OriginalDie wilden Schwäne
32 Min. Lesezeit8–14 Jahre
Die ehrgeizige böse Königin verwandelt Elisas elf Brüder in wilde Schwäne und verbannt die sanfte Prinzessin aufs Land, doch Elisas unerschütterlicher Glaube und Unschuld schützen sie vor jeder bösen Zauberkunst. Entschlossen macht sich Elisa auf die Suche nach ihren Brüdern und durchquert Wälder und Gewässer, vertrauend darauf, dass Gott sie nicht verlassen wird.
Weit von hier, dort, wohin die Schwalben fliegen, wenn bei uns Winter ist, wohnte einst ein König, der elf Söhne hatte und eine Tochter namens Elisa.
Die elf Brüder waren Prinzen und gingen mit dem Stern auf der Brust und dem Säbel an der Seite zur Schule. Sie schrieben mit Diamantgriffeln auf goldene Tafeln und lernten so leicht auswendig, wie sie lasen; man hörte gleich, dass es Prinzen waren. Die Schwester Elisa saß auf einem kleinen Schemel aus Spiegelglas und hatte ein Bilderbuch, das so viel gekostet hatte wie das halbe Königreich.
Oh, die Kinder hatten es außerordentlich gut – aber so sollte es nicht immer bleiben.
Ihr Vater, der König über das ganze Land war, heiratete eine böse Königin, die die armen Kinder gar nicht liebte. Schon am ersten Tag konnten sie es spüren. Im Schloss herrschte großer Glanz, und die Kinder spielten »Es kommt Besuch«. Doch statt aller Kuchen und gebratenen Äpfel, die sonst zu haben waren, gab sie ihnen nur Sand in einer Teetasse und sagte, sie sollten tun, als sei das etwas.
In der Woche darauf brachte sie die kleine Elisa aufs Land zu einem Bauernpaar, und es dauerte nicht lange, da log sie dem König so viel über die armen Prinzen vor, dass er sich nicht mehr um sie kümmerte.
»Fliegt hinaus in die Welt und ernährt euch selbst«, sagte die böse Königin. »Fliegt wie große Vögel, ohne Stimme!« Doch so schlimm, wie sie es sich wünschte, konnte sie es nicht machen: Die Prinzen wurden elf herrliche wilde Schwäne. Mit einem seltsamen Schrei flogen sie aus den Schlossfenstern, weit über den Park in den Wald hinein.
Es war noch früh am Morgen, als sie dort vorüberkamen, wo die kleine Elisa in der Stube des Bauern schlief. Sie schwebten über dem Dach, drehten ihre langen Hälse und schlugen mit den Flügeln; aber niemand hörte oder sah es. Sie mussten weiter, hoch hinauf gegen die Wolken, hinaus in die weite Welt, hin zu einem großen, dunklen Wald, der sich bis an den Strand erstreckte.
Die arme kleine Elisa stand in der Stube des Bauern und spielte mit einem grünen Blatt; anderes Spielzeug hatte sie nicht. Sie stach ein Loch hinein, sah hindurch zur Sonne empor, und da war es, als sähe sie die klaren Augen ihrer Brüder. Jedes Mal, wenn die warmen Sonnenstrahlen auf ihre Wangen schienen, dachte sie an all ihre Küsse.
Ein Tag verging wie der andere. Strich der Wind draußen durch die großen Rosenhecken vor dem Haus, so flüsterte er den Rosen zu: »Wer kann schöner sein als ihr?« Doch die Rosen schüttelten die Köpfe und sagten: »Elisa ist es.« Und saß die alte Frau am Sonntag vor der Tür und las in ihrem Gesangbuch, so wendete der Wind die Blätter und sagte zum Buch: »Wer kann frömmer sein als du?« – »Elisa ist es«, sagte das Gesangbuch. Und es war die reine Wahrheit, was die Rosen und das Gesangbuch sagten.
Als Elisa fünfzehn Jahre alt war, sollte sie wieder nach Hause. Und als die Königin sah, wie schön sie war, wurde sie ihr gram. Gern hätte sie sie in einen wilden Schwan verwandelt wie die Brüder; doch das wagte sie nicht gleich, weil der König seine Tochter ja sehen wollte.
Früh am Morgen ging die Königin ins Bad, das aus Marmor gebaut und mit weichen Kissen und prächtigen Decken geschmückt war. Sie nahm drei Kröten, küsste sie und sagte zur ersten: »Setz dich auf Elisas Kopf, wenn sie ins Bad steigt, damit sie dumm wird wie du.« Zur zweiten sagte sie: »Setz dich auf ihre Stirn, damit sie hässlich wird wie du, sodass ihr Vater sie nicht erkennt.« Und der dritten flüsterte sie zu: »Ruh an ihrem Herzen; gib ihr einen bösen Sinn, damit sie Schmerz davon hat.« Dann setzte sie die Kröten in das klare Wasser, das sogleich eine grüne Farbe annahm, rief Elisa herein, zog sie aus und ließ sie hinabsteigen. Und als Elisa untertauchte, setzte sich die eine Kröte in ihr Haar, die andere auf ihre Stirn und die dritte auf ihre Brust. Doch Elisa schien es nicht zu bemerken; und kaum richtete sie sich wieder auf, schwammen drei rote Mohnblumen auf dem Wasser. Wären die Tiere nicht giftig und von der Hexe geküsst gewesen, so wären sie zu roten Rosen geworden. Aber Blumen wurden sie doch, weil sie auf ihrem Kopf, ihrer Stirn und an ihrem Herzen geruht hatten. Elisa war zu fromm und unschuldig, als dass die Zauberei Macht über sie gehabt hätte.
