Zum Inhalt springen
Ein Junge beugt sich über eine Waldquelle, seine Haarspitzen im Wasser leuchten golden, darunter zieht ein goldener Fisch; am Waldrand steht ein wilder Mann.

Der Eisenhans

Brüder Grimm

10 Min. Lesezeitab 6 Jahren

Ein Königssohn lässt den wilden Mann aus dem eisernen Käfig frei und wird von ihm in den Wald getragen, wo sein Haar am Brunnen golden wird. Als Ritter gewinnt er die Schlacht und die goldenen Äpfel, und bei der Hochzeit mit der Königstochter tritt der Eisenhans als stolzer König herein und schenkt ihm seine Schätze.


Es war einmal ein König, dem ein großer Wald gehörte. Darin lebte Wild aller Art, doch eines Tages schickte er einen Jäger aus, ein Reh zu erlegen, und der kehrte nicht zurück.

Auch die beiden Jäger, die ihn suchen sollten, blieben verschwunden, und als am dritten Tag alle Jäger des Königs in den Wald zogen, kam keiner von ihnen wieder. Von da an wagte sich niemand mehr hinein, und der Wald lag still und verlassen da.

Nach vielen Jahren kam ein fremder Jäger an den Hof und bot an, den gefährlichen Wald zu durchstreifen. Der König warnte ihn, doch der Jäger fürchtete sich nicht und zog mit seinem Hund hinein.

Bald nahm der Hund eine Fährte auf und blieb vor einem tiefen Teich stehen. Da schoss ein nackter Arm aus dem Wasser, packte den Hund und zog ihn hinab. Der Jäger holte Männer mit Eimern, und sie schöpften den Teich leer. Auf dem Grund fanden sie einen wilden Mann, dessen Haut braun und rostig aussah wie altes Eisen und dessen Haare ihm bis über die Knie fielen.

Zwei Männer in groben Kitteln zerren einen gefesselten Mann mit rostbrauner Haut über den leeren Teichgrund, Eimer liegen im Schlamm, ein Jäger sieht zu.

Sie banden ihn und brachten ihn zum Schloss, wo der König ihn in einen eisernen Käfig sperren ließ. Die Königin behielt den Schlüssel selbst, und niemand durfte den Käfig öffnen.

Der König hatte einen achtjährigen Sohn. Als der Junge einmal im Hof spielte, fiel sein goldener Ball in den Käfig. „Gib mir meinen Ball zurück“, verlangte er. „Erst wenn du mir die Tür öffnest“, antwortete der wilde Mann.

Der Junge wollte nicht und lief davon. Am nächsten Tag verlangte er seinen Ball von neuem, doch die Tür wollte er dem wilden Mann wieder nicht öffnen. Am dritten Tag kam er zurück, als der König zur Jagd geritten war. „Selbst wenn ich wollte, ich habe ja keinen Schlüssel“, sagte er. „Er liegt unter dem Kopfkissen deiner Mutter“, sagte der wilde Mann. Der Junge wollte seinen Ball so sehr zurückhaben, dass er den Schlüssel holte. Die Tür ging schwer auf, und er klemmte sich den Finger dabei ein.

Ein kleiner Junge mit hellblondem Haar stemmt eine schwere Gittertür auf, der große Schlüssel steckt noch im Schloss, der bärtige wilde Mann tritt heraus.

Als der wilde Mann heraustrat, gab er dem Jungen seinen Ball und wollte forteilen. Der Junge erschrak und rief ihm nach: „Geh nicht fort, sonst bekomme ich Schläge!“ Da nahm ihn der wilde Mann kurzerhand auf die Schultern und trug ihn tief in den Wald hinein.

Als der König heimkam und den leeren Käfig sah, war die Bestürzung groß. Man suchte den Jungen überall, doch niemand fand ihn, und am Hof herrschte tiefe Trauer.

Tief im Wald setzte der wilde Mann den Jungen ab und sprach: „Deine Eltern wirst du nicht mehr wiedersehen, aber du hast mich befreit, und ich habe Mitleid mit dir. Bleib bei mir und tu, was ich dir sage, dann soll es dir gut gehen, denn ich besitze mehr Gold und Schätze, als irgendjemand auf der Welt.“

Er bettete den Jungen auf weiches Moos, und am nächsten Morgen führte er ihn zu einem Brunnen, dessen Wasser klar wie Kristall war. „Wache darüber, dass nichts hineinfällt, sonst wird er unrein“, sagte er, „jeden Abend komme ich und sehe nach.“

Der Junge saß am Rand und beobachtete, wie manchmal ein goldener Fisch, manchmal eine goldene Schlange im Wasser vorüberglitt. Einmal schmerzte sein verletzter Finger so sehr, dass er ihn unwillkürlich ins Wasser tauchte, und als er ihn herauszog, war der Finger vergoldet, so sehr er auch daran rieb. Abends bemerkte der Eisenhans es sofort, verzieh ihm aber und mahnte ihn zur Vorsicht.

