Und der Scharfrichter sagte: „Du weißt wohl nicht, wer ich bin. Ich schlage bösen Menschen den Kopf ab, und ich merke, meine Axt klingt schon.“

„Schlag mir den Kopf nicht ab!“, sagte Karen, „denn dann kann ich meine Sünde nicht bereuen. Aber schlag mir die Füße mit den roten Schuhen ab!“

Und darauf bekannte sie ihre ganze Sünde, und der Scharfrichter hieb ihr die Füße mit den roten Schuhen ab. Die Schuhe aber tanzten mit den kleinen Füßen darin über das Feld davon und tief in den Wald hinein.

Und er schnitzte ihr Holzfüße und Krücken dazu, lehrte sie einen Psalm, den die Sünder immer singen, und sie küsste die Hand, die das Beil geführt hatte, und ging über die Heide davon.

„Nun habe ich genug für die roten Schuhe gelitten“, sagte sie. „Nun will ich in die Kirche gehen, damit die Leute mich sehen können.“ Und sie ging rasch auf die Kirchentür zu. Als sie aber dort ankam, tanzten die roten Schuhe vor ihr her, und sie erschrak und kehrte um.

Die ganze Woche über war sie betrübt und weinte viele bittere Tränen. Als es aber Sonntag wurde, sagte sie: „Nun habe ich genug gelitten und gekämpft. Ich glaube wohl, dass ich ebenso gut bin wie manche von denen, die dort in der Kirche sitzen und sich brüsten.“ Und dann ging sie mutig hin. Doch sie kam nicht weiter als bis zur Friedhofspforte, da sah sie die roten Schuhe vor sich hertanzen, und sie entsetzte sich und kehrte um und bereute ihre Sünde von ganzem Herzen.

Sie ging zum Pfarrhaus und bat, man möge sie dort in Dienst nehmen. Fleißig wolle sie sein und alles tun, was sie könne; auf den Lohn sehe sie nicht, wenn sie nur ein Dach über dem Kopf habe und bei guten Menschen sei. Die Pfarrersfrau hatte Mitleid mit ihr und nahm sie in ihren Dienst. Und Karen war fleißig und nachdenklich. Still saß sie da und hörte zu, wenn der Pfarrer abends laut aus der Bibel vorlas. Alle Kleinen hatten sie sehr lieb; wenn sie aber von Putz und Pracht und von Schönheit sprachen, dann schüttelte sie den Kopf.

Am nächsten Sonntag gingen alle zur Kirche, und man fragte sie, ob sie mitkommen wolle. Doch sie blickte betrübt und mit Tränen in den Augen auf ihre Krücken. Und dann gingen die anderen hin, Gottes Wort zu hören, sie aber ging allein in ihre kleine Kammer. Die war nur so groß, dass gerade das Bett und ein Stuhl darin Platz hatten. Hier setzte sie sich mit ihrem Gesangbuch hin, und als sie mit frommem Sinn darin las, trug der Wind die Orgeltöne von der Kirche zu ihr herüber. Da hob sie ihr Gesicht, nass von Tränen, und sagte: „O Gott, hilf mir!“

Da schien die Sonne ganz klar, und gerade vor ihr stand Gottes Engel in den weißen Kleidern, derselbe, den sie in jener Nacht an der Kirchentür gesehen hatte. Aber er hielt nicht mehr das scharfe Schwert, sondern einen herrlichen grünen Zweig voller Rosen. Er berührte damit die Decke, und die hob sich hoch hinauf, und wo er sie berührt hatte, glänzte ein goldener Stern. Er berührte die Wände, und die weiteten sich, und Karen erblickte die Orgel, die rauschte. Sie sah die alten Bilder mit den Pfarrern und Pfarrersfrauen, und die Gemeinde saß in den geschmückten Bänken und sang aus ihren Gesangbüchern. Die Kirche selbst war zu dem armen Mädchen in die enge Kammer gekommen, oder Karen war zu ihr gekommen. Sie saß in der Bank bei den anderen Leuten aus dem Pfarrhaus, und als sie den Psalm zu Ende gesungen hatten und aufblickten, nickten sie ihr zu und sagten: „Das war recht, dass du gekommen bist, Karen.“

Ein blonder Engel mit Rosenzweig berührt die Bretterwand einer armen Kammer, die sich zu einer sonnigen Kirche öffnet, wo die junge Frau in der Bank aufblickt.

„Das war Gnade“, sagte sie.

Die Orgel klang, und die Kinderstimmen im Chor tönten weich und lieblich. Der helle Sonnenschein strömte warm durch das Fenster in die Bank, wo Karen saß, und ihr Herz wurde so voll Sonnenschein, Frieden und Freude, dass es brach. Ihre Seele flog auf Sonnenstrahlen zu Gott, und dort war niemand, der nach den roten Schuhen fragte.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Sämmtliche Märchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

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