Als die böse Königin das sah, rieb sie Elisa mit Walnusssaft ein, sodass sie schwarzbraun wurde, bestrich ihr das schöne Gesicht mit einer stinkenden Salbe und ließ das herrliche Haar sich verwirren. Es war unmöglich, die schöne Elisa wiederzuerkennen.
Als der Vater sie sah, erschrak er sehr und sagte, das sei nicht seine Tochter. Niemand wollte sie erkennen, außer dem Kettenhund und den Schwalben; aber das waren nur arme Tiere, die nichts zu sagen hatten.
Da weinte die arme Elisa und dachte an ihre elf Brüder, die alle fort waren. Traurig stahl sie sich aus dem Schloss und ging den ganzen Tag über Feld und Moor bis tief in den großen Wald hinein. Sie wusste gar nicht, wohin sie wollte, aber sie fühlte sich unendlich betrübt und sehnte sich nach ihren Brüdern. Gewiss waren auch sie in die Welt hinausgejagt worden; die wollte sie suchen und finden.
Nur kurze Zeit war sie im Wald gewesen, da brach die Nacht herein. Sie kam ganz von Weg und Steg ab, legte sich darum auf das weiche Moos, betete ihr Abendgebet und lehnte den Kopf an einen Baumstumpf. Tiefe Stille herrschte, die Luft war mild, und rings umher im Gras und Moos leuchteten wie grünes Feuer Hunderte von Glühwürmchen. Als sie einen der Zweige leise mit der Hand berührte, fielen die leuchtenden Käfer wie Sternschnuppen zu ihr herab.
Die ganze Nacht träumte sie von ihren Brüdern. Sie spielten wieder wie Kinder, schrieben mit den Diamantgriffeln auf die goldenen Tafeln und betrachteten das herrliche Bilderbuch, das das halbe Königreich gekostet hatte. Doch auf die Tafel schrieben sie nun nicht mehr Nullen und Striche wie früher, sondern all die mutigen Taten, die sie vollbracht, alles, was sie erlebt und gesehen hatten. Und im Bilderbuch war alles lebendig: Die Vögel sangen, und die Menschen stiegen aus dem Buch heraus und sprachen mit Elisa und ihren Brüdern. Doch wenn man das Blatt umwendete, sprangen sie schnell wieder hinein, damit keine Unordnung entstand.
Als sie erwachte, stand die Sonne schon hoch. Sehen konnte sie diese freilich nicht, denn die hohen Bäume breiteten ihre Zweige dicht und fest über ihr aus. Aber die Strahlen spielten dort oben wie ein wehender Goldschleier; es duftete nach Grün, und die Vögel setzten sich fast auf ihre Schultern. Sie hörte Wasser plätschern: Viele große Quellen flossen alle in einen See mit dem herrlichsten Sandgrund. Dichte Büsche wuchsen ringsumher, doch an einer Stelle hatten die Hirsche eine große Öffnung gemacht, und dort ging Elisa zum Wasser. Es war so klar, dass man, wenn der Wind nicht die Zweige und Büsche bewegte, hätte glauben müssen, sie wären auf den Grund gemalt; so deutlich spiegelte sich jedes Blatt, ob es nun in der Sonne oder im Schatten lag.
Sobald Elisa ihr eigenes Gesicht erblickte, erschrak sie, so braun und hässlich war es. Doch als sie ihre kleine Hand nass machte und Augen und Stirn rieb, glänzte die weiße Haut wieder hervor. Da legte sie die Kleider ab und ging in das frische Wasser. Ein schöneres Königskind als sie gab es auf der ganzen Welt nicht.
Als sie sich wieder angekleidet und ihr langes Haar geflochten hatte, ging sie zur sprudelnden Quelle, trank aus der hohlen Hand und wanderte tief in den Wald hinein, ohne selbst zu wissen, wohin. Sie dachte an ihre Brüder, dachte an den lieben Gott, der sie gewiss nicht verlassen würde. Gott ließ die wilden Waldäpfel wachsen, um die Hungrigen zu sättigen; er zeigte ihr einen solchen Baum, dessen Zweige sich unter der Last der Früchte bogen. Hier hielt sie ihre Mittagsmahlzeit, stützte die Zweige und ging dann in den dunkelsten Teil des Waldes hinein. Dort war es so still, dass sie ihre eigenen Schritte hörte und das Rascheln jedes dürren Blattes unter ihrem Fuß. Kein Vogel war zu sehen, kein Sonnenstrahl konnte durch die großen, dunklen Zweige dringen; die hohen Stämme standen so dicht beisammen, dass es aussah, als schlösse ein Gitter aus Balken sie ein. Oh, hier war eine Einsamkeit, wie sie sie nie zuvor gekannt hatte.
