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Ein junges Mädchen sitzt barfuß auf Klippen am Meer und flicht in der Abenddämmerung grüne Nesseln, während über ihr weiße Schwäne fliegen.Original

Die wilden Schwäne

Hans Christian Andersen

33 Min. Lesezeitab 9 Jahren

Eine böse Königin verwandelt elf Prinzen in wilde Schwäne, und deren Schwester Elisa flicht schweigend Panzerhemden aus Brennnesseln, weil ein einziges Wort die Brüder töten würde. Auf dem Weg zum Scheiterhaufen wirft sie die Hemden über die Schwäne, und nur dem Jüngsten bleibt ein Schwanenflügel statt des Arms.


Weit von hier, dort, wohin die Schwalben fliegen, wenn bei uns der Winter kommt, lebte ein König. Er hatte elf Söhne und eine Tochter, die hieß Elisa.

Die elf Brüder waren Prinzen. Mit dem Stern auf der Brust und dem Säbel an der Seite gingen sie zur Schule. Sie schrieben mit Diamantgriffeln auf Goldtafeln und lernten ebenso gut auswendig, wie sie lasen. Man hörte gleich, dass es Prinzen waren. Die Schwester Elisa saß auf einem kleinen Schemel aus Spiegelglas und hatte ein Bilderbuch, für das man ein halbes Königreich bezahlt hatte.

Oh, die Kinder hatten es außerordentlich gut. Aber so sollte es nicht bleiben.

Ihr Vater, der König über das ganze Land war, heiratete eine böse Königin, und die konnte die armen Kinder nicht leiden. Schon am ersten Tag merkten sie es. Im Schloss ging es prächtig zu, und die Kinder spielten „Es kommt Besuch“. Sonst hatten sie dabei alle Kuchen und alle Bratäpfel bekommen, die im Haus zu finden waren. Nun gab ihnen die Königin nur Sand in einer Teetasse und sagte, sie könnten ja so tun, als wäre es etwas.

In der Woche darauf brachte sie die kleine Schwester Elisa aufs Land zu einem Bauernpaar, und es dauerte nicht lange, da hatte sie dem König so viel über die armen Prinzen vorgelogen, dass er sich gar nicht mehr um sie kümmerte.

„Fliegt hinaus in die Welt und ernährt euch selbst“, sagte die böse Königin. „Fliegt wie die großen Vögel, die keine Stimme haben.“

Aber so schlimm, wie sie es gern gemacht hätte, konnte sie es doch nicht machen. Aus den Brüdern wurden elf herrliche wilde Schwäne. Mit einem seltsamen Schrei flogen sie aus den Schlossfenstern, weit über den Park hinweg und in den Wald hinein.

Zwei junge Männer mit weißen Schwingen am Rücken fliegen an goldenen Schlossfenstern vorbei, Federn wirbeln, vor ihnen ziehen Schwäne durch Gewitterwolken.

Es war noch früh am Morgen, als sie dort vorbeikamen, wo die Schwester Elisa in der Stube des Bauern lag und schlief. Sie schwebten über dem Dach, drehten ihre langen Hälse und schlugen mit den Flügeln, aber niemand hörte es, und niemand sah es. Sie mussten weiter, hoch hinauf zu den Wolken, hinaus in die weite Welt, bis zu einem großen dunklen Wald, der sich bis an den Strand erstreckte.

Die arme kleine Elisa stand in der Bauernstube und spielte mit einem grünen Blatt; ein anderes Spielzeug hatte sie nicht. Sie stach ein Loch hinein, sah hindurch zur Sonne hinauf, und dann war ihr, als blicke sie in die klaren Augen ihrer Brüder. Und jedes Mal, wenn die warmen Sonnenstrahlen auf ihre Wangen schienen, dachte sie an all ihre Küsse.

Ein Tag verging wie der andere. Strich der Wind draußen durch die großen Rosenhecken vor dem Haus, so flüsterte er den Rosen zu: „Wer kann schöner sein als ihr?“ Aber die Rosen schüttelten den Kopf und sagten: „Elisa ist es.“

Und saß die alte Bäuerin am Sonntag vor der Tür und las in ihrem Gesangbuch, so wendete der Wind die Blätter und fragte das Buch: „Wer kann frömmer sein als du?“

„Elisa ist es“, sagte das Gesangbuch. Und was die Rosen und das Gesangbuch sagten, war die reine Wahrheit.

Als Elisa fünfzehn Jahre alt war, sollte sie nach Hause kommen. Und als die Königin sah, wie schön sie war, wurde sie ihr böse. Am liebsten hätte sie auch Elisa in einen wilden Schwan verwandelt, so wie die Brüder, aber das wagte sie nicht gleich, denn der König wollte seine Tochter sehen.

