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Vorn kriecht eine Schildkröte über den sandigen Weg, am rechten Rand steht ein Pfosten mit buntem Band, links hinten schläft ein Hase unter einem Baum.

Der Hase und die Schildkröte

Äsop

2 Min. Lesezeit ab 4 Jahren Bewertung der Leserinnen und Leser in allen Sprachen: 4,7 von 5 Sternen, 7 Stimmen. Wie hat dir diese Fabel gefallen?

Der Hase spottet, die Schildkröte brauche einen halben Tag, bis sie um den Busch herum sei. Sie sieht ihn ruhig an, fordert ihn zum Wettlauf heraus und wettet, dass sie gewinnt.


Eines Morgens kam ein Hase den Feldweg entlang und sah eine Schildkröte, die sich langsam über den warmen Sand schob. Er blieb stehen und lachte.

„Sieh dich doch an“, rief er. „Du brauchst ja einen halben Tag, bis du um den Busch herum bist.“

Die Schildkröte hob den Kopf und sah ihn ruhig an.

„Warte nur ab“, sagte sie. „Ich laufe mit dir um die Wette, und ich wette, dass ich gewinne.“

Da lachte der Hase noch lauter. Der Gedanke gefiel ihm so gut, dass er sich kaum halten konnte.

„Von mir aus“, sagte er. „Versuchen wir es.“

Sie wurden sich schnell einig, dass der Fuchs die Strecke abstecken und den Schiedsrichter machen sollte. Am Ende des Weges rammte er einen Pfosten in die Erde und knotete ein buntes Band daran, damit beide das Ziel schon von Weitem sehen konnten.

Am nächsten Morgen standen der Hase und die Schildkröte nebeneinander. Der Fuchs hob die Pfote, ließ sie fallen, und das Rennen begann.

Der Hase schoss davon. Nach ein paar Sprüngen war die Schildkröte hinter ihm nur noch ein dunkler Punkt auf dem Weg.

Wo der Weg an einer Wiese vorbeiführte, hielt der Hase an und blickte zurück. Von der Schildkröte war nichts zu sehen.

„Zeit habe ich genug“, dachte er. „Ein Weilchen im Gras schadet niemandem.“

Er streckte sich unter einem Baum ins weiche Gras, und ehe er sich versah, war er fest eingeschlafen.

Die Schildkröte aber kroch weiter. Schritt für Schritt, ohne anzuhalten, ohne sich umzusehen. Sie kam an dem schlafenden Hasen vorbei und kroch einfach weiter.

Der Weg wurde kürzer, die Schatten wurden länger, und das bunte Band am Pfosten kam näher.

Erst als die Sonne schon tief stand, fuhr der Hase aus dem Schlaf. Mit einem Satz sprang er auf und rannte los, so schnell ihn seine Beine trugen.

Doch als er um die letzte Biegung kam, saß der Fuchs bereits am Pfosten mit dem bunten Band. Die Schildkröte stand schon dahinter, und bis dorthin hatte der Hase noch ein weites Stück vor sich.

Der Fuchs sitzt am Pfosten mit dem bunten Band und sieht zur Schildkröte, die schon daran vorbei ist; weit hinten rennt der Hase auf dem Weg.

„Das Rennen ist gelaufen“, sagte der Fuchs. „Die Schildkröte hat gewonnen.“

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Nacherzählt von Talerie, Quelle: Aesop’s Fables: a new translation (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei

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Über diese Fabel

„Der Hase und die Schildkröte“ gehört zu den Fabeln, die man Äsop zuschreibt. In Émile Chambrys Ausgabe der griechischen Fabeln trägt sie die Nummer 352: Die beiden streiten, wer schneller ist, der Hase legt sich am Wegrand schlafen, und die Schildkröte läuft ohne Pause an ihm vorbei bis ins Ziel.