Die Nacht wurde sehr dunkel; nicht ein einziges Glühwürmchen leuchtete mehr im Moos. Betrübt legte sie sich nieder, um zu schlafen. Da war es ihr, als bewegten sich die Zweige über ihr zur Seite und der liebe Gott blicke mit milden Augen auf sie herab; und kleine Engel schauten über seinem Kopf und unter seinen Armen hervor.
Als sie am Morgen erwachte, wusste sie nicht, ob sie es geträumt hatte oder ob es wirklich so gewesen war.
Sie ging einige Schritte weiter, da begegnete ihr eine alte Frau mit Beeren im Korb; die Alte gab ihr einige davon. Elisa fragte, ob sie nicht elf Prinzen durch den Wald habe reiten sehen.
»Nein«, sagte die Alte, »aber ich sah gestern elf Schwäne mit Goldkronen auf den Köpfen den Fluss hier in der Nähe hinabschwimmen.«
Und sie führte Elisa ein Stück weiter zu einem Abhang; an seinem Fuß schlängelte sich ein Flüsschen. Die Bäume an den Ufern streckten einander ihre langen, blattreichen Zweige entgegen, und wo sie von Natur aus nicht zusammenreichten, da hatten sich die Wurzeln aus der Erde gelöst und hingen, mit den Zweigen ineinander verschlungen, über das Wasser hinaus.
Elisa sagte der Alten Lebewohl und ging am Flüsschen entlang bis dorthin, wo es zum großen, offenen Strand hinausfloss.
Das ganze herrliche Meer lag vor dem jungen Mädchen, doch nicht ein Segel zeigte sich, nicht ein Boot war zu sehen. Wie sollte sie nun weiterkommen? Sie betrachtete die unzähligen kleinen Steine am Ufer; das Wasser hatte sie alle rund geschliffen. Glas, Eisen, Steine – alles, was dort zusammengespült lag, hatte seine Form durch das Wasser bekommen, das doch viel weicher war als ihre zarte Hand. »Es rollt unermüdlich fort, und so glättet sich das Harte. Ich will ebenso unermüdlich sein. Habt Dank für eure Lehre, ihr klaren, rollenden Wogen: Einst, das sagt mir mein Herz, werdet ihr mich zu meinen Brüdern tragen.«
Auf dem angespülten Seegras lagen elf weiße Schwanenfedern; sie sammelte sie zu einem Strauß. Wassertropfen lagen darauf – ob es Tautropfen oder Tränen waren, konnte niemand sehen. Einsam war es dort am Strand, doch sie fühlte es nicht; denn das Meer bot immer neue Bilder, in wenigen Stunden mehr, als die stillen Landseen in einem ganzen Jahr zeigen können. Kam eine große, schwarze Wolke, so war es, als wollte das Meer sagen: »Ich kann auch finster aussehen«, und dann blies der Wind, und die Wogen kehrten das Weiße nach außen. Schienen die Wolken aber rot und schliefen die Winde, dann glich das Meer einem Rosenblatt; bald wurde es grün, bald weiß. Doch wie still es auch ruhte, am Ufer war stets eine leise Bewegung; das Wasser hob sich sacht wie die Brust eines schlafenden Kindes.
Als die Sonne untergehen wollte, sah Elisa elf wilde Schwäne mit Goldkronen auf den Köpfen dem Land zufliegen. Sie schwebten einer hinter dem anderen und sahen aus wie ein langes weißes Band. Da stieg Elisa den Abhang hinauf und verbarg sich hinter einem Busch. Die Schwäne ließen sich dicht bei ihr nieder und schlugen mit ihren großen, weißen Schwingen.
Und sobald die Sonne hinter dem Wasser verschwunden war, fielen plötzlich die Schwanenfedern ab, und elf schöne Prinzen standen da – Elisas Brüder. Sie stieß einen lauten Schrei aus; obwohl sie sich sehr verändert hatten, wusste sie doch, dass sie es waren, fühlte, dass sie es sein mussten. Sie sprang in ihre Arme und nannte sie beim Namen; und die Prinzen waren überglücklich, als sie ihre kleine Schwester sahen und erkannten, die nun groß und schön war. Sie lachten und weinten, und bald hatten sie einander erzählt, wie böse ihre Stiefmutter zu ihnen allen gewesen war.