Früh am Morgen ging die Königin in das Bad, das aus Marmor gebaut und mit weichen Kissen und den prächtigsten Decken geschmückt war. Sie nahm drei Kröten, küsste sie und sagte zu der ersten: „Setz dich auf Elisas Kopf, wenn sie ins Bad steigt, damit sie so dumm wird wie du.“

„Setz du dich auf ihre Stirn“, sagte sie zur zweiten, „damit sie so hässlich wird wie du und ihr Vater sie nicht erkennt.“

„Und du ruhe an ihrem Herzen“, flüsterte sie der dritten zu. „Gib ihr einen bösen Sinn, damit sie Schmerzen davon hat.“

Dann setzte sie die Kröten in das klare Wasser, das sofort grün wurde, rief Elisa, zog sie aus und ließ sie in das Bad hinabsteigen. Und als Elisa untertauchte, setzte sich die eine Kröte in ihr Haar, die zweite auf ihre Stirn und die dritte auf ihre Brust. Aber Elisa schien es nicht zu merken. Sobald sie sich aufrichtete, schwammen drei rote Mohnblumen auf dem Wasser. Wären die Tiere nicht giftig gewesen und von der Hexe geküsst, so wären sie zu roten Rosen geworden. Aber Blumen wurden sie doch, weil sie auf ihrem Kopf, auf ihrer Stirn und an ihrem Herzen geruht hatten. Elisa war zu fromm und zu unschuldig, als dass die Zauberei Macht über sie hätte haben können.

Als die böse Königin das sah, rieb sie Elisa mit Walnusssaft ein, bis sie schwarzbraun war, bestrich ihr das hübsche Gesicht mit einer stinkenden Salbe und verwirrte ihr das herrliche Haar. Es war unmöglich, die schöne Elisa wiederzuerkennen.

Als der Vater sie sah, erschrak er sehr und sagte, das sei nicht seine Tochter. Niemand wollte sie erkennen außer dem Kettenhund und den Schwalben, und das waren arme Tiere, die nichts zu sagen hatten.

Da weinte die arme Elisa und dachte an ihre elf Brüder, die alle fort waren. Betrübt stahl sie sich aus dem Schloss und ging den ganzen Tag über Feld und Moor bis in den großen Wald hinein. Sie wusste gar nicht, wohin sie wollte, aber sie war unendlich traurig und sehnte sich nach ihren Brüdern. Die hatte man gewiss ebenso in die Welt hinausgejagt wie sie. Die wollte sie suchen, und die wollte sie finden.

Sie war noch nicht lange im Wald, da brach die Nacht herein, und sie kam ganz von Weg und Steg ab. Also legte sie sich auf das weiche Moos, betete ihr Abendgebet und lehnte den Kopf an einen Baumstumpf. Es herrschte tiefe Stille, die Luft war mild, und ringsum im Gras und im Moos leuchteten Hunderte von Glühwürmchen wie grünes Feuer. Als sie einen der Zweige leise mit der Hand berührte, fielen die leuchtenden Tierchen wie Sternschnuppen zu ihr herab.

Die ganze Nacht träumte sie von ihren Brüdern. Sie spielten wieder wie Kinder, schrieben mit den Diamantgriffeln auf die Goldtafeln und sahen sich das herrliche Bilderbuch an, das ein halbes Königreich gekostet hatte. Aber auf die Tafeln schrieben sie nicht mehr Nullen und Striche wie früher, sondern die mutigen Taten, die sie vollbracht hatten, alles, was sie erlebt und gesehen hatten. Und im Bilderbuch war alles lebendig; die Vögel sangen, und die Menschen stiegen aus dem Buch heraus und sprachen mit Elisa und ihren Brüdern. Aber wenn diese das Blatt umwendeten, sprangen sie gleich wieder hinein, damit keine Unordnung entstand.

Als sie erwachte, stand die Sonne schon hoch. Sehen konnte sie diese freilich nicht, denn die hohen Bäume breiteten ihre Zweige dicht und fest über ihr aus. Aber die Strahlen spielten dort oben wie ein wehender Goldschleier, es duftete nach Grün, und die Vögel setzten sich ihr fast auf die Schultern. Sie hörte Wasser plätschern. Das waren viele große Quellen, die alle in einen See flossen, in dem der schönste Sandboden lag. Ringsum wuchsen dichte Büsche, aber an einer Stelle hatten die Hirsche eine große Öffnung gebrochen, und dort ging Elisa zum Wasser hinunter. Es war so klar, dass man, wenn der Wind die Zweige und Büsche nicht bewegt hätte, hätte glauben müssen, sie seien auf den Grund gemalt. So deutlich spiegelte sich dort jedes Blatt, das in der Sonne stand, ebenso wie das im Schatten.

Sobald Elisa ihr eigenes Gesicht erblickte, erschrak sie, so braun und hässlich war es. Doch als sie ihre kleine Hand nass machte und Augen und Stirn rieb, kam die weiße Haut wieder zum Vorschein. Da zog sie sich aus und stieg in das frische Wasser. Ein schöneres Königskind, als sie es war, gab es auf dieser Welt nicht.

Als sie sich wieder angekleidet und ihr langes Haar geflochten hatte, ging sie zur sprudelnden Quelle, trank aus der hohlen Hand und wanderte tief in den Wald hinein, ohne selbst zu wissen wohin. Sie dachte an ihre Brüder, und sie dachte an den lieben Gott, der sie gewiss nicht verlassen würde. Gott ließ die wilden Waldäpfel wachsen, um die Hungrigen satt zu machen, und er zeigte ihr einen solchen Baum, dessen Zweige sich unter der Last der Früchte bogen. Hier hielt sie ihre Mittagsmahlzeit, stellte Stützen unter die Zweige und ging dann in den dunkelsten Teil des Waldes hinein. Dort war es so still, dass sie ihre eigenen Schritte hörte und das Rascheln jedes dürren Blattes, das sich unter ihrem Fuß bog. Kein Vogel war zu sehen, kein Sonnenstrahl drang durch die großen, dunklen Zweige. Die hohen Stämme standen so nahe beieinander, dass es aussah, wenn sie vor sich hin blickte, als schlösse ein Balkengitter nach dem anderen sie ein. Oh, hier war eine Einsamkeit, wie sie sie nie zuvor gekannt hatte.

