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Ein Löwe liegt unter einem Netz aus Stricken auf dem Waldboden und sieht einer kleinen Maus zu, die dicht vor seiner Schnauze einen Strick durchnagt.

Der Löwe und die Maus

Äsop

2 Min. Lesezeit ab 4 Jahren

Eine Maus huscht dem schlafenden Löwen über die Schnauze, und schon drückt seine Pranke sie zu Boden. Zitternd bittet sie um ihr Leben und verspricht, ihm seine Güte eines Tages zu vergelten.


Mitten am Tag schlief ein Löwe in seiner Höhle. Eine Maus huschte ihm über die Schnauze und weckte ihn auf.

Vor Wut schlug er die Pranke auf sie und drückte sie zu Boden. Ein einziger Griff, und es wäre um sie geschehen.

Die Maus zitterte und bat um ihr Leben.

„Lass mich bitte laufen“, piepste sie. „Eines Tages vergelte ich dir deine Güte.“

Ein Löwe liegt im Schatten seiner Höhle und blickt auf eine Maus hinab, die zwischen seinen Pranken sitzt, das Maul aufreißt und die Vorderpfoten hebt.

Der Gedanke, dass so ein winziges Geschöpf ihm jemals nützlich sein könnte, kam dem Löwen so lächerlich vor, dass er laut auflachte. Gut gelaunt hob er die Pranke und ließ die Maus laufen.

Dann vergingen Wochen, und er dachte nicht mehr an sie.

Eines Morgens spannten Jäger ein großes Netz zwischen die Bäume, dort, wo das Wild zur Tränke kam. Der Löwe folgte einer Fährte, die Nase tief am Boden, und ahnte nichts. Das Netz schloss sich über ihm.

Er warf sich hin und her und zog mit aller Kraft. Doch je mehr er zog, desto enger zogen sich die Stricke zusammen.

Da brüllte er, und sein Brüllen ging durch den ganzen Wald.

In ihrem Loch hörte die Maus ihn. Sie erkannte diese Stimme sofort und lief los.

Sie fand ihn auf der Seite liegen, bis über die Ohren im Netz.

„Halt still“, sagte sie. „Lass mich nur machen.“

Sie nahm einen Strick nach dem anderen zwischen ihre kleinen Zähne und nagte, ohne aufzuhören. Masche für Masche gab das Netz nach.

Der Löwe zog den Kopf heraus, dann eine Pranke, dann den ganzen schweren Leib. Er stand auf und schüttelte die Mähne.

„Du hast gelacht, als ich dir versprochen habe, deine Güte zu vergelten“, sagte die Maus. „Nun siehst du: Auch eine Maus kann einem Löwen helfen.“

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Nacherzählt von Talerie, Quelle: Aesop’s Fables: a new translation (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei

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Über diese Fabel

„Der Löwe und die Maus“ zählt zu den Fabeln, die unter Äsops Namen überliefert sind. In Émile Chambrys Übersetzung aus dem Griechischen ins Französische ist sie Nummer 206: Ein Löwe lacht über eine Maus und lässt sie frei, und als Jäger ihn mit einem Strick an einen Baum binden, nagt die Maus den Strick durch.

Unser Text folgt der englischen Übertragung von V. S. Vernon Jones. Bei ihm wird der Löwe nicht angebunden, sondern gerät in ein Netz, das Jäger für das Wild ausgelegt haben. Eine Lehre druckt er unter dieser Fabel nicht. Wo er mit einem einzigen Absatz auskommt, erzählen wir in fünfzehn.

Die Fabel bei Chambry und bei Vernon Jones

Chambry Nr. 206 (griechisch)Vernon Jones (1912)
Wie es anfängtMaus läuft über den schlafenden LöwenMaus läuft dem schlafenden Löwen übers Gesicht
Die Bittefreilassen, sie werde es ihm vergeltenfreilassen, sie werde seine Güte vergelten
Der Löwelacht und lässt sie laufenlacht laut und lässt sie gutmütig gehen
Die FalleJäger binden ihn mit einem Strick an einen Baumein Netz, von Jägern für das Wild ausgelegt
Was die Maus hörtsein Stöhnensein wütendes Brüllen
Die Rettungsie nagt den Strick durchsie nagt die Stricke mit den Zähnen durch
Letzte Worteauch ihresgleichen kennt Dankbarkeitselbst eine Maus kann einem Löwen helfen
Lehrekippt das Glück, brauchen Mächtige die Schwachenkeine
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Nun siehst du: Auch eine Maus kann einem Löwen helfen.
V. S. Vernon Jones, 1912: even a Mouse can help a Lion.

Wie unser Text erzählt

Bei uns schläft der Löwe mitten am Tag in seiner Höhle, bis ihm eine Maus über die Schnauze huscht. Wütend drückt er sie mit der Pranke zu Boden. Sie bittet um ihr Leben und verspricht, ihm seine Güte eines Tages zu vergelten. Dass ein so winziges Tier ihm je nützen könnte, findet er so lächerlich, dass er laut lacht und sie laufen lässt. Danach vergehen Wochen, und er vergisst sie. Eines Morgens folgt er einer Fährte und gerät in ein Netz, das Jäger an der Tränke zwischen die Bäume gespannt haben; je mehr er zieht, desto fester halten ihn die Stricke. Die Maus erkennt sein Brüllen, sagt ihm, er solle stillhalten, und nagt Masche für Masche durch, bis er sich befreien kann.

Dass Wochen vergehen, dass der Löwe einer Fährte folgt und dass sich das Netz immer enger zuzieht, steht nicht bei Vernon Jones; das haben wir ergänzt. Auch die Lehre unter unserer Fabel stammt von uns: „Lach niemanden aus, nur weil er klein ist, denn vielleicht ist es eines Tages gerade er, der dir aus der Not hilft.“ Einen Augenblick lang steht es schlecht um die Maus, verletzt wird aber niemand, und von den Jägern ist danach keine Rede mehr.

La Fontaine, Jacobs, Townsend und eine andere Mäusefabel

La Fontaine erzählt die Fabel in Versen (Buch II, Fabel 11). Bei ihm kommt eine Ratte zwischen den Pranken des Löwen aus der Erde, von Schlaf ist nicht die Rede. Sie bittet nicht und verspricht nichts, und der Löwe lacht auch nicht, er schenkt ihr einfach das Leben. Als er später in ein Netz gerät, reicht eine einzige durchgenagte Masche, und das ganze Netz gibt nach. Gleich am Anfang steht bei La Fontaine der Vers „On a souvent besoin d’un plus petit que soi.“ Das heißt: Oft braucht man einen, der kleiner ist als man selbst. Bei Joseph Jacobs und bei George Fyler Townsend gibt es kein Netz: Jacobs’ Jäger binden den Löwen an einen Baum, Townsends Jäger fesseln ihn mit starken Stricken am Boden. In seinen Anmerkungen schreibt Jacobs, es gebe die Fabel auch in einer indischen Form mit einem Elefanten.

„Die Stadtmaus und die Landmaus“, die du ebenfalls bei uns findest, ist eine andere Mäusefabel und keine Fassung dieser Geschichte.

Quellen

Historische Fassungen

Kommentar

Katalog

Am 24. Oktober 2026 mit diesen Quellen abgeglichen.

Ausmalbilder zum Ausdrucken

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