»Wir Brüder«, sagte der Älteste, »fliegen als wilde Schwäne, solange die Sonne am Himmel steht; sobald sie untergegangen ist, bekommen wir unsere Menschengestalt zurück. Darum müssen wir stets darauf achten, beim Sonnenuntergang festen Boden unter den Füßen zu haben; denn fliegen wir um diese Zeit noch gegen die Wolken empor, so stürzen wir als Menschen in die Tiefe. Hier wohnen wir nicht; jenseits des Meeres liegt ein Land, ebenso schön wie dieses. Doch der Weg dahin ist weit: Wir müssen über das große Meer, und auf unserem Weg gibt es keine Insel, wo wir übernachten könnten. Nur eine kleine Klippe ragt in seiner Mitte hervor, gerade so groß, dass wir, dicht nebeneinander gelagert, darauf ruhen können. Ist die See stark bewegt, so spritzt das Wasser hoch über uns hinweg; und doch danken wir Gott für sie. Dort übernachten wir in Menschengestalt; ohne diese Klippe könnten wir nie unser liebes Vaterland besuchen, denn zwei der längsten Tage im Jahr brauchen wir für unseren Flug. Nur einmal im Jahr ist es uns vergönnt, in die Heimat zu kommen; elf Tage dürfen wir bleiben und über den großen Wald hinfliegen, von wo aus wir das Schloss sehen, in dem wir geboren wurden und wo unser Vater wohnt, und den hohen Kirchturm, unter dem unsere Mutter begraben liegt. Hier ist uns, als wären Bäume und Büsche mit uns verwandt; hier laufen die wilden Pferde über die Steppen, wie wir es in unserer Kindheit sahen; hier singt der Köhler die alten Lieder, nach denen wir als Kinder tanzten. Hier ist unser Vaterland, hierher zieht es uns, und hier haben wir dich gefunden, du liebe kleine Schwester. Zwei Tage können wir noch bleiben, dann müssen wir fort über das Meer in ein herrliches Land, das aber nicht unser Vaterland ist. Wie sollen wir dich mitnehmen? Wir haben weder Schiff noch Boot.«
»Wie kann ich euch erlösen?«, fragte die Schwester. Und sie sprachen fast die ganze Nacht miteinander; nur wenige Stunden schliefen sie.
Elisa erwachte vom Rauschen der Schwanenflügel, die über ihr brausten. Die Brüder waren wieder verwandelt und flogen in großen Kreisen davon; nur einer, der Jüngste, blieb zurück. Der Schwan legte den Kopf in ihren Schoß, und sie streichelte seine Flügel; den ganzen Tag waren sie beisammen. Gegen Abend kamen die anderen zurück, und als die Sonne untergegangen war, standen sie wieder in menschlicher Gestalt da.
»Morgen fliegen wir von hier fort und können vor Ablauf eines ganzen Jahres nicht zurückkehren. Aber so können wir dich nicht verlassen! Hast du den Mut, mitzukommen? Mein Arm ist stark genug, dich durch den Wald zu tragen – sollten wir da nicht alle zusammen die Kraft haben, dich über das Meer zu tragen?«
»Ja, nehmt mich mit!«, sagte Elisa.
Die ganze Nacht flochten sie aus geschmeidiger Weidenrinde und zähem Schilf ein Netz, und es wurde groß und fest. Auf dieses Netz legte sich Elisa, und als die Sonne aufging und die Brüder wieder zu wilden Schwänen wurden, packten sie das Netz mit ihren Schnäbeln und flogen mit ihrer lieben Schwester, die noch schlief, hoch gegen die Wolken empor. Die Sonnenstrahlen fielen ihr gerade ins Gesicht, darum flog einer der Schwäne über ihrem Kopf, damit seine breiten Schwingen sie beschatteten.
Sie waren schon weit vom Land entfernt, als Elisa erwachte. Sie glaubte, noch zu träumen, so seltsam kam es ihr vor, hoch durch die Luft über das Meer getragen zu werden. An ihrer Seite lag ein Zweig mit herrlichen, reifen Beeren und ein Bündel wohlschmeckender Wurzeln; die hatte der jüngste Bruder gesammelt und ihr hingelegt. Sie lächelte ihn dankbar an, denn sie erkannte ihn: Er war es, der über ihr flog und sie mit seinen Schwingen beschattete.
Sie waren so hoch, dass das größte Schiff, das sie unter sich erblickten, aussah wie eine weiße Möwe, die auf dem Wasser lag. Eine große Wolke stand hinter ihnen: Das war ein Berg. Und auf ihm sah Elisa ihren eigenen Schatten und den der elf Schwäne, riesengroß. Das war ein Bild, prächtiger als jedes, das sie je gesehen hatte. Doch als die Sonne höher stieg und die Wolke zurückblieb, verschwand das schwebende Schattenbild.
Den ganzen Tag flogen sie fort wie ein sausender Pfeil durch die Luft; und doch ging es langsamer als sonst, denn nun hatten sie die Schwester zu tragen. Ein böses Wetter zog auf; der Abend brach herein; ängstlich sah Elisa die Sonne sinken, und noch war die einsame Klippe im Meer nicht zu erblicken. Es kam ihr vor, als schlügen die Schwäne heftiger mit den Flügeln. Ach, sie war schuld, dass sie nicht rasch genug vorankamen. Wenn die Sonne unterging, mussten sie Menschen werden, ins Meer stürzen und ertrinken. Da betete sie aus tiefstem Herzen zu Gott; doch noch erblickte sie keine Klippe. Die schwarze Wolke kam näher; die Wolken standen wie eine einzige große, drohende Woge da, die fast wie Blei vorwärtsschoss; Blitz zuckte auf Blitz.