Die Nacht wurde sehr dunkel. Nicht ein einziges kleines Glühwürmchen leuchtete mehr im Moos. Betrübt legte sie sich schlafen. Da war ihr, als bewegten sich die Zweige über ihr zur Seite und als blicke der liebe Gott mit milden Augen auf sie herab, und kleine Engel schauten über seinem Kopf und unter seinen Armen hervor.

Als sie am Morgen erwachte, wusste sie nicht, ob sie es geträumt hatte oder ob es wirklich so gewesen war.

Sie ging ein paar Schritte weiter, da begegnete ihr eine alte Frau mit Beeren in ihrem Korb. Die Alte gab ihr einige davon. Elisa fragte, ob sie nicht elf Prinzen durch den Wald habe reiten sehen.

„Nein“, sagte die Alte, „aber gestern sah ich elf Schwäne mit Goldkronen auf den Köpfen den Fluss hier in der Nähe hinunterschwimmen.“

Und sie führte Elisa ein Stück weiter bis zu einem Abhang. An dessen Fuß schlängelte sich ein Flüsschen. Die Bäume an seinen Ufern streckten einander ihre langen, blattreichen Zweige entgegen, und wo sie von Natur aus nicht zueinander reichten, da hatten sie die Wurzeln aus der Erde gerissen und hingen, mit den Zweigen ineinander verschlungen, über das Wasser hinaus.

Elisa sagte der Alten Lebewohl und ging am Flüsschen entlang bis dorthin, wo es an den großen, offenen Strand hinausfloss.

Das ganze herrliche Meer lag vor dem jungen Mädchen, aber kein Segel zeigte sich darauf, kein Boot war zu sehen. Wie sollte sie nun weiterkommen? Sie betrachtete die unzähligen kleinen Steine am Ufer; das Wasser hatte sie alle rund geschliffen. Glas, Eisen, Steine, alles, was da zusammengespült lag, hatte seine Form vom Wasser bekommen, das doch viel weicher war als ihre feine Hand.

„Es rollt unermüdlich weiter, und so wird das Harte glatt. Ich will ebenso unermüdlich sein. Habt Dank für eure Lehre, ihr klaren, rollenden Wogen. Einst, das sagt mir mein Herz, werdet ihr mich zu meinen Brüdern tragen.“

Auf dem angespülten Seegras lagen elf weiße Schwanenfedern; sie sammelte sie zu einem Strauß. Wassertropfen lagen darauf, und ob es Tautropfen waren oder Tränen, konnte niemand sehen. Einsam war es dort am Strand, aber sie fühlte es nicht, denn das Meer bot einen ewigen Wechsel, ja in wenigen Stunden mehr, als die stillen Binnenseen in einem ganzen Jahr zeigen können. Kam eine große schwarze Wolke, so war es, als wollte das Meer sagen: „Ich kann auch finster aussehen.“ Dann blies der Wind, und die Wogen kehrten ihr Weißes nach außen. Schienen aber die Wolken rot und schliefen die Winde, so war das Meer wie ein Rosenblatt, bald grün, bald weiß. Aber wie still es auch lag, am Ufer war doch eine leise Bewegung; das Wasser hob sich schwach wie die Brust eines schlafenden Kindes.

Als die Sonne untergehen wollte, sah Elisa elf wilde Schwäne mit Goldkronen auf den Köpfen dem Land zufliegen. Sie schwebten einer hinter dem anderen und sahen aus wie ein langes weißes Band. Da stieg Elisa den Abhang hinauf und verbarg sich hinter einem Busch. Die Schwäne ließen sich nahe bei ihr nieder und schlugen mit ihren großen weißen Schwingen.

Sobald die Sonne unter dem Wasser war, fielen plötzlich die Schwanenfedern ab, und elf schöne Prinzen standen da, Elisas Brüder. Sie stieß einen lauten Schrei aus. Sie hatten sich sehr verändert, und doch wusste sie, dass sie es waren, und fühlte, dass sie es sein mussten. Sie sprang ihnen in die Arme und nannte sie bei ihren Namen, und die Prinzen waren überglücklich, als sie ihre kleine Schwester sahen und auch sie erkannten, die nun groß und schön war. Sie lachten und weinten, und bald hatten sie einander erzählt, wie böse ihre Stiefmutter zu ihnen allen gewesen war.

Ein blondes Mädchen läuft barfuß über nasse Felsen am Meer auf junge Männer zu, die ihm lachend die Arme entgegenstrecken, dahinter glüht der Abendhimmel.