Als Vorlage nehmen wir V. S. Vernon Jones’ englische Übertragung, in der sie „The Hare and the Tortoise“ heißt. Bei ihm verspottet der Hase die Schildkröte, sie fordert ihn zum Wettlauf heraus, und der Fuchs steckt die Strecke ab und ist Schiedsrichter. Aus seinem einen Absatz sind bei uns siebzehn geworden.

Der Wettlauf bei Chambry und bei Vernon Jones

Griechisch (Chambry Nr. 352)Vernon Jones (1912)
Der AnfangStreit, wer von beiden schneller istHase verspottet die langsame Schildkröte
Herausforderungkeine, nur Tag und Ort werden vereinbartSchildkröte bietet Wettlauf und Wette an
Schiedsrichterkeinerder Fuchs, er legt auch die Strecke fest
Der Haselegt sich am Wegrand hin und schläftlegt sich hin und schläft fest ein
Die Schildkröteläuft ohne Pause am Schlafenden vorbeistapft weiter, ein Überholen wird nicht erwähnt
Der Schlusssie gewinnt den Preis, damit endet die FabelHase schreckt hoch und rennt los, zu spät
LehreArbeit siegt oft über vernachlässigte Begabung„Slow and steady wins the race.“
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Ich laufe mit dir um die Wette, und ich wette, dass ich gewinne.
V. S. Vernon Jones, 1912: I'll run a race with you, and I'll wager that I win.

Was in unserem Text geschieht

Unser Hase kommt eines Morgens den Feldweg entlang und lacht die Schildkröte aus: „Du brauchst ja einen halben Tag, bis du um den Busch herum bist.“ Sie schlägt ihm darauf den Wettlauf vor und wettet, dass sie gewinnt. Der Fuchs steckt die Strecke ab, rammt am Ende des Weges einen Pfosten mit einem bunten Band in die Erde und gibt am nächsten Morgen das Zeichen zum Start. Der Hase legt sich unterwegs unter einem Baum ins weiche Gras und schläft ein. Die Schildkröte kriecht an ihm vorbei; das steht so in der griechischen Fabel, bei Vernon Jones aber nicht. Als der Hase aufwacht, steht die Sonne schon tief; er rennt los, doch am Ziel erklärt der Fuchs die Schildkröte schon zur Siegerin.

Die Lehre, die unter unserer Fabel steht, stammt von uns: „Ans Ziel kommt nicht der Schnellste, sondern wer unterwegs nicht stehen bleibt.“ Vernon Jones’ bekannten Satz „Slow and steady wins the race“ übernehmen wir nicht wörtlich. Beim Vorlesen musst du nichts befürchten: Keiner schummelt, und der Hase verliert nur das Rennen.

La Fontaine, Jacobs und eine Verwechslung mit dem Igel

La Fontaine stellt die Lehre an den Anfang seiner Versfabel: „Rien ne sert de courir“. Auch bei ihm schlägt die Schildkröte die Wette vor, doch einen Fuchs gibt es nicht, und wer Schiedsrichter war, lässt er bewusst offen. Dass sein Hase einschläft, sagt er nicht ausdrücklich: Der Hase hätte Zeit zum Schlafen, er grast und ruht sich aus. Am Ende fragt die Schildkröte spöttisch, wie das erst wäre, wenn er ein Haus tragen müsste. Bei Joseph Jacobs fehlt der Fuchs ebenfalls; der Hase legt sich hin, um seine Verachtung zu zeigen, und die Schildkröte selbst sagt: „Plodding wins the race.“

In seinen Anmerkungen schreibt Jacobs, die Geschichte komme bei Grimm auch als Volksmärchen vor. Leicht zu verwechseln ist sie mit dem Märchen „Der Hase und der Igel“, das du bei uns ebenfalls findest. Dort gewinnt der Igel mit einer List: Am anderen Ende der Furche wartet seine Frau, die genauso aussieht wie er, und der Hase läuft so lange hin und her, bis er tot liegen bleibt.

Quellen

Historische Fassungen

Kommentar

Katalog

Am 24. Oktober 2026 mit diesen Quellen abgeglichen.

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