Nun war die Sonne gerade am Rand des Meeres, und Elisas Herz bebte. Da schossen die Schwäne hinab, so schnell, dass sie glaubte zu fallen. Doch dann schwebten sie wieder. Die Sonne war schon halb unter Wasser, da erst erblickte sie die kleine Klippe unter sich. Sie sah nicht größer aus als der Kopf eines Seehunds, der aus dem Wasser guckt. Die Sonne sank sehr schnell; jetzt schien sie nur noch wie ein Stern – da berührte ihr Fuß den festen Grund. Die Sonne erlosch wie der letzte Funke in brennendem Papier. Arm in Arm sah sie die Brüder um sich stehen; doch mehr Platz als gerade für sie alle war auch nicht da. Das Meer schlug gegen die Klippe und ging wie Sprühregen über sie hin; der Himmel leuchtete in einem einzigen Feuer, und Schlag auf Schlag rollte der Donner. Aber Schwester und Brüder fassten sich an den Händen und sangen Psalmen, aus denen sie Trost und Mut schöpften. In der Morgendämmerung wurde die Luft rein und still; und sobald die Sonne aufstieg, flogen die Schwäne mit Elisa von der Insel fort. Das Meer ging noch hoch; von oben sah es aus, als wäre der weiße Schaum auf der schwarzgrünen See ein Schwarm von Millionen Schwänen, die auf dem Wasser schwämmen.
Als die Sonne höher stieg, sah Elisa vor sich, halb in der Luft schwimmend, ein Bergland mit glänzenden Eismassen auf den Felsen; mitten darin erhob sich ein wohl meilenlanges Schloss mit einem kühnen Säulengang über dem anderen; unten wogten Palmenwälder und Prachtblumen. Sie fragte, ob dies das Land sei, in das sie wollten; doch die Schwäne schüttelten die Köpfe, denn was sie sah, war das herrliche, ewig wechselnde Wolkenschloss der Fata Morgana; dorthin durften sie keinen Menschen bringen. Elisa starrte es an – da stürzten Berge, Wälder und Schloss zusammen, und zwanzig stolze Kirchen, alle einander gleich, mit hohen Türmen und spitzen Fenstern, standen vor ihnen. Sie glaubte, die Orgel zu hören, doch es war das Meer, das sie hörte. Nun war sie den Kirchen ganz nah, da wurden sie zu einer ganzen Flotte, die unter ihr dahinsegelte; doch als sie hinabblickte, waren es nur Meernebel, die über das Wasser glitten. So wechselten die Bilder unaufhörlich vor ihren Augen, bis sie endlich das wirkliche Land sah, in das sie wollten. Dort erhoben sich die herrlichsten blauen Berge mit Zedernwäldern, Städten und Schlössern. Lange bevor die Sonne unterging, saß sie auf dem Felsen vor einer großen Höhle, die mit feinen grünen Schlingpflanzen bewachsen war; es sah aus, als wären es gestickte Teppiche.
»Nun wollen wir sehen, was du hier heute Nacht träumst«, sagte der jüngste Bruder und zeigte ihr ihre Schlafkammer.
»Gebe der Himmel, dass ich träume, wie ich euch erlösen kann!«, sagte sie. Und dieser Gedanke ließ sie nicht los; sie betete inbrünstig zu Gott um seine Hilfe, ja, selbst im Schlaf betete sie weiter. Da war es ihr, als flöge sie hoch in die Luft, zum Wolkenschloss der Fata Morgana; und die Fee kam ihr entgegen, schön und strahlend – und doch glich sie ganz der alten Frau, die ihr im Wald Beeren gegeben und von den Schwänen mit den Goldkronen erzählt hatte.
»Deine Brüder können erlöst werden«, sagte sie. »Aber hast du Mut und Ausdauer? Das Wasser ist weicher als deine feinen Hände, und doch formt es die Steine; aber es fühlt nicht die Schmerzen, die deine Finger fühlen werden, es hat kein Herz, leidet nicht die Angst und Qual, die du aushalten musst. Siehst du die Brennnessel, die ich in der Hand halte? Von derselben Art wachsen viele rings um die Höhle, wo du schläfst; doch nur die dort und die, welche auf den Gräbern des Kirchhofs wachsen, taugen etwas – merke dir das. Die musst du pflücken, obwohl sie deine Hände voller Blasen brennen. Zertritt die Nesseln mit deinen Füßen, so bekommst du Flachs; daraus musst du elf Panzerhemden mit langen Ärmeln flechten und binden. Wirf diese über die elf Schwäne, so ist der Zauber gelöst. Aber bedenke: Von dem Augenblick an, in dem du diese Arbeit beginnst, bis sie vollendet ist, und wenn Jahre darüber vergingen, darfst du nicht sprechen. Das erste Wort, das du sprichst, fährt wie ein tödlicher Dolch in die Herzen deiner Brüder. An deiner Zunge hängt ihr Leben. Merke dir das alles.«
Zugleich berührte sie Elisas Hand mit der Nessel; es war wie brennendes Feuer, und Elisa erwachte davon. Es war heller Tag, und dicht neben ihrem Lager lag eine Nessel wie die, die sie im Traum gesehen hatte. Da fiel sie auf die Knie, dankte dem lieben Gott und ging aus der Höhle hinaus, um ihre Arbeit zu beginnen.