„Wir Brüder“, sagte der Älteste, „fliegen als wilde Schwäne, solange die Sonne am Himmel steht. Sobald sie untergegangen ist, bekommen wir unsere menschliche Gestalt zurück. Deshalb müssen wir immer darauf achten, beim Sonnenuntergang einen festen Platz für die Füße zu haben. Denn fliegen wir um diese Zeit noch zu den Wolken hinauf, so stürzen wir als Menschen in die Tiefe. Hier wohnen wir nicht. Jenseits des Meeres liegt ein Land, das ebenso schön ist wie dieses, aber der Weg dorthin ist weit. Wir müssen über das große Meer, und es findet sich keine Insel auf unserem Weg, wo wir übernachten könnten. Nur eine kleine Klippe ragt in der Mitte heraus, und die ist gerade so groß, dass wir dicht nebeneinander darauf ruhen können. Geht die See hoch, so spritzt das Wasser weit über uns hinweg, und doch danken wir Gott für diese Klippe. Dort übernachten wir in unserer Menschengestalt. Ohne sie könnten wir unser liebes Vaterland nie besuchen, denn für unseren Flug brauchen wir zwei der längsten Tage des Jahres. Nur einmal im Jahr dürfen wir in die Heimat. Elf Tage dürfen wir hierbleiben und über den großen Wald hinfliegen, von wo aus wir das Schloss sehen, in dem wir geboren wurden und in dem unser Vater wohnt, und den hohen Kirchturm, unter dem die Mutter begraben liegt. Hier kommt es uns vor, als wären Bäume und Büsche mit uns verwandt. Hier laufen die wilden Pferde über die Heide, so wie wir es in unserer Kindheit gesehen haben. Hier singt der Köhler die alten Lieder, nach denen wir als Kinder getanzt haben. Hier ist unser Vaterland, hierher zieht es uns, und hier haben wir dich gefunden, du liebe kleine Schwester. Zwei Tage können wir noch bleiben, dann müssen wir fort über das Meer, in ein herrliches Land, das aber nicht unser Vaterland ist. Wie bringen wir dich mit? Wir haben weder Schiff noch Boot.“

„Auf welche Weise kann ich euch erlösen?“, fragte die Schwester.

Und sie redeten fast die ganze Nacht miteinander; nur ein paar Stunden wurde geschlummert.

Elisa erwachte vom Schlag der Schwanenflügel, die über ihr brausten. Die Brüder waren wieder verwandelt und flogen in großen Kreisen und zuletzt weit fort. Aber einer von ihnen, der Jüngste, blieb zurück. Der Schwan legte den Kopf in ihren Schoß, und sie streichelte seine Flügel. Den ganzen Tag waren sie beisammen. Gegen Abend kamen die anderen zurück, und als die Sonne untergegangen war, standen sie in ihrer eigenen Gestalt da.

„Morgen fliegen wir von hier fort und können vor Ablauf eines ganzen Jahres nicht zurückkehren“, sagte der Älteste. „Aber so können wir dich nicht verlassen. Hast du den Mut mitzukommen? Mein Arm ist stark genug, dich durch den Wald zu tragen. Sollten wir dann nicht alle zusammen Flügel haben, die stark genug sind, um mit dir über das Meer zu fliegen?“

„Ja, nehmt mich mit“, sagte Elisa.

Die ganze Nacht flochten sie aus geschmeidiger Weidenrinde und zähem Schilf ein Netz, und das wurde groß und fest. Auf dieses Netz legte sich Elisa, und als die Sonne aufging und die Brüder in wilde Schwäne verwandelt wurden, ergriffen sie das Netz mit ihren Schnäbeln und flogen mit ihrer lieben Schwester, die noch schlief, hoch zu den Wolken hinauf. Die Sonnenstrahlen fielen ihr gerade ins Gesicht, deshalb flog einer der Schwäne über ihrem Kopf, damit seine breiten Schwingen sie beschatteten.

Weiße Schwäne fliegen dicht über dem offenen Meer und tragen an ihren Schnäbeln ein geknüpftes Netz, in dem eine junge Frau schlafend liegt.

Sie waren weit vom Land entfernt, als Elisa erwachte. Sie glaubte, noch zu träumen, so seltsam kam es ihr vor, hoch durch die Luft über das Meer getragen zu werden. An ihrer Seite lag ein Zweig mit herrlichen reifen Beeren und ein Bündel wohlschmeckender Wurzeln. Die hatte der jüngste Bruder gesammelt und ihr hingelegt. Sie lächelte ihn dankbar an, denn sie erkannte ihn; er war es, der über ihr flog und sie mit seinen Schwingen beschattete.

Sie waren so hoch, dass das größte Schiff, das sie unter sich sahen, eine weiße Möwe zu sein schien, die auf dem Wasser lag. Eine große Wolke stand hinter ihnen, und das war ein Berg. Und auf ihm sah Elisa ihren eigenen Schatten und den der elf Schwäne, so riesengroß flogen sie dort. Das war ein Bild, prächtiger als jedes, das sie je gesehen hatte. Doch als die Sonne höher stieg und die Wolke weiter zurückblieb, verschwand das schwebende Schattenbild.

Den ganzen Tag flogen sie weiter wie ein sausender Pfeil durch die Luft. Aber es ging langsamer als sonst, denn nun hatten sie die Schwester zu tragen. Ein böses Wetter zog auf, der Abend brach herein, und ängstlich sah Elisa die Sonne sinken. Noch war die einsame Klippe im Meer nicht zu erblicken. Es kam ihr vor, als schlügen die Schwäne stärker mit den Flügeln. Ach, sie war schuld daran, dass sie nicht schnell genug vorankamen. Wenn die Sonne untergegangen war, mussten sie Menschen werden, ins Meer stürzen und ertrinken. Da betete sie aus dem Innersten ihres Herzens zum lieben Gott, aber noch immer sah sie keine Klippe. Die schwarze Wolke kam näher. Die Wolken standen als eine einzige große, drohende Welle da, die fast wie Blei vorwärtsschoss, und Blitz leuchtete auf Blitz.