Am nächsten Tag fiel ihm ein Haar in den Brunnen, als er sich mit dem schmerzenden Finger über den Kopf fuhr, und auch dieses Haar wurde golden. Der Eisenhans verzieh ihm noch einmal, warnte ihn aber, dass es beim dritten Mal vorbei wäre.

Am dritten Tag hütete sich der Junge, den Finger überhaupt zu bewegen, doch die Zeit wurde ihm lang, und er beugte sich über sein Spiegelbild im Wasser, um sich in die Augen zu sehen. Dabei fiel sein langes Haar hinab, und im Nu war es ganz golden und glänzte wie die Sonne. Er band schnell ein Tuch um den Kopf, aber der Eisenhans wusste sogleich, was geschehen war.

„Du hast die Probe nicht bestanden und kannst nicht länger bei mir bleiben“, sagte er. „Geh hinaus in die Welt, dort wirst du erfahren, was Armut ist. Aber weil dein Herz gut ist, erlaube ich dir eins: Gerätst du in Not, so geh zum Wald und rufe meinen Namen, dann komme ich und helfe dir. Meine Macht ist größer, als du denkst.“

So zog der Königssohn hinaus in die Welt und kam schließlich in eine große Stadt. Er fand keine Arbeit, denn er hatte nichts gelernt. Endlich nahm man ihn am Schloss als Küchenjungen auf. Er musste Holz und Wasser tragen und die Asche zusammenkehren.

Weil er seine goldenen Haare verbergen wollte, trug er stets ein Hütchen, selbst als er einmal die Speisen zur königlichen Tafel bringen musste. Der König verlangte, er solle den Hut abnehmen, doch der Junge behauptete, einen hässlichen Ausschlag zu haben. Empört über solche Unart, wollte der König ihn fortjagen, doch der Koch, der Mitleid mit ihm hatte, machte ihn stattdessen zum Gärtnerjungen.

Im Garten musste er nun bei Wind und Wetter graben, pflanzen und gießen, bis er im Lauf der Jahre zu einem jungen Mann herangewachsen war. An einem heißen Sommertag nahm er, als er allein war, sein Hütchen ab, damit ihm die Luft ein wenig Kühlung brächte. Da fiel die Sonne auf sein goldenes Haar, und der Schein drang bis ins Zimmer der Königstochter, die aufsprang, um zu sehen, was dort leuchtete.

Sie entdeckte ihn und rief ihm zu, er solle ihr einen Blumenstrauß bringen. Er setzte hastig sein Hütchen wieder auf und pflückte ihr wilde Feldblumen. Als sie ihm sein Hütchen abnehmen wollte, wehrte er sich, doch die goldenen Locken kamen trotzdem zum Vorschein. Sie schenkte ihm eine Hand voll Goldmünzen, aber er brachte sie dem Gärtner für dessen Kinder zum Spielen. So ging es an zwei weiteren Tagen, und jedes Mal gab er das Gold weiter.

Im blühenden Garten nimmt eine junge Frau im hellen Kleid dem Burschen das Hütchen ab, darunter leuchtet goldenes Haar, er hält einen Strauß Feldblumen.

Nicht lange danach zog ein Krieg über das Land, und der König wusste kaum, wie er sich gegen die Übermacht des Feindes wehren sollte. Da bat der Gärtnerjunge um ein Pferd, um mitzuziehen, doch die anderen lachten nur und ließen ihm ein lahmes dreibeiniges Pferd zurück, das hinkend dahintrottete.

Er stieg trotzdem auf, ritt zum dunklen Wald und rief dreimal laut den Namen Eisenhans. Sogleich erschien der wilde Mann.

„Was verlangst du?“, fragte er.

„Ich brauche ein starkes Ross, denn ich will in den Krieg ziehen.“

„Das sollst du haben, und noch mehr“, sagte der Eisenhans.

Bald darauf brachte ein Stallknecht ein schnaubendes, kaum zu bändigendes Ross, gefolgt von einer stattlichen Schar Krieger, ganz in Eisen gerüstet. Der Jüngling übergab dem Knecht sein altes Pferd, bestieg das neue und ritt der Schar voran in die Schlacht, in der die Truppen des Königs schon fast geschlagen waren. Wie ein Sturm brach er über die Feinde herein und trieb sie in die Flucht.