Mit den feinen Händen griff sie hinunter in die hässlichen Nesseln; sie waren wie Feuer und brannten große Blasen in ihre Hände und Arme; aber gern wollte sie es ertragen, wenn sie nur die lieben Brüder erlösen konnte. Sie zertrat jede Nessel mit ihren bloßen Füßen und flocht den grünen Flachs.
Als die Sonne untergegangen war, kamen die Brüder und erschraken, sie so stumm zu finden; sie glaubten, es sei ein neuer Zauber der bösen Stiefmutter. Doch als sie ihre Hände erblickten, begriffen sie, was sie ihretwegen tat. Der jüngste Bruder weinte; und wohin seine Tränen fielen, da fühlte sie keinen Schmerz mehr, da verschwanden die brennenden Blasen.
Die Nacht verbrachte sie bei ihrer Arbeit, denn sie fand keine Ruhe, ehe sie die lieben Brüder erlöst hätte. Am nächsten Tag, während die Schwäne fort waren, saß sie in ihrer Einsamkeit; aber noch nie war ihr die Zeit so schnell vergangen wie jetzt. Ein Panzerhemd war schon fertig, nun begann sie das zweite.
Da erklang ein Jagdhorn zwischen den Bergen; sie wurde von Furcht ergriffen. Der Ton kam immer näher; sie hörte Hunde bellen. Erschrocken floh sie in die Höhle, band die Nesseln, die sie gesammelt und gehechelt hatte, zu einem Bündel und setzte sich darauf.
Sogleich sprang ein großer Hund aus der Schlucht hervor, und gleich darauf noch einer und noch einer; sie bellten laut, liefen zurück und kamen wieder. Nur wenige Minuten dauerte es, da standen alle Jäger vor der Höhle, und der schönste unter ihnen war der König des Landes. Er trat auf Elisa zu; nie hatte er ein schöneres Mädchen gesehen.
»Wie bist du hierhergekommen, du herrliches Kind?«, fragte er. Elisa schüttelte den Kopf; sie durfte ja nicht sprechen, es ging um die Erlösung und das Leben ihrer Brüder. Und sie verbarg ihre Hände unter der Schürze, damit der König nicht sähe, was sie leiden musste.
»Komm mit mir!«, sagte er. »Hier darfst du nicht bleiben. Bist du so gut, wie du schön bist, so kleide ich dich in Seide und Samt, setze dir die Goldkrone aufs Haupt, und du sollst in meinem reichsten Schloss wohnen und herrschen.« Dann hob er sie vor sich aufs Pferd. Sie weinte und rang die Hände, doch der König sagte: »Ich will nur dein Glück; einst wirst du mir dafür danken.« Mit diesen Worten jagte er fort durch die Berge, und die Jäger folgten ihm.
Als die Sonne unterging, lag die schöne Königsstadt mit Kirchen und Kuppeln vor ihnen. Der König führte sie ins Schloss, wo große Springbrunnen in den Marmorsälen plätscherten und Wände und Decken mit Gemälden prangten. Aber sie hatte keine Augen dafür; sie weinte und trauerte. Willig ließ sie sich von den Frauen königliche Kleider anlegen, Perlen ins Haar flechten und feine Handschuhe über die verbrannten Finger ziehen.
Als sie in ihrer Pracht dastand, war sie so blendend schön, dass sich der ganze Hof tief verneigte. Und der König erwählte sie zu seiner Braut, obwohl der Erzbischof den Kopf schüttelte und flüsterte, das schöne Waldmädchen sei gewiss eine Hexe; sie blende die Augen und betöre das Herz des Königs.
Doch der König hörte nicht auf ihn, ließ die Musik erklingen, die köstlichsten Speisen auftragen und die lieblichsten Mädchen um sie tanzen. Man führte sie durch duftende Gärten in prächtige Säle, aber nicht ein Lächeln kam auf ihre Lippen oder in ihre Augen; wie ein Bild der Trauer stand sie da. Dann öffnete der König eine kleine Kammer dicht daneben, in der sie schlafen sollte; sie war mit köstlichen grünen Teppichen geschmückt und glich der Höhle, in der sie gewesen war. Auf dem Boden lag das Bündel Flachs, das sie aus den Nesseln gesponnen hatte, und unter der Decke hing das fertige Panzerhemd. Das alles hatte einer der Jäger als Merkwürdigkeit mitgenommen.
»Hier kannst du dich in deine frühere Heimat zurückträumen«, sagte der König. »Hier ist die Arbeit, die dich dort beschäftigte; nun, mitten in all deiner Pracht, wird es dich erfreuen, an jene Zeit zu denken.«
Als Elisa dies sah, was ihrem Herzen so nahelag, spielte ein Lächeln um ihren Mund, und das Blut kehrte in ihre Wangen zurück. Sie dachte an die Erlösung ihrer Brüder, küsste dem König die Hand, und er drückte sie an sein Herz und ließ durch alle Kirchenglocken das Hochzeitsfest verkünden. Das schöne, stumme Mädchen aus dem Wald wurde Königin des Landes.