Jetzt war die Sonne genau am Rand des Meeres. Elisas Herz bebte. Da schossen die Schwäne hinab, so schnell, dass sie zu fallen glaubte. Aber schon schwebten sie wieder. Die Sonne stand halb unter dem Wasser, da erst erblickte sie die kleine Klippe unter sich. Sie sah nicht größer aus als ein Seehund, der den Kopf aus dem Wasser steckt. Die Sonne sank sehr schnell, jetzt war sie nur noch wie ein Stern, da berührte Elisas Fuß den festen Grund. Die Sonne erlosch wie der letzte Funke in brennendem Papier. Arm in Arm sah sie die Brüder um sich stehen, und mehr Platz, als gerade für sie und für die Brüder, war auch nicht da. Die See schlug gegen die Klippe und ging wie Sprühregen über sie hinweg. Der Himmel leuchtete in einem einzigen fortwährenden Feuer, und Schlag auf Schlag rollte der Donner. Aber Schwester und Brüder hielten einander an den Händen und sangen Psalmen, und daraus schöpften sie Trost und Mut.

Junge Männer drängen sich Arm in Arm um ihre Schwester auf einem winzigen Felsen im Meer, Wellen schlagen über sie, Blitze zerreißen den schwarzen Himmel.

In der Morgendämmerung war die Luft rein und still. Sobald die Sonne aufstieg, flogen die Schwäne mit Elisa von der Klippe fort. Das Meer ging noch hoch, und von hoch oben sah es aus, als wäre der weiße Schaum auf der schwarzgrünen See ein Schwarm von Millionen Schwänen, die auf dem Wasser schwimmen.

Als die Sonne höher stieg, sah Elisa vor sich, halb in der Luft schwimmend, ein Bergland mit glänzenden Eismassen auf den Felsen, und mitten darauf erhob sich ein Schloss, wohl eine Meile lang, mit einem kühnen Säulengang über dem anderen. Unten wogten Palmenwälder und Prachtblumen. Sie fragte, ob das das Land sei, in das sie wollten, aber die Schwäne schüttelten die Köpfe. Denn was sie sah, war das herrliche, immer wechselnde Wolkenschloss der Fata Morgana, und dorthin durften sie keinen Menschen bringen. Elisa starrte es an, da stürzten Berge, Wälder und Schloss zusammen, und zwanzig stolze Kirchen standen vor ihnen, alle einander gleich, mit hohen Türmen und spitzen Fenstern. Sie glaubte die Orgel zu hören, aber es war das Meer, was sie hörte. Nun war sie den Kirchen ganz nahe, da wurden sie zu einer ganzen Flotte, die unter ihr dahinsegelte. Doch als sie hinunterblickte, waren es nur Meernebel, die über das Wasser glitten. So hatte sie einen ewigen Wechsel vor Augen, bis sie endlich das wirkliche Land sah, zu dem sie wollten. Dort erhoben sich die herrlichsten blauen Berge mit Zedernwäldern, Städten und Schlössern. Lange bevor die Sonne unterging, saß sie auf dem Felsen vor einer großen Höhle, die mit feinen grünen Schlingpflanzen bewachsen war; es sah aus, als wären es gestickte Teppiche.

„Nun wollen wir sehen, was du diese Nacht hier träumst“, sagte der jüngste Bruder und zeigte ihr ihre Schlafkammer.

„Gebe der Himmel, dass ich träume, wie ich euch erlösen kann“, sagte sie.

Und dieser Gedanke ließ sie nicht mehr los. Sie betete inbrünstig zu Gott um seine Hilfe, ja, selbst im Schlaf betete sie weiter. Da kam es ihr vor, als flöge sie hoch in die Luft, hinauf zum Wolkenschloss der Fata Morgana, und die Fee kam ihr entgegen, schön und glänzend. Und doch glich sie ganz der alten Frau, die ihr im Wald Beeren gegeben und ihr von den Schwänen mit den Goldkronen erzählt hatte.

„Deine Brüder können erlöst werden“, sagte sie. „Aber hast du Mut und Ausdauer? Wohl ist das Wasser weicher als deine feinen Hände, und doch formt es die Steine um. Aber es fühlt die Schmerzen nicht, die deine Finger fühlen werden; es hat kein Herz und leidet nicht die Angst und die Qual, die du aushalten musst. Siehst du die Brennnessel, die ich in der Hand halte? Von derselben Art wachsen viele rings um die Höhle, in der du schläfst. Nur die dort und die, welche auf den Gräbern des Kirchhofs wachsen, taugen etwas; merk dir das. Die musst du pflücken, obwohl sie dir die Hände voller Blasen brennen. Brich diese Nesseln mit deinen Füßen, so bekommst du Flachs. Daraus musst du elf Panzerhemden mit langen Ärmeln flechten und binden. Wirf sie über die elf Schwäne, dann ist der Zauber gelöst. Aber bedenke gut: Von dem Augenblick an, in dem du diese Arbeit beginnst, bis zu dem, in dem sie vollendet ist, darfst du nicht sprechen, und wenn Jahre darüber vergehen. Das erste Wort, das du sprichst, fährt wie ein tötender Dolch in die Herzen deiner Brüder. An deiner Zunge hängt ihr Leben. Merk dir das alles.“

Und dabei berührte sie Elisas Hand mit der Nessel. Es war wie brennendes Feuer, und Elisa erwachte davon. Es war heller Tag, und dicht neben ihr, wo sie geschlafen hatte, lag eine Nessel wie die, die sie im Traum gesehen hatte. Da fiel sie auf die Knie, dankte dem lieben Gott und ging aus der Höhle hinaus, um ihre Arbeit zu beginnen.

