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Eine grüne Grille sitzt mit geschlossenen Augen auf einem Zweig und spielt Geige, darunter tragen Ameisen in langer Reihe Körner zu einer Tür im Grashügel.

Die Grille und die Ameise

Äsop

2 Min. Lesezeitab 3 Jahren

An einem Wintermorgen trocknet die Ameise ihr feucht gewordenes Korn, als die hungrige Grille über den Boden kommt und um ein paar Körner bittet. Weil die Grille den Sommer über nur gesungen hat, rät ihr die Ameise, dann eben den Winter über zu tanzen, lacht in sich hinein und macht sich wieder an ihr Korn.


An einem hellen Wintermorgen hatte die Ameise alles nach draußen geschafft. Die langen Herbstregen waren bis in ihre Vorratskammer gesickert, und das Korn war feucht geworden.

Auf einem flachen Stein in der Sonne schüttete sie es zu kleinen Häufchen auf. Eines nach dem anderen wendete sie mit den Vorderbeinen, ließ es eine Weile in der Wärme liegen und ging dann weiter.

Da kam die Grille über den kalten Boden, ganz steif vor Kälte, die Flügel eng an den Leib gepresst. Am Rand des Steins blieb sie stehen und sah dem Korn beim Trocknen zu.

„Bitte“, sagte sie endlich, „gib mir ein paar Körner. Ich sterbe vor Hunger.“

An einem hellen Wintermorgen breitet eine Ameise auf einem flachen Stein Körner zum Trocknen aus, daneben zittert die Grille und hebt bittend ein Vorderbein.

Die Ameise ließ das Häufchen liegen, das sie gerade wendete, und richtete sich auf. Mitten in der Arbeit innezuhalten war sonst nicht ihre Art, aber diesmal tat sie es.

„Darf ich dich etwas fragen?“, sagte sie. „Was hast du den ganzen Sommer über getrieben? Warum hast du nichts für den Winter zurückgelegt?“

„Ach“, antwortete die Grille, „ich hatte so viel zu singen, dass ich einfach nicht dazu gekommen bin.“

„Du hast den Sommer über gesungen“, sagte die Ameise. „Dann tanz eben den Winter über.“

Und sie lachte in sich hinein und machte sich wieder an ihr Korn.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Aesop’s Fables: a new translation (wird in einem neuen Fenster geöffnet)Lizenz: Gemeinfrei

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6 Min. Lesezeitab 4 Jahren

Über diese Fabel

Die Fabel von der Grille und der Ameise wird Äsop zugeschrieben. Wir haben sie in dem kurzen griechischen Prosatext gelesen, den Émile Chambry als Nummer 336 herausgab: Im Winter trocknen Ameisen ihr nass gewordenes Getreide, und ein hungriges Insekt bittet sie um etwas zu essen.

Nacherzählt haben wir die Fabel nach V. S. Vernon Jones, dessen englische Übersetzung sich eng an diese Szene hält. Dort heißt das bittende Tier „Grasshopper“, und eine Lehre fehlt. Wir erzählen von einer einzigen Ameise und einer Grille; die Lehre am Schluss stammt von uns.

Die griechische Fabel und unsere englische Vorlage

Griechisch (Chambry Nr. 336)Vernon Jones (1912)
Die Szeneim Winter, Getreide wird getrocknetein schöner Wintertag, Korn wird getrocknet
Die Ameisenmehrere, ihr Getreide ist nassmehrere, Korn feucht nach langem Regen
Wer bittetτέττιξ, bei Chambry „cigale“„a Grasshopper“
Die Bitteum etwas zu essenum ein paar Körner
Die Ausredekeine Zeit, habe schön gesungenvor lauter Singen keine Zeit gehabt
Antwortim Sommer gesungen, im Winter tanzenden Winter am besten mit Tanzen verbringen
Das Lachendie Ameisen antworten lachenddie Ameisen lachen leise und arbeiten weiter
LehreNachlässigkeit bringt Kummer und Gefahrkeine
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Du hast den Sommer über gesungenDann tanz eben den Winter über.
V. S. Vernon Jones, 1912: If you spent the summer singing, / you can't do better than spend the winter dancing.

Was unser Text erzählt

Vernon Jones braucht für die Fabel einen einzigen Absatz, bei uns sind es neun, ohne dass etwas Neues geschieht. Den langen Regen, der das Korn feucht gemacht hat, gibt es schon bei ihm; bei uns sind es Herbstregen, die bis in die Vorratskammer gesickert sind. Hinzugekommen sind auch Einzelheiten wie der flache Stein, auf dem die Ameise ihr Korn in der Sonne wendet, und die Grille, die steif vor Kälte ankommt, die Flügel eng an den Leib gepresst. Die Grille bittet wie bei Vernon Jones um ein paar Körner, nicht um ein Darlehen. Unsere Ameise hält mitten in der Arbeit inne, was sonst nicht ihre Art ist; bei Vernon Jones verstoßen die Ameisen damit sogar gegen ihre Grundsätze.

Am Ende lacht die Ameise in sich hinein und macht sich wieder an ihr Korn. Was danach aus der Grille wird, sagt unser Text nicht, und auch die griechische Fabel und Vernon Jones lassen es offen. Die Lehre darunter stammt von uns: „Wenn du im Sommer nichts zurücklegst, hast du im Winter nichts zu essen.“

La Fontaine, Fabres Einwände und „Die Bienenkönigin“

In La Fontaines Versfabel, der ersten seines ersten Buches, bittet die Grille ihre Nachbarin, die Ameise, ihr bis zur neuen Jahreszeit etwas Korn zu leihen, und verspricht, vor der Ernte Zins und Kapital zurückzuzahlen. Die Ameise leiht aber nicht gern, und sie antwortet: „Vous chantiez, j’en suis fort aise ! / Eh bien ! dansez maintenant.“ Von einem Darlehen ist in unserem Text keine Rede. Der Naturforscher Jean-Henri Fabre schrieb gegen die Fabel an: Im Winter gebe es keine Zikaden mehr, und Körner könnten sie gar nicht fressen. Er bezweifelte auch, dass die Fabel überhaupt von Äsop stammt.

Auch in „Die Bienenkönigin“ kommen Ameisen vor. Dort helfen sie dem jüngsten von drei Brüdern, doch mit unserer Fabel hat dieses Märchen sonst nichts zu tun.

Quellen

Historische Fassungen

Kommentar

Am 14. Oktober 2026 mit diesen Quellen abgeglichen.

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