Da flüsterte der Erzbischof böse Worte in das Ohr des Königs, aber sie drangen nicht bis zu seinem Herzen. Die Hochzeit fand statt; der Erzbischof selbst musste ihr die Krone aufs Haupt setzen, und aus bösem Sinn drückte er den engen Reif fest auf ihre Stirn, sodass es schmerzte. Doch ein schwererer Reif lag um ihr Herz: die Trauer um ihre Brüder. Die körperlichen Schmerzen fühlte sie kaum. Ihr Mund blieb stumm; ein einziges Wort hätte ja ihre Brüder das Leben gekostet. Aber aus ihren Augen sprach innige Liebe zu dem guten, schönen König, der alles tat, um sie zu erfreuen. Von ganzem Herzen gewann sie ihn Tag für Tag lieber; oh, wenn sie sich ihm nur hätte anvertrauen und ihm ihr Leid klagen dürfen! Doch stumm musste sie sein, stumm ihr Werk vollenden. Darum schlich sie sich nachts von seiner Seite, ging in die kleine Kammer, die wie die Höhle geschmückt war, und strickte ein Panzerhemd nach dem anderen fertig. Doch als sie das siebte begann, hatte sie keinen Flachs mehr.
Auf dem Kirchhof, das wusste sie, wuchsen die Nesseln, die sie brauchte; aber pflücken musste sie sie selbst – wie sollte sie nur hinausgelangen?
»Oh, was ist der Schmerz in meinen Fingern gegen die Qual, die mein Herz erträgt!«, dachte sie. »Ich muss es wagen. Der Herr wird seine Hand nicht von mir abziehen.« Mit einer Herzensangst, als sei es eine böse Tat, die sie vorhabe, schlich sie sich in der mondhellen Nacht in den Garten hinunter und ging durch die Alleen und die einsamen Straßen hinaus zum Kirchhof. Da sah sie auf einem der breitesten Grabsteine einen Kreis von Lamien sitzen. Diese hässlichen Hexen zogen ihre Lumpen aus, als wollten sie baden, und dann gruben sie mit ihren langen, mageren Fingern die frischen Gräber auf und holten mit teuflischer Gier die Leichen heraus und verzehrten ihr Fleisch. Elisa musste dicht an ihnen vorbei, und sie hefteten ihre bösen Blicke auf sie; aber sie betete still, sammelte die brennenden Nesseln und trug sie ins Schloss heim.
Nur ein einziger Mensch hatte sie gesehen: der Erzbischof; er war wach, als die anderen schliefen. Nun hatte er ja recht mit seiner Meinung, dass es mit der Königin nicht so sei, wie es sein sollte: Sie war eine Hexe, darum hatte sie den König und das Volk betört.
Im Beichtstuhl sagte er dem König, was er gesehen und was er befürchtete. Und als die harten Worte über seine Zunge kamen, schüttelten die Heiligenbilder die Köpfe, als wollten sie sagen: »Es ist nicht so! Elisa ist unschuldig!« Doch der Erzbischof deutete es anders: Sie zeugten gegen sie, meinte er, sie schüttelten über ihre Sünde die Köpfe. Da rollten zwei schwere Tränen über die Wangen des Königs; er ging mit Zweifel im Herzen nach Hause und stellte sich in der Nacht schlafend. Aber kein ruhiger Schlaf kam in seine Augen; er bemerkte, wie Elisa aufstand. Jede Nacht wiederholte sie es, und jedes Mal folgte er ihr leise und sah, wie sie in ihrer Kammer verschwand.
Von Tag zu Tag wurde seine Miene finsterer; Elisa sah es, begriff aber nicht, warum. Es ängstigte sie, und was litt sie nicht im Herzen um die Brüder! Auf den königlichen Samt und Purpur flossen ihre heißen Tränen; sie lagen dort wie schimmernde Diamanten, und alle, die die reiche Pracht sahen, wünschten, Königin zu sein. Bald war sie mit ihrer Arbeit fast fertig; nur ein Panzerhemd fehlte noch. Doch Flachs hatte sie keinen mehr und nicht eine einzige Nessel. Ein einziges, allerletztes Mal musste sie darum noch zum Kirchhof, um ein paar Hände voll zu pflücken. Mit Angst dachte sie an diesen einsamen Gang und an die schrecklichen Lamien; aber ihr Wille stand fest, ebenso ihr Vertrauen auf den Herrn.
Elisa ging; doch der König und der Erzbischof folgten ihr. Sie sahen sie an der Gitterpforte zum Kirchhof verschwinden, und als sie näher kamen, saßen die Lamien auf dem Grabstein, wie Elisa sie gesehen hatte. Da wandte sich der König ab, denn unter ihnen dachte er sich die, deren Haupt noch an diesem Abend an seiner Brust geruht hatte.
»Das Volk soll sie richten«, sagte er. Und das Volk verurteilte sie: den Feuertod sollte sie erleiden.