Mit ihren feinen Händen griff sie hinunter in die hässlichen Nesseln. Die waren wie Feuer und brannten ihr große Blasen in Hände und Arme. Aber gern wollte sie es leiden, wenn sie nur die lieben Brüder erlösen konnte. Sie brach jede Nessel mit ihren bloßen Füßen und flocht den grünen Flachs.

Als die Sonne untergegangen war, kamen die Brüder und erschraken, als sie sie so stumm fanden. Sie glaubten, es sei ein neuer Zauber der bösen Stiefmutter. Aber als sie ihre Hände sahen, begriffen sie, was sie ihretwegen tat. Der jüngste Bruder weinte, und wohin seine Tränen fielen, dort fühlte sie keine Schmerzen, dort verschwanden die brennenden Blasen.

Die Nacht verbrachte sie bei ihrer Arbeit, denn sie hatte keine Ruhe, ehe sie die lieben Brüder erlöst hätte. Am folgenden Tag, während die Schwäne fort waren, saß sie allein, aber noch nie war ihr die Zeit so schnell vergangen. Ein Panzerhemd war schon fertig, nun fing sie das zweite an.

Da ertönte ein Jagdhorn zwischen den Bergen, und Furcht ergriff sie. Der Ton kam immer näher, sie hörte Hunde bellen. Erschrocken floh sie in die Höhle, band die Nesseln, die sie gesammelt und gehechelt hatte, zu einem Bündel zusammen und setzte sich darauf.

Gleich darauf kam ein großer Hund aus der Schlucht gesprungen, und noch einer, und noch einer. Sie bellten laut, liefen zurück und kamen wieder. Es dauerte nur wenige Minuten, da standen alle Jäger vor der Höhle, und der schönste unter ihnen war der König des Landes. Er trat auf Elisa zu; nie hatte er ein schöneres Mädchen gesehen.

„Wie bist du hierhergekommen, du herrliches Kind?“, fragte er.

Elisa schüttelte den Kopf. Sie durfte ja nicht sprechen, es ging um die Erlösung und um das Leben ihrer Brüder. Und sie verbarg ihre Hände unter der Schürze, damit der König nicht sah, was sie leiden musste.

„Komm mit mir“, sagte er. „Hier darfst du nicht bleiben. Bist du so gut, wie du schön bist, so will ich dich in Seide und Samt kleiden, dir die Goldkrone aufs Haupt setzen, und du sollst in meinem reichsten Schloss wohnen und herrschen.“

Ein König mit Goldreif im Haar beugt sich vom Pferd zu einer jungen Frau am Höhleneingang hinab; ihre Hände hängen herab, gerötet und dunkel gesprenkelt.

Dann hob er sie auf sein Pferd. Sie weinte und rang die Hände, aber der König sagte: „Ich will nur dein Glück. Einst wirst du mir dafür danken.“

Mit diesen Worten jagte er fort durch die Berge, Elisa vor sich auf dem Pferd, und die Jäger jagten hinterher.

Als die Sonne unterging, lag die schöne Königsstadt mit Kirchen und Kuppeln vor ihnen, und der König führte Elisa in das Schloss, wo große Springbrunnen in den Marmorsälen plätscherten und wo Wände und Decken von Gemälden prangten. Aber sie hatte keine Augen dafür, sie weinte und trauerte. Willig ließ sie sich von den Frauen königliche Kleider anlegen, Perlen ins Haar flechten und feine Handschuhe über die verbrannten Finger ziehen.

Als sie in ihrer Pracht dastand, war sie so blendend schön, dass der ganze Hof sich tief verneigte. Und der König erwählte sie zu seiner Braut, obwohl der Erzbischof den Kopf schüttelte und flüsterte, das schöne Waldmädchen sei gewiss eine Hexe; sie blende die Augen und betöre das Herz des Königs.

Aber der König hörte nicht darauf. Er ließ die Musik spielen, die köstlichsten Gerichte auftragen und die lieblichsten Mädchen um sie herum tanzen. Man führte sie durch duftende Gärten in prächtige Säle, aber kein Lächeln kam auf ihre Lippen und keines in ihre Augen. Wie ein Bild der Trauer stand sie da. Dann öffnete der König eine kleine Kammer dicht daneben, in der sie schlafen sollte. Sie war mit kostbaren grünen Teppichen geschmückt und glich der Höhle, in der Elisa gewesen war. Auf dem Fußboden lag das Bündel Flachs, das sie aus den Nesseln gewonnen hatte, und unter der Decke hing das Panzerhemd, das schon fertig war. Einer der Jäger hatte das alles als Merkwürdigkeit mitgenommen.

„Hier kannst du dich in deine frühere Heimat zurückträumen“, sagte der König. „Hier ist die Arbeit, die dich dort beschäftigt hat. Jetzt, mitten in all deiner Pracht, wird es dich freuen, an jene Zeit zurückzudenken.“

Als Elisa sah, was ihrem Herzen so nahe lag, spielte ein Lächeln um ihren Mund, und das Blut kehrte in ihre Wangen zurück. Sie dachte an die Erlösung ihrer Brüder, küsste dem König die Hand, und er drückte sie an sein Herz und ließ durch alle Kirchenglocken das Hochzeitsfest verkünden. Das schöne, stumme Mädchen aus dem Wald wurde die Königin des Landes.