Ein Reiter mit goldenem Haar in schlichtem Kittel sprengt mit gezogenem Schwert vor gepanzerten Kriegern her, die Feinde fliehen über die weite Ebene.

Doch statt zum König zurückzukehren, führte er seine Schar auf Umwegen zum Wald und rief den Eisenhans.

„Was verlangst du?“, fragte der wilde Mann.

„Nimm dein Ross und deine Schar zurück und gib mir mein lahmes Pferd wieder.“

So geschah es, und er ritt auf seinem lahmen Pferd unbemerkt heim.

Als der König zurückkam, wollte seine Tochter wissen, wem der Sieg zu verdanken war. „Einem fremden Ritter, der mit seiner Schar zu Hilfe kam“, sagte der König, „doch ich weiß nicht, wer er ist.“ Sie fragte den Gärtner nach seinem Jungen, doch der lachte nur, denn der Junge war eben erst auf seinem dreibeinigen Pferd zurückgekehrt und wurde von den anderen verspottet. Er aber sagte, er habe das Beste getan, ohne ihn wäre es schlecht gegangen, und da lachten sie noch mehr.

Der König ließ nun ein dreitägiges Fest ausrufen, bei dem seine Tochter einen goldenen Apfel werfen sollte, in der Hoffnung, dass der unbekannte Ritter erscheinen würde. Der Gärtnerjunge ging zum Wald und rief: „Eisenhans!“

„Was verlangst du?“, fragte der wilde Mann.

„Ich möchte den goldenen Apfel der Königstochter fangen.“

„Das ist so gut wie geschehen“, sagte der Eisenhans und gab ihm eine rote Rüstung und einen stolzen Fuchs. Am ersten Tag fing der Jüngling den Apfel als Einziger und jagte sogleich davon, ohne dass ihn jemand erkannte. Am zweiten Tag rief er den Eisenhans erneut und erschien in weißer Rüstung auf einem Schimmel, fing wieder den Apfel und verschwand. Verärgert befahl der König, den Ritter beim dritten Mal aufzuhalten, sollte er nicht freiwillig bleiben.

Am dritten Tag rief der Jüngling den Eisenhans ein letztes Mal und kam in schwarzer Rüstung auf einem Rappen. Er fing den Apfel, doch als er floh, verwundete ihn ein Verfolger mit der Schwertspitze am Bein, und sein Helm fiel ihm vom Kopf, sodass alle sein goldenes Haar sahen. Die Männer ritten zurück und berichteten dem König alles.

Schwarz gerüstet galoppiert ein Reiter auf einem Rappen, den goldenen Apfel im Arm; der Helm mit goldenem Federbusch fliegt fort, goldenes Haar wird sichtbar.

Am nächsten Tag fragte die Königstochter wieder nach dem Gärtnerjungen. „Er war beim Fest und zeigte meinen Kindern drei goldene Äpfel“, sagte der Gärtner. Der König ließ ihn holen, und die Königstochter nahm ihm sein Hütchen ab. Da fielen seine goldenen Haare über seine Schultern, und alle sahen, wie schön er war.

„Warst du der Ritter, der jeden Tag in anderer Farbe kam und die Äpfel fing?“, fragte der König. „Ja“, antwortete er, holte die drei goldenen Äpfel aus seiner Tasche und zeigte auch die Wunde an seinem Bein. „Ich bin auch der Ritter, der euch zum Sieg verholfen hat.“

Der junge Mann mit goldenem Haar kniet vor dem alten König und reicht ihm drei leuchtende goldene Äpfel auf einem Kissen, der Hof im Kerzenlicht staunt.

„Wer ist dein Vater, dass du solche Taten vollbringst?“, fragte der König. „Mein Vater ist ein mächtiger König, und Gold habe ich mehr, als ich je brauchen werde.“

„Dann bin ich dir Dank schuldig“, sagte der König. „Was kann ich für dich tun?“

„Gebt mir eure Tochter zur Frau“, antwortete er. Die Königstochter lachte und sagte, sie habe schon an seinen goldenen Haaren erkannt, dass er kein Gärtnerjunge sei. Dann küsste sie ihn.

Zur Hochzeit kamen auch seine eigenen Eltern, die längst alle Hoffnung aufgegeben hatten, ihren Sohn wiederzusehen, und ihre Freude war groß. Mitten im Fest verstummte plötzlich die Musik, die Türen öffneten sich, und ein stolzer König trat mit großem Gefolge herein.

Er umarmte den Jüngling und sprach: „Ich bin der Eisenhans. Ich war in einen wilden Mann verwünscht, doch du hast mich erlöst. Alle Schätze, die ich besitze, sollen von nun an dir gehören.“

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Kinder- und Hausmärchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

Lizenz: Gemeinfrei