Aus den prächtigen Königssälen führte man sie in ein dunkles, feuchtes Loch, in das der Wind durch das Gitter pfiff. Statt Samt und Seide gab man ihr das Bündel Nesseln, das sie gesammelt hatte, darauf konnte sie ihr Haupt legen; die harten, brennenden Panzerhemden, die sie gestrickt hatte, sollten ihre Decken sein. Aber nichts Lieberes hätte man ihr geben können; sie nahm ihre Arbeit wieder auf und betete zu Gott. Draußen sangen die Straßenbuben Spottlieder auf sie; keine Seele tröstete sie mit einem freundlichen Wort.
Da schwirrten gegen Abend dicht am Gitter Schwanenflügel: Es war der jüngste der Brüder. Er hatte die Schwester gefunden; und sie schluchzte laut vor Freude, obwohl sie wusste, dass die kommende Nacht wohl die letzte sein würde, die sie zu leben hatte. Doch nun war ja auch die Arbeit fast vollendet, und ihre Brüder waren da.
Da kam der Erzbischof, um in der letzten Stunde bei ihr zu sein; das hatte er dem König versprochen. Aber sie schüttelte den Kopf und bat mit Blicken und Mienen, er möge gehen. In dieser Nacht musste sie ja ihre Arbeit vollenden, sonst wäre alles umsonst gewesen: Schmerz, Tränen und die schlaflosen Nächte. Der Erzbischof ging mit bösen Worten gegen sie fort, aber die arme Elisa wusste, dass sie unschuldig war, und fuhr in ihrer Arbeit fort.
Die kleinen Mäuse liefen über den Boden; sie schleppten Nesseln zu ihren Füßen, um doch etwas zu helfen. Und die Drossel setzte sich ans Gitter des Fensters und sang die ganze Nacht so munter, wie sie nur konnte, damit Elisa den Mut nicht verlöre.
Es dämmerte noch, erst nach einer Stunde sollte die Sonne aufgehen, da standen die elf Brüder an der Pforte des Schlosses und verlangten, vor den König geführt zu werden. Das könne nicht geschehen, wurde geantwortet; es sei ja noch Nacht, der König schlafe und dürfe nicht geweckt werden. Sie baten, sie drohten, die Wache kam, ja, sogar der König trat heraus und fragte, was das bedeute. Da ging die Sonne auf, und nun waren keine Brüder mehr zu sehen; aber über das Schloss flogen elf wilde Schwäne dahin. Aus dem Stadttor strömte das ganze Volk; es wollte die Hexe brennen sehen. Ein alter Gaul zog den Karren, auf dem sie saß; man hatte ihr einen Kittel aus grobem Sacktuch angezogen, ihr herrliches Haar hing aufgelöst um das schöne Haupt, ihre Wangen waren totenbleich, ihre Lippen bewegten sich leise, während ihre Finger den grünen Flachs richteten. Selbst auf dem Weg zum Tod unterbrach sie ihre Arbeit nicht; die zehn Panzerhemden lagen zu ihren Füßen, am elften arbeitete sie. Der Pöbel verhöhnte sie.
»Seht die rote Hexe, wie sie murmelt! Kein Gesangbuch hat sie in der Hand; nein, mit ihrer hässlichen Gaukelei sitzt sie da – reißt sie ihr in tausend Stücke!«
Und alle drangen auf sie ein und wollten die Panzerhemden zerreißen. Da kamen elf wilde Schwäne geflogen; sie setzten sich rings um sie auf den Karren und schlugen mit ihren großen Schwingen. Da wich der Haufe erschrocken zur Seite.
»Das ist ein Zeichen des Himmels! Sie ist gewiss unschuldig!«, flüsterten viele. Aber laut zu sagen wagten sie es nicht.
Jetzt ergriff der Henker sie bei der Hand; da warf sie hastig die elf Panzerhemden über die Schwäne. Und sogleich standen elf schöne Prinzen da. Doch der Jüngste hatte statt des einen Armes einen Schwanenflügel, denn in seinem Panzerhemd fehlte ein Ärmel: Den hatte sie nicht mehr fertiggebracht.
»Nun darf ich sprechen!«, sagte sie. »Ich bin unschuldig!«
Und das Volk, das sah, was geschehen war, neigte sich vor ihr wie vor einer Heiligen; sie aber sank leblos in die Arme der Brüder, so hatten Spannung, Angst und Schmerz auf sie gewirkt.
»Ja, unschuldig ist sie«, sagte der älteste Bruder, und nun erzählte er alles, was geschehen war. Und während er sprach, verbreitete sich ein Duft wie von Millionen Rosen, denn jedes Stück Brennholz auf dem Scheiterhaufen hatte Wurzeln geschlagen und trieb Zweige; da stand eine duftende Hecke, hoch und groß, voller roter Rosen, und ganz oben leuchtete eine Blüte, weiß und glänzend wie ein Stern. Die pflückte der König und steckte sie an Elisas Brust: Da erwachte sie mit Frieden und Glückseligkeit im Herzen.
Und alle Kirchenglocken läuteten von selbst, und die Vögel kamen in großen Scharen. Zurück zum Schloss zog ein Hochzeitszug, wie ihn noch kein König gesehen hatte.