Da flüsterte der Erzbischof böse Worte in die Ohren des Königs, aber sie drangen nicht bis zu seinem Herzen. Die Hochzeit sollte stattfinden. Der Erzbischof selbst musste ihr die Krone aufs Haupt setzen, und in böser Absicht drückte er ihr den engen Reif fest auf die Stirn, sodass es schmerzte. Doch ein schwererer Reif lag um ihr Herz, die Trauer um ihre Brüder. Die Schmerzen des Körpers spürte sie nicht. Ihr Mund war stumm, ein einziges Wort hätte ja ihren Brüdern das Leben gekostet. Aber in ihren Augen sprach sich innige Liebe zu dem guten, schönen König aus, der alles tat, um sie zu erfreuen. Von ganzem Herzen gewann sie ihn von Tag zu Tag lieber. Oh, wenn sie sich ihm nur hätte anvertrauen und ihm ihr Leid hätte klagen dürfen! Doch stumm musste sie sein, und stumm musste sie ihr Werk vollenden. Deshalb schlich sie sich nachts von seiner Seite fort, ging in die kleine Kammer, die wie die Höhle geschmückt war, und strickte ein Panzerhemd nach dem anderen fertig. Aber als sie das siebte anfing, hatte sie keinen Flachs mehr.

Auf dem Kirchhof, das wusste sie, wuchsen die Nesseln, die sie brauchen konnte. Aber die musste sie selbst pflücken. Wie sollte sie nur dorthin gelangen?

„Oh, was ist der Schmerz in meinen Fingern gegen die Qual, die mein Herz erduldet!“, dachte sie. „Ich muss es wagen. Der Herr wird seine Hand nicht von mir abziehen.“

Mit einer Herzensangst, als wäre es eine böse Tat, die sie vorhatte, schlich sie sich in der mondhellen Nacht in den Garten hinunter, ging durch die Alleen und durch die einsamen Straßen hinaus zum Kirchhof. Da sah sie auf einem der breitesten Grabsteine einen Kreis von Lamien sitzen. Diese hässlichen Hexen zogen ihre Lumpen aus, als wollten sie baden, und dann gruben sie mit langen, mageren Fingern die frischen Gräber auf, holten mit teuflischer Gier die Toten heraus und aßen ihr Fleisch. Elisa musste dicht an ihnen vorbei, und sie hefteten ihre bösen Blicke auf sie. Aber Elisa betete still, sammelte die brennenden Nesseln und trug sie ins Schloss heim.

Eine junge Frau kniet im Mondlicht zwischen schiefen Grabsteinen und greift barhändig nach Brennnesseln; auf dem unteren Handrücken sitzen dunkelrote Quaddeln.

Nur ein einziger Mensch hatte sie gesehen, der Erzbischof. Er war wach, wenn die anderen schliefen. Nun hatte er also doch recht mit seiner Meinung, dass es mit der Königin nicht so stand, wie es sein sollte. Sie war eine Hexe, und deshalb hatte sie den König und das Volk betört.

Im Beichtstuhl sagte er dem König, was er gesehen hatte und was er fürchtete. Und als die harten Worte von seiner Zunge strömten, schüttelten die Heiligenbilder die Köpfe, als wollten sie sagen: „Es ist nicht so. Elisa ist unschuldig.“

Aber der Erzbischof legte es anders aus. Er meinte, sie zeugten gegen sie und schüttelten über ihre Sünde die Köpfe. Da rollten zwei schwere Tränen über die Wangen des Königs. Er ging nach Hause, mit Zweifel im Herzen, und stellte sich in der Nacht schlafend. Aber kein ruhiger Schlaf kam in seine Augen; er merkte, wie Elisa aufstand. Jede Nacht wiederholte sie das, und jedes Mal folgte er ihr leise und sah, wie sie in ihrer Kammer verschwand.

Von Tag zu Tag wurde seine Miene finsterer. Elisa sah es, begriff aber nicht, warum. Es ängstigte sie, und was litt sie nicht im Herzen um ihre Brüder! Auf den königlichen Samt und Purpur flossen ihre heißen Tränen, sie lagen dort wie schimmernde Diamanten, und alle, die diese reiche Pracht sahen, wünschten sich, Königin zu sein. Inzwischen war sie bald mit ihrer Arbeit fertig, nur ein Panzerhemd fehlte noch. Aber Flachs hatte sie keinen mehr und auch nicht eine einzige Nessel. Einmal, nur dieses letzte Mal, musste sie deshalb noch zum Kirchhof, um ein paar Hände voll zu pflücken. Sie dachte mit Angst an diesen einsamen Gang und an die schrecklichen Lamien, aber ihr Wille stand fest, und ebenso fest stand ihr Vertrauen auf den Herrn.

Elisa ging, aber der König und der Erzbischof folgten ihr. Sie sahen sie durch die Gitterpforte auf dem Kirchhof verschwinden, und als sie näher kamen, saßen die Lamien auf dem Grabstein, so wie Elisa sie gesehen hatte. Und der König wandte sich ab, denn unter ihnen dachte er sich die, deren Kopf noch an diesem Abend an seiner Brust geruht hatte.

„Das Volk muss sie verurteilen“, sagte er.

Und das Volk verurteilte sie: Sie sollte den Feuertod erleiden.

Aus den prächtigen Königssälen führte man sie in ein dunkles, feuchtes Loch, wo der Wind durch das Gitter hereinpfiff. Statt Samt und Seide gab man ihr das Bündel Nesseln, das sie gesammelt hatte; darauf konnte sie ihren Kopf legen. Die harten, brennenden Panzerhemden, die sie gestrickt hatte, sollten ihre Decken sein. Aber nichts Lieberes hätte man ihr geben können. Sie nahm ihre Arbeit wieder vor und betete zu Gott. Draußen sangen die Straßenjungen Spottlieder auf sie, und keine Seele tröstete sie mit einem freundlichen Wort.

Da schwirrten gegen Abend dicht am Gitter Schwanenflügel. Das war der jüngste der Brüder. Er hatte die Schwester gefunden, und sie schluchzte laut vor Freude, obwohl sie wusste, dass die kommende Nacht wohl die letzte sein würde, die sie zu leben hatte. Aber nun war ja auch die Arbeit fast beendet, und ihre Brüder waren da.

Nun kam der Erzbischof, um in der letzten Stunde bei ihr zu sein; das hatte er dem König versprochen. Aber sie schüttelte den Kopf und bat ihn mit Blicken und Mienen, er möge gehen. In dieser Nacht musste sie ihre Arbeit vollenden, sonst war alles umsonst: der Schmerz, die Tränen und die schlaflosen Nächte. Der Erzbischof entfernte sich mit bösen Worten gegen sie, aber die arme Elisa wusste, dass sie unschuldig war, und arbeitete weiter.

Die kleinen Mäuse liefen über den Fußboden und schleppten Nesseln zu ihren Füßen hin, um wenigstens ein bisschen zu helfen. Und die Drossel setzte sich an das Gitter des Fensters und sang die ganze Nacht so munter, wie sie konnte, damit Elisa den Mut nicht verlor.

Es dämmerte noch, erst in einer Stunde würde die Sonne aufgehen, da standen die elf Brüder am Tor des Schlosses und verlangten, vor den König geführt zu werden. Das könne nicht geschehen, wurde geantwortet, es sei ja noch Nacht, der König schlafe und dürfe nicht geweckt werden. Sie baten, sie drohten, die Wache kam, ja selbst der König trat heraus und fragte, was das bedeuten solle. Da ging die Sonne auf, und nun waren keine Brüder mehr zu sehen, aber über das Schloss flogen elf wilde Schwäne dahin.

Aus dem Stadttor strömte das ganze Volk; es wollte die Hexe brennen sehen. Ein alter Gaul zog den Karren, auf dem sie saß. Man hatte ihr einen Kittel aus grobem Sackleinen angezogen, ihr herrliches Haar hing offen um den schönen Kopf, ihre Wangen waren totenbleich, und ihre Lippen bewegten sich leise, während die Finger den grünen Flachs verarbeiteten. Selbst auf dem Weg zu ihrem Tod unterbrach sie die angefangene Arbeit nicht. Die zehn Panzerhemden lagen zu ihren Füßen, am elften arbeitete sie. Der Pöbel verhöhnte sie.

„Seht die rote Hexe, wie sie murmelt! Kein Gesangbuch hat sie in der Hand, nein, mit ihrer hässlichen Gaukelei sitzt sie da. Reißt sie ihr in tausend Stücke!“

Und alle drängten auf sie ein und wollten die Panzerhemden zerreißen. Da kamen elf wilde Schwäne geflogen, setzten sich rings um sie auf den Karren und schlugen mit ihren großen Schwingen. Nun wich der Haufe erschrocken zur Seite.

„Das ist ein Zeichen des Himmels! Sie ist gewiss unschuldig!“, flüsterten viele. Aber sie wagten nicht, es laut zu sagen.

Jetzt ergriff der Henker sie bei der Hand. Da warf sie hastig die elf Panzerhemden über die Schwäne, und sogleich standen elf schöne Prinzen da. Aber der Jüngste hatte einen Schwanenflügel statt des einen Arms, denn in seinem Panzerhemd fehlte ein Ärmel; den hatte sie nicht mehr fertig bekommen.

Auf einem hölzernen Karren steht eine junge Frau zwischen jubelnden Brüdern, ein Junge unter ihnen hat statt eines Arms einen weißen Schwanenflügel.

„Nun darf ich sprechen“, sagte sie. „Ich bin unschuldig.“

Und das Volk, das sah, was geschehen war, neigte sich vor ihr wie vor einer Heiligen. Sie aber sank leblos in die Arme der Brüder, so hatten Anspannung, Angst und Schmerz auf sie gewirkt.

„Ja, unschuldig ist sie“, sagte der älteste Bruder, und nun erzählte er alles, was geschehen war.

Und während er sprach, verbreitete sich ein Duft wie von Millionen Rosen, denn jedes Stück Brennholz im Scheiterhaufen hatte Wurzeln geschlagen und trieb Zweige. Eine duftende Hecke stand da, hoch und groß, voller roter Rosen, und ganz oben saß eine Blüte, weiß und glänzend; sie leuchtete wie ein Stern. Die pflückte der König und steckte sie Elisa an die Brust. Da erwachte sie mit Frieden und Glückseligkeit im Herzen.

Und alle Kirchenglocken läuteten von selbst, und die Vögel kamen in großen Zügen. Zurück zum Schloss aber ging ein Hochzeitszug, wie ihn noch kein König gesehen hatte.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Sämmtliche Märchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

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